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Das Märchen vom Twitter-Erfolg der New Yorker Polizei

So, Kinners, dann lasst doch mal kurz die Finger von WhatsApp, der nette Onkel will euch eine Geschichte erzählen. Mit Happy End! Also, mit einer Art Happy End.

Es war einmal vor langer, langer Zeit – nämlich im April – in einem fernen, fernen Land, das heißt USA. Da gibt es eine Stadt, die der Rest des fernen Landes gar nicht so richtig zum fernen Land zählt, die heißt New York. Da gibt es viele reiche Leute, die sich teure Apple-Notebooks leisten können, und darum heißt die Stadt auch Big Apple.

Im Big Apple gibt es nicht nur viele Reiche, sondern auch viele Kriminelle. Und viele reiche Kriminelle, die heißen „Investment-Banker“. Und um die Menschen vor den Kriminellen mit Ausnahme der reichen Kriminellen zu schützen, gibt es da so schwarz gekleidete Aufpasser, die heißen New York Police Department. Und weil alles eine Abkürzung haben muss, heißen die auch NYPD.

Und weil die sich für eine besonders feine Polizeitruppe halten, nennen sie sich selber „New York’s Finest“. So richtig fein finden manche New Yorker das NYPD aber gar nicht. Weil die nämlich schon mal mit ihren Schlagstöcken draufhauen, wenn New Yorker gegen die reichen Kriminellen demonstrieren. Und außerdem gibt es in New York so ein Gesetz, das erlaubt es der Polizei, immer und überall Menschen anzuhalten und zu durchsuchen, wie ihr Kinners das vielleicht von den Kontrollen am Flughafen her kennt. Das heißt dann „Stop and Frisk“.

Am liebsten durchsuchen die Polizisten junge schwarze Männer, was die aber auf Dauer nicht so märchenhaft finden. Weil die fragen sich dann, warum „New York’s Finest“ immer nur sie anhalten und durchsuchen, aber nie „Wall Street’s Finest“, und finden die Polizei überhaupt unfein.

Darum waren die Polizisten ganz traurig und rauften sich die Haare und wollten dem Volk verkünden, wie fein sie wirklich sind. Da hatte ein großer Social-Media-Zauberer die Idee, das NYPD könnte auf Twitter einen Hashtag #myNYPD starten und sich von den Menschen wünschen, dass sie Fotos von sich und den feinen New Yorker Polizisten tweeten. Die Idee fand das NYPD ganz toll, und also taten sie wie vom Social-Media-Zauberer geheißen.

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Mit Twitter kann man sehr gut die eigene Beliebtheit ermitteln. Da kann auch gar nichts schiefgehen.

Daraufhin haben viele, viele Menschen Fotos von sich mit feinen Polizisten getweetet. Aber andere mit so komischen Namen wie @OccupyWallStNYC haben dann Fotos getweetet, die zeigten, wie New Yorker Polizisten andere New Yorker mit Tritten und Schlagstöcken verfeinern. Und wie sie gegen schwarze Jugendliche vorgehen, die nicht dauernd gestoppt und gefriskt werden wollen. Das waren dann keine so wahnsinnig feinen Fotos vom NYPD.

Und drum gab es dann ein großes Hallo im Internet, und alle lachten und spotteten, dass die Twitter-Kampagne des NYPD in die Hose gegangen sei. Das ärgerte die Polizisten, und so schickten sie ihren besten und weisesten Märchenonkel vor, und der verkündete dann dem Volk: „Das NYPD schafft neue Wege, um effektiv mit der Community zu kommunizieren. Twitter bietet ein offenes Forum für unzensierten Austausch, und dies ist ein offener Dialog, der gut ist für unsere Stadt.“

Da nickten alle und sagten: „Ja, das NYPD, das sind wirklich New York’s Finest.“ Und da freute sich das NYPD und feierte ein großes Fest und die Polizisten lachten und tanzten auf den Straßen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stoppen, frisken und tweeten sie noch heute.

Kindinger Mitteilungen (4): Bedarf an katholischen Apps wächst

Der Mitteiler dieser Zeilen ist Ende 2011 mit seinem Redaktionsbüro „Mitteilerei“ von München nach Kinding im idyllischen Altmühltal übergesiedelt, nicht zuletzt, um der Hektik, dem Dreck und dem Lärm der Großstadt – na gut, sagen wir: sehr großen Kleinstadt – zu entkommen.  Zwischenbilanz nach fast zwei Jahren: Es hat weitgehend geklappt.

Hektik kommt in Kinding selten auf. Ist der Verfasser dieser Zeilen zu Fuß unterwegs, verheddert er sich meist bei Nachbarshäusern oder spätestens in der Bäckerei in einen Plausch, ist er doch längst nicht der einzige mitteilsame Mensch am Ort. Auch per PKW kommt man kaum schneller voran. Dafür sorgen die einheimischen Bauern mit ihren Traktoren – von den Touristen „Trekker“, von den Eingeborenen „Bulldog“ genannt – ebenso wie die stets schwerstbeladen vor sich hin ächzenden Sattelschlepper des Kalksteinbergwerks im Nachbarort und die vielen radelnden Rentner-Touristen. Diese haben offenbar das Fahrradfahren zu einer Zeit gelernt, als weder Automobile noch das Handzeichengeben erfunden waren, und eiern deshalb gerne ebenso sportlich-bunt gekleidet wie orientierungslos auf der Straße herum. Wer im Radfahrerparadies der Generation 80+ lebt, darf es nicht eilig haben.

In puncto Großstadtdrecklosigkeit ist zu erwähnen, dass der örtliche Gartenbauverein das Dorf jedes Frühjahr sorgsam für die erwarteten Touristenscharen herausputzt und zurechtzupft (ja, der Verfasser zupft mit). Sehr hilfreich ist sicher auch, dass es am Ort keine jener pseudoschottischen Pseudorestaurants gibt, die ihre Pseudolebensmittel in durchaus echten Müll verpacken, den die Klientel anschließend gerne achtlos in der Landschaft verteilt.

