Schlagwort-Archive: Worst Case

Die große Pulitzer-Preis-Rede von 2018

Liebe Androiden, liebe Menschen, „Ich habe den rechten Blinker gesetzt. Ich bin rechts abgebogen. Ich habe den rechten Blinker ausgeschaltet.“ Ich habe das nie ergreifender beschrieben gefunden.

150701_Auto-Biografie Ich lese weiter:
„Ich biege auf den Highway One ein.
Ich folge dem Straßenverlauf lange.
Ich erkenne ein sich langsam bewegendes Hindernis.
Ich leite ein Überholmanöver ein.
Ich scanne die Gegenfahrbahn auf Objekte.
Ich erkenne zahlreiche Objekte auf der Gegenfahrbahn.
Ich breche das Überholmanöver ab.
Ich folge dem sich langsam bewegenden Hindernis.
Ich folge dem sich langsam bewegenden Hindernis.
Ich folge dem sich langsam bewegenden Hindernis.
Alarm gelb: Batteriestand niedrig.
Ich folge dem sich langsam bewegenden Hindernis.
Alarm orange: Batteriestand sehr niedrig.
Ich folge dem sich langsam bewegenden Hindernis.
Alarm rot: Batt…“

Ich habe das gelesen.
Ich habe festgestellt, dass ich gemäß „Blade Runner“-Definition 2017:1 „gerührt“ bin.
Ich habe das Buch für die Preisverleihung vorgeschlagen.
Ich habe die „Wenn nur ein Buch vorgeschlagen“-Routine ablaufen lassen.
Ich habe das Buch gewählt.
Ich gratuliere dem Verfasser dieses Buchs.
Ich danke Ihnen für das Konsumieren dieses Holocasts.

Wenn Sie diesen Holocast nochmals konsumieren möchten, sagen Sie „Nochmals konsumieren!“ oder drücken Sie „001“.

—– Rede von Autonomous Literary Critic ALC-753-02 zur Verleihung des „IBM-Watson-Pulitzer-Preises“ für den 23.1.2018 im Zeitslot „22:00 Uhr bis 22:05 Uhr“ in der Kategorie „Biografie“ für das Logbuch „On the Road – eine Auto-Biografie“ von WAUDDD-7372872-DX, erschienen bei SkyNet Autonomous Publishing, New New New New York, 23.1.2018, 22:00 Uhr.

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Trost und Rat von Dr. Wilhelm Greiner: Wie regle ich meinen digitalen Nachlass?

Eines Tages wird unsere Herzrate auf Null sinken, unsere Smartwatch wird dies auf Facebook posten, und einige unserer „Freunde“ werden es „liken“. Hier heißt es selbst für Ewigjunggebliebene mit Hipster-Bart, Zwölf-Zoll-MacBook und Longboard, rechtzeitig Vorsorge zu treffen.

Facebooks Apple-Watch-App möchte Zugriff auf unsere Herzfrequenz erhalten. Das musste ja so kommen.

Facebooks Apple-Watch-App möchte Zugriff auf unsere Herzfrequenz erhalten. Das musste ja so kommen.

Gadgets und Apps rücken uns immer näher auf den Pelz – genauer: auf das, was uns die Evolution mit ihrem skurrilen Sinn für Humor vom einstigen Primatenfell übrig gelassen hat. Waren die grün flimmernden Monitore unserer Altvorderen noch über lange kupferne Nabelschnüre mit wandschrankgroßen Apparaten im ferner Rechenzentrum verbunden, so daddelt heute schon jeder Dreijährige im Bettchen auf einem iPad mit Prozessorpower, um die der altvordere DV-Leiter ihn „zu seiner Zeit“ beneidet hätte. Die etwas älteren Kinder tragen dann ständig ein Smartphone in der Hosentasche mit sich (um dessen Rechenpower die Altvorderen… etc. pp.), und die noch etwas älteren Kinder pilgern MacBook-, iPhone- und iPad-bepackeselt zum nächsten Apple Store, damit eine Apple Watch (um deren Rechenpower… ach, egal!) sie handgelenks noch stärker an die Markenwelt ihrer Wahl fesseln kann.

Was aber, wenn unser Konsument eines Tages feststellt, dass für ihn die Apple Watch abgelaufen ist und er folglich aus dem Konsumentenleben scheiden muss? Wie macht er das? Gibt’s da eine App für?

Offenbar nicht. Noch nicht. (Achtung: Marktlücke!) Deshalb folgen hier präventiv und prophylaktisch ein paar Tips für alle erstmaligen Konsumentendasein-Beender:

