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iPhone 4S mit Siri: Apples geniales Default-Antworten-Marketing

Als der Apple-Konzern kürzlich das neue iPhone 4S vorstellte, waren viele Reaktionen unterkühlt: Es gab kein iPhone 5, das manche erwartet hatten, sondern nur ein „iPhone 4 Version 2.0“, der Formfaktor blieb also gleich. Da fragte sich der treue Apple-Fanboi natürlich: „Wie soll der Pöbel denn erkennen, dass ich was Besseres bin, wenn mein brandneues iPhone genauso aussieht wie die alten Knochen?“ Steve Jobs‘ Nachfolger Tim Cook machte seinen Keynote-Job ordentlich, wirkte aber blass ohne die von His Steveness gewohnte Coolness samt Überraschung zum Schluss („One more thing…“). Und am nächsten Tag überschattete das Dahinscheiden des nach Eva und Sir Isaac Newton dritten großen Apfelverwerters dann sowieso alles andere.

Inzwischen aber mehren sich die Kommentare, der gemeine Apple-Untertan habe das Smartphone der Baureihe „4S“ wohl zunächst unterschätzt. Denn das neue Schlaufon aus Cupertino hat ein sprachgesteuertes Helferlein namens Siri – daher das „S“ – mit an Bord. Siri bietet nicht die übliche Sprachsteuerung à la „Öffne Word. Öffne Word! Öff! Ne! Word! Du sollst das Scheiß-Word öffnen, verdammt nochmal!!!“ – mit dem Starten anderer Applikationen hat Siri mangels Schnittstellen bislang (noch) nichts am Hut.

Vielmehr ist Siri eine mit künstlicher Intelligenz gesegnete virtuelle Assistentin, die auf Fragen mittels schneller Internet-Recherche intelligente Antworten gibt. Fragt man also zum Beispiel: „Siri, will I need an umbrella tomorrow in Cupertino?“ („Brauche ich morgen in Cupertino einen Regenschirm?“), dann recherchiert Siri die für den Folgetag prognostizierte Wetterlage des kalifornischen Orts (also höchstwahrscheinlich: „Sonnig mit gelegentlichen Waldbränden“). Man fragt und antwortet natürlich auf Englisch – wie gut sich Siri künftig in anderen Sprachen sowie außerhalb der USA schlägt, bleibt abzuwarten.

Unterhaltsam ist, dass Siri nicht nur auf intelligente Fragen intelligent antwortet, sondern auch auf betont dumme Fragen. Apple kennt eben seine Appleheimer: Im höchstwahrscheinlich sonnigen Cupertino weiß man, dass die hauseigene Early-Adopter-Bevölkerung dazu neigt, neu gebotene Funktionalität dadurch auszuloten, dass man sie an die Grenze des Möglichen treibt.

Und so hat Apple Siri mit einem Grundvorrat treffender Antworten auf sinnlose, anzügliche oder scherzhaft gemeinte Fragen ausgestattet – wohl wissend, dass sich im Internet nichts so schnell verbreitet wie Witziges, insbesondere wenn der Twitterer, Blogger oder Facebookianer dadurch zugleich mit seinem neuesten Spielzeug prahlen kann. Unter der Adresse http://ShitThatSiriSays.tumblr.com gibt es inzwischen sogar ein Blog, das ausschließlich den Zweck verfolgt, Bonmots sirianischen Ursprungs zu aggregieren.

Fragt man Siri zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens, so hat die künstlich intelligente Dame gleich mehrere Antworten parat. Diese reichen von einer knappen Definition des englischen Wortes „Life“ über die Antwort „Laut Forschungsergebnissen wohl Schokolade“ bis hin zum schlichten „42“ – mithin jener Antwort, die ein Leser von Douglas Adams‘ Kultbuch „Hitchhiker‘s Guide to the Galaxy“ („Per Anhalter durch die Galaxis“) – und damit wohl ziemlich genau 100 Prozent der Apple’schen Early-Adopter-Klientel – an dieser Stelle erwartet.