In puncto Lärmvermeidung bestätigt sich hingegen immer wieder, dass es auch auf dem Land nie wirklich ruhig wird. Zum Glück befindet sich die Mitteilerei in einer engen, kurvigen, unbefestigten Sackgasse am Steilhang, sodass kein Durchgangsverkehr herrscht, und mangels Bauernhöfen ist die Gasse eine angenehm bulldogfreie Zone. Für eine Bulldogge hält sich jedoch offenbar der Nachbarshund – ein kleiner Terrier, vom Verfasser „Wotan Wackeldackel“ getauft: Das sehr arbeitswillige Wachhundchen kriegt sich bei jedem nahenden Fremden vor hysterischem Gekläffe kaum mehr ein, bis ihn der Nachbar mit kurzem, aber nachdrücklichem Befehl zum Schweigen bringt.

Obwohl der lebende Wackeldackel sich redlich müht, ist die größte Lärmquelle am Ort allerdings jenes katholische Brauchtum, welches die Touristen so idyllisch finden: das viertelstündliche und bei Gottesdiensten oder feierlichen Anlässen gerne auch mal langanhaltende Glockenläuten der mittelalterlichen Kirchenburg. Erst kürzlich war – was zum Glück selten vorkommt – morgens um sechs ein Glockensturm zu hören, den sich der Verfasser nur damit erklären kann, dass der Glöckner für die bayerische Meisterschaft im Dauerglöcknern trainiert.

Dabei gäbe es doch im 21. Jahrhundert längst die nötigen technischen Hilfsmittel, um die katholischen Bevölkerungsteile weit eleganter über Uhrzeit oder Gottesdiensttermine zu informieren. So könnten doch Gemeindemitglieder heutzutage zum Beispiel dem SMS-Verteiler der Kirche ihrer Wahl beitreten, den SMS-Klingelton „Ringing Church Bells“ herunterladen und sich dann bequem – und vor allem: für alle Unbeteiligten angenehm leise – per Kurznachricht informieren lassen, dass es 6:00 Uhr oder aber Zeit für die Morgenandacht ist.

Auch ein Twitter-Account namens @KirchenburgKinding mit Tweets wie „Es ist jetzt 6:00 Uhr #katholischerServiceTweet“ wäre kein Hexenwerk – und sogar nochmals deutlich leiser als eine SMS. Der strenggläubige Smartphone-Besitzer wiederum fragt sich bestimmt schon längst händeringend: Gottesdienstinfo – gibt’s denn da keine App für?

Also, lieber Papst Franziskus: Du twitterst doch unter dem Namen @Pontifex bereits eifrig. Nun führe auch deine Glöckner ins 21. Jahrhundert! Die Welt wäre eine friedlichere.

Papst Franziskus twittert unter dem Handle @Pontifex. Dies macht deutlich weniger Lärm als die bayerische Tradition des Kirchenglockenläutens.

Papst Franziskus twittert unter dem Handle @Pontifex. Dies macht deutlich weniger Lärm als die bayerische Tradition des Kirchenglockenläutens.

Twitter macht’s möglich: Filme in nur sechs Worten erzählt

Wer wichtige Arbeiten vor sich herschieben will… nein, Moment, ich fang’ nochmal von vorn an: Wer nach stundenlangen wichtigen Arbeiten dringend eine klitzekleine Verschnaufpause braucht, der hat im Wesentlichen fünf Möglichkeiten: 1. Mails checken, 2. Welt retten, 3. YouTube-Videos gucken, 4. eine Glosse schreiben oder 5. schauen, was bei Twitter gerade „trendet“.

Denn für die erfolgreiche Prokrastination hat Twitter uns die „Trending Topics“ geschenkt, also die in einer bestimmten Region gerade „heißesten“ Hashtags. Nun wollen wir hier gar nicht über Hashtags schimpfen, jene mit einem vorangestellten „#“ gekennzeichneten Schlagwörter, mit denen die Twitter-Gemeinde ihre diskutierten Themen ambulant selbst organisiert. Solche Hashtags sind durchaus nützlich zur themenbezogenen Bündelung von Tweets. Moderiert zum Beispiel der Verfasser dieser statt anstehender wichtiger Arbeiten verfassten Glossenzeilen eine LANline-Veranstaltung, dann verkündet er vorab voll krass Social-Media-gerecht einen Hashtag, richtet sich für die Suche nach diesem eine Spalte in Tweetdeck ein und kann nun bequem verfolgen, was die Zuschauer anlässlich der Veranstaltung so twittern.

Manchmal entwickeln Hashtags aber auch spontan ein Eigenleben: Twitter-Nutzer greifen einen Hashtag massenhaft auf – weil er lustig ist, sie zu Variationen über das vorgegebene Thema anregt oder sie das Gelesene einfach schnell verbreiten wollen – und schwupps ist ein so genanntes „Mem“ geboren. Wir haben dieses Phänomen hier bereits anlässlich des #Blumenkübel-Mems in aller gebotenen Ausführlichkeit und Seriosität gewürdigt.

Im Vorfeld der Oscar-Verleihung kursierte kürzlich auf Twitter ein recht unterhaltsames Mem namens #SixWordFilmPlots: Der gemeinsame Nenner dieses Mems war es (neben der Verwendung des obligatorischen Hashtags), Filmhandlungen in nur sechs Worten zusammenzufassen. Derartiges stößt beim Twitter-Volk immer wieder auf große Resonanz – schließlich ist man es gewohnt, seine Gedanken auf maximal 140 Zeichen zu komprimieren, da legt die Limitierung auf sechs Wörter beim Zusammenfassen eines Films die Messlatte genau dieses kleine, für geistige Fingerübungen reizvolle Stückchen höher, das für die rasante Verbreitung eines Mems höchst förderlich ist.

