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Battle der Giganten: Ackermann vs. Zuckerberg

Facebook hat in Aussicht gestellt, Geldüberweisungen bald per Messenger-App zu ermöglichen. Wenn der 800-Pfund-Gorilla des Social Networkings auf die Finanzbranche zustampft, müssen die Banken reagieren. Also Bühne frei für das große Affentheater.

Mitte März gab Facebook bekannt, man werde die hauseigene Nachrichten-App namens „Messenger“ in den kommenden Monaten um Funktionen aufrüsten, die es Facebook-Usern (zunächst nur in den USA) erlauben werden, ihren Freunden Geldbeträge zu überweisen. Also, „Freunden“ im Facebook-Sinne, sprich: praktisch jedem. Der Schritt in Richtung Finanztransaktionsdienstleister lag für Facebook nahe: Warum sollte Amazon der einzige Konzern sein, der haargenau weiß, wie seine Benutzer ihr Geld ausgeben?

Mit Facebook Messenger kann man bald Geldbeträge überweisen. In puncto Sicherheit ist das ein großer Fortschritt, denn da kann praktisch nichts schiefgehen. Bild: Facebook

Mit Facebook Messenger kann man bald Geldbeträge überweisen. In puncto Sicherheit ist das ein großer Fortschritt, denn da kann natürlich nichts schiefgehen. Bild: Facebook

Denn in puncto „gläserner Kunde“ hat Jeff Bezos’ Firma Facebook eines voraus: Amazon kennt nicht nur die Vorlieben, sondern in vielen Fällen sogar das komplette Einkaufsverhalten ihrer Pappenheimer und -heimerinnen. „Anwender, die ‚Schwangerschaftstest’ mochten, interessierten sich auch für: Umstandsmoden, Pampers, Beziehungsratgeber und das E-Book ‚Social Media nutzen trotz Kindergeplärr’.“

Wenn aber Gelder bald großteils zwischen Facebook-Konten strömen, was wird dann aus den armen, von Finanz- und Vertrauenskrisen gebeutelten Finanzinstituten? Droht ihnen das gleiche Schicksal wie dem kleinen Buchladen um die Ecke, dem Reisebüro um die andere Ecke oder dem Taxifahrer im Uber-überfluteten Verkehrsfluss?

Die Finanzwelt muss zurückschlagen, und zwar schnell! Occupy Facebook!

Und so könnte es funktionieren: Als vor ein paar Monaten die Bankverbindungen von Kontonummer und BLZ zur gefühlt 256-stelligen IBAN wechselten, mussten ermüdend viele Firmen Kunden wie mich über diese wahnsinnig spannende Gleichschaltungsformalität benachrichtigen. Das taten sie auch brav, meist auf dem Postweg. Ein Unternehmen – ich habe vergessen, welches – war so schlau, kein Anschreiben per teurer Snail-Mail zu schicken, sondern mir schlicht 0,01 Euro zu überweisen. Und auf dem Kontoauszug stand dann das übliche Tschüss-BLZ-hallo-IBAN-Gedöns.

Kontoauszüge eignen sich also erwiesenermaßen ganz großartig als Messenger-Dienst. Man muss sich nur beim Web-Interface der Bank seiner Ver- oder zumindest seines geringsten Misstrauens einloggen, den Fans und Followern eifrig Ein-Cent-Beträge überweisen und regelmäßig die Online-Kontoauszüge abrufen – schon kann die Saat eines finanzindustriebasierten Social Networks sprießen.

Natürlich gibt es kleine Tücken: Die Web-Portale der Banken melden den Benutzer nach zehn Minuten Untätigkeit aus Sicherheitsgründen automatisch wieder ab. Doch da der durchschnittliche Facebook-, Twitter- oder Instagram-Nutzer sowieso keine zehn Minuten ohne Status-Updates auskommt, stellt das keine ernsthafte Hürde dar.

Also, liebe Banken: Packt diese Chance beim Schopf! So eine Gelegenheit, Kunden an sich zu binden, kommt vielleicht nie wieder. Ergänzt eure Banking-Apps um Profilbilder, Überweisungen um eine Retweet-Funktion, schafft Transaktions-Timelines und vor allem Bild- und Video-Uploads. Diese Nur-Text-Kontoauszüge sind sooo 1980er!

Bei der nächsten Finanzkrise könnt ihr dann mit Fug und Recht behaupten, dass ihr niemals pleite gehen dürft, weil ihr „systemrelevant“ seid. Denn die über ihrem Nachwuchs helikopternden Pappenheimer von heute kommen zwar mal ein paar Tage ohne Finanztransaktionen aus, aber maximal zwei Minuten ohne Over-Sharenting-Posts wie: „Guckt mal, auf diesem Foto hat der kleine Olaf erstmals auf sein iPad gesabbert! Wie süß!“

Und nächste Woche, liebe Ackermänner, erzählt euch der nette Onkel dann, welches Foto man, um die Kundenbindung im Social Banking noch weiter zu erhöhen, beim Einstecken der EC-Karte am Geldautomaten dynamisch als Hintergrundbild einspeisen sollte. Kleiner Tipp: Es ist ein iPad drauf. Und Olaf.

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Das Märchen vom Twitter-Erfolg der New Yorker Polizei

So, Kinners, dann lasst doch mal kurz die Finger von WhatsApp, der nette Onkel will euch eine Geschichte erzählen. Mit Happy End! Also, mit einer Art Happy End.

Es war einmal vor langer, langer Zeit – nämlich im April – in einem fernen, fernen Land, das heißt USA. Da gibt es eine Stadt, die der Rest des fernen Landes gar nicht so richtig zum fernen Land zählt, die heißt New York. Da gibt es viele reiche Leute, die sich teure Apple-Notebooks leisten können, und darum heißt die Stadt auch Big Apple.

Im Big Apple gibt es nicht nur viele Reiche, sondern auch viele Kriminelle. Und viele reiche Kriminelle, die heißen „Investment-Banker“. Und um die Menschen vor den Kriminellen mit Ausnahme der reichen Kriminellen zu schützen, gibt es da so schwarz gekleidete Aufpasser, die heißen New York Police Department. Und weil alles eine Abkürzung haben muss, heißen die auch NYPD.