So weit, so absehbar. Siri glänzt aber in diversen weiteren Kontexten mit per Default-Wert vorgegebener Schlagfertigkeit oder gar einem Sarkasmus, den man von Computern sonst nur als eingefleischter Fan der US-TV-Serie MST3K her kennt. So erwartete man im sonnigen Cupertino offenbar zurecht, dass die Jüngerschaft sich von Siri an den übermächtigen Bordcomputer HAL 9000 des Raumschiffs aus Stanley Kubricks „2001 – a Space Odyssey“ erinnert fühlen und deshalb fordern würde: „Siri, open the pod bay doors!“ Genau wie im Film – hier weigert sich HAL, dem Befehl Folge zu leisten – antwortet Siri: „I’m sorry, (Vorname des Benutzers), I’m afraid I can’t do that“, um dann nachzuhaken: „Are you happy now?“

Bei der Verwendung von Schimpfwörtern rügt die Software den Benutzer, und auch auf die vielen anzüglichen Fragen, die Siri von den Apple-Jüngern zu erdulden hat, ist die virtuelle Assistentin gut vorbereitet. Mal gibt sie ausweichende, mal schnippische Antworten, und wer zu aufdringlich fragt, der hört dann: „That’s it! I’m reporting you to the Intelligent Agents‘ Union for harassment!” („Jetzt reicht’s! Ich melde dich bei der Gewerkschaft intelligenter Assistenten wegen Belästigung.“)

Die einprogrammierte Schlagfertigkeit, die der Konzern der intelligent assistierenden Dame spendiert hat, könnte sich als Apples bestes Marketing-Instrument seit dem berühmten „1984“-Werbespot erweisen: Das weltweite Netz brummt regelrecht vor lauter Posts und Tweets, die amüsante Siri-Antworten zum Besten geben, sodass man fast glauben könnte, das Internet sei doch nicht ausschließlich zur Verbreitung putziger Katzenfotos erfunden worden.

Hoffen wir, dass Siri künftig mit jedem Software-Upgrade des iPhones ein Schlagfertigkeits-Update erhält. Ein sonniges Gemüt allein reicht schließlich nicht, um anhaltend amüsant zu wirken. Die virtuelle Assistentin von Welt muss da schon am Puls der Zeit bleiben. Schließlich will der Scherzbold-Fanboi früher oder später wissen, was aus Steve Jobs geworden ist.

„Siri, was macht Steve Jobs gerade?“ – „Er ist im Himmel und zeigt Moses, dass man heutzutage für zehn Gebote nicht mehr zwei, sondern nur noch ein Tablet braucht.“

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Remix: Plagiieren im Zeitalter des Crowdsourcings

Fachleute wissen: Das Internet wurde nur für einen einzigen Zweck erfunden – um Katzenliebhabern (und wer wäre das nicht) Zugang zu einem unermesslichen Vorrat an Bildern und Filmen mit so genannten LOLcats – süßen Kätzchen in putzigen, drolligen oder sonstwie amüsanten Situationen – zu verschaffen. “LOLcat” ist übrigens eine Zusammensetzung aus “LOL” (kurz für “Laughing out loud”, laut loslachen) und “cat” (kurz für “Es gibt nur zwei Arten von Menschen: Fans und Personal.”).

Inzwischen haben Forscher aber in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit noch weitere Einsatzmöglichkeiten für das Internet entdeckt: Es kann als Kommunikationsmedium für Revolutionen dienen oder auch als Plattform dafür, eine Aufgabe auf beliebig viele Schultern zu verteilen, “Crowdsourcing” genannt (ein Wortspiel aus “Crowd”, also “Menschenmenge”, und “Sourcing” wie in “Outsourcing”, “nach außen geben” im Sinne von “nicht selber machen müssen”). Crowdsourcing findet man heute vielerorts: So arbeiten Hunderttausende an der Vervollständigung des LOLcat-Archivs auf YouTube und Flickr, andere wiederum halten mit Wikipedia das führende Crowdsourcing-Lexikon im Zustand ständiger Verfeinerung.

