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Die Visitenkarte im Zeitalter von Facebook und Google

Eine Sitte aus längst vergangenen Zeiten, als Besucher sich noch per Butler beim Herrn oder der Dame des Hauses ankündigten, hält sich erstaunlicherweise wacker im IT-Berufsalltag: der Termin-Initiationsritus des Tauschs von Visitenkarten (obschon diese sicher bald nur noch „Business Cards“ heißen werden).

Im Zeitalter ununterbrochenen Online-Seins, virtualisierter sozialer Netzwerke und sekundenbruchteilschneller Google-Suche sollten kleine rechteckige Pappkärtchen mit Kontaktinformationen eigentlich so überholt sein wie Runeninschriften, Wählscheibentelefone oder die FDP. Sind sie aber nicht. Und so beginnen Termine selbst in der ach-so-modernen IT-Branche mit jenem Rituälchen, das der Verfasser dieser Zeilen gerne „YuGiOh-Kartentausch“ nennt.

Visitenkarten. Weil man sonst im Internet nicht auffindbar ist. Bild: Wolfgang Traub

Visitenkarten. Weil man sonst im Internet nicht auffindbar ist. Bild: Wolfgang Traub

Zwar gibt es immer mal wieder Ausnahmen, so etwa der Chef eines Unternehmens, der seine Visitenkarten „gerade nicht dabei hat“, damit nicht Hinz und Kunz seine Mobilfunknummer erfährt; der smarte Hipster, der sich einen Spaß daraus macht, einem einfach ein Kärtchen mit seinem Twitter-Handle zu überreichen, quasi als postmodernes Zitat eines antiken Literaturgenres; oder aber – auch immer wieder gern genommen – der Neuling im Unternehmen, der noch keine Visitenkarten hat, weil das mit dem Drucken von Farbe auf Pappkarton eben auch beim revolutionären coolen Startup ein paar Tage dauert.

Der Regelfall aber sind nach wie vor die guten alten Visitenkarten, wobei man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die dort aufgeführten Angaben von Jahr zu Jahr unhandlicher werden. In Kürze dürften wohl nur noch ausklappbare Visitenkarten – sorry: ich meinte natürlich „Fold-out Business Cards“ – im Umlauf sein.

Denn wer für den Vertrieb eines Produkts in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig ist, dessen Kärtchen wies ihn früher einfach als „Vertriebsleiter DACH“ aus. Heute hingegen liest man dort „Senior Regional Sales Manager CEMEA“ oder etwas ähnlich Neudeutsch-Verquastes. Das Akronym-Ungetüm „CEMEA“ steht dabei übrigens für „Central Europe, Middle East, and Africa“. Denn für eine US-Firma liegen Europa, der Nahe Osten (der aus US-Perspektive ein „mittlerer“ ist) und Afrika eben „irgendwo da drüben hinter dem Vatikan“. Da die DACH-Region angeblich mittendrin liegt, pappen wir ein „C“ davor, dann passt das schon. Und weil europäische Anbieter in der IT-Branche offenbar glauben, alles aus den USA Herüberschwappende gierig aufsaugen zu müssen, plappern sie das pseudogeografische Kauderwelsch einfach nach.

Gleiches gilt für die umständlichen Positionsbezeichnungen, herrscht doch insbesondere bei börsennotierten US-Unternehmen eine komplexe Hackordnung, in der jeder Job mit seinen eigenen Gehaltsstufen, Aktienoptionen und Zusatzvergünstigungen versehen ist. Und so findet man auf den bunten kleinen Kärtchen neben dem allgegenwärtigen „Manager“ und dessen Beifang, dem „Assistant Manager“, so schöne Titel wie „Regional Manager“, „Senior Manager“ (kein Rentnerverwalter, sondern ein leitender Angestellter), darüber den „Director“ und – man ahnt es – den „Senior Director“, noch weiter oben auf der Hühnerleiter folgt der „Vice President“ sowie der – dramatische Pause, einen Tusch bitte! – „Senior Vice President“. Ganz zu schweigen von den „C-Level“-Auserwählten, also den „Chief Irgendwas Officers“, deren Häuptling dann wiederum der „Chief Executive Officer“ ist. Oder der „Chief Hackordnungs-Officer“, da bin ich mir nicht ganz sicher. Literarisch Interessierte erinnert dies an die „typisch deutsche“ Gesellschaftshierarchie in Heinrich Manns rabenschwarzem Kaiserreichs-Roman „Der Untertan“, in dem jeder jemanden über und unter sich hat – und wer ganz unten steht, der hat wenigstens noch einen Dackel namens „Männe“.