Und weil die sich für eine besonders feine Polizeitruppe halten, nennen sie sich selber „New York’s Finest“. So richtig fein finden manche New Yorker das NYPD aber gar nicht. Weil die nämlich schon mal mit ihren Schlagstöcken draufhauen, wenn New Yorker gegen die reichen Kriminellen demonstrieren. Und außerdem gibt es in New York so ein Gesetz, das erlaubt es der Polizei, immer und überall Menschen anzuhalten und zu durchsuchen, wie ihr Kinners das vielleicht von den Kontrollen am Flughafen her kennt. Das heißt dann „Stop and Frisk“.

Am liebsten durchsuchen die Polizisten junge schwarze Männer, was die aber auf Dauer nicht so märchenhaft finden. Weil die fragen sich dann, warum „New York’s Finest“ immer nur sie anhalten und durchsuchen, aber nie „Wall Street’s Finest“, und finden die Polizei überhaupt unfein.

Darum waren die Polizisten ganz traurig und rauften sich die Haare und wollten dem Volk verkünden, wie fein sie wirklich sind. Da hatte ein großer Social-Media-Zauberer die Idee, das NYPD könnte auf Twitter einen Hashtag #myNYPD starten und sich von den Menschen wünschen, dass sie Fotos von sich und den feinen New Yorker Polizisten tweeten. Die Idee fand das NYPD ganz toll, und also taten sie wie vom Social-Media-Zauberer geheißen.

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Mit Twitter kann man sehr gut die eigene Beliebtheit ermitteln. Da kann auch gar nichts schiefgehen.

Daraufhin haben viele, viele Menschen Fotos von sich mit feinen Polizisten getweetet. Aber andere mit so komischen Namen wie @OccupyWallStNYC haben dann Fotos getweetet, die zeigten, wie New Yorker Polizisten andere New Yorker mit Tritten und Schlagstöcken verfeinern. Und wie sie gegen schwarze Jugendliche vorgehen, die nicht dauernd gestoppt und gefriskt werden wollen. Das waren dann keine so wahnsinnig feinen Fotos vom NYPD.

Und drum gab es dann ein großes Hallo im Internet, und alle lachten und spotteten, dass die Twitter-Kampagne des NYPD in die Hose gegangen sei. Das ärgerte die Polizisten, und so schickten sie ihren besten und weisesten Märchenonkel vor, und der verkündete dann dem Volk: „Das NYPD schafft neue Wege, um effektiv mit der Community zu kommunizieren. Twitter bietet ein offenes Forum für unzensierten Austausch, und dies ist ein offener Dialog, der gut ist für unsere Stadt.“

Da nickten alle und sagten: „Ja, das NYPD, das sind wirklich New York’s Finest.“ Und da freute sich das NYPD und feierte ein großes Fest und die Polizisten lachten und tanzten auf den Straßen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stoppen, frisken und tweeten sie noch heute.

Prognose: Warum 2014 für die IT das absolute Hammer-Jahr wird

Seit Mitte November häufen sich, wie jedes Jahr, die Presseverlautbarungen von IT-Anbietern, in denen diese die Trends für das kommende Jahr prognostizieren. Es mag Zufall sein, und der Mitteiler dieser Zeilen mag sich täuschen, aber es ist offenbar auch dieses Jahr wieder so, dass ausgerechnet dasjenige Marktsegment, in dem sich der jeweilige Anbieter bewegt, nächstes Jahr stark an Bedeutung gewinnen wird. Und außerdem wichtig sind natürlich immer die Wolke, neudeutsch „Cloud“ genannt, Mobility, Big Data und die sozialen Netzwerke.

Der Mitteiler dieser Zeilen hingegen bevorzugt den Himmel wolkenlos, zieht ein gemütliches Beisammensein unnötiger Mobilität vor, liebt seine Datenbestände nicht „Big“, sondern in überschaubarer Dimensionierung und vernetzt sich am liebsten offline, ergo mittels offenbar asozialer Netzwerke. Es folgt daher geradezu zwangsläufig ein ebenso unvoreingenommener wie ausgewogener Blick auf das bunte IT-gestützte Treiben des kommenden Jahres:

1. Die traditionelle Nr. 1 der Helpdesk-Anrufe – „Hilfe, ich habe mein Passwort vergessen!“ – wird abgelöst durch die neue Nr. 1 auf dem Notrufmarkt: „Hilfe, mein Smartphone ist ins Klo gefallen!“ Innovative Helpdesk-Leiter reagieren sofort und erweitern die etablierten Support-Levels 1, 2 und 3 um das Level 00.

2. Mittels aufwendiger Big-Data-Analyse findet IBM heraus, dass der Klimawandel längst nicht mehr zu stoppen ist. Die Regierung der Niederlande befiehlt daraufhin die Umstellung vom Tulpenanbau auf Reisfelder, während die Hotelkette Hilton in Kassel das Hotel „Meerblick“ eröffnet. Erste Besucher erfreuen sich am spektakulären Anblick des Zusammenflusses von Nord- und Ostsee vor ihren Hotelfenstern, doch die Freude wird etwas getrübt, als sich herausstellt, dass dieses Naturschauspiel nicht nur im hoteleigenen Gartenteich stattfindet, sondern auch in der hoteleigenen Tiefgarage.

3. Im Nachfeld des NSA-Überwachungs-Skandals macht sich selbst unter unbedarften Anwendern in den Unternehmen die Erkenntnis breit, dass der Schutz firmeninterner Informationen ein sehr hohes Gut ist. Auf Drängen der Security-Verantwortlichen greifen die Endanwender deshalb zu radikalen Maßnahmen, wie zum Beispiel, den Post-it-Zettel mit dem Login-Passwort nicht mehr an den Display-Rand zu kleben, sondern gut versteckt auf das Mauspad.