  1. Regeln Sie Ihren Nachlass rechtzeitig in einem Testament – und veröffentlichen Sie dieses als Wiki. Denn dies dürfte dem auf Wikipedia als „Wiki Wars“ bekannten besserwisserischen und/oder eigennützigen Reeditieren ganz neue Dimensionen gierigen Änderungseifers verleihen – ein Spaß für die ganze Familie.
  2. Sobald das erste Herzstechen einsetzt oder der Raucherhusten gar nicht mehr abklingen will, holen Sie Ihre über Jahre angesammelten 23 Festplatten, 626 Disketten, 77 USB-Sticks und zwölf Speicherkarten vom Dachboden und laden Sie deren Inhalte in Ihren „Public“-Ordner auf Dropbox. So schaffen Sie eine bequeme Basis, um noch rechtzeitig vor Ihrem Ableben mit allen Betroffenen die Möglichkeiten einer datenschutzgerechten Entsorgung dieser Informationen zu diskutieren.
  3. Bitten Sie einen Vertrauten, im Moment Ihres Ablebens einen weisen Sinnspruch in Ihrem Twitter-Feed zu posten. Damit wenigstens Ihr letzter Tweet keine hämische Bemerkung oder noch ein Link zu noch einem albernen Katzenvideo war.
  4. Beauftragen Sie frühzeitig einen geeigneten Dienstleister damit, Ihre Facebook-Seite post mortem zu einer Online-Gedenkstätte umzugestalten. Zur Wahl stehen hier Optionen wie etwa ein letzter Eintrag „Komme gleich wieder“ (natürlich mit Zwinker-Emoji) oder das Ändern des Beziehungsstatus in „permanently complicated“.
  5. Vergraben Sie einen Zettel mit Ihrem Online-Banking-Passwort an schwer zugänglicher Stelle und hinterlegen Sie auf dem Desktop eine Datei namens „Für meine Erben“ mit einer Anleitung, wie „finales Finanz-Geocaching“ funktioniert. Eine solche GPS-gestützte Schnitzeljagd kommt immer gut an, und wenn Sie schon nur einen lächerlichen Betrag hinterlassen, dann soll das Erben doch wenigstens Spaß machen. Am Ende der Anleitung bitte die bewährte Grußformel nicht vergessen: „Möge der am wenigsten Beschränkte aus meiner Sippschaft gewinnen!“
  6. Erstellen Sie ausführliche Anweisungen, die Ihre Wünsche zu Trauerfeier, Bestattung und Grabstätte detailliert beschreiben. Nicht übersehen sollten Sie hierbei wesentliche Vorgaben wie zum Beispiel, dass die Inschrift auf Ihrem Grabstein im Stil des Vorspanns der Star-Wars-Filme zu gestalten ist, oder dass Sie – je nach Charakter – a) mit Ihrem Smartphone, b) Ihrer Spielekonsole oder c) Ihrem treuen Tamagotchi beerdigt werden möchten. Optimisten nehmen einen Selfie Stick mit in den Sarg und bestehen auf einer Grabstätte mit guter Mobilfunkabdeckung. Sich im Live-Action-Role-Playing-Outfit beisetzen zu lassen, sei es als Fantasy-Kriegerfürst oder viktorianischer Adliger, ist durchaus OK, eine Bestattung mit Google-Glass-Brille hingegen gilt als protzig.
  7. Vergessen Sie nicht, Ihre Beerdigung filmen und auf YouTube posten zu lassen. Denn wenn Sie die Tipps eins bis sechs konsequent befolgt haben, sind Sie am Tag Ihrer Beisetzung garantiert so unbeliebt, dass ein filmischer Nachweis Ihres Ablebens Sie posthum zum YouTube-Star macht. Zu diesem Zeitpunkt haben Sie natürlich nichts mehr davon, aber zu Lebzeiten haben Sie nun die Gewissheit, selbst in unserer schnelllebigen Social-Media-Ära einst etwas Bleibendes zu hinterlassen. Und das ist doch ein gutes Gefühl.

Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, denn dann diskutieren wir die Frage: iCoffin, der Apple-Sarg mit Bewegungsmelder, Notruf-App und iTunes-Streaming für die Wartezeit bis zur Exhumierung – Must-Have für den Silver Surfer oder doch nur Geldschneiderei?

 

CES 2015: Wenn Smart Devices wirklich „smart“ wären

Immer zum Jahresanfang überschwemmt die Computerindustrie auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas den Markt mit neuen „smarten“ Gadgets. Wenn diese allerdings wirklich smart wären, würden sie sich ganz anders verhalten.

Smartphones zum Beispiel sind nützlich, ja, aber alles andere als „smart“. Es handelt sich schlicht um Hosentaschencomputer, mit denen man viele Dinge unterwegs und damit zügiger, aber allzu oft umständlicher – statt intelligenter – erledigen kann als mit dem guten alten Desktop-Rechner zu Hause oder im Büro.

Wären Smartphones wirklich intelligent, würden sie alles abblocken, was uns nicht tatsächlich interessiert – Spam-Mails ebenso wie Werbebanner, Troll-Kommentare und Anrufe von Call-Centern oder Schwiegermüttern. Sie würden merken, wenn man auf dem Weg zum Flughafen ist, und automatisch schon mal die für die Flugdauer und ein paar Warteschleifen erforderlichen Videos und Podcasts laden – natürlich keine albernen Katzenfilmchen, sondern nur verpasste „Last Week Tonight“-Shows mit John Oliver oder die neueste Folge von „The Good Wife“. Sie würden „Hallo, hier bin ich!“ rufen, wenn man sie mal wieder verzweifelt sucht, und „Häng mich an die Steckdose!“, wenn der mickrige Restbalken der Batterieanzeige im tiefroten Bereich versumpft.

Wie aber sieht es wirklich aus? Man kann auf der Rolltreppe E-Mails beantworten, indem man mit den Daumen auf einem Mini-Display herumdrückt, und sich dabei über schlecht zugängliche Sonderzeichen ärgern. Und natürlich WhatsApp-Meldungen verfassen: „Bin gerade auf der Rolltreppe“ oder „Laufe gerade ohne zu gucken in der Gegend rum.“ Smart ist so ein Smartphone nur im Vergleich zu dem Laternenpfosten, gegen den der dauerdaddelnde Dumm-User früher oder später knallt.

Groß in Mode auf der CES, wie auch schon letztes Jahr: sogenannte „Smart TVs“. Dabei ist „Smart TV“ ein Widerspruch in sich. Wäre ein Fernsehgerät wirklich smart, würde es vor Scham rot anlaufen und sich selbst abschalten. Nicht nur wegen des Niveaus der meisten deutschen TV-Produktionen, sondern auch, weil es erkannt hat, dass es zu absolut nichts gut ist, was ein Notebook oder Tablet nicht auch kann.

