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Kindinger Mitteilungen (4): Bedarf an katholischen Apps wächst

Der Mitteiler dieser Zeilen ist Ende 2011 mit seinem Redaktionsbüro „Mitteilerei“ von München nach Kinding im idyllischen Altmühltal übergesiedelt, nicht zuletzt, um der Hektik, dem Dreck und dem Lärm der Großstadt – na gut, sagen wir: sehr großen Kleinstadt – zu entkommen.  Zwischenbilanz nach fast zwei Jahren: Es hat weitgehend geklappt.

Hektik kommt in Kinding selten auf. Ist der Verfasser dieser Zeilen zu Fuß unterwegs, verheddert er sich meist bei Nachbarshäusern oder spätestens in der Bäckerei in einen Plausch, ist er doch längst nicht der einzige mitteilsame Mensch am Ort. Auch per PKW kommt man kaum schneller voran. Dafür sorgen die einheimischen Bauern mit ihren Traktoren – von den Touristen „Trekker“, von den Eingeborenen „Bulldog“ genannt – ebenso wie die stets schwerstbeladen vor sich hin ächzenden Sattelschlepper des Kalksteinbergwerks im Nachbarort und die vielen radelnden Rentner-Touristen. Diese haben offenbar das Fahrradfahren zu einer Zeit gelernt, als weder Automobile noch das Handzeichengeben erfunden waren, und eiern deshalb gerne ebenso sportlich-bunt gekleidet wie orientierungslos auf der Straße herum. Wer im Radfahrerparadies der Generation 80+ lebt, darf es nicht eilig haben.

In puncto Großstadtdrecklosigkeit ist zu erwähnen, dass der örtliche Gartenbauverein das Dorf jedes Frühjahr sorgsam für die erwarteten Touristenscharen herausputzt und zurechtzupft (ja, der Verfasser zupft mit). Sehr hilfreich ist sicher auch, dass es am Ort keine jener pseudoschottischen Pseudorestaurants gibt, die ihre Pseudolebensmittel in durchaus echten Müll verpacken, den die Klientel anschließend gerne achtlos in der Landschaft verteilt.

In puncto Lärmvermeidung bestätigt sich hingegen immer wieder, dass es auch auf dem Land nie wirklich ruhig wird. Zum Glück befindet sich die Mitteilerei in einer engen, kurvigen, unbefestigten Sackgasse am Steilhang, sodass kein Durchgangsverkehr herrscht, und mangels Bauernhöfen ist die Gasse eine angenehm bulldogfreie Zone. Für eine Bulldogge hält sich jedoch offenbar der Nachbarshund – ein kleiner Terrier, vom Verfasser „Wotan Wackeldackel“ getauft: Das sehr arbeitswillige Wachhundchen kriegt sich bei jedem nahenden Fremden vor hysterischem Gekläffe kaum mehr ein, bis ihn der Nachbar mit kurzem, aber nachdrücklichem Befehl zum Schweigen bringt.

Obwohl der lebende Wackeldackel sich redlich müht, ist die größte Lärmquelle am Ort allerdings jenes katholische Brauchtum, welches die Touristen so idyllisch finden: das viertelstündliche und bei Gottesdiensten oder feierlichen Anlässen gerne auch mal langanhaltende Glockenläuten der mittelalterlichen Kirchenburg. Erst kürzlich war – was zum Glück selten vorkommt – morgens um sechs ein Glockensturm zu hören, den sich der Verfasser nur damit erklären kann, dass der Glöckner für die bayerische Meisterschaft im Dauerglöcknern trainiert.

Dabei gäbe es doch im 21. Jahrhundert längst die nötigen technischen Hilfsmittel, um die katholischen Bevölkerungsteile weit eleganter über Uhrzeit oder Gottesdiensttermine zu informieren. So könnten doch Gemeindemitglieder heutzutage zum Beispiel dem SMS-Verteiler der Kirche ihrer Wahl beitreten, den SMS-Klingelton „Ringing Church Bells“ herunterladen und sich dann bequem – und vor allem: für alle Unbeteiligten angenehm leise – per Kurznachricht informieren lassen, dass es 6:00 Uhr oder aber Zeit für die Morgenandacht ist.

