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Datenschutz ist das neue Schwarz

Auf der Mobilfunkmesse MWC hat Silent Circle die zweite Generation seiner auf Sicherheit ausgelegten Blackphones vorgestellt. Das ist schön. Denn die vielen bunten Smartphones haben mit freundlicher Unterstützung der NSA einen Bedarf an sicheren Alternativen geschaffen. Das ist traurig.

Die schöne neue mobile dauervernetzte Consumer-Welt ist knallbunt. Dank der stets erfolgreichen Apple-Marketing-Maschine sind auch weiß und gebürstetes Alu erlaubt. Schwarz hingegen steht für Apples Billig- oder Gar-nicht-mal-so-Billigkonkurrenz aus Fernost. Und seit letztem Jahr auch für ein Schweizer Smartphone für Datenglobalisierungskritiker.

Das Blackphone, vom Schweizer Verschlüsselungsspezialisten Silent Circle letztes Jahr auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona erstmals präsentiert, zielte anfangs auf den durch NSA-Bespitzelung und allgegenwärtiges Werbe-Tracking genervten Endanwender, in Fachkreisen „geistig verwirrter Einzeltäter“ genannt. Einschlägige Blogs kritisierten damals allerdings die verwendete Hardware als etwas zu schwachbrüstig, und obendrein fand man Lücken in der Sicherheitssoftware der schwarzen Schweizer. Dennoch, wen wundert’s, gab und gibt es Nachfrage nach Mobilgeräten eines Herstellers, der den Privatsphärebedarf seiner Kunden tatsächlich ernstnimmt und betont, weder dem Plattformanbieter noch Carriern oder App-Lieferanten das Absaugen personenbezogener Daten zu erlauben.

Zugunsten von mehr Sicherheit und Datenschutz nutzt Silent Circle einen extra zu diesem Zweck zurechtgestutzten Android-Ableger, „PrivatOS“ genannt, zudem eine Familie verschlüsselter Collaboration-Werkzeuge namens Silent Suite, die man nach und nach um im Hause zertifizierte Drittanbieter-Apps ergänzen will. Eine E-Mail-App hingegen ist nicht vorinstalliert. Ist sie überflüssig? Wir erinnern uns an jenes unsterbliche Wort des Security-Futurologen Norbert Blüm: „Die E-Mail ist sischä.“

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Die auf dem Blackphone vorinstallierte Silent Suite bietet verschlüsselte Telefonie, Video-Chats, Textnachrichten, Dateiübertragung und eine Kontaktliste, aber keine E-Mail-App. E-Mail ist ja auch sooo 1984. Bild: Silent Circle

Doch die Nachfrage nach einem abhörgeschützten Android-Phone kommt offenbar eher aus dem Unternehmens- als aus dem Consumer-Umfeld. Und so zielen die Schweizer mit ihrer neuen Gerätegeneration nun auf das Enterprise-Segment – also auf jenen Markt, den vor der Gottgesandtheit des iPhones die Mobilgeräte des kanadischen Herstellers RIM dominierten.

Die Generation Tatsch-Screen kennt es nur noch aus Legenden ihrer Altvorderen: In grauer Vorzeit, so geht die Mär, als noch Hobbits und Säbelzahntiger die Wälder durchstreiften, von Fachleuten „iPleistozän“ genannt, gab es schon einmal ein relativ sicheres Smartphone. Man nannte es Blackberry, so wie sein Hersteller heute heißt. Damals aber hieß dieser „Research in Motion“, war doch seine Klientel, der Außendienst-Ötzi und dessen Horde, ständig in Bewegung, immer auf dem Sprung, Säbelzahntiger mit einem gezielten Smartphone-Wurf zu erlegen.

Das Jagdrevier des ins Abseits geratenen Ötzi-Ausrüsters Blackberry will das Blackphone nun also besetzen. Oder, in den unsterblichen Worten des EU-Pleistozän-Kommissars Günter Ötzinger: „Blägg iss se njuh blägg.“

Es wäre ja vielleicht gar nicht so schlecht, wenn sich neben den dominierenden Smartphone-Giganten tatsächlich eine sichere europäische Alternative etablieren könnte. Unternehmen wie auch Einzeltäter würde es freuen. Und die NSA sicher auch. Denn dann weiß sie gleich, welche Benutzer abzuhören sich lohnt. Gibt es für das Blackphone eigentlich schon eine Schutzhülle mit einer Zielscheibe drauf?