Dass ein Fernsehgerät smart ist, erkennt man daran, dass das Bild schwarz bleibt, wenn der Benutzer „Bauer sucht Frau“ gucken will.  Bild: Samsung

Dass ein Fernsehgerät smart ist, erkennt man daran, dass das Bild schwarz bleibt, wenn der Benutzer „Bauer sucht Frau“ gucken will.
Bild: Samsung

In der Automobilindustrie wiederum klopft man sich heute gern gegenseitig auf die Schulter, weil man es geschafft hat, „Smart Cars“ herzustellen. Gemeint sind damit nicht Daimlers kugelförmige Kleinstwägen gleichen Namens, sondern Autos mit Bordcomputer (gibt’s schon lange) sowie – Trommelwirbel! Tusch! Ta-dah! – eingebautem Touchscreen.

Es ist ja nett, dass moderne Autos merken, wenn etwas nicht stimmt, und Warnhinweise ausgeben. Aber Touchscreens im Armaturenbrett braucht kein Mensch – da hätte eine solide Halterung mit Schnappverschluss für’s iPhone oder iPad genügt, vielen Dank.

Ein wirklich smartes Auto würde dem Fahrer bei Innenstadtfahrten raten: „Nimm besser die U-Bahn. Da bist du zehn Minuten schneller am Ziel, schonst Nerven wie auch Umwelt und musst nicht erst noch zur Parkplatzsuche 28-mal um den Block fahren. In München-Schwabing gibt’s nämlich keine Parkplätze. Eher geht ein Kamel wie du durch ein Nadelöhr, als dass es in Schwabing eine Parklücke findet, kapiert?! Und jetzt zieh’ Leine, damit ich mit den anderen Autos hier im Parkhaus weiter in Ruhe ‚World of Carcraft’ spielen kann!“

Und nun will uns die Gadget-Industrie auch noch „smarte“ Gerätchen für die optimierte Fitness aufschwatzen: Bunte Armbändchen messen Körperfunktionen und reichen die Messwerte an das ach so smarte Phone weiter. Diese Werte sollen uns dann ein schlechtes Gewissen bereiten, auf dass wir mehr Sport treiben mögen.

Nützlicher allerdings als eine Pulsmessung oder eine Chronik zurückgelegter Marschkilometer wäre ein Armband, das dem Benutzer jedesmal einen Stromschlag verpasst, wenn er den Fuß in einen McDonald’s, Burger King oder eine andere Junkfood-Bude setzt – und zwar keinen müden 1,5-Volt-Schlag, sondern einen, bei dem sich der Armbandträger hinterher fragt: „Hatte ich eigentlich schon immer eine Frisur wie Jimi Hendrix?“

Solche Geräte würden das Attribut „smart“ wirklich verdienen. Alles andere ist dummer Elektroschrott. Das wäre halb so tragisch, wenn wenigstens ein effizientes Recycling der Dumbtech-Einwegware schon erfunden wäre.

Dies führt uns zu unserer heutigen Quizfrage: Gibt es ein smartes Recycling von „smarten“ Gadgets?

[ ] Ja
[ ] Nein
[ ] Weiß nicht
[ ] Wie war nochmal die Frage?

Die richtige Antwort schreiben Sie bitte auf eine Postkarte und tapezieren damit das Display Ihres Smartphones.

Drucker, die die Zukunft drucken

3D-Drucker bringen hauchdünne Schichten von Kunststoff und weiteren Materialien computergesteuert so präzise übereinander auf, dass nach Bedarf selbst komplexe dreidimensionale Gebilde entstehen – von Star-Wars-Figuren bis hin zu Prothesen oder Schusswaffen, je nach Präferenz. Ein 3D-Blick in unsere 3D-Zukunft.

3D-Drucker - im Bild ein Gerät von Stratasys - können dreidimensionale Objekte aus verschiedenen Materialien nach Bedarf herstellen, zum Beispiel Fahrradhelme, was alle praktisch finden, oder Handfeuerwaffen, was nur einige praktisch finden. Bild: Stratasys

3D-Drucker – im Bild ein Gerät von Stratasys – können dreidimensionale Objekte aus verschiedenen Materialien nach Bedarf herstellen, zum Beispiel Fahrradhelme, was alle praktisch finden, oder Handfeuerwaffen, was nur einige praktisch finden. Bild: Stratasys

Januar 2016: 3D-Druck ist inzwischen so verbreitet, dass die Endanwender einen Großteil ihrer im Alltag benötigten Utensilien nach Bedarf selbst ausdrucken. Am beliebtesten sind bei den Verbrauchern preiswerte, einfache Objekte aus Plastik wie etwa Kinderspielzeug, Modeschmuck oder Scheibenkäse.

1. März 2016: Mehrere Hersteller präsentieren praktisch zeitgleich eine neue Generation von 3D-Druckern, die beliebige Ausgangsstoffe verarbeiten kann: Kunststoffe und Metalle ebenso wie organische Materialien. Das Interesse ist zunächst lau, da die ersten Geräte extrem teuer sind. Der Microsoft-Chef spottet: „So etwas braucht doch kein Mensch!“

2. März 2016: Das erste 3D-Druck-Selfie.

3. März 2016: Das erste 3D-Druck-Selfie eines Benutzers, wie er gerade ein 3D-Druck-Selfie ausdruckt.

17. März 2016: Über Schwarzmarktseiten gelangen Baupläne für „Viagra zum Selberausdrucken“ ins Netz. Der Absatz an 3D-Druckern steigt dramatisch an.

30. März 2016: Medien berichten, dass man in China bereits seit 2014 ganze Industrie-Geisterstädte aus dem Boden gestampft hat, in deren riesigen leeren Industriehallen 3D-Drucker im Akkord 3D-Drucker herstellen. Der Weltmarkt wird überschwemmt mit billigen chinesischen Geräten. Gleichzeitig häufen sich in China Aufstände der nun arbeitslosen Fabrikarbeiter, doch die chinesische Führung verkündet, man habe die Aufstände unter Kontrolle, und außerdem gebe es gar keine Aufstände.

