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Remix: Plagiieren im Zeitalter des Crowdsourcings

Fachleute wissen: Das Internet wurde nur für einen einzigen Zweck erfunden – um Katzenliebhabern (und wer wäre das nicht) Zugang zu einem unermesslichen Vorrat an Bildern und Filmen mit so genannten LOLcats – süßen Kätzchen in putzigen, drolligen oder sonstwie amüsanten Situationen – zu verschaffen. “LOLcat” ist übrigens eine Zusammensetzung aus “LOL” (kurz für “Laughing out loud”, laut loslachen) und “cat” (kurz für “Es gibt nur zwei Arten von Menschen: Fans und Personal.”).

Inzwischen haben Forscher aber in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit noch weitere Einsatzmöglichkeiten für das Internet entdeckt: Es kann als Kommunikationsmedium für Revolutionen dienen oder auch als Plattform dafür, eine Aufgabe auf beliebig viele Schultern zu verteilen, “Crowdsourcing” genannt (ein Wortspiel aus “Crowd”, also “Menschenmenge”, und “Sourcing” wie in “Outsourcing”, “nach außen geben” im Sinne von “nicht selber machen müssen”). Crowdsourcing findet man heute vielerorts: So arbeiten Hunderttausende an der Vervollständigung des LOLcat-Archivs auf YouTube und Flickr, andere wiederum halten mit Wikipedia das führende Crowdsourcing-Lexikon im Zustand ständiger Verfeinerung.

Auf eben dieser Wikipedia hat ein Scherzbold kürzlich unter die vielen Vornamen unseres Verteidigungsministers von und zu Guttenberg den Zusatz-Vornamen “Xerox” gemischt, in Anspielung auf Plagiatsvorwürfe, die derzeit an Guttenbergs Überflieger-Image kratzen. Und auf einem anderen Wiki namens “Guttenplag” hat sich eine Gruppe Freiwilliger zusammengefunden, um Guttenbergs Dissertation Satz für Satz in Suchmaschinen einzugeben, um jeweils die Frage “Original oder Plagiat?” zu klären.

Guttenberg-Freunde wenden ein, hier seien Guttenberg-Feinde am Werk, die die Gelegenheit nutzten, Dreck auf die hochglanzpolierte Fassade des adligen Politpromis zu werfen. Das mag so sein. Dennoch sehen wir hier, dem Internet sei dank, einen kollektiven investigativen Journalismus, der ganz erstaunliche Ergebnisse liefert: Bislang meldet die Guttenplag-Site, man habe auf stolzen 72% aller Seiten der Dissertation nicht korrekt zitierte Quellen gefunden. Allein das “Best of” der Fundstellen hat durchaus hohen Unterhaltungswert. Denn die Crowdsourcing-Recherche lässt vermuten: Hier war ein dreister Dieb geistigen Eigentums am Werk, der sich – in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit, das wollen wir nun gerne glauben – fremde Beiträge angeeignet und seine Spuren verwischt hat.

Die konservative FAZ – Guttenberg-Feind, da dieser sich aus ihr ebenfalls bedient hat – will da nicht mehr an Fahrlässigkeit glauben und fällt ein vernichtendes Urteil: “Eine so aufwendige und liebevoll hergestellte Täuschung findet man in der jüngeren deutschen Universitätsgeschichte nicht so leicht. Wer hier am Werk war, wusste, was er tat, und dass es nicht gestattet ist.”

Was denn? Unser Supergutti, bislang als Meister des Umgangs mit den Massenmedien bekannt, soll von der Macht des Internets nichts gewusst haben? Soll so sehr in adelig-schnöseligem “Das ficht mich nicht an” gefangen gewesen sein, dass er sich als immun betrachtete trotz der allseits bekannten Effektivität von Google und Co.? Guttenberg hat seine Dissertation vor WikiLeaks geschrieben und vor der Facebook- und Twitter-gestützten Revolution in Ägypten – aber dennoch: An solch völlige Ignoranz sollen wir glauben?

Nein, wer im Zeitalter des Crowdsourcings so dreist plagiiert, der ist kein auf einen akademischen Titel versessener Streber, der ist ein Künstler! So wie in der Musik – wiederum, wer hätt’s gedacht, Internet-gestützt – durch den Remix vorhandenen Materials ständig neue Songs und sogar Stile entstehen, so war es Karl Theodor von und zu Guttenberg, der die Genialität besaß, dieses Prinzip des Remix in das akademische Arbeiten einzuführen.