4. Nachdem der koreanische Eletronikriese LG schon 2013 dadurch aufgefallen war, dass seine internetfähigen Fernseher oder „Smart TVs“ jeden Filmkonsum und jeden Mausklick des Zuschauers direkt an die Firmenzentrale in Korea melden, geht die nächste Generation der Smart TVs noch einen entscheidenden Schritt weiter, und zwar dank integrierter Kameras und Mikrofone. Diese kann der Benutzer zwar deaktivieren, aber natürlich läuft die Überwachung im Hintergrund heimlich weiter. Holt der Fernsehzuschauer sich ein Bier, begrüßt ihn prompt Werbung der konkurrierenden Biermarke, nach der Pinkelpause folgt der freundliche Hinweis auf ein Pharmaprodukt gegen Blasenschwäche (gefolgt vom Rat, dazu seinen Arzt oder Apotheker zu konsultieren), und sobald die Augenlider des Fernseh-Konsumenten zu weniger als 80 Prozent geöffnet sind, erscheint Reklame für Genießer-Kaffee. Zuschauer, die nun immer noch keinen Verdacht schöpfen, sehen künftig Werbespots wie zum Beispiel: „Smart-TV-Käufer-Wochen bei McDonalds! Jetzt zwei Hamburger zum Preis von drei!“

5. Eine Delegation der NSA reist zu LG nach Südkorea, um sich mal erklären zu lassen, wie man das mit der Totalüberwachung wirklich professionell angeht.

6. Die berufliche Nutzung privater Smartphones, Tablets und Notebooks – Bring Your Own Device oder BYOD genannt – ist bald so alltäglich, dass die Arbeitgeber sich damit abfinden und das Mitbringen privater Endgeräte nicht nur erlauben, sondern sogar aktiv einfordern. Die Gadget-Freaks sind begeistert, doch andere Mitarbeiter reagieren empört. Bei einer Betriebsratssitzung von SAP fällt der Satz: „Bald muss man wohl auch noch seinen eigenen Feuerlöscher mitbringen!“ Prompt folgt unter dem Kürzel „BYOF“ eine landesweite Debatte um potenzielle Produktivitätsgewinne durch die Privatisierung der Brandbekämpfungmittel.

Endanwender im Unternehmen bringen künftig private Endgeräte mit und beziehen ihre IT-Services selbsttätig aus der Cloud. Die IT-Abteilung kann sich deshalb künftig einen lauen Lenz machen. Nicht.  Bild: Wolfgang Traub

Endanwender im Unternehmen bringen künftig private Endgeräte mit und beziehen ihre IT-Services selbsttätig aus der Cloud. Die IT-Abteilung kann sich deshalb in Zukunft einen lauen Lenz machen. Nicht.
Bild: Wolfgang Traub

7. So genannte „Selfies“ – also Fotos, die ein Benutzer per Smartphone spaßeshalber von sich selbst aufnimmt – erfreuen sich in den sozialen Netzwerken weiter zunehmender Beliebtheit. Ab 2014 werden deshalb immer mehr junge Leute in Bewerbungsgesprächen mit besonders albernen Selfies konfrontiert, was zum frühen Ende manch eines Beschäftigungsverhältnisses führt. Ab 2015 allerdings werden Personen, die keine besonders albernen Selfies vorweisen können, gar nicht mehr zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, da sie als humorlos und somit als nicht teamfähig gelten. Abhilfe schafft hier bald eine App namens „Selfie-Maximizer“, mit der sich Portraitfotos nicht nur bequem retouchieren, sondern auch rückdatiert posten lassen.

8. Automobile entwickeln sich immer mehr zu Tablets auf Rädern. Alle führenden PKW-Hersteller richten nach Apples Vorbild App Stores ein, über die sie eine Vielzahl von Apps vermarkten, mit denen man den Funktionsumfang des jeweiligen PKWs erweitern kann. Die beliebteste App im BMW-Store ist bald die per frei wählbarer Geste gesteuerte Lichthupe, während man das Navigationsgerät der Mercedes E-Klasse um die so genannte „60-plus-App“ erweitern kann. Diese leitet den Fahrer nach 1,5 Kilometern automatisch wieder nach Hause, da Mercedes davon ausgeht, dass der Fahrer spätestens beim zweiten Kreisverkehr eh nicht mehr weiß, wo er eigentlich hinwollte.

9. Nachdem Vorreiter Apple 2013 mit dem iPhone 5 die biometrische Authentifizierung per Fingerabdruck eingeführt hatte, ziehen andere Anbieter nach. Endanwender können sich bald nicht nur mittels Fingerabdruck, sondern auch per Iris-Scan, Handvenenmuster oder Stimmprofilerkennung an ihren Endgeräten anmelden. Die Endanwender zeigen sich zunächst sehr angetan von der bequem nutzbaren Zugangskontrolle. Doch nach einem Einbruch der Anonymous-Aktivisten in die zentrale Google-Benutzerdatenbank raten zahlreiche Hardwarelieferanten ihren Kunden dazu, ein Upgrade ihrer Finger, Augen, Hände und Stimmbänder durchführen zu lassen. Der nun folgende Wirtschaftsaufschwung verdankt sein Dasein wohl vor allem einem Boom bei der plastischen Chirurgie.

10. Kaum haben die IT-Organisationen der Unternehmen dank ITIL, dem Best-Practice-Framework für ein geregeltes, prozessorientiertes IT-Service-Mangement, ihren Laden endlich im Griff, bestellen die Fachabteilungen benötigte IT-Services einfach direkt von externen Cloud-Anbietern, getreu dem Motto: „Heutzutage muss das aber ambulant gehen!“ Um mit der Konkurrenz durch die Cloud Schritt halten zu können, muss die IT alles automatisieren, was nicht niet- und nagelfest ist. Das verbleibende Rest-IT-Personal bezeichnet man jetzt mit dem neuen Akronym „CEHS“ für „Continual Exception Handling Specialist“: Es muss 100 Prozent seiner Arbeitszeit für die Aufklärung nicht nachvollziehbarer Ausnahmefälle aufwenden – ein Verfahren, das Insider auch als „BYOB“ bezeichnen, kurz für „Bring Your Own Burnout“. Die Lage ändert sich erst, als die in die Cloud ausgelagerten Applikationen so komplex werden, dass die Cloud-Anbieter ebenfalls CEHS-Prozesse einführen müssen. Nun hat die hausinterne IT plötzlich mehrere Jahre Erfahrungsvorsprung – oder aber Burnout-Vorsprung, je nachdem. Für IT-Abteilungen bedeutet das: Die Zukunft wird ganz bestimmt glorreich, aber durch das Jahr 2014 müssen Sie jetzt erst mal durch!