Eine interessante Ausnahme in dieser Rangordnungspyramide bildet der insbesondere bei amerikanischen IT-Konzernen anzutreffende „Technology Evangelist“. Hier handelt es sich um jemanden, der sich in einer bestimmten Technik – sorry, es muss natürlich heißen: „Technologie“ – so wahnsinnig gut auskennt, dass er völlig aus dem Raster fällt und gleichsam jenseits aller starren Strukturen nur noch dazu da ist, dem unwissenden Fußvolk den Reiz der jeweiligen Technologie zu predigen. Denn wahrlich, ich sage euch, es wird regnen Einsen und Nullen vierzig Tage lang, und unseren Kunden wird’s der Herr geben im Schlaf, bei allen anderen aber wird sein ein großes Heulen und Zähneklappern! Oder so.

Wobei in unseren politisch korrekten Multikulti-Zeiten durchaus zu fragen wäre, warum es nur IT-„Evangelisten“ gibt. Wo bleibt denn bitte, fragt sich der in Bayern ansässige Verfasser, der „Technology Catholicist“? Der „Technology Rabbi“ und der „Technology Imam“? Wo die buddhistische, hinduistische und heidnische Variante? Wie erfährt der in Glaubensfragen Skeptische von all den Segnungen der schönen neuen IT-Welt? Und wie der computerinteressierte Satanist?

Dies fragt sich

Dr. Wilhelm Greiner
Chief Senior Information Technology Agnostic CEMEA und ROW
Mitteilerei, Inc.

P.S.: „ROW“ heißt übrigens „Rest of World“. Und: Nein, diese Abkürzung habe ich mir nicht ausgedacht. Leider.

 

 

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Infografiken: der Nebel des Grauens 2.0

Jenen elitären Kulturkritikern, die das Internet einer Verdummung der Bevölkerung bezichtigen, muss man eisern die Stirn bieten. Denn nicht das Internet macht blöd: Infografiken machen blöd.

Infografiken haben sich im wilden weiten Web zur Seuche entwickelt: Kaum mehr eine Meldung ohne Dekoration durch bunte Bildchen der Marke „Do-it-yourself-Baukastengrafik“ – gerne im allseits beliebten Tower-Format (schmal, aber ewig lang). Denn für den modernen Menschen gibt es nichts Schöneres als das Scrollen, zumindest seit man dies durch diese wahnsinnig lässige Wischgeste auf dem wahnsinnig smarten Smartphone oder dem wahnsinnig praktischen Streichelbrettchen erledigen kann.

Akuter Infografikbefall äußert sich in einer mehr oder weniger (meist weniger) stimmigen Anhäufung von Illustratiönchen mit einer Ästhetik irgendwo zwischen „Vorschüler lernt zählen“ und „Marketing-Experte probiert neue Icon-Sammlung aus“. Prozentzahlen zeigen sich dann gerne vor dem Hintergrund einer Tortengrafik oder – noch viel innovativer – innerhalb eines je nach Prozentwert unvollständigen Kreises. Personen erscheinen häufig als mehr oder weniger (meist weniger) starke Variationen eines „Mensch ärgere dich nicht“-Männchens – außer es geht um IT-Kriminalität, dann hat der Böse eine schwarze Zorro-Augenmaske auf und guckt finster, wie Hacker halt so gucken den lieben langen Tag.