Die meisten Mem-Teilnehmer machten sich einen Spaß daraus, Filmhandlungen augenzwinkernd derart zusammenzufassen, dass der Film für den Kinoliebhaber sofort zwischen den sechs kargen Worten hervorblitzte, so etwa in den folgenden Fällen. Wir beginnen mit einem Tweet des Schauspielers Richard Dreyfuss, der in „Jaws“ eine der Hauptrollen spielte (die Übersetzungen sind von mir, das Mem fand natürlich auf Englisch statt):

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„Hai tötet Menschen, Menschen töten Hai.“ – @RichardDreyfuss
„Chuck Norris macht alle fertig. Ende.“ – @DrTwittenheimer
„Affe haut Knochen. Computer sagt Nein.“ – @ernmalleyscat
„Große haarige Füße. Schöner glänzender Ring.“ – @jasonjordan
„Dude bowlt. Teppich beschädigt. Will Vergeltung. – @swirlOsquirrel
„Barfüßiger Polizist besiegt Terroristen, zerstört Wolkenkratzer.“ – @RorytheONeill
„Mission is possible, trotz irreführenden Titels.“ – @AlexRiceTan
„Ich bin der König der … *blubb!*“ – @HeroesAreBoring

Manche Twitterer gingen noch einen kleinen, aber feinen Schritt weiter – den von der Filmzusammenfassung zur teils milde lächelnden, teils sarkastischen, teils zornigen Film-, Genre- oder Hollywood-Kritik:

„Alien versus Predator (versus schreckliche Schauspielerei)“ – @CalumNorth
„Total abgehalfterter Boxer triumphiert, endlose Sequels.“ – @theresasmets
„Geistig zurückgebliebener Mann übt mörderische Selbstjustiz.“ – @anothershoe
„Hacker tippen schnell. Computer sind magisch.“ – @johncheese

und nicht zuletzt:

„Scheiß drauf, lest lieber das Buch!“ – @MrBrendanBlack

Wieder andere nutzten die Vorgabe, um Vorschläge für neue Drehbücher zu posten:

„Langsam und wütend: Gefangen im Stau“- @DrTwittenheimer

oder auch:

„Alberner Twitter-Trend löst Atomkrieg aus.“ – @Axl2032

Und dann gibt es bei einem Mem natürlich auch die immer gleichen Trittbrettfahrer: Angeblich reale Twitter-User mit kryptischen Namen, die neben dem Hashtag und einem immer gleichen Kommentar den Link zu einer Website tweeten – sprich: Spammer, die den Twitter-Nutzer auf eine Site mit Werbung, Pornografie und/oder Malware locken wollen. Ich hätte da übrigens folgenden Drehbuchvorschlag:

„Aliens landen, fressen alle Spammer auf.“

So, jetzt aber wieder zurück an die Arbeit! Moment, erst noch die Mails checken…

Trick or Tweet – virtuelles Halloween auf Twitter

Halloween ist ein alter amerikanischer Brauch, dessen Wurzeln bis weit in die Anfänge des Gemüse- und Süßigkeiten-Marketings zurückreichen. An Halloween bricht in den USA nebst allgegenwärtiger Kürbisschnitzerei auch der Kurzfasching aus: Kinder wie Erwachsene kleiden sich in Kostüme meist gruseliger oder gruseloider Natur, wie etwa jener iSpaßvogel, der sich mittels viel roter Farbe und zweier iPads als Mensch mit Loch im Bauch präsentierte (YouTube-Clip).

Von Jahr zu Jahr findet auch der US-Importbrauch des „Trick or Treat“ immer stärkere Verbreitung: Kinder gehen des Abends mehr oder weniger liebevoll verkleidet den Nachbarn oder Geschäftsinhabern mit dem Spruch „Süßes oder Saures“ auf die Nerven und schorren damit Süßkram. Eine neue Variante ist mir dieses Jahr in München begegnet: Kindergartenkinder marschierten mit grell-orangen Kürbisfratzen-Lampions als Gruselvariation über das Thema „Sankt-Martins-Umzug“. Sankt Martin, der Schutzheilige der kürbisbeleuchteten Süßkramsammler.

Deutlich unterhaltsamer war die Twitter-Aktion des auf Virtualisierungsthemen spezialisierten Gartner-Analysten Chris Wolf: Der unter dem Handle @cswolf twitternde Branchenbeobachter verkündete, er werde zu Halloween „als @herrod gehen“. Mit ausgetauschtem Profilfoto und dem Hashtag #Herrod4Hallo tweetete der ansonsten eher sachliche Analyst von nun an in seiner Rolle als Steve Herrod, Chief Technology Officer des Virtualisierungsgiganten VMware, allerlei Spaßiges nebst Insider-Scherzen.

So drohte Wolf der VMware-Konkurrenz zum Beispiel: „Wenn Citrix und Microsoft etwas wirklich Gruseliges zu Halloween sehen wollen, sollten sie mal sehen, was unsere Ingenieure in Palo Alto so treiben.“ Oder behauptete: „Heute servieren wir in der VMware-Kantine Hyper-V-Kuchen. Denn wie Mike Tyson hat auch VMware zum Ziel, die Konkurrenz zu frühstücken.”

Einen Tweet des CA-Managers und ebenfalls fleißigen Twitter-Nutzers Andi Mann – „Was ist echt in der Cloud? 10 Dinge, die ich letzte Woche gelernt habe http://bit.ly/sP7UiH” – kommentierte der angebliche Steve Herrod: „Ich habe das mit totaler Verachtung gelesen, besonders Punkt 5“ – dort hatte Mann betont, Cloud ginge auch ohne VMwares x86-Virtualisierung.

Darob erschrak der CA-Mann ganz erheblich, besonders über die „totale Verachtung“ des Analysten. Nicht weniger irritiert war er angesichts der vertauschten Profilbilder: Hinter den neuen Avataren vermutete er gar „irgendeinen durchgeknallten Social Media Security Test“. Wolf musste kurzzeitig seine Halloween-Rolle verlassen, um den verwirrten Andi Mann aufzuklären, der sich dann beruhigt zeigte – mit dem Hashtag #BitSlowThisMorning (#einbisschenlangsamheuteMorgen).

Wir merken uns: Trick or Tweet kann viel unterhaltsamer sein als Trick or Treat. Und an Fasching gehe ich auf Twitter als Eurokrise. Einen Avatar dafür habe ich schon:

Tworkshop: Twitter lernen mit Hollywood-Stars

Twitter ist nach Facebook das wohl beliebteste Social Network – wenngleich klar abgeschlagen auf Platz zwei. Dabei ist Twitter der nützlichere Dienst: eine Nachrichten-Verbreitungsmaschine, ein RSS-Feed zum Mitmachen, Informations-, Chat- und Diskussionsmedium zugleich. Dazu kommt, wie ein (zumindest auf Twitter) geflügeltes Wort lautet: „Auf Facebook trifft man die Leute, mit denen man zur Schule gegangen ist, auf Twitter trifft man jene, mit denen man gerne zur Schule gegangen wäre.”

