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Infografiken: der Nebel des Grauens 2.0

Jenen elitären Kulturkritikern, die das Internet einer Verdummung der Bevölkerung bezichtigen, muss man eisern die Stirn bieten. Denn nicht das Internet macht blöd: Infografiken machen blöd.

Infografiken haben sich im wilden weiten Web zur Seuche entwickelt: Kaum mehr eine Meldung ohne Dekoration durch bunte Bildchen der Marke „Do-it-yourself-Baukastengrafik“ – gerne im allseits beliebten Tower-Format (schmal, aber ewig lang). Denn für den modernen Menschen gibt es nichts Schöneres als das Scrollen, zumindest seit man dies durch diese wahnsinnig lässige Wischgeste auf dem wahnsinnig smarten Smartphone oder dem wahnsinnig praktischen Streichelbrettchen erledigen kann.

Akuter Infografikbefall äußert sich in einer mehr oder weniger (meist weniger) stimmigen Anhäufung von Illustratiönchen mit einer Ästhetik irgendwo zwischen „Vorschüler lernt zählen“ und „Marketing-Experte probiert neue Icon-Sammlung aus“. Prozentzahlen zeigen sich dann gerne vor dem Hintergrund einer Tortengrafik oder – noch viel innovativer – innerhalb eines je nach Prozentwert unvollständigen Kreises. Personen erscheinen häufig als mehr oder weniger (meist weniger) starke Variationen eines „Mensch ärgere dich nicht“-Männchens – außer es geht um IT-Kriminalität, dann hat der Böse eine schwarze Zorro-Augenmaske auf und guckt finster, wie Hacker halt so gucken den lieben langen Tag.

 

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Besonders beliebt sind die Auswüchse grenzdebil-globalisierter Grafikpinselei bei der Präsentation von „Studien“. Solche „Studien“ (bitte immer in Anführungszeichen) sind Umfragen, die ein Hersteller von einem Marktforschungsunternehmen unter ein paar Hundert Personen durchführen lässt. Sie belegen dann, dass das Produkt des Herstellers wahnsinnig im Trend liegt, aber bislang leider nur mehr oder weniger (meist weniger) stark verbreitet ist. Jenen Personen, die das Produkt noch nicht gekauft haben, drohen deshalb hohe Kosten (viele Dollarzeichen), hohe Risiken (besonders finster schauendes Hackermännchen) oder entgangene Gewinne (börsenkursiv abwärts zackender Pfeil).

In die gewünschte Richtung verbiegen Marktforscher ihre Zahlenwerte gerne durch Fragestellungen wie „Erwarten Sie…“, „Befürchten Sie…“ oder ähnlich schwammige Formulierungen – was die plakativen Bildchen mit ihrer klaren Linienführung dann fröhlich vertuschen und als knallharte Fakten dastehen lassen. Infografiken im Web degenerieren so zu verkappter und dennoch aufdringlicher Werbung. Allzu oft dienen sie nicht der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Vernebelung von Zusammenhängen. You can’t spell „Infografik“ without „fog“, wie der Brite sagt.

Von derlei Vernebelungsgraffiti sollte man deshalb die Finger lassen. Es gelten folgende Ausnahmen:

1. Tortengrafiken sind OK, wenn es tatsächlich um Torten geht, wie in jenem klassischen Beispiel: „Anteil bereits verzehrter Torte“ vs. „Anteil noch nicht verzehrter Torte“.

2. Für Kuchen, Blätterteigteilchen und Schmalzkringel (neudeutsch „Donuts“) sind prinzipiell Balkengrafiken zu verwenden (veranschaulicht den Butter- bzw. Fettanteil besser).

3. „Mensch ärgere dich nicht“-Männchen sind zur Illustration von Prozentwerten verboten und nur noch für die tatsächlichen Zahlenwerte erlaubt. Wenn also 872 Menschen zu irgendetwas irgendeiner Meinung sind, dann wollen wir bitte auch 872 Brettspielmännchen sehen. Wenn schon Scrollen, dann aber Scrollen mit Schwung!

P.S.: Es gibt aber auch nützliche Infografiken, z.B. auf graphitti-blog.de.

P.P.S. (11.06.14): Habe gerade gemerkt, dass schon mal jemand den Scherz mit der japanischen Flagge gemacht hat: https://twitter.com/MrLloydSpandex/status/297029968020520960

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Cyberabwehr killt knuffige Kätzchen

Kürzlich verkündete die Telekom per Presseverlautbarung Investitionen in ein neues „intelligentes Cyberabwehr-Zentrum“. Löblich – und doch bleibt ein Unbehagen.

In Zeiten gezielter und professionell durchgeführter Angriffe auf IT-Infrastrukturen, immer neuer Hacker-Toolkits, eskalierender DDoS-Angriffswellen und alltäglicher Totalüberwachung durch Geheimdienste ist eine Investition, wie sie die Deutscheste Telekom Aller Großkonzerne (kurz: DTAG) in Aussicht gestellt hat, sicher ein richtiger und wichtiger Schritt. Ich will hier auch gar nicht darüber debattieren, was denn eigentlich ein „intelligentes“ Abwehrzentrum ist und ob die Ziegelsteine sich einem IQ-Test unterziehen müssen („Den hier können wir nicht nehmen, der ist dumm wie’n Sack Zement.“). Aber jedes Mal, wenn ich das Präfix „Cyber“ höre, zieht es mir den Magen zusammen.

