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Netzneutralität und Sommerloch-Maut

Die Betreiber von TK-Infrastrukturen – also jene Konzerne, über deren Zugangs-, Backhaul- und Backbone-Netze unser Zugang zum „bösen Internet“ erfolgt – arbeiten schon seit Jahren kontinuierlich daran, die nach wie vor herrschende Netzneutralität auszuhebeln: Während heute der Datenverkehr jeglicher Couleur weitgehend gleichberechtigt durch die Glasfasern und Kupferkabel flutscht, wünschen sich die TK-Konzerne Datenverbindungen erster und zweiter Klasse – und gegebenenfalls weitere Klassen für den Datenpöbel.

Der Carrier von Welt möchte – wie dies die Deutscheste aller Telekoms kürzlich öffentlich propagierte – die Datenpakete für hauseigene oder andere teuer bezahlte Dienste bevorzugt transportieren dürfen, die übrigen Datenströme hingegen – insbesondere die lästigen Bandbreitenfresser wie Video-Streams und Multimedia-Downloads – drosseln oder anderweitig benachteiligen. Unter der Überschrift „Premium-Dienste“ – die kommerzielle Variante der „Differentiated Services“ – haben die TK-Anbieter schon seit geraumer Zeit in Technik investiert, die solche Unterscheidungen möglich und durchführbar macht. Anders formuliert: Die Carrier wollen, ähnlich wie CSU-Chef Horst Seehofer jüngst im Wahlkampf-Sommerloch, ein neues flächendeckendes Mautsystem einführen – nur eben keine PKW-Maut, sondern eine Datenmaut.

Der TK-Konzern Drosselkom möchte auf deutschen Autobahnen Lastwagen abfangen, die Datenpakete geladen haben. Bild: Wikimedia Commons

Der TK-Konzern Drosselkom möchte auf deutschen Autobahnen Lastwagen abfangen, die Datenpakete geladen haben. Bild: Wikimedia Commons

Aus der Sicht eines Betreibers, der viel Geld in seine Infrastruktur investiert hat (und weiter investieren muss), ist ein Abrechnungssystem nach dem Prinzip „Wer viel nutzt, soll viel zahlen“ natürlich ein naheliegender Wunsch. Lassen wir deshalb kurzerhand die Gegenargumente der Netzneutralitätsverfechter wie flächendeckende Internet-Grundversorgung und gleichberechtigten Zugang zu Informationen beiseite, um aus streng wirtschaftlicher Perspektive zu betrachten, wo noch überall eine Maut fehlt:

1. Totalüberwachungs-Maut: Geheimdienste dürfen uns weiterhin vom Scheitel bis zur Sohle überwachen, zahlen dafür aber 0,01 Cent pro abgefangenem Datenpaket an das jeweils betroffene Land. Schon innerhalb weniger Wochen wäre so der Staatshaushalt saniert. Sogar die Griechen könnten sich damit in kürzester Zeit aus ihrer Finanzkrise herausbelauschen lassen.

2. Fanboi-Maut: Die Benutzung eines iPhones während eines gepflegten Essens, einer Besprechung oder eines Kinobesuchs ist möglich, aber mit zusätzlichen Verbindungskosten zum zehnfachen Tarif verbunden. Eine Flatrate mit Zusatzkosten – der Traum eines jeden TK-Betreibers! Dank des neuen Features iAnnoy erkennt das neue iPhone 5S übrigens die Gesprächssituation automatisch und passt den Datentarif selbsttätig an.

3. Droid-Maut: Für Benutzer von Smartphones mit Googles Android gilt Vergleichbares, nur dass der Warnhinweis „Ihre Smartphone-Fixierung nervt gerade sehr und ist deshalb vorübergehend kostenpflichtig!“ per Google Maps mit lokationsbezogener Werbung umrahmt ist.

4. Tour-de-Pharma-Maut: Gedopte Fahrer dürfen bei der Tour de France ganz offiziell mitradeln, müssen aber alle fünf Kilometer 1,68 Euro in die Mautautomaten am Rennstreckenrand einwerfen. Die Maut ist in passenden Münzen zu zahlen und vom Fahrer selbst mitzuführen.

5. Drive-Through-Maut (auch „McMaut“ genannt): Personen, die bei einer Junk-Food-Kette vorfahren, um ihre nahrungsmittelähnlichen Kalorienspender bequem vom Auto aus zu bestellen, werden künftig per Schranke zwecks Mautentrichtung gestoppt. Die Mindestgebühr beträgt zehn Liegestützen, für Stammgäste zwanzig.

6. Cat-Content-Maut: Das Internet wurde bekanntlich nur erfunden, damit Katzenliebhaber lustige Fotos und Videos von ihren samtpfotigen Wohnzimmertigern posten können. Nichts liegt deshalb aus Carrier-Sicht näher, als Katzeninhalte mit einer Extragebühr zu versehen. Aus diesem Grund wurde in Carrier-Kreisen eine Cat-Content-Maut schon wiederholt diskutiert. Die lebhaft geführten Debatten verliefen allerdings stets im Sande, weil die Befürworter… ach, guck mal, wie süß! Und so flauschig! Und die da hinten mit dem getigerten Fell… Ja, also, wie gesagt: Die Cat-Content-Maut is‘ wohl vom Tisch.

7. Sommerloch-Maut: Eine Gebühr für nerviges populistisches Politikergedöns im Nachrichten-Sommerloch. Zu entrichten, sobald sich ein Reporter, eine Kamera oder auch nur ein Mikrofon einem Politiker in der sommerlichen Feriensaison auf weniger als fünf Meter nähert. Kritiker bemängeln, diese Maut schränke die Informationsverbreitung ein und sei damit zutiefst undemokratisch, während Befürworter argumentieren: Wenn schon die Netzneutralität abschaffen, dann doch bitte konsequent!