Mögen seine Feinde also ruhig behaupten, Guttenberg werde die von ihm selbst so hoch gelegte Messlatte reißen und als Fußnote der Geschichte enden. Wir jedoch wissen: DJ Supergutti steht in einer Reihe mit Mozart, mit Elvis, mit Jimi Hendrix, mit AC/DC!

Wie genial dieser akademische Remix war, kann nur der ermessen, dem auffällt, dass Guttenberg die Verwendung von Sony-Material in seiner Dissertation akribisch vermieden hat, wohl wissend, dass es sonst schnell hieße: “Diese Dissertation ist in Ihrem Land nicht verfügbar.” Generationen künftiger Akademiker werden diese Remix-Technik aufgreifen, weil sie auch so sein wollen wie der legendäre DJ Supergutti. Denn seine Dissertation setzt neue Maßstäbe für wissenschaftliches Arbeiten.

Echte Helden und Genies erkennt die Menschheit aber meist erst im Nachhinein, oft erst nach deren Ableben. Wenden wir uns vorerst also getrost wieder den wirklich wichtigen Dingen zu. … Libyen? Wieso Libyen? Nein, guckt mal, was ich hier gefunden habe, hach, ist die süüüüüüß…: http://www.youtube.com/watch?v=TZ860P4iTaM.

Social-Media-Desaster: Nestlé bringt Kritiker mit Palmöl auf die Palme

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé steht seit Tagen auf seiner Facebook-Fanpage heftig unter Beschuss – was in der Folge auf Twitter, Blogs und Websites seinen Widerhall fand. Der Grund: Kürzlich hat Greenpeace eine Kampagne gegen den Konzern angestoßen, da dieser für seine Produkte – im Fokus stand hier der Schokoriegel “Kitkat” – Palmöl verwendet. Greenpeace kritisiert, dass für die Gewinnung dieses Palmöls Regenwald großflächig abgeholzt und damit der Lebensraum der Orang-Utans bedroht wird. Zu dem Thema haben die Umweltschützer eine Broschüre herausgegeben und im Rahmen einer Social-Media-Kampagne ein paar recht drastische Videos (hier und hier) ins Netz gestellt.

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Die Reaktion seitens Nestlé kann man bestenfalls als unbeholfenes Krisenmanagement beschreiben. Denn nicht nur haben Nestlés Anwälte offenbar versucht, die Video-Kritik auf YouTube zu unterbinden – zudem haben sich die Community-Manager des Konzerns von den durchaus heftigen Anschuldigungen zu geradezu klassischen Social-Media-Fehlreaktionen verleiten lassen. Dies hat die Diskussion auf Facebook erst so richtig angeheizt, wie der angehende Kommunikationswissenschaflter Till Achinger herausgearbeitet hat.

Denn zahlreiche Online-Umweltschützer hatten als Avatar jenes modifizierte Logo verwendet, auf denen statt “Nestlé Kitkat” die Persiflage “Nestlé Killer” zu lesen war. Dagegen verwahrte sich der Konzern und kündigte an, alle Beiträge mit dem modifizierten Logo von seiner Fanpage zu löschen – was prompt eine Welle der Empörung auslöste, in der sich gereizte Kritik an mangelndem Umweltschutz mit Zensurvorwürfen paarte, ist doch “Zensur” ein mindestens ebenso neuralgisches Reizwort der Social-Networking-Kultur wie “Umweltzerstörung”.

Auf das Posting eines Benutzers, ein verändertes Emblem sei ja gar nicht mehr Nestlés Logo, reagierte der Community-Manager des Konzerns zunächst bemüht ironisch: “Das ist ein neues Verständnis von geistigem Eigentum. Wir werden drüber nachsinnen.” Auf die Entgegnung des Nutzers, man solle doch besser das Cluetrain-Manifest lesen, statt die Besucher der Site zu verprellen, reagierte der Nestlé-Angestellte dann endgültig pikiert: “Danke für den Benimmunterricht. Betrachten Sie sich als umschlungen. Aber das ist unsere Site, wir bestimmen die Regeln, und das war schon so von Anbeginn.” Ein solch herablassender Tonfall ist im Umgang mit erzürnten Kunden natürlich keine wirklich großartige Idee – egal ob auf einer Social-Networking-Plattform oder im noch richtigeren Leben.