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Super-Ben versus Googzilla

Internet-Pionier Vint Cerf hat kürzlich Medienberichten zufolge – OK: ursprünglich einem einzelnen Tweet zufolge – in einem Workshop der US-Behörde FTC erklärt, die Privatsphäre („privacy“) sei immer schwerer zu verteidigen und könne gar eine „Anomalie“ der Geschichte sein, quasi Nebenwirkung der Moderne.

Diese Äußerung hat schnell virale Verbreitung gefunden und wurde eifrig kommentiert. Natürlich fanden sich auch Interpreten, die der Privatsphäre als bloßer Begleiterscheinung der Urbanisierung im Zeitalter von Google, Facebook und NSA ein baldiges Ende wünschen. Urbanisierung vorbei (es lebt ja auch kaum mehr jemand in Städten heutzutage), willkommen im globalen – und transparenten – digitalen Dorf!

In der Tat lassen sich zahlreiche Beispiele dafür finden, dass in früheren Epochen weniger – oft deutlich weniger – Rückzugsmöglichkeiten ins Private bestanden: das Nostalgie-Retro-Klischee vom Dorfleben, in der jeder alles von jedem weiß; Bauern- und Arbeiterfamilien, die zu wasweißichwievielt in ein bis zwei Zimmern hausen mussten; oder auch das immer wieder gern genommmene Beispiel der Gemeinschaftstoilette im Alten Rom. Private Rückzugsräume waren lange den Reichen und Mächtigen vorbehalten – und vielerorts nicht mal denen.

Man könnte aber auch auf Benjamin Franklin verweisen. Franklin, einer der politischen Vordenker der frühen USA, war Self-Made-Man, Verleger und Herausgeber eines Almanachs mit Lebenshilfetipps und Bauernregeln (à la „The early bird catches the worm“ und was sonst noch interessant ist für alle, die gern exotisch frühstücken). Zudem war er Politiker, als solcher Mitunterzeichner der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und auch sonst hauptamtlicher Selberdenker.

Aber den früheren Teil seines Lebens verbrachte Franklin in der hinterletzten Ecke des britischen Empires, wo es noch reichlich rustikal zuging. Quasi Provinz.

Der Alltag des Intellektuellen Franklin bestand hauptsächlich aus Lesen und Schreiben – Tätigkeiten, die beim lokalen Handwerker- und Bauernvolk nicht gerade in hohem Ansehen standen. Deshalb zog der Herr Verleger abends gern die Vorhänge zu, um bei Kerzenschein (mehr oder weniger heimlich) zu lesen und zu schreiben. Tagsüber hingegen – so beschrieb er es zumindest in seiner Autobiografie – schob er schon auch mal eine Schubkarre durch die Gegend, um tatkräftiges, bodenständiges Arbeiten zu simulieren.

Es stellt sich somit die Frage: Wie wäre es dem späteren Vorreiter der US-Demokratie wohl ergangen, hätte er keine Möglichkeit gehabt, Privatsphäre zu erzeugen? Wenn seine Nachbarn ihm ständig hätten über die Schultern schauen können? Wenn seine Suchhistorie in der Bibliothek einsehbar gewesen wäre? Wenn die britischen Behörden über jeden Satz und jede geschauspielerte Schubkarrenbewegung Bescheid gewusst hätten? (Tipp: Die Antwort lautet nicht „NSA-Verhör und No-Flight-List“, gab’s ja alles damals noch nicht. Quasi Überwachungssteinzeit.)

Benjamin Franklin war eine Person des öffentlichen Lebens, und eine Autobiografie zu schreiben war damals eine noch recht neuartige und ungewöhnliche Form des Persönliches-öffentlich-Machens, nicht Symptom eines alltäglichen Exhibitionismus der Prominenten, Halbprominenten, Viertelprominenten und Dummschwafler von der geistigen Hinterbank. Dennoch benötigte – und schuf – die öffentliche Figur Franklin einen privaten Raum, um dort seiner beruflichen und politischen Arbeit in Ruhe nachgehen zu können. Info-Sharing mit allen? Ja, aber kontrolliert.