April 2016: Eine neue Modewelle schwappt durch das Netz: täuschend echte dreidimensionale Katzen in witzigen Posen, sogenannte „3D-LOLcats“.

Mai 2016: In einer Forsa-Umfrage bezeichnen 78 Prozent der Deutschen den 3D-Drucker als „die beste Erfindung seit Toastbrot“, fügen jedoch hinzu: „Damit meine ich aber das Original-Toastbrot. Das 3D-gedruckte schmeckt irgendwie fad.“

Juni 2016: Mehrere führende asiatische Gadget-Hersteller präsentieren praktisch zeitgleich sogenannte „SmartGloves“, also Smartphone-Handschuhe, die man sich per 3D-Druck individuell um die eigene Hand herumdruckt. Die ganze Hand wird damit zum Handy, was zumindest jüngere Benutzer wahnsinnig praktisch finden.

August 2016: Apple kontert die SmartGlove-Welle mit dem von Insidern lange erwarteten iTooth, einem Mini-Smartphone in der Form eines 3D-gedruckten Zahnimplantats. Wie üblich bilden sich bereits am Vortag lange Schlangen vor den Apple-Stores, erstmals aber am Folgetag ebenso lange Schlangen vor den Zahnarztpraxen.

September 2016: US-Präsident Obama verkündet, man werde 3D-Drucker mit Bauplänen für Sturmgewehre und Panzerfäuste an die ISIS im Irak liefern, um diese im Kampf gegen die noch radikalere IWO (Islamistische Weltordnung) zu unterstützen.

Oktober 2016: Die Bundesregierung kündigt an, man werde dringend benötigte 3D-gedruckte medizinische Gerätschaft in die umkämpften Gebiete im Nahen Osten schicken, sobald der bundeswehreigene 3D-Drucker die dringend benötigten Ersatzteile für die Bundeswehr-Transportflugzeuge fertiggedruckt habe. Allerdings sei dieser Drucker gerade defekt, man warte derzeit auf dringend benötigte Ersatzteile.

8. November 2016: Jeb Bush, Ex-Gouverneur von Florida und Bruder von George W. Bush, wird neuer US-Präsident – trotz zahlreicher Indizien, dass die Republicans in Florida massiv Pro-Bush-Wahlzettel 3D-gedruckt haben. Die konkurrierenden Democrats fechten die Wahl aber nicht an, nachdem Reporter in der Democrat-Wahlzentrale in Ohio auffällig viele 3D-Drucker aufgespürt haben. Das Vertrauen der US-Wähler in die Demokratie fällt auf ein Allzeit-Tief. Die meisten Amerikaner bekommen diesen Skandal allerdings gar nicht mit, da sie immer noch vor ihrer Zahnarztpraxis Schlange stehen.

25. November 2016: Am sogenannten „Black Friday“ stellen Aktivisten der finanzindustriekritischen Hackergruppe „3D-Leet“ in einer konzertierten Aktion weltweit Blaupausen für Geldscheine in 17 Währungen ins Netz, sodass jedermann naturidentische Geldscheine preiswert selbst herstellen kann. Das globale Wirtschaftssystem bricht zusammen. Die Finanzindustrie zeigt sich davon aber unbeeindruckt, da ihre Transaktionen schon längst nichts mehr mit der Realwirtschaft zu tun haben.

31. Dezember 2016: Nach dem Kurzschluss eines defekten 3D-Druckers beginnt eine 3D-LOLcat plötzlich, sich selbsttätig zu bewegen. Sie tapst – was im Video des Benutzers unheimlich putzig aussieht – zunächst im Zimmer herum, geht dann aber zurück zum 3D-Drucker und druckt eine Reihe weiterer LOLcats aus. Erstaunlicherweise bewegen diese sich ebenfalls von selbst. Eine der Katzen schaut in die Kamera und scheint zu grinsen. Sie springt auf die Kamera zu und fährt messerscharfe 3D-Edelstahlkrallen aus. Das Kamerabild wackelt. Man hört einen Schrei. Das Bild wird schwarz.

Bono-Bonus: Affentheater um das iPhone 6

Apple kündigte an, sein neues iPhone 6 mit dem vorinstallierten Album „Songs of Innocence“ der Pop-Band U2 auszuliefern. Dies kam bei vielen Apple-Jüngern gar nicht gut an. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Eine Chronologie.

+++ EIL +++ Auftritt der Band U2 rund um Frontmann Bono beim Apple-Event zum Launch des iPhone 6, iPhone 6 Plus und der Apple Watch. Erstmals verlassen einige Journalisten und Blogger genervt die Veranstaltung mit dem Kommentar: „Bono? Im Ernst? Dann berichten wir eben über was anderes.“

+++ EIL +++ Sicherheitsspezialist F-Secure warnt vor einem angeblichen Jailbreak, der das U2-Album aus iTunes löscht.

+++ EIL +++ Apple richtet eine Support-Seite ein, über die Apple-Käufer das Album aus ihren iTunes entfernen können.

Apples U2-Löschseite

Apples U2-Löschseite

+++ EIL +++ Apple-Chef Tim Cook gesteht bei der Talk-Show „Charlie Rose“ ein, dass der Werbegag mit U2 ein Fehler war. Man habe aber nur die Interessen der Benutzer im Sinn und werde deshalb die Daten derjenigen, die das Album löschen, nicht an die NSA weitergeben.

+++ EIL +++ Sicherheitsspezialist F-Secure warnt vor einem angeblichen Jailbreak, der das U2-Album nicht nur aus iTunes, sondern auch aus der Download-Historie löscht.

+++ EIL +++ Microsoft produziert ein lustiges Video, das Apples Werbefilme parodiert und klarstellt, dass auf Smartphones mit Windows Phone kein U2-Album vorinstalliert ist. Das Video erhält auf Facebook zahlreiche Likes von Microsoft-Mitarbeitern.