Und so gewann Nestlé – Gratulation auch von meiner Seite – zur von Greenpeace initiierten Naturschutzdiskussion auch gleich noch eine vom Konzern selbst angestoßene Debatte um mangelnde Social-Media-Kompetenz dazu. Auch auf diese Site hätte es die Greenpeace-Kampagne wohl nicht geschafft, wäre das Community-Personal des Konzerns nicht so offensichtlich überfordert – und scheinbar auch nicht ausreichend geschult im Social-Media-gerechten Krisenmanagement.

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Der Konflikt zwischen Greenpeace und Nestlé über Palmöl in Kitkat sei damit ein “Musterbeispiel für die Art und Weise, wie Social Media als Krisenkatalysator funktioniert”, so Thomas Euler auf pr-blogger.de. “Ohne den gekonnten und koordinierten Einsatz eines mannigfaltigen Online-Toolkits hätte Greenpeace kaum eine vergleichsweise große Aufmerksamkeit – weltweit wohlgemerkt – auf das Thema lenken können, schon gar nicht in so kurzer Zeit.”

Inzwischen hat Nestlé sich aus der Diskussion auf Facebook offenbar verabschiedet – man wartet ab und hofft, dass sich die Greenpeace-Aktion als Sturm im Palmölglas erweisen wird. In der Tat mehren sich auch wieder die Stimmen unter den Nestlé-Fanpage-Besuchern, die den Greenpeace-Vorstoß völlig ignorieren oder aber den Kritikern – teils mit Argumenten, teils mit Beschimpfungen, wie die Gegenseite auch – Paroli bieten.

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Ein zumindest temporärer Imageschaden und Kundenverlust ist dem Konzern aber durch die Auseinandersetzung entstanden: Auf dem Sysomos-Blog war die Berechnung eines Zuwachses von fünf Prozent negativer Einstellungen zu lesen. Die langfristigen Auswirkungen bleiben abzuwarten.

Das Fazit zur Konfliktkommunikation hat der Analyst Jeremy Owyang auf seinem Blog web-strategist.com zusammengefasst: Die Konzerne seien “auf organisierte Social-Angriffe nicht vorbereitet”, so Owyang. Er empfiehlt den Unternehmen deshalb, eine Social-Strategie zu entwerfen und das Krisenmanagement zu üben. Ein weiterer Tipp des Social-Media-Fachmanns: “Stellen Sie erfahrene Community-Manager ein – delegieren Sie das nicht an den PR-Praktikanten.” Könnte das ein Seitenhieb auf Nestlé sein? :-)

P.S.: Die ARD-Sendereihe Report Mainz brachte kürzlich einen Bericht darüber, dass auch Öko-Hersteller das bedenklich gewonnene Palmöl verwenden – das Problem reicht also weiter, als man gedacht hätte. Wer sich für dieses oder ein anderes Umweltschutzthema engagieren möchte, für den bietet Greenpeace übrigens ein eigenes Social Network für Öko-Aktivisten unter http://beta.greenaction.de.

Social-Media-Experiment führt zu GEZänk

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, rät der Volksmund. Er sollte aber auch um sein Glashaus herum keine Wurfgegenstände bereitlegen. Oder gar Katapulte parken. Dies gilt auch im Bereich Social Media: Im Web 2.0 ist das interaktive Glashaus nur einen virtuellen Steinwurf weit entfernt.

Viele Unternehmen schrecken vor dem Thema Social Media zurück, weil sie verbalen oder gar multimedialen Vandalismus befürchten. In aller Regel sind diese Befürchtungen – das stellen Unternehmen dann oft zur eigenen Überraschung fest – allerdings völlig unbegründet. Eine Ausnahme bilden Unternehmen, Institutionen und Organisationen, die bei nennenswerten Teilen der Bevölkerung ausnehmend unbeliebt sind, aus welchen Gründen auch immer – also etwa Politessen, das Finanzamt, die Gebühreneinzugszentrale  (GEZ) der Radio- und TV-Sendeanstalten oder der “Kundenservice” der Deutschen Telekom.