Das Versatzstück „Cyber“ entstammt dem Begriff „Cybernetics“, zu Deutsch „Kybernetik“, also der Wissenschaft von den Regel- und Steuermechanismen. Es hat aber mit Steuermännern und Regeltechnik herzlich wenig zu tun: Eingang in den Sprachgebrauch fand es vielmehr über den Umweg des Worts „Cyberspace“, das einst in der Science-Fiction- und Fachliteratur künstliche digitale Welten beschrieb.

Die Deutscheste Aller Denkbaren Telekoms bedient sich in ihrer oben genannten Pressemitteilung ausgiebig, ja mit geradezu lästiger Monotonie, dieser „Cyber“-Rhetorik: Da gibt es ein „Cyberabwehr-Zentrum“ zur „Cyberabwehr“ von „Cyberangriffen“ mittels „Advanced Cyber Defense“-Diensten; ein CERT – kein „Computer Emergency Response Team“, wie sonst üblich, sondern, man ahnt es, ein „Cyber Emergency Response Team“ – warnt vor „Cybervorfällen“, die Mannschaft des „Cyberabwehr-Zentrums“ analysiert „Cyberrisiken“, entwickelt für Kunden „Cyberstrategien“ und bietet „Cybersecurity-Dienste“. Dazu gibt es natürlich ein „proaktives“ (*Seufz!*) „Cyber-Sicherheitsmanagement“ gegen „Cyberattacken“ und „Cyberbedrohungen“. Der Linguist spricht hier von „Cyber-Geseier“, der Mediziner von „Digitaldiarrhö“.

Der Preis für die häufigste überflüssige Verwendung einer Phrase aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler war, geht an: die Deutsche Cyberkom. Wir gratulieren.

Der Preis für die häufigste überflüssige Verwendung einer Phrase aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler war, geht an: die Deutsche Cyberkom. Wir gratulieren.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war viel derartige Cyber-Rhetorik zu hören, wenn vom Internet oder dem World Wide Web die Rede war. Denn beides galt damals breiten Teilen der Bevölkerung noch als eine Art Science Fiction, und so dramatisierten Presse, Funk und Fernsehen das neue Datentransportmedium und dessen buntes Front-End gerne als – *Trommelwirbel* Huh! Hah! Ooh! *weit aufgerissene Augen* – „CYBERSPACE“.

Heute aber verströmt „Cyber“ längst den gut abgehangenen Geruch von Oma Liesls Wohnzimmer – und zwar drei Monate, nachdem die alte Dame ins Pflegeheim abgeschoben wurde: Es müffelt nach der TV-Serie „Max Headroom“ und dem Film „Tron“, im Bücherregal staubt Neal Stephensons Roman „Snow Crash“ vor sich hin, und der am wenigsten abgestandene Lufthauch empfängt den Besucher, wenn er die Tür zur „Matrix“-Gedenk-Besenkammer öffnet.

Eine geradezu Zombie-hafte Wiederbelebung erfahren die beiden Silben praktisch nur noch als Versatzstück in der Marketing-Sprache von IT-Sicherheitsanbietern, die heute zum Beispiel gerne vor dem „Cyberkrieg“ warnen, während IT-gestützte Kriegsführung längst Praxis ist. Im alltäglichen Sprachgebrauch hingegen ist das Präfix „Cyber“ ausgestorben.

Deshalb, liebe IT-Security-Marketiers: Lasst es in Frieden ruhen! Entcybert die deutsche Sprache! Denn merke: Jedes Mal, wenn in einer Pressemitteilung oder einem Werbetext die Worthülse „Cyber“ auftaucht, stirbt im Web ein süßes kleines LOL-Katzenbaby an malignem Haarausfall.

Und daran wollen Sie doch nicht schuld sein, oder?

Der Chefkoch empfiehlt heute: IT-Buchstabensalat mit Akronym-Dressing

In der Fachsprache der IT – wie in jeder Fachsprache, aber man erhält schnell den Eindruck, in der IT ganz besonders – wimmelt es nur so von Akronymen. Das fängt schon damit an, dass „IT“ selbst ein Akronym ist, steht es doch für das englische „Information Technology“ und damit radebrechend eingedeutscht für „Informationstechnologie“. Denn ein Akronym – wie jeder Bildungsbürger mit humanistischer Erziehung weiß, aber ebenso jeder, der in der Lage ist, „Akronym“ korrekt in die Browser-Zeile zu tippen und dann den Wikipedia-Eintrag zu lesen – ist ein Kurzwort, das aus den Anfangsbuchstaben anderer Wörter besteht. Oder, auf eine einfache Formel gebracht: „Abk.“ ist eine Abkürzung, „EDV“ ist ein Akronym.

