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Kleidung und der Wettbewerb sind von Feuer fernzuhalten

Binsenweisheiten sind Aussagen, die so selbstverständlich sind, dass man sie eigentlich gar nicht aussprechen muss: „Was gut schmeckt, ist ungesund oder macht dick.“ „Man sollte seine Kleidung nicht anzünden.“ (Doch, echt! Das steht auf dem Waschzettel meines neuen T-Shirts. War wohl für den US-Markt bestimmt.) „BILD lügt.“ „Der Internet Explorer ist unsicher.“

Dieses T-Shirt sollte man nicht anzünden, rät der Hersteller.

Dieses T-Shirt sollte man nicht anzünden, rät der Hersteller.

Dem schlechten Image des hauseigenen Browsers versucht Microsoft seit einiger Zeit mit einer angenehm selbstironischen Marketing-Kampagne entgegenzuwirken. Der IE-Image-Aufpolierung hat der Konzern eine eigene Website gestiftet: „The Browser You Loved to Hate“ (http://browseryoulovedtohate.com). Hier kann man nicht nur den aktuellen IE9 herunterladen, sondern erfährt auch Dinge wie: „Manche Leute probieren den neuen Internet Explorer aus und mögen ihn tatsächlich. Nicht, dass sie das laut sagen würden.“ Der Site-Besucher kann per Mausklick Tweets wie etwa den folgenden abzusetzen: „Are you ready for this? I just launched IE9, and it is visually stunning. No really. It’s kind of amazing.“ Verlinkt sind zudem diverse Online-Artikel, in denen der aktuelle Microsoft-Browser als schnell, sicher und funktionsreich gelobt wird. Begleitend hat Microsoft YouTube-Videos lanciert, darunter ein wirklich witziges über die Therapiesitzung eines zwanghaften IE-Deinstallateurs (https://www.youtube.com/watch?v=4DbgiOCTQts). Dies alles ist nett gemacht, amüsant und entspricht genau jenem Ansatz Community-orientierter, unterhaltsamer Information, die ich gerne als „Communitainment“ bezeichne und heftigst befürworte. Hier verdient der Redmonder Konzern also mal ein dickes Lob.

 

Microsofts IE-Marketing spielt mit dem schlechten Image des Browsers.

Microsofts IE-Marketing spielt mit dem schlechten Image des Browsers.

Doch obschon ich Microsofts augenzwinkerndes Communitainment begrüße und wiederholt schmunzeln musste: Mir kommt der IE9 nicht auf den Rechner. Denn nicht nur denke ich beim Internet Explorer automatisch an Software, die so unsicher ist, dass sie eigentlich als Malware geführt werden müsste. Ich kann mich auch – wie sicher viele Ältere zu Hause an den Internet-Empfangsgeräten – noch gut daran erinnern, wie Microsoft den Konkurrenz-Browser Netscape Navigator vom Markt verdrängte, indem man IE vorinstalliert mit Windows auslieferte. Zunächst hatte Microsoft das Thema Web verschlafen, dann die Konkurrenz vom Spielfeld gekickt – um nach jahrelangem Rechtsstreit Windows wahlweise ohne IE anbieten zu müssen, was aber dann schon längst niemanden mehr interessierte. Der Internet Explorer ist für mich ein Monument missratenen Monopolistenverhaltens, daran können selbst amüsante Communitainment-Häppchen nicht rütteln.

Dennoch ist es gut, dass es den IE9 gibt. Denn mit ihm ist Microsoft einer von mehreren Playern auf dem Browser-Spielfeld, neben Google, Apple und der Open-Source-Gemeinde rund um Mozilla und Co. – so wie Microsoft heute auch nur einer von mehreren Cloud-Service-Anbietern ist und nur einer von mehreren OS-Anbietern (vor allem, wenn man Smartphones und Tablets mitzählt). Konkurrenz belebt das Geschäft – ebenfalls eine Binsenweisheit, die man nicht oft genug in Erinnerung rufen kann, insbesondere in Zeiten, in denen Google die Web-Suche ebenso hegemonial dominiert wie Facebook das Social-Network-Business oder Apple das Thema quasi-religiöse Verehrung kleiner Angeber-Gadgets.

Die IT-Branche braucht den Wettbewerb, am besten den einer Handvoll ungefähr gleich starker Anbieter, die sich gegenseitig eine Vormachtstellung verbauen, wie sie Microsoft zum Beispiel mit Exchange und Outlook nach wie vor innehat. Outlook verwende ich übrigens gerade deshalb ebenfalls nicht. Also, liebe PR-Agenturen, hört bitte auf, mir als Terminbestätigung ungefragt Outlook-Einladungen zu schicken! Ich kann und will damit nichts anfangen. Vielen Dank.

So, und jetzt schau ich mal nach, ob ich das Prinzip „Binsenweisheit“ nicht als Patent anmelden kann, bevor Apple oder Samsung das tun und sich dann jahrelang vor Gericht um das Binsenweisheiten-Monopol streiten…

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