Auf eben dieser Wikipedia hat ein Scherzbold kürzlich unter die vielen Vornamen unseres Verteidigungsministers von und zu Guttenberg den Zusatz-Vornamen “Xerox” gemischt, in Anspielung auf Plagiatsvorwürfe, die derzeit an Guttenbergs Überflieger-Image kratzen. Und auf einem anderen Wiki namens “Guttenplag” hat sich eine Gruppe Freiwilliger zusammengefunden, um Guttenbergs Dissertation Satz für Satz in Suchmaschinen einzugeben, um jeweils die Frage “Original oder Plagiat?” zu klären.

Guttenberg-Freunde wenden ein, hier seien Guttenberg-Feinde am Werk, die die Gelegenheit nutzten, Dreck auf die hochglanzpolierte Fassade des adligen Politpromis zu werfen. Das mag so sein. Dennoch sehen wir hier, dem Internet sei dank, einen kollektiven investigativen Journalismus, der ganz erstaunliche Ergebnisse liefert: Bislang meldet die Guttenplag-Site, man habe auf stolzen 72% aller Seiten der Dissertation nicht korrekt zitierte Quellen gefunden. Allein das “Best of” der Fundstellen hat durchaus hohen Unterhaltungswert. Denn die Crowdsourcing-Recherche lässt vermuten: Hier war ein dreister Dieb geistigen Eigentums am Werk, der sich – in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit, das wollen wir nun gerne glauben – fremde Beiträge angeeignet und seine Spuren verwischt hat.

Die konservative FAZ – Guttenberg-Feind, da dieser sich aus ihr ebenfalls bedient hat – will da nicht mehr an Fahrlässigkeit glauben und fällt ein vernichtendes Urteil: “Eine so aufwendige und liebevoll hergestellte Täuschung findet man in der jüngeren deutschen Universitätsgeschichte nicht so leicht. Wer hier am Werk war, wusste, was er tat, und dass es nicht gestattet ist.”

Was denn? Unser Supergutti, bislang als Meister des Umgangs mit den Massenmedien bekannt, soll von der Macht des Internets nichts gewusst haben? Soll so sehr in adelig-schnöseligem “Das ficht mich nicht an” gefangen gewesen sein, dass er sich als immun betrachtete trotz der allseits bekannten Effektivität von Google und Co.? Guttenberg hat seine Dissertation vor WikiLeaks geschrieben und vor der Facebook- und Twitter-gestützten Revolution in Ägypten – aber dennoch: An solch völlige Ignoranz sollen wir glauben?

Nein, wer im Zeitalter des Crowdsourcings so dreist plagiiert, der ist kein auf einen akademischen Titel versessener Streber, der ist ein Künstler! So wie in der Musik – wiederum, wer hätt’s gedacht, Internet-gestützt – durch den Remix vorhandenen Materials ständig neue Songs und sogar Stile entstehen, so war es Karl Theodor von und zu Guttenberg, der die Genialität besaß, dieses Prinzip des Remix in das akademische Arbeiten einzuführen.

Mögen seine Feinde also ruhig behaupten, Guttenberg werde die von ihm selbst so hoch gelegte Messlatte reißen und als Fußnote der Geschichte enden. Wir jedoch wissen: DJ Supergutti steht in einer Reihe mit Mozart, mit Elvis, mit Jimi Hendrix, mit AC/DC!

Wie genial dieser akademische Remix war, kann nur der ermessen, dem auffällt, dass Guttenberg die Verwendung von Sony-Material in seiner Dissertation akribisch vermieden hat, wohl wissend, dass es sonst schnell hieße: “Diese Dissertation ist in Ihrem Land nicht verfügbar.” Generationen künftiger Akademiker werden diese Remix-Technik aufgreifen, weil sie auch so sein wollen wie der legendäre DJ Supergutti. Denn seine Dissertation setzt neue Maßstäbe für wissenschaftliches Arbeiten.

Echte Helden und Genies erkennt die Menschheit aber meist erst im Nachhinein, oft erst nach deren Ableben. Wenden wir uns vorerst also getrost wieder den wirklich wichtigen Dingen zu. … Libyen? Wieso Libyen? Nein, guckt mal, was ich hier gefunden habe, hach, ist die süüüüüüß…: http://www.youtube.com/watch?v=TZ860P4iTaM.