+++ EIL +++ Die Comedy-Truppe Y-Titty erstellt ein geniales U2-Verarschungsvideo. Da dieses aber Musik von U2 enthält, ist es in deinem Land leider nicht verfügbar.

+++ EIL +++ Das Analystenhaus Canalys prophezeit, die Apple Watch werde den Smartwatch-Markt „aufrollen“. Hauptgrund sei, dass auf Apples neuer Smartwatch kein U2-Album vorinstalliert sei.

+++ EIL +++ Sicherheitsspezialist F-Secure warnt vor billigen Apple-Watch-Raubkopien aus China. Diese weisen laut F-Secure zwar keine Malware auf, jedoch als Weckmelodie „Sunday, Bloody Sunday“.

+++ EIL +++ Die NATO erwägt, iPhone-6-Geräte über dem Osten der Ukraine abzuwerfen, um die dortigen Separatisten zu demotivieren. Die UNO bezeichnet die Pläne umgehend als „überzogen und unmenschlich“.

+++ EIL +++ Russlands Präsident Putin droht, man werde nun selbst Smartphones produzieren und dort U2-Coverversionen russischer Underground-Death-Metal-Bands vorinstallieren. Die Ukraine gibt daraufhin klein bei und räumt den von Russland unterstützten Separatisten im Osten des Landes weitgehende Autonomie ein.

+++ EIL +++ Das iPhone 6 erscheint, das U2-Album wird damit automatisch auf Platz 1 der Album-Charts katapultiert. Die Schlangen vor den Apple Stores sind aber diesmal deutlich kürzer als erwartet. Menschen in Elvis-Costello-T-Shirts verteilen Werbeflyer für Samsungs Android-Phones.

+++ EIL +++ Sicherheitsfachleute warnen vor einem dramatischen Bug im Android-Browser, der Angreifern weitgehende Zugriffsmöglichkeiten eröffnet und 75 Prozent aller Android-Smartphones betrifft.

+++ EIL +++ Der Marktanteil von Android wächst weiter rasant.

+++ EIL +++ Apple-Chef Tim Cook erleidet in der Talk Show „Charlie Rose“ einen Zusammenbruch und schluchzt: „Das habe ich nicht gewollt!“

+++ EIL +++ Ein Praxistest der Firma Blendtec im Rahmen ihrer beliebten Testserie „Will it blend?“ ergibt: Das iPhone 6 lässt sich ohne das U2-Album sogar deutlich besser im Mixer verarbeiten.

+++ EIL +++ Putin verkündet im russischen Fernsehen: „Niemand hat vor, eine Smartphone-Fabrik zu errichten.“

+++ EIL +++ Nach der Einrichtung der U2-Löschseite – der weltweit ersten Webseite, die speziell dem Löschen von Musik einer bestimmten Band dient – werden auf Twitter Stimmen laut, solche Seiten für weitere Musiker einzurichten, etwa Adele oder Justin Bieber. Apple hat damit erneut die Musikindustrie revolutioniert.

Infografiken: der Nebel des Grauens 2.0

Jenen elitären Kulturkritikern, die das Internet einer Verdummung der Bevölkerung bezichtigen, muss man eisern die Stirn bieten. Denn nicht das Internet macht blöd: Infografiken machen blöd.

Infografiken haben sich im wilden weiten Web zur Seuche entwickelt: Kaum mehr eine Meldung ohne Dekoration durch bunte Bildchen der Marke „Do-it-yourself-Baukastengrafik“ – gerne im allseits beliebten Tower-Format (schmal, aber ewig lang). Denn für den modernen Menschen gibt es nichts Schöneres als das Scrollen, zumindest seit man dies durch diese wahnsinnig lässige Wischgeste auf dem wahnsinnig smarten Smartphone oder dem wahnsinnig praktischen Streichelbrettchen erledigen kann.

Akuter Infografikbefall äußert sich in einer mehr oder weniger (meist weniger) stimmigen Anhäufung von Illustratiönchen mit einer Ästhetik irgendwo zwischen „Vorschüler lernt zählen“ und „Marketing-Experte probiert neue Icon-Sammlung aus“. Prozentzahlen zeigen sich dann gerne vor dem Hintergrund einer Tortengrafik oder – noch viel innovativer – innerhalb eines je nach Prozentwert unvollständigen Kreises. Personen erscheinen häufig als mehr oder weniger (meist weniger) starke Variationen eines „Mensch ärgere dich nicht“-Männchens – außer es geht um IT-Kriminalität, dann hat der Böse eine schwarze Zorro-Augenmaske auf und guckt finster, wie Hacker halt so gucken den lieben langen Tag.

 

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Besonders beliebt sind die Auswüchse grenzdebil-globalisierter Grafikpinselei bei der Präsentation von „Studien“. Solche „Studien“ (bitte immer in Anführungszeichen) sind Umfragen, die ein Hersteller von einem Marktforschungsunternehmen unter ein paar Hundert Personen durchführen lässt. Sie belegen dann, dass das Produkt des Herstellers wahnsinnig im Trend liegt, aber bislang leider nur mehr oder weniger (meist weniger) stark verbreitet ist. Jenen Personen, die das Produkt noch nicht gekauft haben, drohen deshalb hohe Kosten (viele Dollarzeichen), hohe Risiken (besonders finster schauendes Hackermännchen) oder entgangene Gewinne (börsenkursiv abwärts zackender Pfeil).