Also am besten gleich mal „Benjamin Franklin“ googeln und das Gefundene auf Facebook posten! Schließlich war Ben Franklin mit seiner Schubkarre und seiner Autobiografie sozusagen der Urvater der Dauerselbstdarstellung auf Facebook, Foursquare, Instagram und Twitter. Quasi Internet-Pionier.

Franklin half mit, ein neues Land zu gründen, um dann auf dessen 100-Dollar-Note abgebildet zu werden. Mangels Smartphones war es damals noch recht umständlich, Selfies in Umlauf zu bringen. Bild: Wikimedia Commons

Franklin half mit, ein neues Land zu gründen, um dann auf dessen 100-Dollar-Note abgebildet zu werden. Mangels Smartphones war es damals noch recht umständlich, Selfies in Umlauf zu bringen. Bild: Wikimedia Commons

Zehn Dinge, die man über den NSA-Skandal wissen muss

1. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Demokratisch legitimierte Kontrolle wäre sogar noch besser. Also, rein theoretisch.

2. Die NSA ist nicht der einzige Geheimdienst, der den Internetverkehr auswertet. Jedes Land macht das – eben im Rahmen seiner jeweiligen Möglichkeiten. Liechtenstein zum Beispiel bezahlt einen Mann im Trenchcoat dafür, dass er anderen Leuten heimlich beim Simsen über die Schulter schaut.

"Völker, wir hör'n die Signale!" (Internationale Geheimdienst-Hymne)

„Völker, wir hör’n die Signale!“ (Internationale Geheimdienst-Hymne)

3. Terrorabwehr ist nicht die einzige Aufgabe der NSA. Es gibt vielmehr vier Gründe, warum die NSA Abhörmaßnahmen ergreift:

a) um Terroristen und deren Pläne zu entdecken
b) um Spionage zu betreiben
c) um Wirtschaftsspionage zu betreiben
d) weil sie es kann.

4. Das Merkelphone wurde aus dem Grund b) abgehört. Und natürlich auch wegen d). („Ha, und wisst ihr noch damals, als die Merkel den Obama angerufen hat?“)

5. Mikko Hyppönen, Chief Research Officer und Aushängeschild des finnischen Security-Anbieters F-Secure, hat bei TEDxBrussels einen sehr kritischen Vortrag über die Vorgehensweise der NSA und die deshalb erforderlichen Konsequenzen gehalten, dabei aber Ikea und schwedische Geschäftsleute erwähnt. Jetzt schimpfen US-amerikanische Betrachter der Videoaufzeichnung über die Schweden. Er ist schon ein Fuchs, der Finne.

6. Aus US-Perspektive liegen sowohl Finnland als auch Schweden „irgendwo da drüben beim Oktoberfest“. Die sollen mal nicht so rumzicken, diese bekloppten Europäer!

7. In der Vorstandsetage von Google lacht man sich derzeit so heftig ins Fäustchen, dass es schon fast weh tut: „Wir überwachen den Benutzer von A-Z, weil unser gesamtes Geschäftsmodell darauf beruht, und kaum versucht die NSA das auch, bekommt sie die gesamte Haue ab. Und wir stehen als unschuldiges Opfer da. Schampus!“

8. In der Vorstandsetage von Facebook, Apple und Amazon lacht man sich derzeit so heftig ins Fäustchen, dass es schon fast weh tut.

9. In der Vorstandsetage von Microsoft lacht man sich derzeit so heftig ins Fäustchen, dass es schon fast weh tut. Man weiß zwar nicht genau warum, will aber in der Liga von Google und Facebook mitspielen.

10. Einen Spion kann man belügen. Aber versuchen Sie mal, eine Suchmaschine zu belügen. („Ich? Ich hab nur mal so ganz zufällig nach ‚DuckDuckGo’ gesucht. Hat jetzt eigentlich gar nix zu bedeuten…“)

 

Weltexklusiv: Merkel, Obama und das Merkelphone – ein Gesprächsprotokoll

„Hallo?“
„Hallo, Barack, hier ist…“
„… Angie, ja ich weiß. Hallo, Angie.“
„Was?! Wieso weißt du…?“
„Nee, seh’ ich hier auf’m Display.“
„Ach so.“