Kindinger Mitteilungen (4): Bedarf an katholischen Apps wächst

Der Mitteiler dieser Zeilen ist Ende 2011 mit seinem Redaktionsbüro „Mitteilerei“ von München nach Kinding im idyllischen Altmühltal übergesiedelt, nicht zuletzt, um der Hektik, dem Dreck und dem Lärm der Großstadt – na gut, sagen wir: sehr großen Kleinstadt – zu entkommen.  Zwischenbilanz nach fast zwei Jahren: Es hat weitgehend geklappt.

Hektik kommt in Kinding selten auf. Ist der Verfasser dieser Zeilen zu Fuß unterwegs, verheddert er sich meist bei Nachbarshäusern oder spätestens in der Bäckerei in einen Plausch, ist er doch längst nicht der einzige mitteilsame Mensch am Ort. Auch per PKW kommt man kaum schneller voran. Dafür sorgen die einheimischen Bauern mit ihren Traktoren – von den Touristen „Trekker“, von den Eingeborenen „Bulldog“ genannt – ebenso wie die stets schwerstbeladen vor sich hin ächzenden Sattelschlepper des Kalksteinbergwerks im Nachbarort und die vielen radelnden Rentner-Touristen. Diese haben offenbar das Fahrradfahren zu einer Zeit gelernt, als weder Automobile noch das Handzeichengeben erfunden waren, und eiern deshalb gerne ebenso sportlich-bunt gekleidet wie orientierungslos auf der Straße herum. Wer im Radfahrerparadies der Generation 80+ lebt, darf es nicht eilig haben.

In puncto Großstadtdrecklosigkeit ist zu erwähnen, dass der örtliche Gartenbauverein das Dorf jedes Frühjahr sorgsam für die erwarteten Touristenscharen herausputzt und zurechtzupft (ja, der Verfasser zupft mit). Sehr hilfreich ist sicher auch, dass es am Ort keine jener pseudoschottischen Pseudorestaurants gibt, die ihre Pseudolebensmittel in durchaus echten Müll verpacken, den die Klientel anschließend gerne achtlos in der Landschaft verteilt.

In puncto Lärmvermeidung bestätigt sich hingegen immer wieder, dass es auch auf dem Land nie wirklich ruhig wird. Zum Glück befindet sich die Mitteilerei in einer engen, kurvigen, unbefestigten Sackgasse am Steilhang, sodass kein Durchgangsverkehr herrscht, und mangels Bauernhöfen ist die Gasse eine angenehm bulldogfreie Zone. Für eine Bulldogge hält sich jedoch offenbar der Nachbarshund – ein kleiner Terrier, vom Verfasser „Wotan Wackeldackel“ getauft: Das sehr arbeitswillige Wachhundchen kriegt sich bei jedem nahenden Fremden vor hysterischem Gekläffe kaum mehr ein, bis ihn der Nachbar mit kurzem, aber nachdrücklichem Befehl zum Schweigen bringt.

Obwohl der lebende Wackeldackel sich redlich müht, ist die größte Lärmquelle am Ort allerdings jenes katholische Brauchtum, welches die Touristen so idyllisch finden: das viertelstündliche und bei Gottesdiensten oder feierlichen Anlässen gerne auch mal langanhaltende Glockenläuten der mittelalterlichen Kirchenburg. Erst kürzlich war – was zum Glück selten vorkommt – morgens um sechs ein Glockensturm zu hören, den sich der Verfasser nur damit erklären kann, dass der Glöckner für die bayerische Meisterschaft im Dauerglöcknern trainiert.

Dabei gäbe es doch im 21. Jahrhundert längst die nötigen technischen Hilfsmittel, um die katholischen Bevölkerungsteile weit eleganter über Uhrzeit oder Gottesdiensttermine zu informieren. So könnten doch Gemeindemitglieder heutzutage zum Beispiel dem SMS-Verteiler der Kirche ihrer Wahl beitreten, den SMS-Klingelton „Ringing Church Bells“ herunterladen und sich dann bequem – und vor allem: für alle Unbeteiligten angenehm leise – per Kurznachricht informieren lassen, dass es 6:00 Uhr oder aber Zeit für die Morgenandacht ist.

Auch ein Twitter-Account namens @KirchenburgKinding mit Tweets wie „Es ist jetzt 6:00 Uhr #katholischerServiceTweet“ wäre kein Hexenwerk – und sogar nochmals deutlich leiser als eine SMS. Der strenggläubige Smartphone-Besitzer wiederum fragt sich bestimmt schon längst händeringend: Gottesdienstinfo – gibt’s denn da keine App für?

Also, lieber Papst Franziskus: Du twitterst doch unter dem Namen @Pontifex bereits eifrig. Nun führe auch deine Glöckner ins 21. Jahrhundert! Die Welt wäre eine friedlichere.

Papst Franziskus twittert unter dem Handle @Pontifex. Dies macht deutlich weniger Lärm als die bayerische Tradition des Kirchenglockenläutens.

Papst Franziskus twittert unter dem Handle @Pontifex. Dies macht deutlich weniger Lärm als die bayerische Tradition des Kirchenglockenläutens.

Twitter macht’s möglich: Filme in nur sechs Worten erzählt

Wer wichtige Arbeiten vor sich herschieben will… nein, Moment, ich fang’ nochmal von vorn an: Wer nach stundenlangen wichtigen Arbeiten dringend eine klitzekleine Verschnaufpause braucht, der hat im Wesentlichen fünf Möglichkeiten: 1. Mails checken, 2. Welt retten, 3. YouTube-Videos gucken, 4. eine Glosse schreiben oder 5. schauen, was bei Twitter gerade „trendet“.