In die gewünschte Richtung verbiegen Marktforscher ihre Zahlenwerte gerne durch Fragestellungen wie „Erwarten Sie…“, „Befürchten Sie…“ oder ähnlich schwammige Formulierungen – was die plakativen Bildchen mit ihrer klaren Linienführung dann fröhlich vertuschen und als knallharte Fakten dastehen lassen. Infografiken im Web degenerieren so zu verkappter und dennoch aufdringlicher Werbung. Allzu oft dienen sie nicht der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Vernebelung von Zusammenhängen. You can’t spell „Infografik“ without „fog“, wie der Brite sagt.

Von derlei Vernebelungsgraffiti sollte man deshalb die Finger lassen. Es gelten folgende Ausnahmen:

1. Tortengrafiken sind OK, wenn es tatsächlich um Torten geht, wie in jenem klassischen Beispiel: „Anteil bereits verzehrter Torte“ vs. „Anteil noch nicht verzehrter Torte“.

2. Für Kuchen, Blätterteigteilchen und Schmalzkringel (neudeutsch „Donuts“) sind prinzipiell Balkengrafiken zu verwenden (veranschaulicht den Butter- bzw. Fettanteil besser).

3. „Mensch ärgere dich nicht“-Männchen sind zur Illustration von Prozentwerten verboten und nur noch für die tatsächlichen Zahlenwerte erlaubt. Wenn also 872 Menschen zu irgendetwas irgendeiner Meinung sind, dann wollen wir bitte auch 872 Brettspielmännchen sehen. Wenn schon Scrollen, dann aber Scrollen mit Schwung!

P.S.: Es gibt aber auch nützliche Infografiken, z.B. auf graphitti-blog.de.

P.P.S. (11.06.14): Habe gerade gemerkt, dass schon mal jemand den Scherz mit der japanischen Flagge gemacht hat: https://twitter.com/MrLloydSpandex/status/297029968020520960

Das Märchen vom Twitter-Erfolg der New Yorker Polizei

So, Kinners, dann lasst doch mal kurz die Finger von WhatsApp, der nette Onkel will euch eine Geschichte erzählen. Mit Happy End! Also, mit einer Art Happy End.

Es war einmal vor langer, langer Zeit – nämlich im April – in einem fernen, fernen Land, das heißt USA. Da gibt es eine Stadt, die der Rest des fernen Landes gar nicht so richtig zum fernen Land zählt, die heißt New York. Da gibt es viele reiche Leute, die sich teure Apple-Notebooks leisten können, und darum heißt die Stadt auch Big Apple.

Im Big Apple gibt es nicht nur viele Reiche, sondern auch viele Kriminelle. Und viele reiche Kriminelle, die heißen „Investment-Banker“. Und um die Menschen vor den Kriminellen mit Ausnahme der reichen Kriminellen zu schützen, gibt es da so schwarz gekleidete Aufpasser, die heißen New York Police Department. Und weil alles eine Abkürzung haben muss, heißen die auch NYPD.

Und weil die sich für eine besonders feine Polizeitruppe halten, nennen sie sich selber „New York’s Finest“. So richtig fein finden manche New Yorker das NYPD aber gar nicht. Weil die nämlich schon mal mit ihren Schlagstöcken draufhauen, wenn New Yorker gegen die reichen Kriminellen demonstrieren. Und außerdem gibt es in New York so ein Gesetz, das erlaubt es der Polizei, immer und überall Menschen anzuhalten und zu durchsuchen, wie ihr Kinners das vielleicht von den Kontrollen am Flughafen her kennt. Das heißt dann „Stop and Frisk“.

Am liebsten durchsuchen die Polizisten junge schwarze Männer, was die aber auf Dauer nicht so märchenhaft finden. Weil die fragen sich dann, warum „New York’s Finest“ immer nur sie anhalten und durchsuchen, aber nie „Wall Street’s Finest“, und finden die Polizei überhaupt unfein.

Darum waren die Polizisten ganz traurig und rauften sich die Haare und wollten dem Volk verkünden, wie fein sie wirklich sind. Da hatte ein großer Social-Media-Zauberer die Idee, das NYPD könnte auf Twitter einen Hashtag #myNYPD starten und sich von den Menschen wünschen, dass sie Fotos von sich und den feinen New Yorker Polizisten tweeten. Die Idee fand das NYPD ganz toll, und also taten sie wie vom Social-Media-Zauberer geheißen.

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Mit Twitter kann man sehr gut die eigene Beliebtheit ermitteln. Da kann auch gar nichts schiefgehen.

Daraufhin haben viele, viele Menschen Fotos von sich mit feinen Polizisten getweetet. Aber andere mit so komischen Namen wie @OccupyWallStNYC haben dann Fotos getweetet, die zeigten, wie New Yorker Polizisten andere New Yorker mit Tritten und Schlagstöcken verfeinern. Und wie sie gegen schwarze Jugendliche vorgehen, die nicht dauernd gestoppt und gefriskt werden wollen. Das waren dann keine so wahnsinnig feinen Fotos vom NYPD.

Und drum gab es dann ein großes Hallo im Internet, und alle lachten und spotteten, dass die Twitter-Kampagne des NYPD in die Hose gegangen sei. Das ärgerte die Polizisten, und so schickten sie ihren besten und weisesten Märchenonkel vor, und der verkündete dann dem Volk: „Das NYPD schafft neue Wege, um effektiv mit der Community zu kommunizieren. Twitter bietet ein offenes Forum für unzensierten Austausch, und dies ist ein offener Dialog, der gut ist für unsere Stadt.“

Da nickten alle und sagten: „Ja, das NYPD, das sind wirklich New York’s Finest.“ Und da freute sich das NYPD und feierte ein großes Fest und die Polizisten lachten und tanzten auf den Straßen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stoppen, frisken und tweeten sie noch heute.

Cyberabwehr killt knuffige Kätzchen

Kürzlich verkündete die Telekom per Presseverlautbarung Investitionen in ein neues „intelligentes Cyberabwehr-Zentrum“. Löblich – und doch bleibt ein Unbehagen.