Derartige Außenseiter dürften kaum hoffen, auf Facebook nennenswert über eine zweistellige Zahl von Fans hinauszukommen – außer sie arbeiten mit unlauteren Mitteln – wie laut Medienberichten der Deutsche Bauernverband oder die Süddeutsche Zeitung – und erklären sich damit praktisch bereit, sich “#socialmediafail” auf die Stirn tätowieren zu lassen.

Vor diesem Hintergrund ist es eher unwahrscheinlich, dass Politessen sich zusammentun, um ein Wiki namens politessen-beschimpfung.de aus der Taufe zu heben. Und das Finanzamt wird hoffentlich nie unsere Steuergelder dafür verschwenden, das Diskussionsforum sag-dem-finanzamt-deine-meinung.de aufzusetzen oder auf Facebook Fans einsammeln zu gehen.

Ganz anders hingegen die GEZ: Unter www.gez-meine-meinung.de haben die Gebühreneinzieher Anfang Februar – voll am Puls der Zeit, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen eben ist – ein Social-Software-Portal freigeschaltet. Allerdings nur von Montag bis Freitag und von von 8 bis 22 Uhr (außer an NRW-Feiertagen), denn es ist ein moderiertes Forum, und als GEZ-Moderator hat man eben geregelte Arbeitszeiten, da muss sich der Kunde schon danach richten.


Seither diskutiert die Web-2.0-Szene – mal amüsiert, mal verärgert, gerne auch mal sarkastisch, aber durchaus auch konstruktiv (siehe hier und hier) – über das Social-Media-Gebaren der Geldeintreiber für das (überwiegend) öffentlich-rechtliche Sendegeschehen – und darüber, wie eklatant die GEZ Ausmaß und Härte der zu erwartenden negativen Kommentare unterschätzt hat. Man wollte ein Forum für den Meinungsaustausch der Teilnehmer untereinander bieten – um dann selbst als Zielscheibe zahlreicher Verbalattacken dazustehen.

Die Forumsbetreiber haben einen Verhaltenskodex veröffentlicht – was sinnvoll und auch gar nicht zu beanstanden ist – und mussten feststellen: Einige Diskutanten verschafften – wer hätte das je gedacht? – ihrem angestauten Unmut über die als gesetzlich sanktioniertes Raubrittertum empfundene GEZ-Aktivität reichlich unverblümt Luft – oft schon in der Wahl ihres Alias für das Forum. Und so sahen sich die GEZ-Moderatoren genötigt, einige Beiträge sowie selbstverliehene beleidigende Teilnehmernamen zu löschen. Was den Moderatoren – auch dies war abzusehen – geradezu zwangsläufig den Vorwurf der Zensur einbrachte und die Debatte natürlich erst recht aufheizte. Ein klassischer Social-Media-Fehlstart – nur diesmal eben mit “Ladenöffnungszeiten” und auf Kosten der Gebührenzahler.

Das PR-Team von US-Präsident Obama – dessen Wahlkampf für effektive Social-Media-Nutzung hochgelobt worden war – kommuniziert auf www.whitehouse.gov mit dem US-Volk auf einer Web-2.0-fähigen Drupal-Plattform – nutzt diese aber als reines Push-Medium für Informationen (wie hier schon einmal erwähnt). Denn Obamas Kommunikationsprofis wissen: Ein Forum hätte enorme Anziehungskraft für die Steinewerfer aus dem republikanischen Lager. Also lassen sie die Finger davon.

Denn Social Software ist kein Allzweckwerkzeug für jeden Kommunikationsbedarf. Dass die GEZ sich auf eine Social-Software-Plattform eingelassen hat, war deshalb, nun ja: mutig. Nicht intelligent, aber mutig.

Denn abgesehen davon, dass die GEZ auf die erwartbaren Flames nicht angemessen vorbereitet war, fehlt der Plattform gez-meine-meinung.de die Antwort auf eine zentrale Frage: Warum gibt es das Forum überhaupt?

Die GEZ-Kritiker im Web 2.0 – “internetaffine Zielgruppen”, die die GEZ laut eigener Pressemitteilung mit dem Forum erreichen wollte – sind häufig verärgert darüber, dass der Gebühreneinzug auf TV-taugliche Computer ausgedehnt werden soll. Und diesem Ärger machen sie schon längst in diversen Foren Luft, etwa in der Facebook-Gruppe “Gegen GEZ” mit über 1.500 Mitgliedern.