Denn für die erfolgreiche Prokrastination hat Twitter uns die „Trending Topics“ geschenkt, also die in einer bestimmten Region gerade „heißesten“ Hashtags. Nun wollen wir hier gar nicht über Hashtags schimpfen, jene mit einem vorangestellten „#“ gekennzeichneten Schlagwörter, mit denen die Twitter-Gemeinde ihre diskutierten Themen ambulant selbst organisiert. Solche Hashtags sind durchaus nützlich zur themenbezogenen Bündelung von Tweets. Moderiert zum Beispiel der Verfasser dieser statt anstehender wichtiger Arbeiten verfassten Glossenzeilen eine LANline-Veranstaltung, dann verkündet er vorab voll krass Social-Media-gerecht einen Hashtag, richtet sich für die Suche nach diesem eine Spalte in Tweetdeck ein und kann nun bequem verfolgen, was die Zuschauer anlässlich der Veranstaltung so twittern.

Manchmal entwickeln Hashtags aber auch spontan ein Eigenleben: Twitter-Nutzer greifen einen Hashtag massenhaft auf – weil er lustig ist, sie zu Variationen über das vorgegebene Thema anregt oder sie das Gelesene einfach schnell verbreiten wollen – und schwupps ist ein so genanntes „Mem“ geboren. Wir haben dieses Phänomen hier bereits anlässlich des #Blumenkübel-Mems in aller gebotenen Ausführlichkeit und Seriosität gewürdigt.

Im Vorfeld der Oscar-Verleihung kursierte kürzlich auf Twitter ein recht unterhaltsames Mem namens #SixWordFilmPlots: Der gemeinsame Nenner dieses Mems war es (neben der Verwendung des obligatorischen Hashtags), Filmhandlungen in nur sechs Worten zusammenzufassen. Derartiges stößt beim Twitter-Volk immer wieder auf große Resonanz – schließlich ist man es gewohnt, seine Gedanken auf maximal 140 Zeichen zu komprimieren, da legt die Limitierung auf sechs Wörter beim Zusammenfassen eines Films die Messlatte genau dieses kleine, für geistige Fingerübungen reizvolle Stückchen höher, das für die rasante Verbreitung eines Mems höchst förderlich ist.

Die meisten Mem-Teilnehmer machten sich einen Spaß daraus, Filmhandlungen augenzwinkernd derart zusammenzufassen, dass der Film für den Kinoliebhaber sofort zwischen den sechs kargen Worten hervorblitzte, so etwa in den folgenden Fällen. Wir beginnen mit einem Tweet des Schauspielers Richard Dreyfuss, der in „Jaws“ eine der Hauptrollen spielte (die Übersetzungen sind von mir, das Mem fand natürlich auf Englisch statt):

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„Hai tötet Menschen, Menschen töten Hai.“ – @RichardDreyfuss
„Chuck Norris macht alle fertig. Ende.“ – @DrTwittenheimer
„Affe haut Knochen. Computer sagt Nein.“ – @ernmalleyscat
„Große haarige Füße. Schöner glänzender Ring.“ – @jasonjordan
„Dude bowlt. Teppich beschädigt. Will Vergeltung. – @swirlOsquirrel
„Barfüßiger Polizist besiegt Terroristen, zerstört Wolkenkratzer.“ – @RorytheONeill
„Mission is possible, trotz irreführenden Titels.“ – @AlexRiceTan
„Ich bin der König der … *blubb!*“ – @HeroesAreBoring

Manche Twitterer gingen noch einen kleinen, aber feinen Schritt weiter – den von der Filmzusammenfassung zur teils milde lächelnden, teils sarkastischen, teils zornigen Film-, Genre- oder Hollywood-Kritik:

„Alien versus Predator (versus schreckliche Schauspielerei)“ – @CalumNorth
„Total abgehalfterter Boxer triumphiert, endlose Sequels.“ – @theresasmets
„Geistig zurückgebliebener Mann übt mörderische Selbstjustiz.“ – @anothershoe
„Hacker tippen schnell. Computer sind magisch.“ – @johncheese

und nicht zuletzt:

„Scheiß drauf, lest lieber das Buch!“ – @MrBrendanBlack

Wieder andere nutzten die Vorgabe, um Vorschläge für neue Drehbücher zu posten:

„Langsam und wütend: Gefangen im Stau“- @DrTwittenheimer

oder auch:

„Alberner Twitter-Trend löst Atomkrieg aus.“ – @Axl2032

Und dann gibt es bei einem Mem natürlich auch die immer gleichen Trittbrettfahrer: Angeblich reale Twitter-User mit kryptischen Namen, die neben dem Hashtag und einem immer gleichen Kommentar den Link zu einer Website tweeten – sprich: Spammer, die den Twitter-Nutzer auf eine Site mit Werbung, Pornografie und/oder Malware locken wollen. Ich hätte da übrigens folgenden Drehbuchvorschlag:

„Aliens landen, fressen alle Spammer auf.“

So, jetzt aber wieder zurück an die Arbeit! Moment, erst noch die Mails checken…

Tweets in Twinemascope & Twechnicolor

“DM home!” – @ET

“I’ll be back. Oh, and I also follow back.” – @TheTerminator

“It’s a boy!” – @Rosemary

“I just ousted @DVader as mayor of DeathStar.” – @LukeS

“F*** it, Dude. Let’s go bowling.” – @WalterSobchack

“@Samwise @Merry @Pippin Guys, I think we better switch that geolocation thing off.” – @Frodo

“ROFLMAO” – @TheJoker

“@MichaelC I told you, stay out of the family business!” – @DonVito

“@Charlotte Santory-time my ass. Ready to explore Tokyo?” – @BobHarris

“@NormanBates: Norman, this is your mother tweeting. You must kill her.” – @NormanBates

“RT @Sam: Now playing ‘As Time Goes By’ at @Rick43’s Café. <– Again!” – @Rick43

“Thinking about changing my Twitter handle to @Strangelove.” – @MerkwuerdigeLiebe

“Nobody moves, nobody gets hurt. Or unfollowed.” – @Thelma

“Still ROFLMAO” – @TheJoker

Remix: Plagiieren im Zeitalter des Crowdsourcings

Fachleute wissen: Das Internet wurde nur für einen einzigen Zweck erfunden – um Katzenliebhabern (und wer wäre das nicht) Zugang zu einem unermesslichen Vorrat an Bildern und Filmen mit so genannten LOLcats – süßen Kätzchen in putzigen, drolligen oder sonstwie amüsanten Situationen – zu verschaffen. “LOLcat” ist übrigens eine Zusammensetzung aus “LOL” (kurz für “Laughing out loud”, laut loslachen) und “cat” (kurz für “Es gibt nur zwei Arten von Menschen: Fans und Personal.”).