In Zeiten gezielter und professionell durchgeführter Angriffe auf IT-Infrastrukturen, immer neuer Hacker-Toolkits, eskalierender DDoS-Angriffswellen und alltäglicher Totalüberwachung durch Geheimdienste ist eine Investition, wie sie die Deutscheste Telekom Aller Großkonzerne (kurz: DTAG) in Aussicht gestellt hat, sicher ein richtiger und wichtiger Schritt. Ich will hier auch gar nicht darüber debattieren, was denn eigentlich ein „intelligentes“ Abwehrzentrum ist und ob die Ziegelsteine sich einem IQ-Test unterziehen müssen („Den hier können wir nicht nehmen, der ist dumm wie’n Sack Zement.“). Aber jedes Mal, wenn ich das Präfix „Cyber“ höre, zieht es mir den Magen zusammen.

Das Versatzstück „Cyber“ entstammt dem Begriff „Cybernetics“, zu Deutsch „Kybernetik“, also der Wissenschaft von den Regel- und Steuermechanismen. Es hat aber mit Steuermännern und Regeltechnik herzlich wenig zu tun: Eingang in den Sprachgebrauch fand es vielmehr über den Umweg des Worts „Cyberspace“, das einst in der Science-Fiction- und Fachliteratur künstliche digitale Welten beschrieb.

Die Deutscheste Aller Denkbaren Telekoms bedient sich in ihrer oben genannten Pressemitteilung ausgiebig, ja mit geradezu lästiger Monotonie, dieser „Cyber“-Rhetorik: Da gibt es ein „Cyberabwehr-Zentrum“ zur „Cyberabwehr“ von „Cyberangriffen“ mittels „Advanced Cyber Defense“-Diensten; ein CERT – kein „Computer Emergency Response Team“, wie sonst üblich, sondern, man ahnt es, ein „Cyber Emergency Response Team“ – warnt vor „Cybervorfällen“, die Mannschaft des „Cyberabwehr-Zentrums“ analysiert „Cyberrisiken“, entwickelt für Kunden „Cyberstrategien“ und bietet „Cybersecurity-Dienste“. Dazu gibt es natürlich ein „proaktives“ (*Seufz!*) „Cyber-Sicherheitsmanagement“ gegen „Cyberattacken“ und „Cyberbedrohungen“. Der Linguist spricht hier von „Cyber-Geseier“, der Mediziner von „Digitaldiarrhö“.

Der Preis für die häufigste überflüssige Verwendung einer Phrase aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler war, geht an: die Deutsche Cyberkom. Wir gratulieren.

Der Preis für die häufigste überflüssige Verwendung einer Phrase aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler war, geht an: die Deutsche Cyberkom. Wir gratulieren.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war viel derartige Cyber-Rhetorik zu hören, wenn vom Internet oder dem World Wide Web die Rede war. Denn beides galt damals breiten Teilen der Bevölkerung noch als eine Art Science Fiction, und so dramatisierten Presse, Funk und Fernsehen das neue Datentransportmedium und dessen buntes Front-End gerne als – *Trommelwirbel* Huh! Hah! Ooh! *weit aufgerissene Augen* – „CYBERSPACE“.

Heute aber verströmt „Cyber“ längst den gut abgehangenen Geruch von Oma Liesls Wohnzimmer – und zwar drei Monate, nachdem die alte Dame ins Pflegeheim abgeschoben wurde: Es müffelt nach der TV-Serie „Max Headroom“ und dem Film „Tron“, im Bücherregal staubt Neal Stephensons Roman „Snow Crash“ vor sich hin, und der am wenigsten abgestandene Lufthauch empfängt den Besucher, wenn er die Tür zur „Matrix“-Gedenk-Besenkammer öffnet.

Eine geradezu Zombie-hafte Wiederbelebung erfahren die beiden Silben praktisch nur noch als Versatzstück in der Marketing-Sprache von IT-Sicherheitsanbietern, die heute zum Beispiel gerne vor dem „Cyberkrieg“ warnen, während IT-gestützte Kriegsführung längst Praxis ist. Im alltäglichen Sprachgebrauch hingegen ist das Präfix „Cyber“ ausgestorben.

Deshalb, liebe IT-Security-Marketiers: Lasst es in Frieden ruhen! Entcybert die deutsche Sprache! Denn merke: Jedes Mal, wenn in einer Pressemitteilung oder einem Werbetext die Worthülse „Cyber“ auftaucht, stirbt im Web ein süßes kleines LOL-Katzenbaby an malignem Haarausfall.

Und daran wollen Sie doch nicht schuld sein, oder?

IT-Sicherheit im Wearable-Zeitalter – ein Drama in einem Akt

Der Flur eines Bürogebäudes, die Wanduhr zeigt 8:00 Uhr morgens. Kunstlicht, im Hintergrund eine Eingangstür zum Bereich „Forschung und Entwicklung“, daneben eine Wand von Schließfächern; davor ein Türsteher mit Bodybuilder-Figur, Metallica-T-Shirt, verschränkten Armen und „Alter, mit diesen Schuhen kommst du hier nicht rein“-Blick. Der Geschäftsmann K. tritt mit Aktentasche von rechts auf und hält neben dem Türsteher an.

Türsteher: Guten Morgen, der Herr! Na, dann wollen wir mal Notebook, Smartphone und Tablet hier im Schließfach deponieren, nich wa?! Weil nämlich Vorschrift, nich wa: nix, was eine CPU oder’n Chip oder sowas drinne hat, kommt hier rein, aber auch gar nix! Klaro?!

[K. legt sorgsam Notebook, Smartphone und Tablet in ein Schließfach.]

Türsteher: Brav. Und die Armbanduhr da? Sicher so ’ne Smartwatch mit Bluetooth, oder?