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„Wie geht’s dir, Angie?“
„Ach, das kannst du dir doch denken.“
„Ja, ich weiß. Stress wegen der Koalitionsverhandlungen.“
„Ja, genau, und…“
„Und dann auch noch die laufenden Regierungsgeschäfte…“
„Ja, genau, und…“
„Und Finanzkrise, EU und so weiter.“
„Ja, genau. Du, Barack, ich wollte…“
„Du wolltest dich beschweren, weil wir angeblich dein Handy abhören.“
„Was, wieso weißt du…?“
„Weil, äh, also einer meiner Stabsmitarbeiter spricht Deutsch und der hat den Spiegel abonniert, deshalb…“
„Ach so, na dann…“
„Also, da musst du dir echt keine Sorgen machen, Angie.“
„… keine Sorgen machen, Angie…“
„Was ist denn das für ein Echo hier auf der Leitung?“
„Ach, nix, ist halt ein Ferngespräch, da ist die Leitungsqualität manchmal…“
„Ähm, Barack, mein Telefon abhören, wollte ich nur sagen, das geht aber gar nicht!“
„Also, Angie, nur die Ruhe, niemand hört dein Telefon ab!“
„… nee, niemand hört dein Telefon ab.“
„Was war denn das jetzt schon wieder für eine Stimme?“
„Das? Also, äh, das… das war nur Michelle. Michelle sagt hi!“
„Hi, Michelle!“
„Hi, Angie!“
„Michelle, wieso klingt deine Stimme so komisch?“
„… Erkältung.“
„Also, Angie, du kannst deinem Kanzleramtsdings, diesem Herrn, äh, wie heißt er gleich…?“
„Pofalla!“
„Pofalla!“
„… deinem Herrn Pofalla ruhig sagen, er kann die Abhöraffäre mal wieder für beendet erklären. Da ist echt nichts dran.“
„Na, dann bin ich ja beruhigt.“
„Ja, das wusste ich.“
„Was…?“
„Nee, ich meinte, das freut mich.“
„Gut, dann ist das ja geklärt. Und, Barack, eine Frage noch…“
„8 Euro 10.“
„Hm?“
„Wie weit dein künftiger Koalitionspartner, du weißt schon, der muntere Dicke, bei den Koalitionsverhandlungen mit dem geforderten Mindestlohn runtergehen würde. 8 Euro 10. Das wolltest du doch fragen, oder?“
„Ja, genau. Tja nun, also, ähm, danke schön. Nichts für ungut. Tschüss, Barack!“
„Tschüss, Angie.“
(Er legt auf.)
(Sie legt auf.)
„Hehehe.“
„Hehehe. Ja, Barack! Danke, Barack! Nichts für ungut, Barack. Hehehe.“
„Hihi! Hach, guck mal, jetzt ruft sie beim Pofalla an. Lass uns mal reinhören, das wird bestimmt spaßig!“
„Coole Idee, der Pofalla ist ja immer für einen Lacher gut.“

Trost und Rat von Dr. Wilhelm Greiner: Was hilft gegen NSA-Totalüberwachung?

Während der letzten Wochen hat sich gezeigt: Der US-Geheimdienst NSA überwacht im Internet so ziemlich alles außer Tiernahrung. Im Kampf der USA gegen allgegenwärtige Terrorbedrohungen wächst die NSA stetig und baut ihre RZ-Kapazitäten dramatisch aus. Dass die US-amerikanische oder gar die deutsche Politik erfolgreich gegensteuern kann, ist nicht zu erwarten. Welcher US-Politiker würde schon der NSA Gelder verweigern, um sich dann beim nächsten Attentat vorwerfen zu lassen: „Ohne die Budgetkürzungen wäre das aber nicht passiert!“ Deshalb folgen hier – insbesondere im Hinblick auf Vertreter der Generation „Damals haben wir noch gegen die Volkszählung gekämpft“ – zehn Tipps für das Leben unter den wachsamen Augen der NSA:

1. Um Douglas Adams zu zitieren: „Keine Panik!“

2. Nutzen Sie Verschlüsselungs-Tools wie PGP oder Truecrypt, aber nur für die unwichtigen Dinge. Das verwirrt die Geheimdienste und treibt deren Kosten in die Höhe. Gegen die Auswertung von Metadaten (auch als „Vorratsdatenspeicherung“ bekannt) hilft Verschlüsselung herzlich wenig. Wichtige Dinge schicken wir deshalb lieber wieder per Post oder klären sie im persönlichen Gespräch.