 

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Besonders beliebt sind die Auswüchse grenzdebil-globalisierter Grafikpinselei bei der Präsentation von „Studien“. Solche „Studien“ (bitte immer in Anführungszeichen) sind Umfragen, die ein Hersteller von einem Marktforschungsunternehmen unter ein paar Hundert Personen durchführen lässt. Sie belegen dann, dass das Produkt des Herstellers wahnsinnig im Trend liegt, aber bislang leider nur mehr oder weniger (meist weniger) stark verbreitet ist. Jenen Personen, die das Produkt noch nicht gekauft haben, drohen deshalb hohe Kosten (viele Dollarzeichen), hohe Risiken (besonders finster schauendes Hackermännchen) oder entgangene Gewinne (börsenkursiv abwärts zackender Pfeil).

In die gewünschte Richtung verbiegen Marktforscher ihre Zahlenwerte gerne durch Fragestellungen wie „Erwarten Sie…“, „Befürchten Sie…“ oder ähnlich schwammige Formulierungen – was die plakativen Bildchen mit ihrer klaren Linienführung dann fröhlich vertuschen und als knallharte Fakten dastehen lassen. Infografiken im Web degenerieren so zu verkappter und dennoch aufdringlicher Werbung. Allzu oft dienen sie nicht der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Vernebelung von Zusammenhängen. You can’t spell „Infografik“ without „fog“, wie der Brite sagt.

Von derlei Vernebelungsgraffiti sollte man deshalb die Finger lassen. Es gelten folgende Ausnahmen:

1. Tortengrafiken sind OK, wenn es tatsächlich um Torten geht, wie in jenem klassischen Beispiel: „Anteil bereits verzehrter Torte“ vs. „Anteil noch nicht verzehrter Torte“.

2. Für Kuchen, Blätterteigteilchen und Schmalzkringel (neudeutsch „Donuts“) sind prinzipiell Balkengrafiken zu verwenden (veranschaulicht den Butter- bzw. Fettanteil besser).

3. „Mensch ärgere dich nicht“-Männchen sind zur Illustration von Prozentwerten verboten und nur noch für die tatsächlichen Zahlenwerte erlaubt. Wenn also 872 Menschen zu irgendetwas irgendeiner Meinung sind, dann wollen wir bitte auch 872 Brettspielmännchen sehen. Wenn schon Scrollen, dann aber Scrollen mit Schwung!

P.S.: Es gibt aber auch nützliche Infografiken, z.B. auf graphitti-blog.de.

P.P.S. (11.06.14): Habe gerade gemerkt, dass schon mal jemand den Scherz mit der japanischen Flagge gemacht hat: https://twitter.com/MrLloydSpandex/status/297029968020520960

Der Chefkoch empfiehlt heute: IT-Buchstabensalat mit Akronym-Dressing

In der Fachsprache der IT – wie in jeder Fachsprache, aber man erhält schnell den Eindruck, in der IT ganz besonders – wimmelt es nur so von Akronymen. Das fängt schon damit an, dass „IT“ selbst ein Akronym ist, steht es doch für das englische „Information Technology“ und damit radebrechend eingedeutscht für „Informationstechnologie“. Denn ein Akronym – wie jeder Bildungsbürger mit humanistischer Erziehung weiß, aber ebenso jeder, der in der Lage ist, „Akronym“ korrekt in die Browser-Zeile zu tippen und dann den Wikipedia-Eintrag zu lesen – ist ein Kurzwort, das aus den Anfangsbuchstaben anderer Wörter besteht. Oder, auf eine einfache Formel gebracht: „Abk.“ ist eine Abkürzung, „EDV“ ist ein Akronym.

130508Akronym

Akronyme sind verbreiteter, als man zunächst denken mag, man denke nur an den ADAC, PVC oder den FC (hier Fußballverein nach Wahl einfügen). Der Verfasser dieser Zeilen hegt sogar den Verdacht, dass das so oft gedankenlos dahingesagte Wort „Europa“ ein Akronym ist, und zwar für „Extrem unübersichtliche Regierungsorganisation zur Produktion von Agrarsubventionen“. Im IT-Kauderwelsch sind Akronyme nochmals häufiger als im deutschen oder europäischen Alltag, und zwar gefühlt um den Faktor zehn.