Auch ein Twitter-Account namens @KirchenburgKinding mit Tweets wie „Es ist jetzt 6:00 Uhr #katholischerServiceTweet“ wäre kein Hexenwerk – und sogar nochmals deutlich leiser als eine SMS. Der strenggläubige Smartphone-Besitzer wiederum fragt sich bestimmt schon längst händeringend: Gottesdienstinfo – gibt’s denn da keine App für?

Also, lieber Papst Franziskus: Du twitterst doch unter dem Namen @Pontifex bereits eifrig. Nun führe auch deine Glöckner ins 21. Jahrhundert! Die Welt wäre eine friedlichere.

Papst Franziskus twittert unter dem Handle @Pontifex. Dies macht deutlich weniger Lärm als die bayerische Tradition des Kirchenglockenläutens.

Papst Franziskus twittert unter dem Handle @Pontifex. Dies macht deutlich weniger Lärm als die bayerische Tradition des Kirchenglockenläutens.

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Kindinger Mitteilungen (3): Silver Surfer und rostige Radler

Angehörige der Generation 65+ werden heute gern „Silver Surfer“ genannt, weil sie sich zunehmend begeistert im Wilden Weiten Web tummeln. Und wohl auch, weil „Senile Surfer“ oder „Google-Greise“ marketingmäßig betrachtet nicht sooo gut rüberkommt, also rein zielgruppenorientiert gesehen.

Angefangen hat der silberhaarige Sich-im-Web-Auskenner in der Regel als „12 o’Clock Flasher“: als jemand, bei dem die Digitaluhren sämtlicher elektrischer Haushaltsgeräte ständig eine blinkende „12:00“ zeigten, weil er nicht wusste, wie man das ändert. Später hat er sich dann vom Den-Enkel-Frager-wie-man-in-dieses-Internetz-kommt über den E-Mail-Ausdrucker zum Auch-mal-was-bei-Ebay-Versteigerer gemausert, um heute routiniert das neue iPad („Das kann sogar Tante Elfriede bedienen“) im Apple-Store zu bestellen oder die Last-Minute-Thailand-Reise online zu buchen und anschließend das Hotel auf Facebook abzukanzeln.

Gerade im Spätsommer – der ja nicht umsonst „Altweibersommer“, pardon: „Silver-Surferinnen-Sommer“ heißt – zieht es die rüstigen Rentner allerdings weg vom PC und per Fahrrad oder auf dem immer beliebteren E-Bike hinaus in die Landschaft, etwa ins seniorengerecht steigungsarme Altmühltal. Das Problem: Wird der silberne Surfer zum Verkehrsteilnehmer, dann ist es meist recht schnell vorbei mit der kompetenten Manövrierfähigkeit. Zwar gibt es durchaus die alerten Durchtrainierten von der „Extremsport geht auch mit künstlichem Hüftgelenk“-Fraktion; doch die meisten Silver Surfer erwecken auf dem Draht- oder Akku-Esel eher den Eindruck, als wollten sie beweisen, dass nicht die digitale Demenz, sondern vielmehr der geistig rostige radelnde Rentner hierzulande die größte Gefahr darstellt.

Deshalb folgen hier ein paar Tipps für den Silver E-Biker:

1. Schieben Sie das E-Bike zunächst in die Kreuzungsmitte, steigen Sie dort in Ruhe auf und überlegen Sie sich dann erst, ob Sie überhaupt wissen, wie man dieses neumodische Zeugs bedient. Solch ein behutsames Vorgehen hat sich ja damals beim PC schon bewährt. Beachten Sie die hupenden PKW-Fahrer gar nicht – die freuen sich lediglich über den hohen Fitnessgrad heutiger Senioren und wollen Sie nur anfeuern.