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3. Wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die argumentieren, sie hätten ja eh nichts zu verbergen, dann lassen Sie sich ihre Kontonummer samt PIN auf das Hinterteil tätowieren, rennen Sie nackt durch die Straßen und rufen Sie: „Ich bin frei! Ich bin frei!“ Falls Sie daraufhin von ein paar freundlichen weißgekleideten Herren mit einer sehr langärmeligen Jacke begrüßt werden, fordern Sie: „Die Präsidenten-Suite bitte, mit Blick auf’s Meer, aber ohne Internet-Anschluss.“ Sagen Sie, Sie kämen aus der Zukunft und seien auf der Suche nach den „Twelve Monkeys“. Zucken Sie dabei immer etwas mit diversen Körperteilen und öffnen Sie die Augen beim Sprechen weiter als nötig. Dann wird alles gut.

4. Anfang 2012 wurde ein britsches Touristenpärchen am Flughafen Los Angeles an der Einreise gehindert, weil sie auf Twitter scherzhaft gepostet hatten, ihr Ziel sei, Amerika zu „zerstören“. Selbst in stundenlangen Verhören konnten sie dem US-Heimatschutz offenbar nicht glaubhaft machen, dass „to destroy a place“ im britschen Slang so viel heißt wie „an einem Ort diverse gastronomische Etablissements zwecks Inhalation großer Mengen alkoholischer Getränke aufsuchen“, und so wurden die beiden ins nächste Flugzeug zurück nach England gesetzt. Wir merken uns also: Niemals „Destroy“ zusammen mit „America“ oder dem Namen einer US-amerikanischen Stadt in einem Satz verwenden!

5. Eine Ausnahme von Regel 4 bildet die ehemalige Automobilmetropole Detroit: „We’re going to destroy Detroit“ ist OK. Denn auf diese Aussage würde wohl so ziemlich jeder Amerikaner antworten: „Da sind Sie zu spät dran, das hat unsere marode Autoindustrie schon längst selber hingekriegt.“

6. Sollten Sie den Satz „We’re going to destroy Detroit“ verwenden im Sinne von „Wir wollen in Detroit saufend um die Häuser ziehen und so richtig einen draufmachen“, dann raten wir: Lassen Sie’s. Schließen Sie sich lieber in einer Bahnhofstoilette ein und trinken Sie eine Flasche Jägermeister auf ex. Der Effekt dürfte ähnlich sein.

7. Schreiben Sie einfach nichts Verdächtiges ins Internet. Üben Sie Selbstzensur. Lassen Sie uns das Prinzip an folgendem Witz illustrieren: Präsident Obama fährt nach Guantanamo, geht dort in eine Bar und bestellt einen Cuba Libre. Sagt der Barkeeper: „Na, Herr Obama, das ist ((zensiert)).“ Sehen Sie, es geht doch!

8. Verzichten Sie auf US-amerikanische IT- und Cloud-Anbieter. Nehmen Sie statt Apple, Microsoft, Google, Amazon, eBay, Facebook, Twitter und Co. einfach renommierte vergleichbare Hersteller und Dienste aus deutschen Landen wie etwa … tja, ähm … also, an diesem Tipp arbeiten wir noch. Schauen Sie einfach in ein paar Jahren nochmal vorbei.

9. *Sponsored Tipp* Wenn Sie ein arabischer Terrorist sind, planen Sie ihre Anschläge ruhig auf Facebook. Nennen Sie Anschlagsziel und -zeitpunkt einfach auf Arabisch. Die NSA spricht kein Arabisch. *Tipp gesponsort von ((zensiert))*

10. Konzentrieren Sie Ihre Achtsamkeit nicht ausschließlich auf die NSA: Auch andere Länder haben ihre Geheimdienste, und auch die überwachen das Internet, so gut sie es eben können. Anders formuliert: Sie sind nicht paranoid, es sind wirklich alle hinter Ihnen her. Bei näherem Betrachten und auf die Gefahr hin, den militanten Flügel der Douglas-Adams-Fans zu verärgern: Es könnte sein, dass der Meister in seinem literarischen Oeuvre die Rolle der Geheimdienste ein wenig unterschätzt hat. So ein bisschen Panik ist vielleicht doch angebracht.