130508Akronym

Akronyme sind verbreiteter, als man zunächst denken mag, man denke nur an den ADAC, PVC oder den FC (hier Fußballverein nach Wahl einfügen). Der Verfasser dieser Zeilen hegt sogar den Verdacht, dass das so oft gedankenlos dahingesagte Wort „Europa“ ein Akronym ist, und zwar für „Extrem unübersichtliche Regierungsorganisation zur Produktion von Agrarsubventionen“. Im IT-Kauderwelsch sind Akronyme nochmals häufiger als im deutschen oder europäischen Alltag, und zwar gefühlt um den Faktor zehn.

Die meisten Akronyme, wie eben „IT“, spricht man als Buchstabensalat aus. Die praktischste Variante von Akronymen hingegen sind jene, die selbst wieder ein ganz normales (Kunst-)Wort bilden, zum Beispiel „LAN“. Hinzu gesellen sich Mischformen aus Buchstabensalat und Kunstwort wie etwa „WLAN“ sowie Akronyme, die eigentlich als Folge einzelner Buchstaben gesprochen werden, die aber ein besonders alberner Mensch – der Verfasser dieser Zeilen hingegen niemals! – scherzhaft als Wort aussprechen könnte, zum Beispiel „UMTS“.

Einen akuten Fall von Akronymitis hat der derzeitige Trend zur mobilen IT-Nutzung ausgelöst, oder genauer der daraus in Unternehmen entstandene Bedarf an Verwaltungswerkzeugen zur Bändigung der neuen mobilen Unübersichtlichkeit. Da gibt es MDM (Mobile-Device-Management), MAM (Mobile-Application-Management), MIM (Mobile-Information-Management), MSM (Mobile-Security-Management) und so weiter und so fort bzw. usw. usf.

Nach Berechnungen des VdZ (Verfassers dieser Zeilen) werden die Marketiers der „Mobile-was-auch-immer-Management“-Anbieter in spätestens 17 Monaten das gesamte Alphabet ausgeschöpft haben, von MAM bis MZM (Mobile-Zucchini-Management). Dann werden die Akronymschöpfer wahrscheinlich in bewährter Manier auf mehr-als-dreistellige Akronyme ausweichen, getreu jenem altbekannten Werbeslogan: „Wollt ihr MDM? – Nein! – Wollt ihr MAM? – Nein! – Was wollt ihr denn? – Mobile Accountability & Open Access Management!“

Die zehn ultimativen und einzig wahren IT-Prognosen für das Jahr 2013

Seitens der IT-Anbieter und ihrer PR-Agenturen wird derzeit für das kommende Jahr munter drauf los prognostiziert, was die Tastatur hergibt. Das muss nicht sein. Es reicht völlig, die folgenden zehn Stichpunkte zu lesen, um sich entspannt und wissend zurücklehnen zu können bis zum nächsten Prognosen-Tsunami im Dezember 2013:

121211Prognose2013

1. Das neue Apple iPad Midi – raffiniert: nicht ganz so groß wie das iPad, aber doch nicht so klein wie das iPad Mini – haut alle Apple-Fanbois und -girls total aus den Socken. Die Schlangen vor den Apple Stores sind hunderte von Metern lang, und die glücklichen Käufer stellen sich – das Tütchen mit dem gerade erworbenen Schatz stolz emporreckend – gleich wieder hinten in der Schlange an, und zwar für das iPad Midi 2, das am Folgetag gelauncht wird.

2. Samsung wird ein Patent auf den Erwerb völlig bekloppter Patente erwerben und damit Apple verklagen, da Apple Ende 2012 tatsächlich versucht hat, sich das Blatt (!) aus dem Apple-Logo rechtlich schützen zu lassen. Patent-Trolle verklagen daraufhin beide Konzerne mit dem Hinweis, dass sie selbst schon viel früher völlig bekloppte Patente für völlig bekloppte Klagen genutzt haben. Die Verfahren dauern Ende 2013 noch an.

3. Um Marktanteile von Apple und Google zurückzugewinnen, stellt Microsoft seine eigene Landkarten-App vor: „Metro Maps“ – ein Name, den Microsoft wenig später aus juristischen Gründen in „Modern GUI Maps“ umändern muss. Die App zeigt die Welt als Scheibe, bestehend aus bunten Kacheln, ist aber dennoch zuverlässiger als Apples Map App. Die App ist ausschließlich für Windows Phone 8 verfügbar, doch beide User dieses Betriebssystems zeigen sich begeistert.

4. Das US-Verteidigungsministerium trägt dem Trend zur Gamification Rechnung und kündigt eine „Defense Management Ego-Shooter Software“ namens „Super Drone-Wars Mario“ an. Wie das Spiel genau funktioniert, will man aber geheimhalten, so ein Sprecher des Ministeriums, bis „gewisse ethische und völkerrechtliche Implikationen“ geklärt seien.

5. Peer Steinbrück, erst seit Dezember 2012 auf Twitter vertreten, twittert so eloquent, treffend, begeistert und erfolgreich, dass er mit großem Abstand der Minister mit den meisten Twitter-Followern im Kabinett Merkel wird.