Dass Twitter längst nicht so verbreitet ist wie Facebook, liegt unter anderem daran, dass seine Bedienung nicht wirklich intuitiv ist: Das „Social Information Network” hat seine eigene Grammatik, eigene Umgangsformen sowie – bedingt durch Anfänge als SMS-Dienst – eine maximale Nachrichtenlänge von 140 Zeichen, was viele Einsteiger zunächst unpraktisch finden. (In Wirklichkeit nötigt dies zu prägnanter Formulierung, was für den Leser sehr angenehm ist.)

Um zu veranschaulichen, wie Twitter funktioniert, tun wir nun so, als ob es Twitter in der Geschichte Hollywoods schon immer gegeben hätte. Denn Filme kennt praktisch jeder, da findet man sich leichter zurecht.

… uuuuuund Action!

1. Friend oder Follow:
„I’ll be back. I also follow back.” – @TheTerminator

Facebook-Verbindungen beruhen auf dem Friends-Prinzip: Benutzer A stellt eine Freundschaftsanfrage, und hat Benutzer B diese beantwortet, erhalten beide Benutzer die Status-Updates des jeweils anderen. Twitter hingegen beruht auf dem Follow-Prinzip: Benutzer @Jake  – Benutzernamen erkennt man auf Twitter immer am vorangestellten @-Zeichen – abonniert die Tweets (Twitter-Nachrichten) von Benutzer @Elwood („folgt” @Elwood): Er erhält nun in seinem Twitter-Interface („Timeline”) dessen Tweets (wie zum Beispiel: „Wir bringen die Band wieder zusammen!”) – und zwar in Echtzeit.

Ein Tipp: Man sollte Tweets besser nicht auf twitter.com lesen, sondern einen Twitter-Client wie TweetDeck oder Seesmic benutzen. Hier kann man bequem eigene Ansichten bilden und zum Beispiel Leute, denen man folgt, in Listen darstellen, etwa unterteilt in Schauspieler, Kritiker, Filmzeitschriften, Blues-Brothers-Band-Mitglieder, Horrorfilm-Monster etc.

Ein „Follow” wieder zu kündigen nennt sich “Unfollow” (im etwas holprigen deutschen Sprachgebrauch: „entfolgen”). Unfollows sind auf Twitter ebenso normal wie Follows – man sollte also keine Hemmungen haben, anderen Benutzern nicht mehr zu folgen. Umgekehrt sollte man Unfollows ehemaliger Follower auch nicht persönlich nehmen. In diesem Sinne ist es eine leere Drohung, wenn Thelma im Road Movie „Thelma and Louise” beim Überfall auf einen Drugstore sagt: „Nobody moves, nobody gets hurt. Or unfollowed.”

Für viele Benutzer gehört es auf Twitter zum guten Ton, einem Follower „zurückzufolgen” („follow back”). Eine nützliche Faustregel ist es allerdings, schlicht nur denjenigen Leuten zu folgen, deren Tweets einen tatsächlich interessiern – unabhängig davon, ob die Urheber einem zurückfolgen oder nicht.

Das auf Twitter oft geäußerte Angebot, im Fall eines Follows zurückzufolgen, hat häufig werblichen Hintergrund und sollte deshalb gemieden werden, wie etwa auch im Fall des oben zitierten Tweets – obwohl @TheTerminator das mit dem Folgen sicher nur nett meint…

2. Tweet-Arten

Während es Facebook offenbar am liebsten hätte, wenn alle alles mit allen teilen würden (und seine Datenschutzrichtlinien entsprechend undurchsichtig gestaltet), verfolgt Twitter eine ganz klare Linie: Hier gibt es nur drei Arten von Nachrichten, nämlich Tweets, Mentions (auch @-Replies genannt) und DMs (Direct Messages). Diese drei Tweet-Typen unterscheiden sich schlicht darin, wer sie lesen darf.

a. Tweets: „It’s a boy!” – @Rosemary

Ein Tweet entspricht einem Poster, zum Beispiel dem Plakat für den Horrorfilm „Rosemary’s Baby”: eine Nachricht, die an alle gerichtet ist, die sie sehen wollen. Jeder Benutzer, der dem Account @Rosemary folgt, kann diese Nachricht lesen. (Eine Ausnahme sind Closed Accounts, also gesperrte Konten: Diese machen Twitter zum Chat-Medium geschlossener Benutzergruppen, sind auf Twitter aber die Ausnahme. Solch ein geschlossener Account hätte Rosemary aber wohl auch nicht mehr geholfen.)

b. Mentions: „@MichaelC I told you, stay out of the family business!” – @DonVito

Mentions haben die gleiche Funktion wie Postkarten: Sie sind an eine bestimmte Person gerichtet, aber dennoch nur mit Einschränkungen privat. Mentions beginnen mit des Benutzernamen des Empfängers, erkennbar am vorangestellten @-Zeichen (daher auch „@-Reply”). Wenn Don Vito Corleone im Mafia-Epos „Der Pate” seinem Sohn Michael per Twitter-Nachricht rät, sich aus dem Business der „Familie” herauszuhalten, dann ist diese Nachricht nicht nur für Michael sichtbar, sondern für alle Benutzer, die sowohl Don Vito als auch Michael Corleone folgen: die Familie, verfeindete Familien, die Polizei, das FBI etc. Zudem erscheinen die Mentions auf der Twitter-Profilseite des Verfassers und sind damit dort archiviert. („Mamma mia! Wieso hat mir das keiner erklärt??!!” – @DonVito)