Inzwischen haben Forscher aber in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit noch weitere Einsatzmöglichkeiten für das Internet entdeckt: Es kann als Kommunikationsmedium für Revolutionen dienen oder auch als Plattform dafür, eine Aufgabe auf beliebig viele Schultern zu verteilen, “Crowdsourcing” genannt (ein Wortspiel aus “Crowd”, also “Menschenmenge”, und “Sourcing” wie in “Outsourcing”, “nach außen geben” im Sinne von “nicht selber machen müssen”). Crowdsourcing findet man heute vielerorts: So arbeiten Hunderttausende an der Vervollständigung des LOLcat-Archivs auf YouTube und Flickr, andere wiederum halten mit Wikipedia das führende Crowdsourcing-Lexikon im Zustand ständiger Verfeinerung.

Auf eben dieser Wikipedia hat ein Scherzbold kürzlich unter die vielen Vornamen unseres Verteidigungsministers von und zu Guttenberg den Zusatz-Vornamen “Xerox” gemischt, in Anspielung auf Plagiatsvorwürfe, die derzeit an Guttenbergs Überflieger-Image kratzen. Und auf einem anderen Wiki namens “Guttenplag” hat sich eine Gruppe Freiwilliger zusammengefunden, um Guttenbergs Dissertation Satz für Satz in Suchmaschinen einzugeben, um jeweils die Frage “Original oder Plagiat?” zu klären.

Guttenberg-Freunde wenden ein, hier seien Guttenberg-Feinde am Werk, die die Gelegenheit nutzten, Dreck auf die hochglanzpolierte Fassade des adligen Politpromis zu werfen. Das mag so sein. Dennoch sehen wir hier, dem Internet sei dank, einen kollektiven investigativen Journalismus, der ganz erstaunliche Ergebnisse liefert: Bislang meldet die Guttenplag-Site, man habe auf stolzen 72% aller Seiten der Dissertation nicht korrekt zitierte Quellen gefunden. Allein das “Best of” der Fundstellen hat durchaus hohen Unterhaltungswert. Denn die Crowdsourcing-Recherche lässt vermuten: Hier war ein dreister Dieb geistigen Eigentums am Werk, der sich – in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit, das wollen wir nun gerne glauben – fremde Beiträge angeeignet und seine Spuren verwischt hat.

Die konservative FAZ – Guttenberg-Feind, da dieser sich aus ihr ebenfalls bedient hat – will da nicht mehr an Fahrlässigkeit glauben und fällt ein vernichtendes Urteil: “Eine so aufwendige und liebevoll hergestellte Täuschung findet man in der jüngeren deutschen Universitätsgeschichte nicht so leicht. Wer hier am Werk war, wusste, was er tat, und dass es nicht gestattet ist.”

Was denn? Unser Supergutti, bislang als Meister des Umgangs mit den Massenmedien bekannt, soll von der Macht des Internets nichts gewusst haben? Soll so sehr in adelig-schnöseligem “Das ficht mich nicht an” gefangen gewesen sein, dass er sich als immun betrachtete trotz der allseits bekannten Effektivität von Google und Co.? Guttenberg hat seine Dissertation vor WikiLeaks geschrieben und vor der Facebook- und Twitter-gestützten Revolution in Ägypten – aber dennoch: An solch völlige Ignoranz sollen wir glauben?

Nein, wer im Zeitalter des Crowdsourcings so dreist plagiiert, der ist kein auf einen akademischen Titel versessener Streber, der ist ein Künstler! So wie in der Musik – wiederum, wer hätt’s gedacht, Internet-gestützt – durch den Remix vorhandenen Materials ständig neue Songs und sogar Stile entstehen, so war es Karl Theodor von und zu Guttenberg, der die Genialität besaß, dieses Prinzip des Remix in das akademische Arbeiten einzuführen.

Mögen seine Feinde also ruhig behaupten, Guttenberg werde die von ihm selbst so hoch gelegte Messlatte reißen und als Fußnote der Geschichte enden. Wir jedoch wissen: DJ Supergutti steht in einer Reihe mit Mozart, mit Elvis, mit Jimi Hendrix, mit AC/DC!

Wie genial dieser akademische Remix war, kann nur der ermessen, dem auffällt, dass Guttenberg die Verwendung von Sony-Material in seiner Dissertation akribisch vermieden hat, wohl wissend, dass es sonst schnell hieße: “Diese Dissertation ist in Ihrem Land nicht verfügbar.” Generationen künftiger Akademiker werden diese Remix-Technik aufgreifen, weil sie auch so sein wollen wie der legendäre DJ Supergutti. Denn seine Dissertation setzt neue Maßstäbe für wissenschaftliches Arbeiten.

Echte Helden und Genies erkennt die Menschheit aber meist erst im Nachhinein, oft erst nach deren Ableben. Wenden wir uns vorerst also getrost wieder den wirklich wichtigen Dingen zu. … Libyen? Wieso Libyen? Nein, guckt mal, was ich hier gefunden habe, hach, ist die süüüüüüß…: http://www.youtube.com/watch?v=TZ860P4iTaM.

Schwerter zu Facebook-Posts

Man könnte glatt glauben, bei dem mysteriösen alltestamentarischen Graffito “Mene mene tekel u-parsin”, das dem Babylonierkönig Belsazar 543 v. Chr. erschienen sein soll, habe es sich um einen sehr frühen Tweet gehandelt. Denn solch kurzen Posts – damals auf der nächstbesten Wand, Facebook und Twitter gab’s ja noch nicht – wird letzthin geradezu magische Kraft zugesprochen.