6. Bring Your Own Device (BYOD) wird das große IT-Hype-Thema des Jahres 2013. Der Hype flaut aber allmählich ab, als immer mehr IT-, Netzwerk-, Client- und Security-Verantwortliche bei Umfragen, wie sie mit dem Thema BYOD umgehen, zur Antwort geben: „Ach, lasst mich bloß in Ruh’, die User sollen selber sehen, wie sie mit ihrem Drecks-Gadget-Kram klarkommen, ich geh’ jetzt in Frührente!“ Zwischenzeitlich gewinnt der BYOD-Hype noch einmal kurz an Fahrt, als eine Medizintechnikfirma versucht, das Kürzel als „Bring Your Own Defibrillator“ am Markt zu positionieren.

7. Aus den unter „6.“ genannten Gründen wird der BYOD-Hype in der zweiten Jahreshälfte vom Big-Data-Hype abgelöst. Insbesondere Marketiers zeigen sich begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten, immense Datenbestände in Sekundenschnelle zu analysieren, um endlich das Ziel des „gläsernen Kunden“ zu erreichen. Auch dieser Hype ebbt ab, als die Marketing-Leute merken, dass sie nichts über ihre Kunden erfahren, das diese nicht schon freiwillig über sich auf Facebook gepostet hatten, was dann diverse Blogger längst in bunte, Smartphone-Screen-taugliche Infografiken gepackt haben.

8. HP kann seine Marktführerschaft im Segment der Desktop-PCs weiterhin verteidigen, wobei dieser Markt allerdings rasant schrumpft. Im Dezember 2013 werden laut IDC-Hochrechnungen weltweit noch 1,1 Desktop-PCs verkauft. HP liegt auf Platz eins mit 0,7 PCs (ein CPU-Lüfter und ein Ersatz-Motherboard) vor Lenovo mit 0,4 PCs (zwei Austausch-Netzteile) und Dell mit 0,001 PCs (Michael Dell verkauft eine Kreuzschlitzschraube, die er unter’m Sofa gefunden hat, an einen Hobby-Bastler).

9. 3D-Drucker geraten in Verruf, da immer mehr Straftäter, politisch Radikale und geistig Verwirrte sich für ihre Straftaten, Attentate und Amokläufe einfach Waffen nebst Munition selbst drucken. Friedensaktivisten und Polizeigewerkschaften fordern das komplette Verbot von 3D-Druckern, ein Kompromissvorschlag der Europäischen Kommission sieht einer Verlautbarung zufolge vor, den Verkauf der Geräte „auf noch im Detail zu regelnde einzelne verkaufsoffene Dienstage und Donnerstage zu beschränken“. In den USA fordert die Waffenlobby NRA derweil, den zweiten Verfassungszusatz auf „das Recht, Waffen sowie 3D-Drucker zu tragen“ zu erweitern, und startet die Werbekampagne: „Nicht 3D-Drucker töten Menschen, Menschen töten Menschen!“

10. Die Begeisterung der Unternehmen für das Cloud Computing erhält einen empfindlichen Dämpfer, als ruchbar wird, dass CIA, FBI und NSA Backdoors bei praktisch allen namhaften Cloud-Service-Providern installiert haben. NSA-Chef Keith Alexander versucht, die Lage zu beruhigen, indem er kommentiert: „Na, und? In eure firmeneigenen Rechenzentren kommen wir schließlich auch rein!“ Google spielt daraufhin Zugangsdaten zu Gmail-Konten mit pikanten privaten E-Mails führender Geheimdienstler der Presse zu. Es folgen so viele von der Gossenpresse breitgetretene Skandale und Rücktritte, dass sich bald niemand mehr an die Backdoor-Diskussion erinnert. Das Cloud Computing erlebt eine Blütezeit.

Ein kulturhistorisches Postscriptum: Sollte der Maya-Kalender mit seinen diversen Weltuntergangsszenarien doch Recht behalten und die Welt am 21.12.2012 untergehen, erübrigen sich die obigen Prognosen mit Ausnahme der ersten.

Die überflüssigsten IT-Listen des Jahres 2012

Der November trübdümpelt seinem verdienten Ende entgegen, der Dezemberanfang zeichnet sich trotz Dauernebels am Horizont ab. Da weiß der IT-Redakteur: Ja, es ist wieder jene Zeit des Jahres, in der IT-Unternehmen und deren PR-Agenturen Jahresrückblicke und Folgejahresprognosen in die wilde weite Welt hinausposaunen, am liebsten in Listenform.

Da hilft nur eines: Die beste (weil nämlich listenunfreundlicherweise einzige) ZZ-Top-Neuerscheinungsscheibe des Jahres auflegen und zum Soundtrack von „I Gotsta Get Paid“ im Spam-Filter schon mal präventiv folgende Formulierungen auf die Blacklist setzen:

1. Die 101 überflüssigsten Apple-Zubehör-Gadgets des Jahres 2012.

2. Die 700.000 lustigsten LOLcat-Fotos

3. Die acht am originellsten geformten In-Ear-Kopfhörer.

4. Die 20 spannendsten Unboxing-Videos des Jahres.

5. Zwölf Juristen-Kommentare zum Apple-Samsung-Patentstreit, die Sie gelesen haben sollten.

6. Die 25 meistverkauften Windows-Smartphones 2012.

7. 100 Facebook-Privacy-Einstellungen, die Sie getrost ignorieren können.