2. Lassen Sie sich vom anhaltenden Gehupe und Gefluche auch nicht dabei stören, nun in Ruhe auf der Landkarte – für Besserverdiener: auf dem am Lenker montierten iPad – nachzusehen, wo Sie überhaupt hinwollen. Hektik ist schließlich schlecht für den Blutdruck. Und Sie sind ja hier im Urlaub und nicht auf der Flucht. Wie damals in Ostpreußen.

3. Das Tolle am E-Bike ist ja, dass man nicht so viel strampeln muss wie damals vor’m Krieg, und dass man jetzt viel mehr Zeit hat, die Landschaft zu genießen. Die Betonung liegt dabei auf „Landschaft“ – Verkehrsschilder sind hier explizit ausgenommen. Schließlich sind Sie ja hier im Urlaub, falls wir das noch nicht erwähnt hatten, und da gelten die Verkehrsregeln für Sie sowieso nicht.

4. Fahren Sie auch mit Tempo 10 km/h stets auf der Bundesstraße und generell nie auf einem dieser neumodischen Fahrradwege. Die hat’s damals im Krieg schließlich auch nicht gegeben. Der Adolf hat schon gewusst, wieso er Autobahnen hat bauen lassen und keine Fahrradbahnen. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

5. Vergessen Sie nie die goldene Regel aus Ihren Kindertagen: Wenn Bombenalarm ist, Licht aus! Und Bombenalarm ist quasi immer. Denn dem Russen ist bekanntlich nach wie vor nicht zu trauen. Also fahren Sie am besten immer ohne Licht, nachts und auch bei Nebel oder Dämmerung. Er kommt ja gerne in der Dämmerung, der Russe, wie damals in Ostpreußen.

6. Wichtig ist zudem, keinesfalls Richtungs- oder Fahrspurwechsel per Handzeichen kenntlich zu machen. Weil das mit dem gestreckten Arm war ja vor 45 sehr verbreitet, alle haben da quasi ständig den geplanten Richtungswechsel nach schräg vorne oben angezeigt, Verkehrssicherheit wurde damals ja sehr groß geschrieben. Aber danach hatte man nur Scherereien mit den Ausländern, wenn man Fotos davon erklären sollte. Dabei war nicht alles schlecht damals, zum Beispiel die Autobahnen. Und die Verkehrssicherheit. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

7. Die Reichweite eines E-Bikes ist leider sehr begrenzt. Die Akkus kommen bestimmt alle aus China, und die können das natürlich nicht, Akkus herstellen, die nicht nur für die Hinfahrt reichen, sondern auch noch zurück. Typisch! Das ist aber noch lange kein Grund, sich über die Reichweite des Akkus Gedanken zu machen oder gar darüber, wo man ihn unterwegs wieder aufladen könnte. E-Bike-Ladestationen hat’s schließlich damals im Krieg auch nicht gegeben, und der Adolf wusste schon, warum er Autobahnen hat bauen lassen und keine E-Bike-Ladestationen.

8. Am besten isses sowieso, man bleibt als Rentner gleich zu Hause und fährt gar nicht mehr weg, sollen sich die Chinesen doch selber mit diesen Drecks-Akkus rumärgern. Und mit diesen blöden E-Bikes, wo man dann plötzlich doch selber treten muss, weil der Akku alle ist, und dann merkt man, wie schwer diese Scheißdinger sind. Und wenn man dann mitten auf der Kreuzung nicht weiterkommt, dann hupen wieder alle. Und vor lauter Schreck kriegt man dann plötzlich hohen Blutdruck und zeigt an, dass man nach schräg vorne oben fahren möchte. Und schon hat man wieder Scherereien, bloß wegen der Verkehrssicherheit. Das hätt’s damals ja nicht gegeben.