Sich auf Twitter mittels Mentions zu verständigen, bedeutet also praktisch, einen halböffentlichen Dialog zu führen. So konnten zum Beispiel in Sofia Coppolas „Lost in Translation” alle Fans von Bob Harris (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) live miterleben, wie der Filmstar die Arbeit an den Whiskey-Werbefilmchen („It’s Santory time”) kurzerhand abbrach: „@Charlotte Santory-time my ass. Ready to explore Tokyo?” – @BobHarris

Es ist übrigens auch möglich, mehrere Leute gleichzeitig per Mention zu informieren, wie man in „Der Herr der Ringe” erleben konnte. Auf seiner Expedition warnte Frodo seine Reisebegleiter in weiser Voraussicht mit den denkwürdigen Worten:

„@Samwise @Merry @Pippin Hey, Leute, ich glaube, wir schalten dieses Geolokations-Dings besser aus.” – @Frodo

Vorsicht ist geboten, wenn ein Benutzer Twitter dazu nutzt, sich selbst Nachrichten zu schicken. In Alfred Hitchcock „Psycho” kommt es zur entscheidenden Wende, als der Hotelbesitzer Norman Bates folgenden Tweet erhält:

„@NormanBates: Norman, this is your mother tweeting. You must kill her.” – @NormanBates

Aufmerksame Zuschauer hätten an dieser Stelle bereits wissen können, dass Norman nicht ganz richtig im Kopf ist. Na ja, hinterher ist man immer schlauer.

c. Direct Messages: „DM home!” – @ET

Eine Direct Message (DM) hingegen entspricht einem Brief oder einer E-Mail: Es handelt sich um eine Nachricht, die Benutzer A ausschließlich an Benutzer B schickt. Dazu stellt der Benutzer den Tweet den Buchstaben „D” voran, gefolgt vom Benutzernamen des Adressaten – allerdings ohne (!) das sonst übliche @-Zeichen (also zum Beispiel „D HomePlanet”, nicht „D @HomePlanet”). Es hätte dem Außerirdischen ET im gleichnamigen Science-Fiction-Film viel Mühe gespart, wenn er das mit dem Weglassen des @-Zeichens rechtzeitig begriffen hätte.

Ein wichtiger Hinweis: Mit DMs sollte man vorsichtig umgehen – einfach deshalb, weil man sich beim Twittern schnell vertippt hat – und plötzlich ist dann eine als DM gedachte Nachricht öffentlich sichtbar. In solchen Fällen möchte man natürlich schleunigst auf einen weit entfernten Planeten flüchten…

d. Retweets

Eine Sonderform der Tweets stellen die so genannten Retweets dar. Sie entsprechen der Weiterleitung einer E-Mail. Retweets erkennt man am vorangestellten „RT”, gefolgt vom Benutzernamen des Verfassers des Original-Tweets, einem Doppelpunkt und danach dem Original-Tweet selbst.

Wichtiger Hinweis: Wird der Original-Tweet modifiziert, zum Beispiel aus Gründen der Zeichenlimitierung gekürzt, dann stellen manche Benutzer ein „MT” (für Modified Tweet, modifizierter Tweet) voran – das ist aber nicht durchgängig üblich. Ein „RT” kann also durchaus verändert oder gekürzt worden sein.

Retweets treten in zwei Varianten auf: unkommentiert und kommentiert. Durch kommentarloses Retweeten – für das Twitter und Twitter-Clients einen eigenen Button bieten – verbreitet man eine Twitter-Nachricht einfach weiter. Zugleich drückt man implizit Zustimmung aus, wie das Beispiel eines Tweets von The Big Lebowski („The Dude”) am Ende des gleichnamigen Spielfilms zeigt:

„RT @WalterSobchack: F*** it, let’s go bowling.” – @TheDude

Ein Benutzer kann Retweets allerdings auch um eigene Kommentare ergänzen, die vom Original-Tweet in der Regel durch einen Pfeil („<”, „<-“ oder „<–“) getrennt sind. Der wohl berühmteste Retweet der Hollywood-Geschichte dürfte eine lakonische Anmerkung von Rick (Humphrey Bogart) zu einem Tweet seines Klavierspielers im Film „Casablanca” sein:

„RT @Sam: Now playing ‘As Time Goes By’ at @Rick43’s Café. <– Again!” – @Rick43

3. Abkürzungen und Akronyme:
„ROFLMAO” – @TheJoker

Die Begrenzung auf 140 Zeichen pro Tweet hat unter Twitter-Usern zu großer Begeisterung für Abkürzungen und Akronyme geführt, was Neulingen den Einstieg zunächst nochmals erschwert. Schnell merkt man aber, dass meist die immer gleichen paar Abkürzungen auftauchen:

LOL: Laughing out loud (deutsch: lache gerade lauthals)
Beispiel: „So ne bekloppte Fledermaus versucht, mich zu fangen! LOL” – @The Joker

Thx/RThx: Thanks/RT-Thanks (deutsch: danke/danke für den Retweet)
Beispiel: „@NormanBates: RThx” – @NormanBates

WTF: What the Fuck?! (deutsch: was zum Teufel?!)
Beispiel: „Er hat unser schönes Mikro für eine Bullenschaukel eingetauscht! WTF” – @Jake

FTW: For the Win (das Gegenteil von WTF, im Deutschen ungefähr: echt super!)
Beispiel: „OK, ich geb’s zu: Die Bullenschaukel hat Bullen-Motor, Bullen-Bremsen und Bullen-Stoßdämpfer. FTW” – @Jake

ROFL: Rolling on the Floor Laughing (deutsch: wälze mich am Boden vor Lachen)
Beispiel: „Die Fledermaus versucht immer noch, mich zu fangen! ROFL” – @The Joker

ROFMLAO: Rolling on the Floor Laughing My Ass off (deutsch: wälze mich am Boden und mache mich nass vor Lachen)
Beispiel: „ROFLMAO” – @TheJoker

NSFW: Not Safe for Work (deutsch sinngemäß: nicht jugendfrei)
Beispiel: „ROFLMAO ist NSFW? WTF! LOL!” – @TheJoker

4. Hashtags:
„We just love #hashtags!“ – @CheechAndChong

Hashtags sind Schlagwörter. Sie sind durch ein vorangestelltes „#” kenntlich gemacht und dürfen nur Buchstaben und Zahlen enthalten, keine Sonderzeichen oder Satzzeichen. Hashtags dienen meist der Zuordnung zu einem Thema oder einem Ereignis, haben aber mitunter auch Kommentarfunktion. Beispiele:

„OK, ich geb’s zu: Die Bullenschaukel hat Bullen-Motor, Bullen-Bremsen und Bullen-Stoßdämpfer. FTW #imAuftragdesHerrnunterwegs” – @Jake

…oder, ebenfalls aus dem Film „Blues Brothers”, nur etwas später:

„Das war jetzt genau der 200. Bullenauto-Crash. Bei 200 dürfen wir nochmal 100 gratis, oder? #imAuftragdesHerrnunterwegs” – @Jake

„Yep. #imAuftragdesHerrnunterwegs” – @Elwood

Die sich gerade besonders stark häufenden Hashtags heißen „Trending Topics”. Diese „Top Ten” getwitterter Themen führt Twitter auf seiner Homepage auf. Einmal ein Trending Topic angestoßen zu haben ist der heimliche Traum eines jeden Hashtag-Vergebers : „We just smoked our #hashtags. Feels like we’re #trending, man!” – @CheechAndChong

5. Auswahl und Ändern des Benutzernamens:
„Thinking about changing my Twitter handle to @Strangelove.” – @MerkwuerdigeLiebe

Der Benutzername – englisch „Twitter Handle” oder „User Handle” – darf Buchstaben, Zahlen und Unterstriche enthalten. Er sollte möglichst kurz und prägnant sein – vor allem, um anderen Benutzern Retweets zu erleichtern. Will man zum Beispiel den obigen @Jake-Tweet retweeten, so hat das Ergebnis 129 Zeichen:

„RT @Jake: Das war jetzt genau der 200. Bullenauto-Crash. Bei 200 dürfen wir nochmal 100 gratis, oder? #imAuftragdesHerrnunterwegs”

Hätte @Jake den Twitter Handle @NachtsmitSonnenbrille1, dann wäre dieser Retweet bereits 147 Zeichen lang, und der retweetende Benutzer wäre genötigt, den Original-Tweet zu kürzen. Wohl deshalb hat der deutschstämmige Präsidentenberater Dr. Merkwuerdigeliebe in Stanley Kubriks Weltkriegs-Satire „Dr. Strangelove” seinen Namen geändert.

6. APIs: Twitter mittels anderer Programme bedienen:
„I just ousted @DVader as mayor of DeathStar.” – @LukeS

Dank Schnittstellen (APIs) ist es möglich, Twitter auch von anderen Programmen aus zu bedienen. Zu diesen Programmen zählen die erwähnten Twitter-Clients wie TweetDeck oder Seesmic, aber auch soziale Netzwerke wie Facebook oder Linkedin. Dazu gesellt sich eine schier unendliche Zahl weiterer Programme, darunter auch der bekannte Geolokationsdienst Foursquare. Auf Foursquare ist es möglich, mittels Twitter über den Erhalt neuer Badges zu informieren. Dabei sollte man aber beachten, das für Twitter-Benutzer, die selbst nicht auf Foursquare unterwegs sind, derartige Nachrichten als Spam wirken. Schließlich sind die wenigsten Aktionen auf diesem Planeten so interessant wie die in „Star Wars” zentrale Frage, wer über den Todesstern herrscht.

Man sollte sich deshalb genau überlegen, welche externen Dienste, Programme und Geolokationsdaten man mit Twitter verzahnt – schon um die Mächte der Finsternis nicht jederzeit darüber zu informieren, wo man sich gerade aufhält.

#TheEnd

Tweets in Twinemascope & Twechnicolor

“DM home!” – @ET

“I’ll be back. Oh, and I also follow back.” – @TheTerminator

“It’s a boy!” – @Rosemary

“I just ousted @DVader as mayor of DeathStar.” – @LukeS

“F*** it, Dude. Let’s go bowling.” – @WalterSobchack

“@Samwise @Merry @Pippin Guys, I think we better switch that geolocation thing off.” – @Frodo

“ROFLMAO” – @TheJoker

“@MichaelC I told you, stay out of the family business!” – @DonVito

“@Charlotte Santory-time my ass. Ready to explore Tokyo?” – @BobHarris

“@NormanBates: Norman, this is your mother tweeting. You must kill her.” – @NormanBates

“RT @Sam: Now playing ‘As Time Goes By’ at @Rick43’s Café. <– Again!” – @Rick43

“Thinking about changing my Twitter handle to @Strangelove.” – @MerkwuerdigeLiebe

“Nobody moves, nobody gets hurt. Or unfollowed.” – @Thelma

“Still ROFLMAO” – @TheJoker

Schwerter zu Facebook-Posts

Man könnte glatt glauben, bei dem mysteriösen alltestamentarischen Graffito “Mene mene tekel u-parsin”, das dem Babylonierkönig Belsazar 543 v. Chr. erschienen sein soll, habe es sich um einen sehr frühen Tweet gehandelt. Denn solch kurzen Posts – damals auf der nächstbesten Wand, Facebook und Twitter gab’s ja noch nicht – wird letzthin geradezu magische Kraft zugesprochen.

So ist sich ein großer Teil der Internet-Öffentlichkeit einig, dass der Sturz des ägyptischen Despoten Hosni Mubarak die erste “Facebook-Revolution” gewesen sei. Diese Behauptung ist ebenso richtig und ebenso falsch wie ihre Antithese, nämlich dass Social Networks total überschätzt würden und in Wirklichkeit das ägyptische Volk allein die Revolte durchgezogen habe, Facebook und Twitter hin oder her. Die Debatte erinnert an die Diskussion, ob es das Fernsehen war, das den Vietnamkrieg erst in US-amerikanische Wohnzimmer und dann dadurch zu einem vorzeitigen Ende gebracht hat – was so falsch sicher nicht ist, man aber ebenso gut als autistisch-amerikanische Innensicht bezeichnen könnte, die den hartnäcken Guerillakampf der Vietnamesen vollständig ausblendet.