8. Die zehn logischsten Begründungen, warum sich die Cloud nie durchsetzen wird.

9. Die garantiert und ganz bestimmt 20 kritischsten Sicherheitslücken des kommenden Jahres.

10. Hundert einmalige Reiseziele für 2013, und wie Sie mit Hilfe der Apple Map App dorthin gelangen.

Ganz besonders unnötig wäre es natürlich, die überflüssigsten IT-Listen des Jahres 2012 in Listenform zusammenzustellen. Aber wer würde so einen Blödsinn schon machen?

Gossenpresse-Entsorgungstipps: „Bild“ im Briefkasten – was ist zu tun?

Am Samstag, den 23. Juni 2012 wollte der Springer-Konzern die so genannte „Bild“-„Zeitung“ aus irgendeinem Anlass, der mir gerade entfallen ist, an alle deutschen Haushalte verschicken. Natürlich habe ich mich rechtzeitig vorbereitet und meinen Briefkasten mit einem Hinweisschild versehen, mit welchem ich gut sichtbar darum bat, das oben genannte Machwerk hier nicht einzuwerfen.

Wenn es dem geneigten Leser so ging wie mir, dann hat der Machwerkzusteller – getrieben von Faulheit, Ignoranz oder vielleicht auch von Analphabetismus, ich weiß es nicht – diesen Hinweis missachtet. Beim Öffnen des Briefkastens findet man dann einen schrumpeligen Haufen Papier spinnengleich in der Ecke lauernd vor. Zwei, drei Tage lang kann man diesen unschönen Zustand vielleicht ignorieren, dann aber steht der unfreiwillige Empfänger vor der Frage: Was ist zu tun, um die Briefkastenverschmutzung wieder zu beseitigen?

Zunächst einmal muss ich alle Apple-Jünger enttäuschen: Nein, dafür gibt es leider noch keine App. Die Drecksarbeit bleibt auch im Cloud- bzw. iCloud-Zeitalter noch am Endanwender selber hängen. Deshalb folgen hier zehn Tipps für die fachgerechte Entsorgung:

1. „Bild“ zählt zur Gattung des so genannten „Boulevard-Journalismus“. Der „Boulevard“ ist eine Prachtstraße, an dessen beiden Randsteinen eine so genannte „Gosse“ verläuft, aus der diese Art Zeitung einst herausgekrochen war, daher der Name. Aus diesem Grund darf man „Bild“ nicht einfach im Briefkasten vermodern lassen, das wäre unhygienisch! Deshalb: Ekel überwinden, Ärmel hochkrempeln und los! Da muss man durch.

2. Zur Entsorgung von „Bild“ empfiehlt es sich, robuste Haushaltshandschuhe zu tragen, wie es sie in jedem Supermarkt, Baumarkt oder in der Drogerie zu kaufen gibt. So lässt sich der direkte Hautkontakt vermeiden, besonders wichtig für Menschen mit Gossenschmutzallergie. Das Tragen eines Mundschutzes ist in der Regel nicht unbedingt nötig, mag in Einzelfällen aber sinnvoll sein. Im Zweifel fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

3. Alte Zeitungen gehören ins Altpapier, das ist bekannt. Wie aber steht es um mit Unrat bedrucktes Zeitungspapier? Die Logik sagt: Auch dies gehört in die Altpapiertonne. Allerdings muss ich zugeben, beim Entsorgen – man mag es einen Reflex nennen – „Bild“ zum übrigen Unrat in die Mülltonne verfrachtet zu haben. Ich war mit dieser spontanen Entscheidung im Nachhinein recht zufrieden und kann dieses Vorgehen deshalb nur weiterempfehlen. Manch ein Besserverdiener mag versucht sein, für diesen Zweck kurzfristig einen Machwerkentsorgungs-Butler einzustellen. Ihm wird aber dann das wohlige Bauchgefühl entgehen, wenn der Mülltonnendeckel sich klappernd schließt und der Unrat auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.

4. Unabhängig davon, welche Art von Tonne man wählt: Wichtig ist, das Machwerk möglichst nur mit zwei gummihandschuhgeschützten Fingern anzufassen und den Arm gestreckt zu halten, um für möglichst großen Sicherheitsabstand zum Machwerk zu sorgen. Die Frage, ob dabei der gummihandschuhgeschützte kleine Finger abgespreizt werden sollte, ist unter Stilberatern umstritten. Hier gilt also: Es möge jeder nach seiner Facon entsorgen. Aber bitte nicht bei der Entsorgungsaktion mit der freien Hand demonstrativ die Nase zuhalten – das wäre kindisch.

5. Den Briefkasten sollte man anschließend mit einem geeigneten Reinigungs- oder Desinfektionsmittel gründlich säubern. Die Wahl des Mittels hängt natürlich vom Material des Briefkastens ab. In Zweifelsfällen kann es sich lohnen, beim Fachmann um Rat zu fragen: „Bei mir lag eine Bild-Zeitung im Briefkasten. Reicht zum Säubern ein normaler Haushaltsreiniger oder nimmt man besser einen Sanitärreiniger oder gar Sagrotan?“ Das geschulte Personal im Drogeriemarkt gibt hierzu sicher gern Auskunft.