So ist sich ein großer Teil der Internet-Öffentlichkeit einig, dass der Sturz des ägyptischen Despoten Hosni Mubarak die erste “Facebook-Revolution” gewesen sei. Diese Behauptung ist ebenso richtig und ebenso falsch wie ihre Antithese, nämlich dass Social Networks total überschätzt würden und in Wirklichkeit das ägyptische Volk allein die Revolte durchgezogen habe, Facebook und Twitter hin oder her. Die Debatte erinnert an die Diskussion, ob es das Fernsehen war, das den Vietnamkrieg erst in US-amerikanische Wohnzimmer und dann dadurch zu einem vorzeitigen Ende gebracht hat – was so falsch sicher nicht ist, man aber ebenso gut als autistisch-amerikanische Innensicht bezeichnen könnte, die den hartnäcken Guerillakampf der Vietnamesen vollständig ausblendet.

In der Geschichte unserer ebenso kommunikations- wie konfliktfreudigen Gattung war es immer wieder eine technische Errungenschaft, die den Sieg von Partei A über Partei B ermöglicht oder zumindest deutlich beschleunigt hat. Oft stand dabei die Waffentechnik im Vordergrund: Mal war es die Fähigkeit, Eisen zu Schwertern zu schmieden, mal die Erfindung des Steigbügels, mal die der Armbrust (die das Prinzip Ritterrüstung mit durchschlagendem Erfolg obsolet werden ließ), mal die der Eisenbahn, des U-Boots und so weiter – und immer zerstörerischer.

Ein weiterer traditioneller Bestandteil der Konflikte zwischen A und B war und ist die Kommunikationstechnik: Mal konnte sich Partei A dank gespiegelter Sonnenstrahlen schneller verständigen als Partei B, mal sorgte die Enigma-Maschine von Partei A dafür, dass die Korrespondenz von Partei B entzaubert und lesbar wurde wie ein offenes Buch. Das offene Buch, mit dem das Mubarak-Regime entzaubert wurde, ist Facebook, und statt das Sonnenlicht reflektierender Handspiegel haben die Ägypter Twitter genutzt.

Die Rolle dieser Kulturtechniken in der ägyptischen Revolution zu bewerten, das überlasse ich nur allzu gerne Nahost-Experten, die sich da zuständig fühlen und deshalb dicke Bücher darüber schreiben werden. Ich für meinen Teil erfreue mich einfach an der Erkenntnis, dass es in der aktuellen Konfliktsaison Fortschritte nicht bei der Rüstungs-, sondern vielmehr bei der Kommunikationstechnik sind, die dem “Volk A” einen Vorteil über “Despot angeblich A, aber in Wirklichkeit B” verschafft haben. Schwerter zu Facebook-Posts!

Crowdjoking: Die unerträgliche Leichtigkeit des Mems

Wenn im Kontext von Social Media von einem “Mem” (englisch: “Meme“) die Rede ist, dann geht es in aller Regel schlicht um eine Idee, ein Konzept oder einfach nur einen Begriff, der dank der Schnelligkeit und Reichweite des nicht umsonst so genannten World Wide Webs rasch Verbreitung findet. Solche spontanen (oder auch gezielten) Wucherungen der Internet-gestützten Kommunikation können sich per Hyperlinks, E-Mails, Videos oder auch über Blogs und Social Networks verbreiten. Als wahre Memschleuder hat sich wiederholt das Social Information Network Twitter erwiesen.

Ein Twitter-Mem dient in aller Regel einem Zweck, den der Laie als Zeitverschwendung oder Prokrastination bezeichnen mag, den der Fachmann aber sofort als neue Kunstform erkennt: als rasend schnell um sich greifende, wenn auch nur kurzfristig aufblühende Kollektivblödelei. Ich nenne das jetzt einfach mal “Crowdjoking”.

Twitter ist aus einem einfachen Grund eine höchst effiziente Mem-Maschine: Dank der auf Twitter üblichen Verschlagwortung von Twitter-Nachrichten per Hashtag (”#”-Zeichen) lassen sich Tweets in Nullkommanichts als Beitrag zu einem bestimmten Thema oder eben auch Mem kennzeichnen. Und über Hashtag-Häufungen im Freundeskreis oder über die “Trending Topcis” auf der Twitter-Homepage wird ein unbedarfter Unbeteiligter schnell auf ein neues Mem aufmerksam.

Ein schönes Beispiel lieferte der Hashtag “#Nerdspeisen”, der Ende 2010 unter deutschen Nutzern eine kurze Blüte erlebte. Das Tweet-Rezept war – wie für die rasante Mem-Verbreitung zwingend erforderlich – recht einfach: Die beteiligten Tweeter verballhornten Namen von Speisen unter Verwendung von Begriffen aus der IT. So entstand in kürzester Zeit eine Silvester-Speisekarte aus Gerichten wie Big iMac, Googlehupf, Oraclette mit Open Sauce, Spamferkel, FrühlingsLOLen und KaROFLsalat. (Wer die Twitter-Akronyme nicht kennt: LOL = Laughing Out Loud, ROFL = Rolling on the Floor Laughing.) Zum Dessert konnte man unter anderem aus Mailspeisen oder Microsofteis wählen.

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Wenige Tage später fand im englischen, aber mit etwas Zeitversatz auch im spanischen Sprachraum der Hashtag “#lessambitiousmovies” (deutsch: weniger ehrgeizige Filme) spontanvirale Verbreitung. Der – wiederum schnell durchschaubare – Mechanismus: Ein Filmtitel wird durch eine abgeschwächte oder entschärfte Variante ersetzt. Nimmt man zum Beispiel Welpen statt ausgewachsener Hunde, so wird aus dem Quentin-Tarantino-Reißer “Reservoir Dogs” ganz schnell “Reservoir Puppies”, und verlegt man eine Filmhandlung von den Häuserschluchten New Yorks in die beschauliche Provinz Neuenglands, dann erhält man eben “Gangs of New Hampshire”. Klar, oder? Manchmal musste man auch ein bisschen mehr mitdenken, etwa bei “Canadian Beauty” oder dem genial reduzierten “Titanic 2″.