In der Geschichte unserer ebenso kommunikations- wie konfliktfreudigen Gattung war es immer wieder eine technische Errungenschaft, die den Sieg von Partei A über Partei B ermöglicht oder zumindest deutlich beschleunigt hat. Oft stand dabei die Waffentechnik im Vordergrund: Mal war es die Fähigkeit, Eisen zu Schwertern zu schmieden, mal die Erfindung des Steigbügels, mal die der Armbrust (die das Prinzip Ritterrüstung mit durchschlagendem Erfolg obsolet werden ließ), mal die der Eisenbahn, des U-Boots und so weiter – und immer zerstörerischer.

Ein weiterer traditioneller Bestandteil der Konflikte zwischen A und B war und ist die Kommunikationstechnik: Mal konnte sich Partei A dank gespiegelter Sonnenstrahlen schneller verständigen als Partei B, mal sorgte die Enigma-Maschine von Partei A dafür, dass die Korrespondenz von Partei B entzaubert und lesbar wurde wie ein offenes Buch. Das offene Buch, mit dem das Mubarak-Regime entzaubert wurde, ist Facebook, und statt das Sonnenlicht reflektierender Handspiegel haben die Ägypter Twitter genutzt.

Die Rolle dieser Kulturtechniken in der ägyptischen Revolution zu bewerten, das überlasse ich nur allzu gerne Nahost-Experten, die sich da zuständig fühlen und deshalb dicke Bücher darüber schreiben werden. Ich für meinen Teil erfreue mich einfach an der Erkenntnis, dass es in der aktuellen Konfliktsaison Fortschritte nicht bei der Rüstungs-, sondern vielmehr bei der Kommunikationstechnik sind, die dem “Volk A” einen Vorteil über “Despot angeblich A, aber in Wirklichkeit B” verschafft haben. Schwerter zu Facebook-Posts!

Twistory: Die 20 historischsten Tweets der Geschichte

“@Houston, we’ve had a #fail whale.” – @apollo13crew

“Veni, vidi, vici, ergo tweeti.” – @TheRealCaesar

“you @jane?” – @TARZAN

“@NormanBates: Norman, this is your mother tweeting. You must kill her.” – @NormanBates

“A small tweet for me, a great blog entry for mankind.” – @OuterSpaceNeil

“Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die Auto-DMs zulassen.” – @albert1stein

“To tweet or not to tweet, that is the question. #sickofmyindecision” – @Prince_of_Dk

“Ich bin ein Berliner. I also follow back.” – @JFK1

“@Titus: Tvitteria non olet. #tributum” – @Vespasian

“I just ousted @der_fuehrer as mayor of Berlin.” – @_Stalin

“@DrLivingston, I presume? #AfricanExpedition” – @HenryMStanley

“RT @Sam: Now playing ‘As Time Goes By’ at @Rick43’s Café. <– Again!” – @Rick43

“.@MrGorbachev: Tear down this Twitter wall!” – @RonnieReagan

“LOL” – @TheJoker

“@Mom: Look! No hands!” – @HomoErectus

“I still think my invention is better. Please RT” – @AlexGrahamBell

“Lemon. http://bit.ly/gqXQKY” – @DoyleDaneBernbach

“It’s a boy! @NazarethJoe wants to name him Joseph junior. Me: meh! What do my followers think?” – @MotherMary

“Le tweet, c’est moi.” – @LouisXIV

“.@Moses: P.S. – 11. Gebot: Du sollst kein Spam versenden!” – @JaGenauDer

Crowdjoking: Die unerträgliche Leichtigkeit des Mems

Wenn im Kontext von Social Media von einem “Mem” (englisch: “Meme“) die Rede ist, dann geht es in aller Regel schlicht um eine Idee, ein Konzept oder einfach nur einen Begriff, der dank der Schnelligkeit und Reichweite des nicht umsonst so genannten World Wide Webs rasch Verbreitung findet. Solche spontanen (oder auch gezielten) Wucherungen der Internet-gestützten Kommunikation können sich per Hyperlinks, E-Mails, Videos oder auch über Blogs und Social Networks verbreiten. Als wahre Memschleuder hat sich wiederholt das Social Information Network Twitter erwiesen.

Ein Twitter-Mem dient in aller Regel einem Zweck, den der Laie als Zeitverschwendung oder Prokrastination bezeichnen mag, den der Fachmann aber sofort als neue Kunstform erkennt: als rasend schnell um sich greifende, wenn auch nur kurzfristig aufblühende Kollektivblödelei. Ich nenne das jetzt einfach mal “Crowdjoking”.

Twitter ist aus einem einfachen Grund eine höchst effiziente Mem-Maschine: Dank der auf Twitter üblichen Verschlagwortung von Twitter-Nachrichten per Hashtag (”#”-Zeichen) lassen sich Tweets in Nullkommanichts als Beitrag zu einem bestimmten Thema oder eben auch Mem kennzeichnen. Und über Hashtag-Häufungen im Freundeskreis oder über die “Trending Topcis” auf der Twitter-Homepage wird ein unbedarfter Unbeteiligter schnell auf ein neues Mem aufmerksam.

Ein schönes Beispiel lieferte der Hashtag “#Nerdspeisen”, der Ende 2010 unter deutschen Nutzern eine kurze Blüte erlebte. Das Tweet-Rezept war – wie für die rasante Mem-Verbreitung zwingend erforderlich – recht einfach: Die beteiligten Tweeter verballhornten Namen von Speisen unter Verwendung von Begriffen aus der IT. So entstand in kürzester Zeit eine Silvester-Speisekarte aus Gerichten wie Big iMac, Googlehupf, Oraclette mit Open Sauce, Spamferkel, FrühlingsLOLen und KaROFLsalat. (Wer die Twitter-Akronyme nicht kennt: LOL = Laughing Out Loud, ROFL = Rolling on the Floor Laughing.) Zum Dessert konnte man unter anderem aus Mailspeisen oder Microsofteis wählen.