Spieglein, Spieglein an der Wand: ein Geheimdienstmärchen

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem fernen Land, da gab es eine schöne Königin, die stolz war und übermütig, und die es hasste, wenn jemand schöner war als sie.  „Spieglein, Spieglein an der Wand“, fragte sie deshalb das allwissende Nationale Spieglein an der Wand (kurz NSADW), „wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Da antwortete das Spieglein: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im ganzen Land.“ Dann druckste es ein bisschen rum und fuhr fort: „Tja, also, allerdings hat unsere Big-Data-Analyse von vielen Dutzend E-Mails und Status-Updates ergeben, dass hinter den sieben Bergen bei den G7-Zwergen das Netzwittchen lebt, und die ist noch 999,97-mal schöner als Ihr. Mit 50,1-prozentiger Sicherheit.“

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Da erschrak die Königin und wurde ganz grün vor Neid und schrie und tobte. Doch dann verkleidete sie sich als alte Bauersfrau und schnappte sich einen Apfel, den sie zuvor mit Gift und einem RFID-Chip präpariert hatte. Sie reiste zu den G7-Zwergen, suchte das Netzwittchen auf und schenkte ihr den Apfel, in den das Netzwittchen sogleich wohlgemut hineinbiss. Als des Nachts die G7-Zwerge von einer Tagung in Brüssel heimkehrten, fanden sie das Netzwittchen leichenblass und reglos vor und waren voller Trauer, denn sie hielten es für tot. Und so legten sie das Netzwittchen in einen gläsernen Sarg und richteten ihr eine Gedenkseite auf Facebook ein.

Eine edler Königssohn aus dem hohen, eiskalten Norden sah diese Facebook-Seite, verliebte sich sofort in das Netzwittchen in ihrem gläsernen Sarg und zog los, sie zu suchen. Kaum war er bei den G7-Zwergen angekommen, da erkannte er, dass das Netzwittchen gar nicht tot war. Er hob das Netzwittchen sachte an, umarmte sie von hinten und drückte ihr seine starke Faust auf den Magen. Mit einem herzhaften Ruck lüpfte er sie sodann nach oben, sodass das giftige Apfelstückchen samt RFID-Chip in hohem Bogen aus ihrem Munde und in den Fluss flog. Da verschwand das Netzwittchen vom Radar des NSADW, weshalb der Eingriff des tapferen Prinzen bis heute in Mediziner- und Geheimdienstkreisen als „Heimlich-Manöver“ bekannt ist.

Als das Netzwittchen die Augen aufschlug, sagte der Prinz zu ihr: „Heirate mich und folge mir in mein fernes, verschneites Königreich! Ich heiße übrigens Edward, Prinz Edward von der Schneehöhle*.“ Und sie folgte ihm, und es gab eine prächtige Hochzeit, und fortan trug sie den Namen Schneewittchen.

Als die eitle Königin aber bemerkte, dass das Schneewittchen lebte und noch dazu das NSADW jede Spur von ihr verloren hatte, riss sie das Spieglein wutentbrannt von der Wand und schleuderte es so weit hinfort, dass es in der trockensten Ebene in den Steinigen Bergen landete. „Fortan“, brüllte die Königin dem Spieglein hinterher, „sollst du Nationales Spieglein Abgehängt, kurz NSA, heißen!“

Da war das NSA ganz traurig, und so baute es sich ein riesiges Rechenzentrum, viel größer und schöner als alle anderen Rechenzentren auf der Welt, um künftig den Datenverkehr im weltweiten Netz noch viel, viel besser abhören zu können. Und wenn niemand das Spieglein zerbrochen hat, dann lauscht es noch heute.

* Im Originaltext, der den Gebrüdern Grimm als Vorlage diente, heißt es hier: „BTW, I’m Edward, Prince of the Snow Den.“ Da der Originaltext aus Hawaii stammt, ist bislang unklar, wie es zum „Prince of the Snow Den“ kam, denn die Hawaiianer kennen gar keinen Schnee. Die Geheimdienst-Märchenforschung steht hier vor einem Rätsel.