Für die des Englischen einigermaßen mächtigen Filmfans unter uns folgt hier eine kleine Auswahl nicht ganz so wahnsinnig rasend ehrgeiziger Filmtitel: Star Squabbles, Star Pillow Fights, The Empire Talks Back, The Empire Sends a Strongly Worded Letter, Thicket Gump, The Fear of Living Dangerously, Saving Private Ryan 15 Percent on His Car Insurance, Hoping Private Ryan Makes It, Inglorious People with Really Nice Parents, Around the Block in 80 Days, The Averge-Height Lebowski, Abstinence in the City, 2001: A Short Bicycle Trip to Blockbuster to Return Some Videos, Lawrence of Albuquerque, Lawrence of Suburbia, Blade Jogger, The Fifth Sense, Partial Recall, The Sound of Muzak, Men in Beige, Prince Kong, Schindler’s To-do List, Schindler’s Note to Self, Lord of the Onion Rings, Try Hard, Die Peacefully in the Comfort of Your Home Surrounded By Those You Love, The Occasionally Off-Limits Planet, The Girl with the Tribal Tattoo, Some Like It Tepid, TRON 1.0.0.1: The Bug Fix, Honey I Shrunk the Laundry, Socially Acceptable Dancing, Charlie and the Chocolate Bar, 3.50 Dollar Baby, Pulp Documentary, Ben Who?, Aging Bull, Harry Potter and the Order of Fries, The Day After Yesterday, The Devil Wears Nada, Eat Pray Nap, Conan the Librarian, One of Very Few Remaining Tangos In and Around Paris, In the Mood for Lunch, Dial O For Operator, Dial O for Oops Sorry About That, The Ten Suggestions, Alice in Switzerland, Four Weddings and Someone with a Bit of a Tickly Throat sowie – beigetragen vom Verfasser dieser Zeilen höchstselbst – The Good, the Bad, and the Aesthetically Challenged, A Streetcar Named “Like” Button, The Analyst of Oz, Saving Private Word Documents und An Inconvenient Tweet.

Da sieht man doch, wozu der menschliche Geist in der Lage ist, verfügt sein zugehöriger Körper nur über etwas Freizeit und einen Twitter-Client. Lasst Meme wachsen!

(Update 5.1.11)

PS: Keine 24 Stunden später gab es übrigens schon passende #lessambitiousmovies-T-Shirts.

Prognose: So wird die IT-Welt 2014 wirklich aussehen

Der Jahreswechsel ist die Zeit, in der sich Gott, Welt und Hund berufen fühlen, eine Prognose für das kommende Jahr abzugeben. Das ist ein spaßiges Hobby und völlig risikolos, da sich im Wust der zahllosen Vorhersagen nächstes Jahr sowieso niemand daran erinnert, wer wann was prophezeit hat. Die absoluten Meister dieser Kunst modernen Vogelflugdeutens und Glaskugelschauens sind die Analystenhäuser: Nicht nur stützen sie sich auf die schwarze Magie der Umfragen unter “IT-Entscheidern” und der statistischen Hochrechnung – nein, sie geben ihre Prognosen gerne gleich für die nächsten vier Jahre ab, wohl wissend, dass sich im Jahr 2014 kein Schwein mehr für die ach-so-wichtigen Themen der grauen Vorzeitjahres 2010 interessiert.

Deshalb schließen wir uns nun um so beherzter diesem Treiben an und stellen folgende zehn Prognosen für den IT-Markt in den Jahren 2011 bis 2014 auf:

1. Historiker prüfen im Jahr 2014 nach, was die Analystenhäuser über das Jahr 2014 geschrieben haben, und lachen sich kaputt.

2. Apples iPad wird die IT-Welt erobern. Eine übergewichtige Wohlstands- und Lifestyle-Gesellschaft wird mit Fast-Food- und Chips-verfetteten Fingern auf Café-Latte-verspritzten iPad-Displays herumtappen und herumwischen. Die Putztüchlein-Industrie wird den größten Boom ihrer Geschichte erleben.

3. Smartphones werden weiterhin von Jahr zu Jahr smarter werden. Im Jahr 2014 sind sie dann so smart, dass sie sich selbsttätig vor ihren Besitzern verstecken, weil sie es nicht mehr verantworten können, diesen durch individualisierte Werbung, alberne Internet-Spiele und sinnlose Status-Updates wertvolle Lebenszeit zu stehlen.

4. Die WTF (WikiLeaks Task Force) des US-Geheimdienstes CIA (Center for the Incarceration of Assange) wird Mittel und Wege finden, das Veröffentlichen illegal zugespielter Informationen als Straftat zu verfolgen. 2011: WikiLeaks-Chef Julian Assange flüchtet nach Schweden. 2012: New York Times und Washington Post flüchten nach Schweden.

5. Bis 2014 wird Facebook 2,5 Milliarden Mitglieder haben. Über diese 2,5 Milliarden Menschen werden die Industrie, die Werbebranche und die Behörden weit mehr wissen, als sie je wissen wollten. In den führenden Industrienationen wird der Datenschutz verboten. Die letzten Datenschützer flüchten nach Schweden.

6. Twitter muss zugeben, im Konkurrenzkampf der Social Networks gegen Facebook nicht bestehen zu können, erklärt sich zum Nachrichtenmedium und flüchtet nach Schweden.

7. Bis 2014 hat Google alle Menschen, Tiere und Gegenstände mit Barcodes und Funkchips versehen, die von Satelliten aus lokalisiert werden können. Das wird sehr hilfreich sein für Menschen, die nie wissen, wo sie ihren Hausschlüssel hingelegt haben.

8. Die Kinder in den westlichen Industriestaaten schneiden beim PISA-Test immer schlechter ab, weil sie ihre ganze Kindheit vor Spielekonsolen verbringen. Deshalb wird 2014 US-Präsident Mark Zuckerberg Microsoft zwingen, Microsoft Office auf die Xbox zu portieren, damit man beim Spielen wenigstens nebenher Hausaufgaben machen kann.

9. Oracle-Chef Larry Ellison wird 2011 weiterhin rüpelhaft über die Konkurrenten HP und IBM herziehen. Oracle-Chef Larry Ellison wird 2012 weiterhin rüpelhaft über die Konkurrenten HP und IBM herziehen. Oracle-Chef Larry Ellison wird 2013 weiterhin rüpelhaft über die Konkurrenten HP und IBM herziehen. Oracle-Chef Larry Ellison wird 2014 weiterhin rüpelhaft über die Konkurrenten HP und IBM herziehen.

10. Cloud Computing wird sich durchsetzen. Alles wird gut.