Lieber Herr Amazon, ich bereue

Lieber Herr Amazon,

ja, ich gebe es zu: Ich habe bislang manche Einkäufe beim lokalen Münchner Einzelhandel getätigt, mir einen neckischen Spaß damit bereitend, mein Konsumentenprofil auf deiner allwissenden, allregistrierenden Website unvollständig zu halten. Ich sehe nun ein: Das war falsch.

So habe ich kürzlich den Fehler gemacht, ein Theraband – das ist so ein Krafttrainingsband gegen Rückenprobleme, wie man sie sich als Dauer-Notebook-User halt so einfängt – bei einem Sportzubehörladen erstehen zu wollen, den wir hier mal “Sport Nietje” nennen wollen (Name von der Redaktion geringfügig geändert). Sport Nietje liegt an einer großen, langen, geraden Ausfallstraße, die das Münchner Hauptbahnhofsviertel mit dem landschaftlich ebenso belanglosen Stadtteil München-Laim und letztlich gar mit dem fernen, aber dafür reizvollen Städtchen Landsberg verbindet.

Auf dem Weg zu einem Meeting der LANline-Redaktion entsprang ich flugs der Straßenbahn, rein in den Laden, schnappte ein Theraband, an die Kasse, ja mit Karte zahlen, Geheimnummer, bestätigen, Einkäufchen schnappen, raus und – nächste Straßenbahn verpasst: Der Bezahlprozess hatte, obwohl ich, sicher nicht ohne Grund, der einzige Kunde im Laden war, gut zehn Minuten gedauert. Denn das Nietje-Verkäuferlein war: 1. sichtlich desinteressiert und jedem Servicegedanken abhold, 2. dem Dialekt nach aus den neuen, aber in Sachen Kundenservice offenbar altmodischen Bundesländern, 3. männlichen Geschlechts. Und so mag es an einem dieser Punkte oder auch an einer Kombination derselben gelegen haben, dass das Verkäufer-Nietje zwar während meiner Präsenz an der Kasse zwei Telefonate führte, aber nicht in der Lage war, zeitgleich die Rechnung auszudrucken oder gar meine Bezahlung entgegenzunehmen.

Die verpasste Straßenbahn war nicht das Problem – ich kam dennoch pünktlich zum LANline-Meeting. Aber auf der Fahrt habe ich mich geärgert über den schlechtesten Service, den ich in den letzten Monaten erlebt habe. Und das sage ich als Kunde der berüchtigten Deutschen Bahn wie auch des Münchner Nahverkehrs-Monopolisten MVV (Münchner Verspätungs-Verbund).

Deshalb, lieber Herr Amazon, will ich nun geläutert dein Loblied singen: Dein Service ist immer schnell und gut, weil es schließlich Self-Service ist. Dein Web-Interface ist sehr übersichtlich, deine Gegenüberstellung der besten positiven und der besten kritischen Produktbesprechung eine geniale Idee und häufig hilfreich. Deine Produktauswahl ist üppig, ein wahres Füllhorn. Dein Versand ist… nun gut, das läuft über DHL, da wollen wir nicht voreilig loben…, aber zumindest bei Overnight-Bestellungen hat das bislang geklappt. Und dein Reklamations- und Rücknahmeprozess funktioniert ohne Fehl und Tadel, wie ich anhand eines defekten Blackberry Bold erfahren durfte.

Deshalb gelobe ich nun, deine geniale Website künftig viel häufiger und intensiver zu nutzen. Du darfst mein gesamtes Konsumverhalten erfahren und protokollieren – Hauptsache, du bewahrst mich vor den Service-Nietjen der Service-Nietjen-Wüste Deutschland. Manchmal werde ich vielleicht noch in dem einem oder auch anderen Buchgeschäft schmökern und stöbern, nur wegen der Haptik des Ziellos-Herumblätterns, da kann selbst deine modernste Viewer-Technik noch nicht mithalten. Aber ansonsten werde ich mich stets auf deine wohlige Site retten, immerdar.