Die meisten Akronyme, wie eben „IT“, spricht man als Buchstabensalat aus. Die praktischste Variante von Akronymen hingegen sind jene, die selbst wieder ein ganz normales (Kunst-)Wort bilden, zum Beispiel „LAN“. Hinzu gesellen sich Mischformen aus Buchstabensalat und Kunstwort wie etwa „WLAN“ sowie Akronyme, die eigentlich als Folge einzelner Buchstaben gesprochen werden, die aber ein besonders alberner Mensch – der Verfasser dieser Zeilen hingegen niemals! – scherzhaft als Wort aussprechen könnte, zum Beispiel „UMTS“.

Einen akuten Fall von Akronymitis hat der derzeitige Trend zur mobilen IT-Nutzung ausgelöst, oder genauer der daraus in Unternehmen entstandene Bedarf an Verwaltungswerkzeugen zur Bändigung der neuen mobilen Unübersichtlichkeit. Da gibt es MDM (Mobile-Device-Management), MAM (Mobile-Application-Management), MIM (Mobile-Information-Management), MSM (Mobile-Security-Management) und so weiter und so fort bzw. usw. usf.

Nach Berechnungen des VdZ (Verfassers dieser Zeilen) werden die Marketiers der „Mobile-was-auch-immer-Management“-Anbieter in spätestens 17 Monaten das gesamte Alphabet ausgeschöpft haben, von MAM bis MZM (Mobile-Zucchini-Management). Dann werden die Akronymschöpfer wahrscheinlich in bewährter Manier auf mehr-als-dreistellige Akronyme ausweichen, getreu jenem altbekannten Werbeslogan: „Wollt ihr MDM? – Nein! – Wollt ihr MAM? – Nein! – Was wollt ihr denn? – Mobile Accountability & Open Access Management!“

Spam, der vor Spam warnt

Es vergeht kaum ein Tag, an dem einem IT-Journalisten nicht mindestens ein Hinweis auf eine neue „IT-Security-Studie“ – meist schlicht eine Telefon- oder gar nur eine simple Online-Umfrage – in den E-Mail-Account flattert. Oft enthalten diese „Studien“ völlig nutzlose Informationen: „Pharma-Werbung ist auf Platz eins der Spam-Mails“ (na, fein – aber was bringt es mir, das zu wissen?) oder auch „die Top-Ten-Viren des Quartals“ (die den Anwender nicht bekümmern müssen, da die etablierten Antivirenlösungen diese Schädlinge in aller Regel längst erkennen).

Angesichts einer kontinuierlichen Flut von „Alarm! Alarm!“-Rufen muss der Journalist aufpassen, dass er nicht abstumpft und beim Reizwort „Security-Studie“ aus reinem Reflex die Löschen-Taste drückt. Ich kann mich bislang zum Glück beherrschen und lösche die Presseinformationen zu Security-Studien allenfalls vorsätzlich. Aber: Meist lösche ich sie.

Denn, liebe IT-Security-Anbieter: Ab einer gewissen Menge gehen einem eure – sicher gut gemeinten und nicht ausschließlich zur Eigenwerbung verfassten – Warnhinweise auf die Nerven. Und dann kommt es zu dem, was amerikanische Soziologen den „Backlash“-Effekt nennen: Es tritt genau das Gegenteil von dem ein, was man erreichen wollte.

Mein Liebling aus letzter Zeit: „So schützen Sie sich vor dem neuen Supervirus Flame“ – das vermutlich israelische Spionage-Tool hat es gezielt auf bestimmte Rechner im Nahen Osten abgesehen, die allermeisten Menschen müssen sich vor Flame also gar nicht schützen. Auch hier gilt Douglas Adams’ bewährte Maxime: „Don’t panic.“ Denn sonst werden Warnhinweise selbst zu Spam.

Kleidung und der Wettbewerb sind von Feuer fernzuhalten

Binsenweisheiten sind Aussagen, die so selbstverständlich sind, dass man sie eigentlich gar nicht aussprechen muss: „Was gut schmeckt, ist ungesund oder macht dick.“ „Man sollte seine Kleidung nicht anzünden.“ (Doch, echt! Das steht auf dem Waschzettel meines neuen T-Shirts. War wohl für den US-Markt bestimmt.) „BILD lügt.“ „Der Internet Explorer ist unsicher.“

Dieses T-Shirt sollte man nicht anzünden, rät der Hersteller.