Dabei hätte das Thema – das hat die GEZ immerhin erkannt – durchaus eine grundlegende und ernsthafte Debatte verdient. Denn einerseits bewahren uns staatlich subventionierte Medien eine gewisse informationelle Grundsicherung: Mir sind “tagesthemen”, “heute journal” oder “hart aber fair” allemal lieber als das, was viele US-Fernsehstationen ihrem Publikum als “Nachrichtensendung” oder “Polit-Talk” vorsetzen. Andererseits ist im Web-2.0-Zeitalter – in dem jeder Anwender Sender und Empfänger zugleich ist – nicht mehr vermittelbar, wieso zum Beispiel ein Blogger selbst Inhalte gratis produzieren, dann aber verkrustete Beamtenapparate für ein antiquiertes Subventionsfernsehen bezahlen soll. Aus Sicht der Fernsehmacher eine Zwickmühle, die aber jene oft gar nicht erst erkennen, die eine Wikinomics-Mentalität bereits verinnerlicht haben oder gar mit ihr aufgewachsen sind.

Social-Software-Plattformen sind sinnvoll und nützlich, wenn ein Unternehmen oder eine Organisation den Anwendern damit Werkzeuge liefern kann, um sich besser zu vernetzen und produktiv auszutauschen – wie das etwa in Microsofts Technet oder in IBMs zahlreichen Communities passiert. GEZ-Gegner können sich aber auch ohne Hilfe der GEZ ganz gut selber vernetzen. Aus ihrer Sicht kommt deshalb nun eine Kontrollinstanz daher, macht eine “Social”-Plattform auf und will damit die Debatte kontrollieren.

Das muss natürlich erst einmal zum Eklat – oder zumindest zum Sturm im Wasserglas – führen. Wenn die GEZ Glück hat, verfliegt irgendwann der Reiz, auf gez-meine-meinung.de Flames zu posten, und es kommt mit einigem Zeitverzug doch noch ein Debättchen in Gang, wenngleich in einem ramponierten Glashaus.

Sinnvoller wäre es jedenfalls gewesen, die GEZ hätte sich in den diversen bestehenden Foren auf die sowieso schon längst laufende Diskussion mit den Web-2.0-Anwendern eingelassen. Natürlich nur werktags von 8 bis 22 Uhr (außer an NRW-Feiertagen).

Social-Networking-Richtlinien: Notwendig, übel oder notwendiges Übel?

Der deutsche Ableger des US-Analystenhauses IDC hat kürzlich ein Thesenpapier zum Umgang der Unternehmen mit dem Phänomen Social Networking herausgebracht: “Soziale Netzerke (gemeint ist: Netzwerke) im Web 2.0 Zeitalter (gemeint ist: heute)”. Der auffallend skeptische Untertitel: “Notwendiges Übel oder unvermeidbare Notwendigkeit?” Streichen wir aus dieser Gegenüberstellung auf beiden Seiten das “notwendig” heraus, dann stellt sich für die Analysten offenbar die Frage: Ist Social Networking für Unternehmen schädlich ist oder einfach nicht zu vermeiden? Dass Social Networking für die Business-Welt auch einen Fortschritt darstellen könnte, dieser Gedanke drängt sich bei der IDC-Formulierung nicht sonderlich stark in den Vordergrund.

Woher rührt diese Skepsis seitens IDC (während das konkurrierende Analystenhaus Forrester seit Jahren eifrig den Unternehmenseinsatz von Social Networks, Social Software und Social Media predigt)? IDC hat letztes Jahr in den USA eine Umfrage durchgeführt, die ergab, dass dieses Thema den CIOs erhebliche Kopfschmerzen bereitet. Denn: “Man muss inzwischen davon ausgehen, dass Mitarbeiter – jedenfalls bis zu einem bestimmten Grad – ihr privates und berufliches Leben auf diesen Seiten vermischen.” Unter Bezug auf eine Umfrage unter 390 Mitarbeitern mittelgroßer und großer US-Unternehmen heißt es dann: “Nahezu 90 Prozent der Befragten vermischen private und berufliche Interaktionen innerhalb einer Sitzung (Session) auf Linkedin.” Bei Facebook und Twitter seien es immerhin noch über 60 Prozent.