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Wenige Tage später fand im englischen, aber mit etwas Zeitversatz auch im spanischen Sprachraum der Hashtag “#lessambitiousmovies” (deutsch: weniger ehrgeizige Filme) spontanvirale Verbreitung. Der – wiederum schnell durchschaubare – Mechanismus: Ein Filmtitel wird durch eine abgeschwächte oder entschärfte Variante ersetzt. Nimmt man zum Beispiel Welpen statt ausgewachsener Hunde, so wird aus dem Quentin-Tarantino-Reißer “Reservoir Dogs” ganz schnell “Reservoir Puppies”, und verlegt man eine Filmhandlung von den Häuserschluchten New Yorks in die beschauliche Provinz Neuenglands, dann erhält man eben “Gangs of New Hampshire”. Klar, oder? Manchmal musste man auch ein bisschen mehr mitdenken, etwa bei “Canadian Beauty” oder dem genial reduzierten “Titanic 2″.

Für die des Englischen einigermaßen mächtigen Filmfans unter uns folgt hier eine kleine Auswahl nicht ganz so wahnsinnig rasend ehrgeiziger Filmtitel: Star Squabbles, Star Pillow Fights, The Empire Talks Back, The Empire Sends a Strongly Worded Letter, Thicket Gump, The Fear of Living Dangerously, Saving Private Ryan 15 Percent on His Car Insurance, Hoping Private Ryan Makes It, Inglorious People with Really Nice Parents, Around the Block in 80 Days, The Averge-Height Lebowski, Abstinence in the City, 2001: A Short Bicycle Trip to Blockbuster to Return Some Videos, Lawrence of Albuquerque, Lawrence of Suburbia, Blade Jogger, The Fifth Sense, Partial Recall, The Sound of Muzak, Men in Beige, Prince Kong, Schindler’s To-do List, Schindler’s Note to Self, Lord of the Onion Rings, Try Hard, Die Peacefully in the Comfort of Your Home Surrounded By Those You Love, The Occasionally Off-Limits Planet, The Girl with the Tribal Tattoo, Some Like It Tepid, TRON 1.0.0.1: The Bug Fix, Honey I Shrunk the Laundry, Socially Acceptable Dancing, Charlie and the Chocolate Bar, 3.50 Dollar Baby, Pulp Documentary, Ben Who?, Aging Bull, Harry Potter and the Order of Fries, The Day After Yesterday, The Devil Wears Nada, Eat Pray Nap, Conan the Librarian, One of Very Few Remaining Tangos In and Around Paris, In the Mood for Lunch, Dial O For Operator, Dial O for Oops Sorry About That, The Ten Suggestions, Alice in Switzerland, Four Weddings and Someone with a Bit of a Tickly Throat sowie – beigetragen vom Verfasser dieser Zeilen höchstselbst – The Good, the Bad, and the Aesthetically Challenged, A Streetcar Named “Like” Button, The Analyst of Oz, Saving Private Word Documents und An Inconvenient Tweet.

Da sieht man doch, wozu der menschliche Geist in der Lage ist, verfügt sein zugehöriger Körper nur über etwas Freizeit und einen Twitter-Client. Lasst Meme wachsen!

(Update 5.1.11)

PS: Keine 24 Stunden später gab es übrigens schon passende #lessambitiousmovies-T-Shirts.

Möwenschwarzer Twitter-Humor zur BP-Ölkatastrohphe

Die Lage im Golf von Mexiko ist ernst und spitzt sich weiter zu: Auch mehrere Wochen – Stand heute: am Tag 40 – nach dem Sinken der Ölbohrplattform Deepwater Horizon hat es der Konzern BP trotz dreitägiger Anläufe mit dem “Topkill”-Verfahren nicht geschafft, das Ausströmen des Erdöls in den Tiefen des Meeres vor der einmaligen Naturlandschaft Louisianas und angrenzender Regionen einzudämmen. BP muss auf immer riskantere Rettungsmanöver setzen.

Wollte BP allerdings versuchen, die Situation auf Twitter schönzureden, so käme der Konzern zu spät: Ein Twitter-Account namens @BPGlobalPR, der vorgibt, der offizielle PR-Twitter-Kanal von BP zu sein, hat diese Rolle schon längst übernommen – und hat damit damit die Schönrednerei, die nach Katastrophen leider oft Standard ist, schon von vornherein per Karikatur unmöglich gemacht: Ein unbekannter Tweeter kommentiert hier die anhaltend dramatische Lage mit einem so schwarzem Humor, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt – bislang nannte man diesen Humor “rabenschwarz”, aber im Golf trifft diese Bescheibung ja nun vor allem auf die Seevögel zu.

Gerne nimmt der angebliche PR-Tweeter den Tonfall der “Spin Doctors” aufs Korn: “Bitte helfen Sie uns beim Rebranding. Wir nennen es jetzt nicht mehr ‘Ölpest’, sondern ‘Südstaaaten-Fun-Party’.”

Andere “PR-Tweets” führen BP mit blankem Zynismus vor: “Folgendes: Wir haben im Jahr 2009 45 Millionen Dollar Profit PRO TAG gemacht. Das hier ist wirklich nicht so schlimm. #bpcares”

Weitere dieser Tweets kann man unter http://twitter.com/BPGlobalPR am besten selbst nachlesen.

Gerade weil die Situation im Golf von Mexiko so unglaublich traurig und bedrohlich ist, bietet sie einem fähigen Satiriker (und ein solcher ist hier offenbar am Werk) eine, nun ja, sprudelnde Quelle für böse Kommentare. Man sollte die Tweets von @BPGlobalPR unbedingt verfolgen: Sie helfen, sich für die PR-Schlacht zu wappnen, die dem Kampf gegen die Ölpest mit Sicherheit noch jahrelang folgen wird.

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Die Bloggerin Cat Girl hat übrigens einige dieser Tweets zu einer gelungenen Zusammenstellung sehenswerter Persiflagen auf BP-Werbeplakate aufbereitet: http://www.iridetheharlemline.com/twitter-photos/bpglobalpr-billboards/ – unbedingt anschauen!

… und dann sollten wir bitte nicht in Defaitismus verfallen, sondern überlegen, wie wir unsere Abhängigkeit von sinnlos eskalierendem Energieverbrauch ernsthaft eindämmen können. Denn man kann die Schuld an so einem Desaster nicht zu 100 Prozent auf die “böse BP” abwälzen. Und Satire allein ist auch keine Lösung.