6. In aller Regel ist ein Ersetzen des Briefkastens nicht erforderlich, eine gründliche Reinigung (siehe Punkt 5) sollte ausreichen. Die Gummihandschuhe sollte man aber sicherheitshalber sofort wegwerfen (nicht verbrennen, das stinkt)!

7. Wer aus Gründen seiner psychischen Hygiene mit den ersten sechs Schritten noch nicht zufrieden ist, muss natürlich zu drastischeren Maßnahmen greifen. Hier empfiehlt es sich, „Bild“ luftdicht in Plastik zu verpacken und bei der örtlichen Sondermülldeponie abzugeben. Fürsorgliche Entsorgungsunternehmer haben dort sicher einen Container für „Gossenpressereste“ aufgestellt. Einfach mal hinfahren und fragen!

8. Nach der Entsorgungsaktion Gesicht und Hände gründlich mit Wasser und Seife reinigen.

9. Jetzt erst mal ein Espresso, Bierchen, Süßkram oder ein gepflegter Wein – was man sich eben so gönnt, um sich für das Erledigen einer ekligen, aber notwendigen Aufgabe zu belohnen. Tief durchatmen, zurücklehnen, entspannen, genießen…

10. … und dazu dann nochmal das Antwortschreiben der Sängerin Judith Holofernes von der Pop-Band „Wir sind Helden“ lesen, in dem sie der Werbeagentur des Springer-Konzerns auf die Anfrage nach Mitwirkung an „Bild“-Werbung eine immer wieder lesenswerte Abfuhr erteilt: http://www.wirsindhelden.de/2011/02/1069/.

Und nächste Woche erklärt der nette Onkel dann, wie man ein iPhone desinfiziert, wenn man leichtfertig die „Bild“-App draufgeladen hat. (Für alle Apple-Feinde vorab der Hinweis: Nein, in diesen Tipps kommt das Wort „Hammer“ nicht vor!)

Spam, der vor Spam warnt

Es vergeht kaum ein Tag, an dem einem IT-Journalisten nicht mindestens ein Hinweis auf eine neue „IT-Security-Studie“ – meist schlicht eine Telefon- oder gar nur eine simple Online-Umfrage – in den E-Mail-Account flattert. Oft enthalten diese „Studien“ völlig nutzlose Informationen: „Pharma-Werbung ist auf Platz eins der Spam-Mails“ (na, fein – aber was bringt es mir, das zu wissen?) oder auch „die Top-Ten-Viren des Quartals“ (die den Anwender nicht bekümmern müssen, da die etablierten Antivirenlösungen diese Schädlinge in aller Regel längst erkennen).

Angesichts einer kontinuierlichen Flut von „Alarm! Alarm!“-Rufen muss der Journalist aufpassen, dass er nicht abstumpft und beim Reizwort „Security-Studie“ aus reinem Reflex die Löschen-Taste drückt. Ich kann mich bislang zum Glück beherrschen und lösche die Presseinformationen zu Security-Studien allenfalls vorsätzlich. Aber: Meist lösche ich sie.

Denn, liebe IT-Security-Anbieter: Ab einer gewissen Menge gehen einem eure – sicher gut gemeinten und nicht ausschließlich zur Eigenwerbung verfassten – Warnhinweise auf die Nerven. Und dann kommt es zu dem, was amerikanische Soziologen den „Backlash“-Effekt nennen: Es tritt genau das Gegenteil von dem ein, was man erreichen wollte.

Mein Liebling aus letzter Zeit: „So schützen Sie sich vor dem neuen Supervirus Flame“ – das vermutlich israelische Spionage-Tool hat es gezielt auf bestimmte Rechner im Nahen Osten abgesehen, die allermeisten Menschen müssen sich vor Flame also gar nicht schützen. Auch hier gilt Douglas Adams’ bewährte Maxime: „Don’t panic.“ Denn sonst werden Warnhinweise selbst zu Spam.

Kleidung und der Wettbewerb sind von Feuer fernzuhalten

Binsenweisheiten sind Aussagen, die so selbstverständlich sind, dass man sie eigentlich gar nicht aussprechen muss: „Was gut schmeckt, ist ungesund oder macht dick.“ „Man sollte seine Kleidung nicht anzünden.“ (Doch, echt! Das steht auf dem Waschzettel meines neuen T-Shirts. War wohl für den US-Markt bestimmt.) „BILD lügt.“ „Der Internet Explorer ist unsicher.“

Dieses T-Shirt sollte man nicht anzünden, rät der Hersteller.

Dieses T-Shirt sollte man nicht anzünden, rät der Hersteller.