Für Deutschland dürften solche Zahlen deutlich niedriger liegen, da Trends ja immer ein paar Jahre brauchen, bis sie aus den USA zu uns herüberschwappen. Aber richtig – und gar nicht einmal etwas Neues – ist: Die Grenze zwischen privater und beruflicher IT-Nutzung löst sich auf. Weil es möglich ist, weil es praktisch ist, weil es Zeit spart – und weil es oft genug Arbeitsabläufe vereinfacht: Noch ein weiteres Analystenhaus, nämlich die Experton Group, verwies kürzlich auf eine (Fremd-)Studie, laut der 81 Prozent der Befragten angaben, Social Networking könne für Unternehmen ein Segen sein, da es ihnen erlaubt, leichter mit Kunden in Kontakt zu treten und Markenbildung zu betreiben.

Trotzdem haben viele Unternehmenslenker die oft sicher nicht unberechtigte Sorge, ihre Mitarbeiter könnten durch Extreme Facebooking und Power-Tweeting wertvolle Arbeitszeit verplempern – und dabei vielleicht sogar noch der Marke schaden oder Firmengeheimnisse ausplaudern. Bei diesem Szenario stellen sich einem Firmenchef natürlich die Nackenhaare auf, und über seinem Kopf bilden sich dunkle Gewitterwolken. Sein Justiziar wiederum läuft rot an und beginnt, deutlich vernehmbar zu hyperventilieren, denkt er doch an die möglichen rechtlichen Konsequenzen.

Oliver Tuszik, seines Zeichens Chef von Computacenter, brachte dies kürzlich im Gespräch mit mir auf die Formel: “Compliance-Anforderungen erzeugen beim Social-Software-Einsatz in Unternehmen ein Spannungsverhältnis: einerseits ein manchmal schon fast fatalistischer Vertrauensvorschuss der Digital Natives, andererseits die rechtlichen Verpflichtungen der Unternehmen etwa zum Datenschutz.”

Deshalb raten viele Fachleute den Unternehmenslenkern schon aus rechtlichen Gründen dazu, ihren Mitarbeitern für den Umgang mit Social Networks durch Richtlinien klare Grenzen zu setzen. Auch IDC führt im erwähten Thesenpapier zehn Richtlinien auf, die allerdings reichlich plakativ ausfallen: “Respektieren Sie den Datenschutz und die Geheimhaltung”, “Unterstreichen Sie Ihre Meinung mit Fakten”, “Geben Sie einen Fehler zu und korrigieren Sie diesen” – solche Tipps sind nie falsch, online wie offline.

So wichtig sinnvoll formulierte Richtlinien sein mögen – für Unternehmen, die Social Software hausintern oder für den Umgang mit Kunden und Partnern nutzen wollen, um ihre Produktivität oder Kundenansprache zu verbessern, bedeuten solche Policies ein böse Zwickmühle: Denn hohe Reglementierung hat häufig den Effekt, Mitarbeiter zu demotivieren – oder sie sogar völlig vor der Social-Software-Nutzung abzuhalten. Dann ist es schnell vorbei mit der Social Collaboration im Hause oder der raschen Reaktion auf Tweets von Kundenseite.

Manche Fachleute vertreten deshalb eine konträre Position. So rät zum Beispiel David Nüscheler, der CTO des Web-Content-Management-Anbieters Day Software: “Nur eingreifen, wenn es Probleme gibt.” Verfechter dieser Position neigen dazu, im Bezug auf Social Networking und Social Software in erster Linie an den gesunden Menschenverstand zu appellieren: Einfach beim Twittern, Bloggen, Chatten, auf Xing, Linkedin oder Facebook das Hirn nicht ausschalten und nichts posten, tweeten oder schreiben, was man nicht auch anderweitig – etwa dem Chef, der Konkurrenz, dem Kunden gegenüber – öffentlich kundtun würde. Ende der Durchsage.

Selbst Nüscheler gibt zwar zu: Für den Notfall braucht man eine Plattform, um zumindest auf der eigenen Website voreilig oder anstößig Gepostetes schnell wieder löschen zu können. Dennoch sei ein vertrauensvoller, vernünftiger Umgang mit den Mitarbeitern unterm Strich effektiver als ein umfangreiches Regelwerk, von dem die meisten Kollegen nicht einmal wissen, wo es überhaupt zu finden ist.