Mit reumütigen Grüßen,
Dein Wilhelm Greiner

P.S.: Und, lieber Herr Amazon, könntest du bitte die Bahn und den Münchner Nahverkehr übernehmen, damit man in Zukunft verlässlich von A nach B kommt? Danke.

Tweet it! Michael Jackson im Twitter-Krieg

Endlich ist sie geklärt, jene Frage, die so lange einsam und verlassen und unbeantwortet im Raum stand: Wie hätte es wohl ausgesehen, wenn Michael Jackson selig seinerzeit mal ein Video über Twitter gedreht hätte? Die heiß erwartete Antwort verdanken wir dem “Pantless-Knights”-Musikvideo “Tweet it!” auf YouTube, erstellt als Werbegag für die Videoproduktionsfirma Seedwell. Es ist nicht nur die gelungenste Variation über ein Michael-Jackson-Thema seit “Eat it!” mit einem sehr korpulenten Weird Al Yankovic in der Hauptrollle – nein, “Tweet it!” ist vielmehr auch pädagogisch wertvoll.

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So lernen wir hier zum Beispiel, dass die Steve Jobs’sche Jüngerschar mit der Einführung des neuesten Kultobjekts von Apple in zwei feindliche Sekten zerfallen ist: einerseits wahnsinnig wichtige Yuppie-Manager mit iPad unter’m Arm, andererseits die hauptberuflich wahnsinnig Wichtigen mit iPhone in der Hand.

Auch über Verhalten, Krisen und Habitat der beiden verfeindeten Lager, die im Video knallhart auf einen Gadget-induzierten “Gang War” zusteuern, erfährt man hier anthropologisch Interessantes: In beiden Lagern twittert man oft und gerne, wie den immer wieder im Video aufpoppenden Tweet-Bubbles zu entnehmen ist. In einem der Lager findet man allerdings Hinweise, dass man mit Empfangsproblemen zu kämpfen hat (”Why do I keep dropping calls?”).

Ebenso lehrreich ist der Liedtext. Hier hören wir zum Beispiel von den Tücken der Content-Darstellung:

“Remember some devices do not support flash,
so tweet it, while you’re clearing your cache.”

Hier erfahren wir auch, dass sich das Medium Twitter dank der Kürze seiner Nachrichten von maximal 140 Zeichen sogar für Kinder mit ADS eignet (im Amerikanischen “Attention Deficit Disorder” genannt):

“Tweet it! Tweet it!
Kids with ADD can read it!”

Geradezu schockierend wird für manchen Außenstehenden die Erkenntnis sein, dass auf Twitter beim Bemühen, aktuelles Gedankengut (”Gedankengut” bisweilen im weiteren Sinne) möglichst zügig zu Papier (bzw. zu Smartphone-Tastatur) zu bringen, mitunter die Orthografie leidet, ohne dass die twitternde Benutzerschaft daran Anstoß nimmt:

“Show ‘em, they’re hungry for your insight,
it doesn’t matter if you can’t write.”

Fazit: Dieses aufschlussreiche Musikfilmchen ist ein Höhepunkt westlichen Popkulturschaffens. Deshalb nun erstens: “Tweet it!”

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… und dann aber ganz schnell zweitens: Tweet it!

Die ganz hohe Schule des Social-Media-Kommentars

Die neue Social-Media-Freiheit – von vielen Unternehmen als Bedrohung gefürchtet, von anderen als Diskussionspotenzial erkannt – schafft im Idealfall sogar eine neue Kunstform. So geschehen zum Beispiel auf Amazon: Hier findet man neben den üblichen Reviews auch immer öfter als Produktbewertung getarnte Satire (oder einfach Albernheiten), so genannte “Mock Reviews” – eine junge, aber umso unterhaltsamere Literaturgattung.

Kommentare der Benutzer sind auf Verkaufsseiten wie Amazon.com eine wichtige und nützliche Orientierungshilfe für potenzielle Käufer. Inzwischen haben sie sich deshalb als eigene Textform etabliert – und reizen damit natürlich zur Persiflage.