Dem schlechten Image des hauseigenen Browsers versucht Microsoft seit einiger Zeit mit einer angenehm selbstironischen Marketing-Kampagne entgegenzuwirken. Der IE-Image-Aufpolierung hat der Konzern eine eigene Website gestiftet: „The Browser You Loved to Hate“ (http://browseryoulovedtohate.com). Hier kann man nicht nur den aktuellen IE9 herunterladen, sondern erfährt auch Dinge wie: „Manche Leute probieren den neuen Internet Explorer aus und mögen ihn tatsächlich. Nicht, dass sie das laut sagen würden.“ Der Site-Besucher kann per Mausklick Tweets wie etwa den folgenden abzusetzen: „Are you ready for this? I just launched IE9, and it is visually stunning. No really. It’s kind of amazing.“ Verlinkt sind zudem diverse Online-Artikel, in denen der aktuelle Microsoft-Browser als schnell, sicher und funktionsreich gelobt wird. Begleitend hat Microsoft YouTube-Videos lanciert, darunter ein wirklich witziges über die Therapiesitzung eines zwanghaften IE-Deinstallateurs (https://www.youtube.com/watch?v=4DbgiOCTQts). Dies alles ist nett gemacht, amüsant und entspricht genau jenem Ansatz Community-orientierter, unterhaltsamer Information, die ich gerne als „Communitainment“ bezeichne und heftigst befürworte. Hier verdient der Redmonder Konzern also mal ein dickes Lob.

 

Microsofts IE-Marketing spielt mit dem schlechten Image des Browsers.

Microsofts IE-Marketing spielt mit dem schlechten Image des Browsers.

Doch obschon ich Microsofts augenzwinkerndes Communitainment begrüße und wiederholt schmunzeln musste: Mir kommt der IE9 nicht auf den Rechner. Denn nicht nur denke ich beim Internet Explorer automatisch an Software, die so unsicher ist, dass sie eigentlich als Malware geführt werden müsste. Ich kann mich auch – wie sicher viele Ältere zu Hause an den Internet-Empfangsgeräten – noch gut daran erinnern, wie Microsoft den Konkurrenz-Browser Netscape Navigator vom Markt verdrängte, indem man IE vorinstalliert mit Windows auslieferte. Zunächst hatte Microsoft das Thema Web verschlafen, dann die Konkurrenz vom Spielfeld gekickt – um nach jahrelangem Rechtsstreit Windows wahlweise ohne IE anbieten zu müssen, was aber dann schon längst niemanden mehr interessierte. Der Internet Explorer ist für mich ein Monument missratenen Monopolistenverhaltens, daran können selbst amüsante Communitainment-Häppchen nicht rütteln.

Dennoch ist es gut, dass es den IE9 gibt. Denn mit ihm ist Microsoft einer von mehreren Playern auf dem Browser-Spielfeld, neben Google, Apple und der Open-Source-Gemeinde rund um Mozilla und Co. – so wie Microsoft heute auch nur einer von mehreren Cloud-Service-Anbietern ist und nur einer von mehreren OS-Anbietern (vor allem, wenn man Smartphones und Tablets mitzählt). Konkurrenz belebt das Geschäft – ebenfalls eine Binsenweisheit, die man nicht oft genug in Erinnerung rufen kann, insbesondere in Zeiten, in denen Google die Web-Suche ebenso hegemonial dominiert wie Facebook das Social-Network-Business oder Apple das Thema quasi-religiöse Verehrung kleiner Angeber-Gadgets.

Die IT-Branche braucht den Wettbewerb, am besten den einer Handvoll ungefähr gleich starker Anbieter, die sich gegenseitig eine Vormachtstellung verbauen, wie sie Microsoft zum Beispiel mit Exchange und Outlook nach wie vor innehat. Outlook verwende ich übrigens gerade deshalb ebenfalls nicht. Also, liebe PR-Agenturen, hört bitte auf, mir als Terminbestätigung ungefragt Outlook-Einladungen zu schicken! Ich kann und will damit nichts anfangen. Vielen Dank.

So, und jetzt schau ich mal nach, ob ich das Prinzip „Binsenweisheit“ nicht als Patent anmelden kann, bevor Apple oder Samsung das tun und sich dann jahrelang vor Gericht um das Binsenweisheiten-Monopol streiten…

iPhone 4S mit Siri: Apples geniales Default-Antworten-Marketing

Als der Apple-Konzern kürzlich das neue iPhone 4S vorstellte, waren viele Reaktionen unterkühlt: Es gab kein iPhone 5, das manche erwartet hatten, sondern nur ein „iPhone 4 Version 2.0“, der Formfaktor blieb also gleich. Da fragte sich der treue Apple-Fanboi natürlich: „Wie soll der Pöbel denn erkennen, dass ich was Besseres bin, wenn mein brandneues iPhone genauso aussieht wie die alten Knochen?“ Steve Jobs‘ Nachfolger Tim Cook machte seinen Keynote-Job ordentlich, wirkte aber blass ohne die von His Steveness gewohnte Coolness samt Überraschung zum Schluss („One more thing…“). Und am nächsten Tag überschattete das Dahinscheiden des nach Eva und Sir Isaac Newton dritten großen Apfelverwerters dann sowieso alles andere.

Inzwischen aber mehren sich die Kommentare, der gemeine Apple-Untertan habe das Smartphone der Baureihe „4S“ wohl zunächst unterschätzt. Denn das neue Schlaufon aus Cupertino hat ein sprachgesteuertes Helferlein namens Siri – daher das „S“ – mit an Bord. Siri bietet nicht die übliche Sprachsteuerung à la „Öffne Word. Öffne Word! Öff! Ne! Word! Du sollst das Scheiß-Word öffnen, verdammt nochmal!!!“ – mit dem Starten anderer Applikationen hat Siri mangels Schnittstellen bislang (noch) nichts am Hut.