Dieses T-Shirt sollte man nicht anzünden, rät der Hersteller.

Dem schlechten Image des hauseigenen Browsers versucht Microsoft seit einiger Zeit mit einer angenehm selbstironischen Marketing-Kampagne entgegenzuwirken. Der IE-Image-Aufpolierung hat der Konzern eine eigene Website gestiftet: „The Browser You Loved to Hate“ (http://browseryoulovedtohate.com). Hier kann man nicht nur den aktuellen IE9 herunterladen, sondern erfährt auch Dinge wie: „Manche Leute probieren den neuen Internet Explorer aus und mögen ihn tatsächlich. Nicht, dass sie das laut sagen würden.“ Der Site-Besucher kann per Mausklick Tweets wie etwa den folgenden abzusetzen: „Are you ready for this? I just launched IE9, and it is visually stunning. No really. It’s kind of amazing.“ Verlinkt sind zudem diverse Online-Artikel, in denen der aktuelle Microsoft-Browser als schnell, sicher und funktionsreich gelobt wird. Begleitend hat Microsoft YouTube-Videos lanciert, darunter ein wirklich witziges über die Therapiesitzung eines zwanghaften IE-Deinstallateurs (https://www.youtube.com/watch?v=4DbgiOCTQts). Dies alles ist nett gemacht, amüsant und entspricht genau jenem Ansatz Community-orientierter, unterhaltsamer Information, die ich gerne als „Communitainment“ bezeichne und heftigst befürworte. Hier verdient der Redmonder Konzern also mal ein dickes Lob.

 

Microsofts IE-Marketing spielt mit dem schlechten Image des Browsers.

Microsofts IE-Marketing spielt mit dem schlechten Image des Browsers.

Doch obschon ich Microsofts augenzwinkerndes Communitainment begrüße und wiederholt schmunzeln musste: Mir kommt der IE9 nicht auf den Rechner. Denn nicht nur denke ich beim Internet Explorer automatisch an Software, die so unsicher ist, dass sie eigentlich als Malware geführt werden müsste. Ich kann mich auch – wie sicher viele Ältere zu Hause an den Internet-Empfangsgeräten – noch gut daran erinnern, wie Microsoft den Konkurrenz-Browser Netscape Navigator vom Markt verdrängte, indem man IE vorinstalliert mit Windows auslieferte. Zunächst hatte Microsoft das Thema Web verschlafen, dann die Konkurrenz vom Spielfeld gekickt – um nach jahrelangem Rechtsstreit Windows wahlweise ohne IE anbieten zu müssen, was aber dann schon längst niemanden mehr interessierte. Der Internet Explorer ist für mich ein Monument missratenen Monopolistenverhaltens, daran können selbst amüsante Communitainment-Häppchen nicht rütteln.

Dennoch ist es gut, dass es den IE9 gibt. Denn mit ihm ist Microsoft einer von mehreren Playern auf dem Browser-Spielfeld, neben Google, Apple und der Open-Source-Gemeinde rund um Mozilla und Co. – so wie Microsoft heute auch nur einer von mehreren Cloud-Service-Anbietern ist und nur einer von mehreren OS-Anbietern (vor allem, wenn man Smartphones und Tablets mitzählt). Konkurrenz belebt das Geschäft – ebenfalls eine Binsenweisheit, die man nicht oft genug in Erinnerung rufen kann, insbesondere in Zeiten, in denen Google die Web-Suche ebenso hegemonial dominiert wie Facebook das Social-Network-Business oder Apple das Thema quasi-religiöse Verehrung kleiner Angeber-Gadgets.

Die IT-Branche braucht den Wettbewerb, am besten den einer Handvoll ungefähr gleich starker Anbieter, die sich gegenseitig eine Vormachtstellung verbauen, wie sie Microsoft zum Beispiel mit Exchange und Outlook nach wie vor innehat. Outlook verwende ich übrigens gerade deshalb ebenfalls nicht. Also, liebe PR-Agenturen, hört bitte auf, mir als Terminbestätigung ungefragt Outlook-Einladungen zu schicken! Ich kann und will damit nichts anfangen. Vielen Dank.