Fazit: Social Software eignet sich nur für Unternehmen mit einer auf Vertrauen und Wertschätzung der Mitarbeiter beruhenden Unternehmenskultur – alle anderen haben ein Problem.

Kollege Meier, hör’n Sie doch mal kurz auf mit der Twitterei und holen Sie einen Schluck Wasser – unser Herr Justiziar hyperventiliert schon wieder! Dass das aber auch so schwierig sein muss mit diesem Social-Gelumpe…!

Obama zwischen Web 2.0 und Schlammschlacht 1.0

Barack Obama gilt als der erste US-Präsident, der es verstanden hat, das Web 2.0 für seinen Wahlkampf zu nutzen. Presse, Websites und Blogger äußerten sich damals gerne lobend zum Beispiel über seine Präsenz auf Facebook (wo El Presidente heute knapp eine halbe Million Fans hat, dazu weit über sieben Millionen Fans auf der Seite seiner Grassroots-Bewegung “Organizing for America“).

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Heute nutzt die offizielle Site des US-Präsidenten www.whitehouse.gov das auch für Web-2.0-Szenarien beliebte Open Source CMS (Content Management System) Drupal, was für große Freude in der Drupal-Community gesorgt hat (siehe dazu hier). Das Weiße Haus twittert natürlich auch, die Tweets erreichen knapp 1,7 Millionen Followers.

Jetzt fehlt bloß noch, dass Obama auch noch seine eigene iPhone-App … upps, sorry: fehlt nicht! Auf seinem Blog meldete das Weiße Haus kürzlich, dass man die Neuigkeiten und neuen Inhalte auf whitehouse.gov nun auch via iPhone-App mitverfolgen kann, die in Apples App Store kostenlos verfügbar ist.

Obama eroberte das coole Szene-Handy mit perfektem Timing: gerade rechtzeitig vor seiner großen Ansprache, der State of the Union Address, weshalb diese auf dem White-House-Blog auch umgehend als “State of the Union 2.0” angekündigt wurde.

Das Weiße Haus bloggt, twittert, facebookt, postet Multimedia-Material, hat eine iPhone-App, man kann die whitehouse.gov-Einträge taggen und sharen, man kann die Updates als RSS-Feed bestellen (und natürlich auch ganz konventionell als E-Mail-Newsletter). Also alles Obama 2.0?

Was man auf whitehouse.gov vermisst, sind die in Social Networks üblichen Feedback-Mechanismen, etwa Kommentare zu den Blog-Einträgen, Ratings oder Diskussionsforen. Auch die iPhone-App ist ein reiner Output-Mechanismus ohne Feedback-Kanal, wie die US-Site Fastcompany.com bemängelte, die das Appchen dann auch gleich als Propaganda abtat … als ob eine White-House-Software unparteiisch sein müsste. Und als ob es in der US-amerikanischen Politik irgend einen anderen Kommunikationsstil gäbe als den kontinuierlichen Propaganda-Schlagabtausch, gerne auch mal unter die Gürtellinie, da kennen insbesondere republikanische Hardliner keine Grenze nach unten. (Einfach mal danach googeln – oder besser nicht.)

Wäre whitehouse.gov tatsächlich eine vollwertige Web-2.0-Site, böte sie die Plattform für die wahrscheinlich übelste Propaganda-Schlammschlacht seit… tja, seit dem letzten US-Präsidenten-Wahlkampf: Diffamierung 24×7, Politparolen rund um’s Jahr. Fastcompany meint zwar: “Bevor man argumentiert, dass solche Feedback-Möglichkeiten schnell in kleinliche parteiische Beschimpfungen abdriften würden, sollte man sich in Erinnerung rufen: Wenn irgend jemand in der Lage ist, ein Team von Forum-Moderatoren anzuheuern, um die Diskussionen zu überwachen, dann ist es das Weiße Haus.” Tja, und wenn für den ganzen Zirkus irgend jemand aufkommen muss, dann ist es der Steuerzahler.

Nicht jeder Einsatzfall ist für das Web 2.0 gleich gut geeignet, und kein Mensch braucht Extreme Schlammschlachting 2.0. Vielleicht ist es ja manchmal einfacher und möglicherweise sogar eleganter, sich ganz “Web 2.0″ zu geben – um sich dann aber mit Web 1.5 zufriedenzugeben.