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Lieber Herr Amazon, ich bereue

Lieber Herr Amazon,

ja, ich gebe es zu: Ich habe bislang manche Einkäufe beim lokalen Münchner Einzelhandel getätigt, mir einen neckischen Spaß damit bereitend, mein Konsumentenprofil auf deiner allwissenden, allregistrierenden Website unvollständig zu halten. Ich sehe nun ein: Das war falsch.

So habe ich kürzlich den Fehler gemacht, ein Theraband – das ist so ein Krafttrainingsband gegen Rückenprobleme, wie man sie sich als Dauer-Notebook-User halt so einfängt – bei einem Sportzubehörladen erstehen zu wollen, den wir hier mal “Sport Nietje” nennen wollen (Name von der Redaktion geringfügig geändert). Sport Nietje liegt an einer großen, langen, geraden Ausfallstraße, die das Münchner Hauptbahnhofsviertel mit dem landschaftlich ebenso belanglosen Stadtteil München-Laim und letztlich gar mit dem fernen, aber dafür reizvollen Städtchen Landsberg verbindet.

Auf dem Weg zu einem Meeting der LANline-Redaktion entsprang ich flugs der Straßenbahn, rein in den Laden, schnappte ein Theraband, an die Kasse, ja mit Karte zahlen, Geheimnummer, bestätigen, Einkäufchen schnappen, raus und – nächste Straßenbahn verpasst: Der Bezahlprozess hatte, obwohl ich, sicher nicht ohne Grund, der einzige Kunde im Laden war, gut zehn Minuten gedauert. Denn das Nietje-Verkäuferlein war: 1. sichtlich desinteressiert und jedem Servicegedanken abhold, 2. dem Dialekt nach aus den neuen, aber in Sachen Kundenservice offenbar altmodischen Bundesländern, 3. männlichen Geschlechts. Und so mag es an einem dieser Punkte oder auch an einer Kombination derselben gelegen haben, dass das Verkäufer-Nietje zwar während meiner Präsenz an der Kasse zwei Telefonate führte, aber nicht in der Lage war, zeitgleich die Rechnung auszudrucken oder gar meine Bezahlung entgegenzunehmen.

Die verpasste Straßenbahn war nicht das Problem – ich kam dennoch pünktlich zum LANline-Meeting. Aber auf der Fahrt habe ich mich geärgert über den schlechtesten Service, den ich in den letzten Monaten erlebt habe. Und das sage ich als Kunde der berüchtigten Deutschen Bahn wie auch des Münchner Nahverkehrs-Monopolisten MVV (Münchner Verspätungs-Verbund).

Deshalb, lieber Herr Amazon, will ich nun geläutert dein Loblied singen: Dein Service ist immer schnell und gut, weil es schließlich Self-Service ist. Dein Web-Interface ist sehr übersichtlich, deine Gegenüberstellung der besten positiven und der besten kritischen Produktbesprechung eine geniale Idee und häufig hilfreich. Deine Produktauswahl ist üppig, ein wahres Füllhorn. Dein Versand ist… nun gut, das läuft über DHL, da wollen wir nicht voreilig loben…, aber zumindest bei Overnight-Bestellungen hat das bislang geklappt. Und dein Reklamations- und Rücknahmeprozess funktioniert ohne Fehl und Tadel, wie ich anhand eines defekten Blackberry Bold erfahren durfte.

Deshalb gelobe ich nun, deine geniale Website künftig viel häufiger und intensiver zu nutzen. Du darfst mein gesamtes Konsumverhalten erfahren und protokollieren – Hauptsache, du bewahrst mich vor den Service-Nietjen der Service-Nietjen-Wüste Deutschland. Manchmal werde ich vielleicht noch in dem einem oder auch anderen Buchgeschäft schmökern und stöbern, nur wegen der Haptik des Ziellos-Herumblätterns, da kann selbst deine modernste Viewer-Technik noch nicht mithalten. Aber ansonsten werde ich mich stets auf deine wohlige Site retten, immerdar.

Mit reumütigen Grüßen,
Dein Wilhelm Greiner

P.S.: Und, lieber Herr Amazon, könntest du bitte die Bahn und den Münchner Nahverkehr übernehmen, damit man in Zukunft verlässlich von A nach B kommt? Danke.

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Dedepublikation – wider das Depublizieren!

Das Internet vergisst nichts, sagt man. Wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht, ist das häufig ein Problem. Aber es gibt Tage, an denen mich dieses hartnäckige Erinnern durchaus freut.

Aktueller Auslöser meiner Freude ist die herrlich schlichte Guerilla-Website depub.org. Diese Site recycelt öffentlich-rechtliche Online-Beiträge (bislang ausschließlich solche der Tagesschau), die die Sender aufgrund rundfunkrechtlicher Vorschriften offline nehmen mussten – ein Vorgang, den man mit dem Terminus “depublizieren” belegt hat – also “wegveröffentlichen” oder “entöffentlichen”. Für mich definitiv ein Anwärter auf das Unwort des Jahres.

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Der Hintergrund: Online-Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender müssen nach bestimmten Fristen – je nach Einteilung durch einen “Drei-Stufen-Test” – dem interessierten Publikum wieder entzogen werden. Die Öffentlichkeit bezahlt damit per GEZ-Gebühren zuerst für deren Erstellung, dann für die Online-Bereitstellung und schließlich für die völlig unsinnige digitale Entsorgung.

Unsinnig freilich nur aus Sicht der Informationssucher – nicht hingegen aus Sicht der privatwirtschaftlichen Konkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen: “Diese zweifelhafte Regelung, den sogenannten Drei-Stufen-Test, haben sich die Ministerpräsidenten ausgedacht”, erinnert uns das immer wieder sehenswerte NDR-Medienmagazin Zapp. “Im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag beschlossen sie das Ende der Online-Archive von ARD und ZDF. Und so bekamen auch die Verleger, was sie wollten: Weniger Konkurrenz im Netz.”

Was der Surfer nicht mehr in den Archiven von ARD und ZDF recherchieren kann, soll er sich eben aus anderen Quellen besorgen. Als Journalist, der für einen Verlag tätig ist, müsste ich diesen Zwang zum Depublizieren also eigentlich aus Eigeninteresse begrüßen.

Dem ist aber nicht so – im Gegenteil. Denn das “Depublizieren” ist schlicht die staatlich verordnete Verarmung unseres kulturellen Gedächtnisses. Es ist nicht nur wirtschaftlich zweifelhaft, sondern einfach eine schändliche mediale Brandrodung.

Deshalb ist das Vorgehen der publizistischen Revoluzzer von depub.org, obschon illegal, eine Bereicherung – genauer: eine Wiederanreicherung – unserer Online-Medienlandschaft. Es lebe die Re-De-Evolution!