So, und jetzt schau ich mal nach, ob ich das Prinzip „Binsenweisheit“ nicht als Patent anmelden kann, bevor Apple oder Samsung das tun und sich dann jahrelang vor Gericht um das Binsenweisheiten-Monopol streiten…

Servicewüste Vodafone: Brauchst du flache Flatrate?

Wenn ich irgendetwas überhaupt nicht mehr hören kann, dann sind es die im immer gleichen pseudodramatische Tonfall vorgetragenen, letztlich rhetorischen Fragen der immer gleichen Sprecher in Dokumentarfilmen: „Wird es den Forschern gelingen, die geheimen antiken Schriftzeichen zu entschlüsseln?“ Natürlich wird es Ihnen gelingen! Schließlich heißt der Dokumentarfilm in solchen Fällen „Das Geheimnis antiker Schriftzeichen“ und nicht „Wir beobachten Archäologen bei dröger, ergebnisloser Archäologenarbeit“. Quod erat demonstrandum et wegzappendum.

A propos Fernsehen: Jahrelang hatte ich den Mobilfunk-Provider O2 gemieden, weil er intensiv mit einem mir äußerst unsympathischen Vertreter des Unterschichtenfernsehens warb, sodass ich folgerte: „Unterschichten-Promi? Da bin ich nicht Zielgruppe.“ Dennoch bin ich heute – nach Kündigungen bei der Telekom und bei E-Plus (siehe „Die BASE-Methode“) – zufriedener O2-Kunde: aufgrund hochwertiger Netzabdeckung und des intelligent gestaltetenen Tarifs O2O (keine Flatrate, sondern ein auf Flatrate-Niveau gedeckelter Telefontarif – wer weniger telefoniert, zahlt also auch weniger) – sowie einer, wie ich inzwischen weiß, rundum guter Kundenbetreuung.

Dass ein solcher guter Service lediglich eine Oase in der Servicewüste bildet, zeigte ein Besuch bei einem Vodafone-Outlet in München anlässlich eines Zweitvertrags mit Surfstick. Vodafone hatte mir ein LANline-Autor wegen der Netzreichweite empfohlen, trotz, wie er berichtete, Anfangsschwierigkeiten bei der Service-Einrichtung.

Das Ambiete dieses Vodafone-Outlets in Bahnhofsnähe des Münchener Stadtteils Haidhausen versprühte genau das gleiche Unterschichten-Flair wie die alte O2-Werbung: Luftballons, knallbunte Farben, aufdringliches Personal. („Hätte der Besucher nicht einfach online buchen können?“, fragt unser Dokumentarfilmsprecher. Nein, denn der Besucher wollte urlaubsbedingt den Surfstick gleich mitnehmen.)

Stets unermüdlich im Dienste des Glossenlesers unterwegs, ließ sich der Besucher durch das Verkaufspersonal, eine Mischung aus Teppich- und Gebrauchtwagenhändler, nicht abschrecken und erwarb einen Zweijahresvertrag samt Android-Smartphone sowie den Surfstick für das leider SIM-Slot-lose Apple-Notebook – um den Vertrag eine Woche später entnervt zu kündigen (wobei sich der Besuch im Unterschichten-Outlet als doppelter Fehler erwies, hat man doch online zwei Wochen Rücktrittsrecht).

Da diese Glosse nicht „Wir beobachten Vodafone-Kunden beim drögen, ergebnislosen Kundenalltag“ heißt, wollen wir uns an dieser Stelle kurz fassen: Wie schon beim LANline-Kollegen, so klappte die Service-Einrichtung auch diesmal hinten und vorne nicht – von der Mailbox (fälschlicherweise deaktiviert) über die per Default vorgegebene Zustimmung zu Werbekontakten (manueller Widerspruch) bis hin zum Online-Portalzugang, der mit den mitgeteilten Login-Daten nicht funktionierte etc. pp. Und so enthielt das Kündigungsschreiben gleich achtmal den Satz: „Das ist schlechter Service. Ich bin von Vodafone enttäuscht.“

Nachdem ich nun Erfahrung mit allen vier der ach so marktführenden deutschen Mobilfunk-Provider habe, folgt hier als kleiner Service für den Leser eine kompakte Selektionshilfe:

Telekom: Datenschutz ungenügend (siehe „Die BASE-Methode“)
E-Plus: Datenschutz ungenügend (siehe „Die BASE-Methode“)
Vodafone: Service mangelhaft (siehe oben)
O2: bleibt als Einziger übrig (und dies zum Glück zurecht)

Das Schlusswort spricht diesmal Pastor Dokumentarius vom Orden der bekehrten Synchronsprecher: „Wird unser Glossenschreiber nach Ende der Mindestvertragslaufzeit Vodafone endgültig den Rücken kehren und auch den Zweitvertrag bei O2 beziehen? Natürlich wird er das, blöde Frage!“

Bitkom-Studie enthüllt: Bitkom verfasst Studien!

„He, du hast in der Firma einen Radiergummi mitgehen lassen!“ – „Ja, schon, aber das machen doch alle.“ – „Deshalb ist es trotzdem illegal, unmoralisch und außerdem schlechter Stil.“ Was für den Diebstahl von Büromaterialien gilt, dürfte, so sollte man meinen, erst recht für den Diebstahl von Arbeitszeit gelten. Und, auch das sollte man meinen, eine Organisation wie der ITK-Branchenverband Bitkom sollte das eigentlich wissen. Nur weil es unnütze, blödsinnige und plump werbliche Umfragen, Prognosen und Studien gibt wie Sand am Meer, muss ein Bitkom eigentlich noch lange nicht mitspielen. Dennoch wird der Verband nicht müde, Gott und die Welt unverdrossen mit Studien zu beglücken, deren Nutzwert man häufig mit mindestens einem Fragezeichen versehen muss.

So hat der Branchenverband kürzlich enthüllt, dass der durchschnittliche deutsche Werktätige laut einer neuen Bitkom-Studie elf – in Worten: elf! – E-Mails pro Tag erhalte (siehe oder meinetwegen auch siehe nicht: http://bit.ly/o4fEF5 ). Den Bitkom-Vizepräsidenten Heinz-Paul Bonn zitiert die Pressemeldung mit der umwerfenden Erkenntnis, E-Mails seien für sechs von zehn Beschäftigten „aus dem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken“.

Ein Paukenschlag! Wie gut, dass wir das endlich geklärt haben! Nächtelang bin ich schon wachgelegen, habe mich im Bett hin- wie auch hergewälzt und verzweifelt abzuschätzen versucht, wieviele Beschäftigte E-Mails aus ihrem Alltag wohl wieder wegzudenken sich in der Lage wähnen könnten.

Die vom Bitkom gewählte, enorm breite Ausgangsbasis – „Berufstätige“ – führt zu einer an Plattheit kaum zu überbietenden Aussage, in einer Liga mit: „Die durchschnittliche Fußballmannschaft hat elf Spieler.“ Fein. Und weiter?

Hinzu kommt, dass E-Mail nicht etwa eine brandneue Kommunikationstechnik ist, der man per Umfragepropaganda – „Schon jeder zehnte Beschäftigte nutzt dieses neue Zeugs, wo man Briefe nicht mehr aufschreibt, sondern sie in den Computer tippt“ – um jeden Preis Aufmerksamkeit verschaffen müsste. Die einzige Information, die ich aus der Pressemitteilung herauslesen konnte: Beim Bitkom gibt es offenbar Mitarbeiter, die irgendwie beschäftigt werden müssen, und sei es damit, um jeden Preis Studien zu erstellen.

Dennoch werde ich diese Nachricht nicht einfach löschen, sondern ausdrucken, liebevoll einrahmen und in die Gästetoilette hängen. Meine Gäste werden dann nach dem Besuch des Örtchens beschwingten Schrittes zurückkehren, strahlend und voll des Wissens: Ich mag zwar ein ganz durchschnittlicher Beschäftigter sein und im Büro aus Langeweile mal einen Radiergummi mitgehen lassen – aber wenigstens muss ich keine Studien über die E-Mail-Nutzung erstellen.

Übrigens: Laut einer demnächst erscheinenden Bitkom-Studie sollen in China jeden Tag elf Säcke Reis umfallen.