Vielmehr ist Siri eine mit künstlicher Intelligenz gesegnete virtuelle Assistentin, die auf Fragen mittels schneller Internet-Recherche intelligente Antworten gibt. Fragt man also zum Beispiel: „Siri, will I need an umbrella tomorrow in Cupertino?“ („Brauche ich morgen in Cupertino einen Regenschirm?“), dann recherchiert Siri die für den Folgetag prognostizierte Wetterlage des kalifornischen Orts (also höchstwahrscheinlich: „Sonnig mit gelegentlichen Waldbränden“). Man fragt und antwortet natürlich auf Englisch – wie gut sich Siri künftig in anderen Sprachen sowie außerhalb der USA schlägt, bleibt abzuwarten.

Unterhaltsam ist, dass Siri nicht nur auf intelligente Fragen intelligent antwortet, sondern auch auf betont dumme Fragen. Apple kennt eben seine Appleheimer: Im höchstwahrscheinlich sonnigen Cupertino weiß man, dass die hauseigene Early-Adopter-Bevölkerung dazu neigt, neu gebotene Funktionalität dadurch auszuloten, dass man sie an die Grenze des Möglichen treibt.

Und so hat Apple Siri mit einem Grundvorrat treffender Antworten auf sinnlose, anzügliche oder scherzhaft gemeinte Fragen ausgestattet – wohl wissend, dass sich im Internet nichts so schnell verbreitet wie Witziges, insbesondere wenn der Twitterer, Blogger oder Facebookianer dadurch zugleich mit seinem neuesten Spielzeug prahlen kann. Unter der Adresse http://ShitThatSiriSays.tumblr.com gibt es inzwischen sogar ein Blog, das ausschließlich den Zweck verfolgt, Bonmots sirianischen Ursprungs zu aggregieren.

Fragt man Siri zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens, so hat die künstlich intelligente Dame gleich mehrere Antworten parat. Diese reichen von einer knappen Definition des englischen Wortes „Life“ über die Antwort „Laut Forschungsergebnissen wohl Schokolade“ bis hin zum schlichten „42“ – mithin jener Antwort, die ein Leser von Douglas Adams‘ Kultbuch „Hitchhiker‘s Guide to the Galaxy“ („Per Anhalter durch die Galaxis“) – und damit wohl ziemlich genau 100 Prozent der Apple’schen Early-Adopter-Klientel – an dieser Stelle erwartet.

So weit, so absehbar. Siri glänzt aber in diversen weiteren Kontexten mit per Default-Wert vorgegebener Schlagfertigkeit oder gar einem Sarkasmus, den man von Computern sonst nur als eingefleischter Fan der US-TV-Serie MST3K her kennt. So erwartete man im sonnigen Cupertino offenbar zurecht, dass die Jüngerschaft sich von Siri an den übermächtigen Bordcomputer HAL 9000 des Raumschiffs aus Stanley Kubricks „2001 – a Space Odyssey“ erinnert fühlen und deshalb fordern würde: „Siri, open the pod bay doors!“ Genau wie im Film – hier weigert sich HAL, dem Befehl Folge zu leisten – antwortet Siri: „I’m sorry, (Vorname des Benutzers), I’m afraid I can’t do that“, um dann nachzuhaken: „Are you happy now?“

Bei der Verwendung von Schimpfwörtern rügt die Software den Benutzer, und auch auf die vielen anzüglichen Fragen, die Siri von den Apple-Jüngern zu erdulden hat, ist die virtuelle Assistentin gut vorbereitet. Mal gibt sie ausweichende, mal schnippische Antworten, und wer zu aufdringlich fragt, der hört dann: „That’s it! I’m reporting you to the Intelligent Agents‘ Union for harassment!” („Jetzt reicht’s! Ich melde dich bei der Gewerkschaft intelligenter Assistenten wegen Belästigung.“)

Die einprogrammierte Schlagfertigkeit, die der Konzern der intelligent assistierenden Dame spendiert hat, könnte sich als Apples bestes Marketing-Instrument seit dem berühmten „1984“-Werbespot erweisen: Das weltweite Netz brummt regelrecht vor lauter Posts und Tweets, die amüsante Siri-Antworten zum Besten geben, sodass man fast glauben könnte, das Internet sei doch nicht ausschließlich zur Verbreitung putziger Katzenfotos erfunden worden.

Hoffen wir, dass Siri künftig mit jedem Software-Upgrade des iPhones ein Schlagfertigkeits-Update erhält. Ein sonniges Gemüt allein reicht schließlich nicht, um anhaltend amüsant zu wirken. Die virtuelle Assistentin von Welt muss da schon am Puls der Zeit bleiben. Schließlich will der Scherzbold-Fanboi früher oder später wissen, was aus Steve Jobs geworden ist.

„Siri, was macht Steve Jobs gerade?“ – „Er ist im Himmel und zeigt Moses, dass man heutzutage für zehn Gebote nicht mehr zwei, sondern nur noch ein Tablet braucht.“