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Ein gelungenes Beispiel bietet die Ansammlung von Bewertungen des “Three Wolf Moon”-Shirts. Dieses T-Shirt – eines von Abermillionen motivbedruckter Unterhemden – zeigt, eigentlich wenig aufregend, drei Wölfe, die den Mond anheulen. Doch der Nutzer “Bee-Dot-Govern” (ein Jurastudent namens Brian Govern) schrieb diesem Kleidungsstück im November 2008 unter der Überschrift “Dual Function Design” magische Kräfte zu: Das Tragen des T-Shirts mache ihn geradezu unwiderstehlich für das weibliche Geschlecht, was er mit der Nacherzählung eines frauenumschwärmten Kaufhausbesuchs belegte. Sein Fazit: Das Hemd “passt meiner umfänglichen Statur, hat Wölfe drauf, zieht Frauen an.” Zu kritisieren fand er wenig: Es könnten mehr Wölfe sein, meinte Govern, zudem sehe man sie mit verschränkten Armen nicht, und es wäre besser, wenn die Wölfe nachts leuchten würden.

Die tierisch gute Bewertung des T-Shirts, das sogar schon mit einem eigenen Eintrag auf Wikipedia geehrt wurde, erhielt alle fünf auf Amazon möglichen Rating-Sternchen, und eine Infozeile bestätigt, dass inzwischen weit über 20.000 Leser diesen Beitrag “hilfreich” fanden.

In Governs Gefolge haben sich inzwischen über 1.800 Reviewer zur magischen Kraft des T-Shirts geäußert: Ein gewisser “D. Drury” zum Beispiel kolportierte, sein Sohn sei ohne Knochen geboren worden, nach Bekleidung mit dem Three Wolf Moon Shirt seien die Knochen jedoch nachgewachsen (ein Hinweis, den über 1.800 Besucher “hilfreich” fanden), während “overlook1977″ anmerkte: “Unglücklicherweise hatte ich bereits genau dieses Bild als Tattoo auf meiner Brust, aber bei kälterem Wetter ist das Hemd sehr nützlich” (über 4.400-mal “hilfreich”).

Dem Absatz des Hemds (100% Baumwolle, Hersteller: The Mountain) hat die Flut auffällig wohlwollender Kommentare nicht geschadet: Im Augenblick steht es in Amazons Verkaufs-Rangliste für Kleidungsstücke auf Platz 14. Da sage noch einer, Literatur könne nichts bewegen.

(Update 2.10.10) Über Amazons nützlichen Verweise  “Customers Who Viewed This Item Also Viewed” gelangt man übrigens sehr schnell zu ähnlichen Mock Reviews wie zum Beispiel zu einer Ode auf die Vollmilch der Marke Tuscan. ;-)

Dedepublikation – wider das Depublizieren!

Das Internet vergisst nichts, sagt man. Wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht, ist das häufig ein Problem. Aber es gibt Tage, an denen mich dieses hartnäckige Erinnern durchaus freut.

Aktueller Auslöser meiner Freude ist die herrlich schlichte Guerilla-Website depub.org. Diese Site recycelt öffentlich-rechtliche Online-Beiträge (bislang ausschließlich solche der Tagesschau), die die Sender aufgrund rundfunkrechtlicher Vorschriften offline nehmen mussten – ein Vorgang, den man mit dem Terminus “depublizieren” belegt hat – also “wegveröffentlichen” oder “entöffentlichen”. Für mich definitiv ein Anwärter auf das Unwort des Jahres.

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Der Hintergrund: Online-Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender müssen nach bestimmten Fristen – je nach Einteilung durch einen “Drei-Stufen-Test” – dem interessierten Publikum wieder entzogen werden. Die Öffentlichkeit bezahlt damit per GEZ-Gebühren zuerst für deren Erstellung, dann für die Online-Bereitstellung und schließlich für die völlig unsinnige digitale Entsorgung.

Unsinnig freilich nur aus Sicht der Informationssucher – nicht hingegen aus Sicht der privatwirtschaftlichen Konkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen: “Diese zweifelhafte Regelung, den sogenannten Drei-Stufen-Test, haben sich die Ministerpräsidenten ausgedacht”, erinnert uns das immer wieder sehenswerte NDR-Medienmagazin Zapp. “Im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag beschlossen sie das Ende der Online-Archive von ARD und ZDF. Und so bekamen auch die Verleger, was sie wollten: Weniger Konkurrenz im Netz.”