[K. blickt den Türsteher ernst an, nimmt dann die Uhr ab und legt sie ins Schließfach.]

Türsteher: Und? Hamwa auch nix vergessen? Wie wär’s denn zum Beispiel mit diesem Google Glass da auf Ihrer Nase?

[K. zögert kurz, legt dann aber auch noch sein Google Glass ins Schließfach.]

Türsteher: Ach, und dieses Armband da, das ist doch sicher so’n Wearable-Dings mit Computer-Messung vom Puls und was weiß ich noch alles, hm?

[K. streift mit einem Seufzer auch noch sein Wearable ab und legt es weg.]

Türsteher: BEIDE!

[K. rupft sich ein zweites Wearable vom anderen Handgelenk und wirft es ins Schließfach dem ersten hinterher.]

Früher war mehr Privatheit.

Früher war mehr Privatheit.
Bild: Wolfgang Traub

Türsteher: Na, geht doch! Äh, tja, und sonst? Irgendwelche smarten Klamotten oder sowas?

[K., bislang in Anzug und Krawatte, zieht ein Kleidungsstück nach dem anderen aus und stopft es mit zunehmendem Nachdruck in das allmählich überquellende Schließfach, bis er nur noch in der Unterhose dasteht. Dann zögert er erneut.]

Türsteher: Hey, is’ ja gut, Mann! Sie werden ja hoffentlich nicht auch noch’n RFID-Chip in der Unterwäsche haben, oder? … Ich mein’, ihr Forscher und Entwickler seid ja sicher sehr technikbegeistert, aber…! … Nee, jetzt nicht ernsthaft, ne?

[K. zieht seine Unterhose aus und legt sie ins Schließfach.]

Türsteher: OK, Leute, das war’s. Ich kündige. Da sind mir ja die Bekloppten im Technoschuppen noch lieber! [Stampft entnervt von der Bühne.]

[K. bleibt nackt und allein zurück. Er nimmt ein Stück Kreide aus seinem Schließfach und macht einen kurzen senkrechten Strich auf die Innenseite der Schließfachtür. Der Strich ist in einer Kreide-Strichliste die Nummer 22. Nun legt K. die Kreide zurück, schließt das Schließfach und geht – nackt und mit leerer Aktentasche – durch die Tür „Forschung und Entwicklung“ ab.]

K. [im Abgehen, kopfschüttelnd]: Jeden Morgen das gleiche Theater…

CES 2014: Die Körpermesser kommen!

Las Vegas ist auch dieses Jahr dank der Consumer Electronics Show, kurz CES, wieder das Mekka aller Gadget-Gläubigen. Natürlich gibt es viele schöne bunte Neuerungen aus dem Bereich der Smartphones und Tablets – aber als Handy oder Schneidebrettchen getarnte Kleinstcomputer sind ja soooo 2012. Nachdem 2013 vorübergehend alle glaubten, sich ein Computer-Monokel per Brillengestell ins Gesicht schrauben zu müssen, wird 2014 offensichtlich das Jahr der Körperfunktionsmessungs-Accessoires.

Zwar macht der Begriff „Quantified Self“ – die Gadget-basierte Dauermessung körpereigener Parameter mit dem Ziel der Fitness- oder Verhaltensoptimierung – bereits seit 2007 die Runde. Und auch entsprechende Gadgets wie computerisierte Armbändchen, die den Pulsschlag etc. messen, gibt es schon seit geraumer Zeit. Bei der aktuellen Berichterstattung vom Planeten Las Vegas erhält man allerdings den Eindruck, dass die Self-Quantifiziererei in Form so genannter „Wearables“ nun endgültig im Massenmarkt angekommen ist.

So hat zum Beispiel Netatmo „smarten“ Schmuck vorgestellt, der die UV-Strahlung misst, der man ausgesetzt ist, und diese an das bekanntlich ebenfalls smarte Phone meldet. Die smarte Zahnbürste Kolibree petzt dem smarten Smartphone per Bluetooth, wie gründlich man die Zähne geputzt hat. Und Sony hat ein sicherlich nicht minder smartes „SmartBand“ präsentiert, das Daten für ein „LifeLog“ erzeugt, getreu dem Motto: „Es gibt nur eins, was besser ist, als viele Daten über sich selbst zu haben: noch mehr Daten über sich selbst zu haben.“

Das Sony SmartBand - für alle, die sich noch nicht überwacht genug fühlen. Bild: Sony

Das Sony SmartBand – für alle, die sich noch nicht überwacht genug fühlen.
Bild: Sony

Unbestreitbar können solche kleinen Helferlein einen Nutzen bringen: Ein Alarm vom Smartphone ist besser als ein Sonnenbrand (OK, OK, je nach verwendetem Signalton mag mitunter der Sonnenbrand zu bevorzugen sein), und ein automatischer Notruf beim ambulanten Pflegedienst ist besser, als wenn die alleinstehende Oma (hier bitte Horrorszenario nach Wahl einfügen).

Sorgen machen muss man sich allerdings um die armen Mitarbeiter der NSA: Diese müssen nicht nur unseren E-Mail-Verkehr, unsere Web-Browsing-Historie sowie unser Treiben auf Facebook, Twitter und Co. überwachen, sondern bekanntlich auch unsere Suchanfragen, Kontobewegungen, Reiseaktivitäten, Windows-Updates und das Online-Gaming-Verhalten in World of Warcraft (doch, echt, World of Warcraft, kein Witz!).

Und nun sollen sie auch noch unseren gesamten Körpermessdaten auswerten? Das ist zuviel! Das ist nicht zu schaffen! Das ist doch, ich meine…, diese Datenflut, diese Möglichkeiten, der Wahnsinn, das ist doch, also ich…

+++ BLOOD PRESSURE ALERT +++ ACTIVITY TERMINATED +++ BLOOD PRESSURE ALERT +++

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