War überhaupt alles viel besser damals. Also: damals, in der Zeit ohne Silver Surfer und ohne E-Bikes.

Kindinger Mitteilungen (1): Fortschritt liegt in der Nase des Betrachters

Das Redaktionsbüro Mitteilerei (inklusive meiner Wenigkeit) ist zum Jahreswechsel in die Provinz gezogen, genauer: ins Altmühltal, noch genauer: nach Kinding, somit in ein Dorf in der Nähe des schönen und sommers sogar recht touristischen Städtchens Beilngries. Besuchen mich nun Freunde oder Bekannte aus der alten Münchner Heimat, so geben sie sich immer wieder bass erstaunt über die Infrastruktur der Altmühltaler Provinz. „Oho“, spötteln sie dann, „ihr habt hier ja sogar fließend Wasser, und das nicht mal nur in Form von Altmühl, Schwarzach und kleinen Gebirgsbächen!“

In der Tat hat auch das Leben außerhalb des Münchner S-Bahn-Bereichs gar manche moderne Annehmlichkeit zu bieten: Es gibt elektrischen Strom mit den vollen 220 Volt, sanitäre Einrichtung innerhalb der Gebäude (darauf lege ich großen Wert) und sogar geteerte Straßen. Letzteres zwar nicht direkt vor meinem Haus, da befindet sich ein altmodischer Schotterweg, aber vom Fenster aus habe ich diverse geteerte Straßen im Blickfeld, jawohl!

Und schließlich, für mich überhaupt das Wichtigste: Ich beziehe hier eine DSL-Verbindung (mangels Alternativen von der Deutschesten aller Telekoms) mit 16 MBit/s – also ebensoviel, wie mir in München zur Verfügung stand. Mit Grausen denke ich an die ersten Wochen zurück, als die DSL-Leitung noch nicht geschaltet war und ich mich mit UMTS behelfen musste (oder mit dem, was Vodafone hier in der Gegend dafür hält und mir telefonierende Autofahrer auf der nahegelegenen Autobahn an Funkkanälen übrig lassen).

Glasfaser bis vor jede Haustür, wie sie der Regionalversorger M-Net in München gerade unter so ziemlich jedem Gehweg verbuddelt hat, werde ich in Kinding wohl nie erleben, aber bislang fehlen mir die 100 MBit/s nicht. Umso mehr genieße ich die Dinge, die ich aus München kenne, die es aber hier ebenfalls nicht gibt. Um nur ein Beispiel zu nennen: In ganz Beilngries – obwohl, wie erwähnt, ein schönes und sommers sogar recht touristisches Städtchen – gibt es weder einen McDonald’s noch ein anderes Etablissement jener im sehr, sehr weit gefassten Sinne Restaurantketten, welche die Städte dieser Welt wie Ausschlag befallen und Familien nebst Touristen auf der Suche nach vertraut aussehendem Einheitsbrei ebenso versammeln wie – Erfahrungswert aus München – sehr viel Nachwuchs ebenso bildungs- wie vitaminferner Schichten.

Den unangenehm penetranten Geruch des Frittieröls jener Junk-Food- (auf Deutsch also Müll-Essen-) Buden kenne ich seit Kindheitstagen. Es riecht dort immer gleich, was bei mir schon mal den Verdacht weckte, dort würde wohl seit 1977 immer noch mit dem gleichen Kanister Öl frittiert. Das ist sicher Quatsch. Bestimmt kommt das Frittieröl bei McDonald’s von stets frisch geernteten Frittierölzweigen glücklicher, freilaufender Frittierölbäume aus Bodenhaltung. Dennoch ist es für mich ein Stück Lebensqualität, diesem Gestank von nun an ebensowenig ausgesetzt zu sein wie weiträumig verstreuten Verpackungsresten der Junk-Food-Vertilger.

Dafür gebe ich mich gerne mit 16 MBit/s zufrieden. Vorerst zumindest.