Was der Surfer nicht mehr in den Archiven von ARD und ZDF recherchieren kann, soll er sich eben aus anderen Quellen besorgen. Als Journalist, der für einen Verlag tätig ist, müsste ich diesen Zwang zum Depublizieren also eigentlich aus Eigeninteresse begrüßen.

Dem ist aber nicht so – im Gegenteil. Denn das “Depublizieren” ist schlicht die staatlich verordnete Verarmung unseres kulturellen Gedächtnisses. Es ist nicht nur wirtschaftlich zweifelhaft, sondern einfach eine schändliche mediale Brandrodung.

Deshalb ist das Vorgehen der publizistischen Revoluzzer von depub.org, obschon illegal, eine Bereicherung – genauer: eine Wiederanreicherung – unserer Online-Medienlandschaft. Es lebe die Re-De-Evolution!

Old Spice Guy: in Badeschlappen auf den Social-Media-Olymp

Als IT-Fachjournalist berichtet man eigentlich ungern über so genanntes “virales” Social Media Marketing, also Marketing-Kampagnen, die von der spontanen, vielfachen Weiterverbreitung durch Social-Media-Benutzer leben: Schließlich wird man durch den Bericht über das virale Marketing-Phänomen selbst Teil des Systems sich selbst replizierender Werbung.

Aber manchmal verdient es eine sehr gut gemachte Kampagne eben, dass man sich – sogar recht zeitnah, ohne die beruhigende Distanz des historischen Rückblicks – mit ihr befasst. Und dem US-amerikanischen Konsumgüter-Konzern Procter & Gamble (P&G) ist eben kürzlich mit seiner Social-Media-Kampagne für Deos und Co. der Marke “Old Spice” ein wahres Kunststück gelungen.

Im Mittelpunkt der Kampagne stand der Schauspieler Isaiah Mustafa, dem US-Publikum bekannt aus einer Serie von Werbespots mit dem Thema “The Man Your Man Could Smell Like” (”Der Mann, wie der Ihr Mann riechen könnte”) – amüsante Spots, deren erster im Web laut dem Blog Mashable.com schon über 19-millionenfach abgerufen wurde.

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P&Gs Social-Marketing-Agentur hatte die Idee, Mustafa an wenigen Tagen eine Unzahl kurzer Videobotschaften senden zu lassen, jeweils in Beantwortung von Fragen oder Kommentaren, die über Social Networks wie Twitter, Facebook oder Reddit gepostet worden waren. Das Setting war dabei stets gleich: Der gut aussehende Mustafa – “I’m just a ridiculously handsome man”, wie er in der letzten der Videoantworten konstatiert – ist in einem Badezimmer zu sehen, badezimmertypisch bekleidet mit nur einem Handtuch um die Hüften (und, wie man vermuten darf, ohne es aber je zu sehen, in Badeschlappen). Mustafa nimmt für P&G in 24 Stunden über 180 Videobotschaften auf, die laut Visible Measures innerhalb weniger Tage millionenfach gesehen werden – der von Marketiers so ersehnte Effekt viraler Verbreitung.

Das Autorenteam trifft in den Videos genau den entspannten, lockeren, amüsanten und so gar nicht reklameartigen Tonfall, der im Web 2.0 beliebt ist – mal richtet Mustafa Botschaften an Prominente, mal erfüllt er die Bitte, er möchte doch im Namen eines Twitter-Nutzers um die Hand von dessen Angebeteter anhalten, mal nimmt er auf Wunsch eines anderen Unbekannten für diesen einen Anrufbeantworter-Text auf. Dies alles immer cool und augenzwinkernd (oder “tongue-in-cheek”, wie die Amerikaner sagen), und stets ganz frisch deodorierter Gentleman (”Monocle smile!”).

