Schlagwort-Archive: Prism

Spieglein, Spieglein an der Wand: ein Geheimdienstmärchen

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem fernen Land, da gab es eine schöne Königin, die stolz war und übermütig, und die es hasste, wenn jemand schöner war als sie.  „Spieglein, Spieglein an der Wand“, fragte sie deshalb das allwissende Nationale Spieglein an der Wand (kurz NSADW), „wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Da antwortete das Spieglein: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im ganzen Land.“ Dann druckste es ein bisschen rum und fuhr fort: „Tja, also, allerdings hat unsere Big-Data-Analyse von vielen Dutzend E-Mails und Status-Updates ergeben, dass hinter den sieben Bergen bei den G7-Zwergen das Netzwittchen lebt, und die ist noch 999,97-mal schöner als Ihr. Mit 50,1-prozentiger Sicherheit.“

130701FairyTale

Da erschrak die Königin und wurde ganz grün vor Neid und schrie und tobte. Doch dann verkleidete sie sich als alte Bauersfrau und schnappte sich einen Apfel, den sie zuvor mit Gift und einem RFID-Chip präpariert hatte. Sie reiste zu den G7-Zwergen, suchte das Netzwittchen auf und schenkte ihr den Apfel, in den das Netzwittchen sogleich wohlgemut hineinbiss. Als des Nachts die G7-Zwerge von einer Tagung in Brüssel heimkehrten, fanden sie das Netzwittchen leichenblass und reglos vor und waren voller Trauer, denn sie hielten es für tot. Und so legten sie das Netzwittchen in einen gläsernen Sarg und richteten ihr eine Gedenkseite auf Facebook ein.

Eine edler Königssohn aus dem hohen, eiskalten Norden sah diese Facebook-Seite, verliebte sich sofort in das Netzwittchen in ihrem gläsernen Sarg und zog los, sie zu suchen. Kaum war er bei den G7-Zwergen angekommen, da erkannte er, dass das Netzwittchen gar nicht tot war. Er hob das Netzwittchen sachte an, umarmte sie von hinten und drückte ihr seine starke Faust auf den Magen. Mit einem herzhaften Ruck lüpfte er sie sodann nach oben, sodass das giftige Apfelstückchen samt RFID-Chip in hohem Bogen aus ihrem Munde und in den Fluss flog. Da verschwand das Netzwittchen vom Radar des NSADW, weshalb der Eingriff des tapferen Prinzen bis heute in Mediziner- und Geheimdienstkreisen als „Heimlich-Manöver“ bekannt ist.

Als das Netzwittchen die Augen aufschlug, sagte der Prinz zu ihr: „Heirate mich und folge mir in mein fernes, verschneites Königreich! Ich heiße übrigens Edward, Prinz Edward von der Schneehöhle*.“ Und sie folgte ihm, und es gab eine prächtige Hochzeit, und fortan trug sie den Namen Schneewittchen.

Als die eitle Königin aber bemerkte, dass das Schneewittchen lebte und noch dazu das NSADW jede Spur von ihr verloren hatte, riss sie das Spieglein wutentbrannt von der Wand und schleuderte es so weit hinfort, dass es in der trockensten Ebene in den Steinigen Bergen landete. „Fortan“, brüllte die Königin dem Spieglein hinterher, „sollst du Nationales Spieglein Abgehängt, kurz NSA, heißen!“

Da war das NSA ganz traurig, und so baute es sich ein riesiges Rechenzentrum, viel größer und schöner als alle anderen Rechenzentren auf der Welt, um künftig den Datenverkehr im weltweiten Netz noch viel, viel besser abhören zu können. Und wenn niemand das Spieglein zerbrochen hat, dann lauscht es noch heute.

* Im Originaltext, der den Gebrüdern Grimm als Vorlage diente, heißt es hier: „BTW, I’m Edward, Prince of the Snow Den.“ Da der Originaltext aus Hawaii stammt, ist bislang unklar, wie es zum „Prince of the Snow Den“ kam, denn die Hawaiianer kennen gar keinen Schnee. Die Geheimdienst-Märchenforschung steht hier vor einem Rätsel.