Dank Social Media – P&G hat hier die Plattformen wie YouTube und Twitter elegant für sich einzuspannen gewusst – hat eine originelle Idee, die dank hervorragendem Autorenteam und einem genau passenden Schauspieler perfekt umgesetzt wird, heutzutage das Zeug, in Nullkommanichts Teil der nationalen oder gar internationalen Populärkultur zu werden. Diese Kombination aus Originalität, treffsicheren Pointen und schwungvoller Umsetzung würde man sich viel öfter wünschen – gerne auch hierzulande, und gerne auch außerhalb des reinen Produktmarketings. Denn Social Media bieten mehr Raum für originelle und unterhaltsame Kommunikation, als der Begriff “Social Media Marketing” vermuten lässt.

Java 4-Ever: ein Windows-Shrek geht nach Hollywood

Java ist nicht nur eine indonesische Insel, eine Kaffeesorte und eine Programmiersprache (die seit der Sun-Akquisition nun Oracle gehört); zudem ist Java seit Kurzem auch ein Filmstar – zumindest wenn man dem Trailer von “Java 4-Ever” glauben darf.

Der Trailer handelt von einem Kind, das in einer sehr Windows- und .NET-treuen Familie aufwächst und später als Teenager in Form von Java-Begeisterung revoltiert. Das große “Coming out” hat der Java-Nachwuchsentwickler dann bei einer weihnachtlichen Familienfeier: “”I use Java.” Denn, so der Microsoft-Verweigerer: “I want to use a programming language that doesn’t only run on Windows.” Es bricht großes Getöse aus, die Mutter erleidet einen Heulkrampf (”My son is a monster!”), der Vater nach ausgiebiger Schimpftirade einen tödlichen Herzanfall.

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Bildquelle: http://jz10.java.no/

“Java 4-Ever” gibt es natürlich nicht, die Ankündigung ist ein Fake – eine unterhaltsame und gut gemachte Parodie auf die Trailer handelsüblicher Hollywood-Produktionen: Die von “JavaZone Entertainment” präsentierte “Steven Springberg”-Produktion zitiert so manche bekannte Filmsequenz, enthält – wie es sich für eine ordentliche Hollywood-Großproduktion gehört – sehr offensichtliches Product Placement eines Notebooks mit dem Logo des Steve-Jobs-Shops und prahlt nicht nur mit dem Regisseur von “Javatar”, sondern auch mit seinen Hauptdarstellern Eddie Larrison und Scala Johansson sowie mit Kritiken einschlägiger Magazine (”Truly gripping.” Wired).

Ein wenig Hollywood-untypisch ist lediglich, dass die Dialoge auf Norwegisch gehalten sind, samt den in den USA so unbeliebten englischen Untertiteln. Dies erklärt sich dadurch, dass der Trailer ein Werbefilmchen für die Java-Entwicklerkonferenz JavaZone vom 8. bis 9. September 2010 im norwegischen Oslo ist.

Wie die computeranimierte Trickfilmserie “Shrek” des ehemaligen Disney-Managers Jeffrey Katzenberg die weichgespülte, flurbereinigte Märchenwelt des Disney-Konzerns parodierte (und damit ein Vermögen einspielte), so nutzt die Werbetruppe von JavaZone das Genre des Spielfilm-Trailers für gar shrekliche Seitenhiebe auf die .NET-Gemeinde – bis hin zum Filmtod des Microsoft-treuen Vaters (gespielt von William Windows). Genau so wünscht man sich die Ankündigung einer Java-Konferenz: witzig, respektlos, intelligent gemacht – gelungenes Community-orientiertes Entertainment. Kompliment – oder, wie wir Norweger sagen: Kudos!

Übrigens: Den Trailer sollte man sich auf der JavaZone-Seite ansehen oder aber auf boingboing.net (wo auch recht eifrig drüber diskutiert wurde), denn auf YouTube muss man sich wegen einer im Trailer enthaltenen kurzen Sexszene mit Altersangabe registrieren. Google befürchtet offenbar eine Jugendgefährdung durch die zirka zweisekündige skandinavische Programmierer-Ausschweifung (mit Notebook!). Deshalb die Warnung: Microsoft-feindlich und “not safe for work”!