Der Spion, der mich leakte

Edward Snowden – der IT-Spezialist, der durch Aufdeckung der Prism- und Tempora-Abhörskandale zunächst beim britischen Guardian und dann weltweit Schlagzeilen machte – wünscht sich bestimmt, die öffentliche Debatte würde sich statt auf seine Person besser auf die Inhalte seiner Enthüllungen konzentrieren – mithin auf das, was von der Süddeutschen Zeitung zurecht als „heimlicher umfassender Big-Data-Angriff auf die Bevölkerung eines befreundeten Landes“ kritisiert wurde. Die Kritik der Bundesregierung an diesen Vorkommnissen fiel bislang recht milde aus – es darf also munter spekuliert werden, ob der BND ähnlich vorgeht und nicht minder großflächig mithört, -liest und -analysiert.

Stattdessen konzentrieren sich viele Medien lieber auf die – oberflächlich dramatischere – Frage, wo sich Snowden auf seiner Flucht vor den US-amerikanischen Behörden wohl gerade verstecke: nicht mehr in Hong Kong, derzeit wohl in Moskau, auf dem Weg nach Ecuador etc. pp. Da berichten Reporter über leergebliebene Flugzeugsitze, und der lupenreine Demokrat Putin kann darauf verweisen, dass Snowden derzeit noch auf dem Gelände des Moskauer Flughafens in Sicherheit ist.

Die vor den Augen – bzw. den Kameras – der Weltöffentlichkeit ablaufende Jagd des US-Geheimdienstes nach einem einzelnen Whistleblower, der ein hohes Gehalt und ein sorgloses Leben auf Hawaii für seine moralischen Ansprüche aufgegeben hat, könnte direkt einem Spionagethriller entsprungen sein. Und das kommt bei uns Medienkonsumenten natürlich viel besser an als die Aufarbeitung einer so komplexen und grauschattierten Angelegenheit wie flächendeckende Abhörmaßnahmen zum Zweck der Terrorabwehr – verbunden mit der schwierigen Frage, wie weit diese gehen muss und darf oder wie hier demokratisch legitimierte Kontrolle möglich sein könnte.

Widmen wir uns hier deshalb nun der drängendsten Frage, die sich aus dem NSA-Skandal ergibt: nämlich der, die der sicher bald zu erwartende Hollywood-Film über die Jagd nach Edward Snowden wohl heißen wird. Hier erste Vorschläge:

Der Spion, der aus der Wärme kam
James Bond jagt Dr. Sno
Leakergrüße aus Moskau
Man leakt nur zweimal
Lizenz zum Leaken
Snowfall
Leak After Reading

Eine unkontrolliert wuchernde Überwachung, wie sie sich George Orwell nicht besser hätte ausdenken können, braucht Korrektive – und sei es notfalls in Form eines Whistleblowers wie Edward Snowden. Man möchte ihm deshalb die Daumen drücken, dass die Geschichte für ihn ähnlich gut endet wie die des von Walter Matthau verkörperten Whisteblowers Miles Kendig im US-Spielfilm „Hopscotch“ (auf Deutsch: „Agentenpoker“). Wer diesen Film nicht kennt: Anschauen, es lohnt sich! Denn damals – 1980 – durfte man einen Whistleblower in Hollywood noch lustig finden.

Cloud-Feind Nr. 1

Die Chinesen mögen ihre gesamte Bevölkerung überwachen, aber wir können das noch viel besser! Dies scheint die Handlungsmaxime des US-Geheimdienstes National Security Agency zu sein: Die NSA überwacht im Internet offenbar alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wie der Whistleblower Edward Snowden der britischen Zeitung The Guardian darlegte (ein sehr mutiger Schritt, bedenkt man Berichte über die menschenverachtende Behandlung des Wikileaks-Informanten Bradley Manning in den USA).

Das Internet, machen wir uns da nichts vor, ist nach wie vor hochgradig amerikanisch geprägt, hier laufen zahlreiche Fäden – genauer: Glasfasern – zusammen. Ob es um eine Suchanfrage bei Google geht, eine Bestellung bei Amazon, eine Versteigerung auf eBay, das Speichern privater Daten in Apples iCloud, die Vernetzung via Twitter und Facebook oder das Filesharing mittels Dropbox und Co.: Die Dienste laufen in den USA. Und das bedeutet: Die weltgrößte Spionagebehörde lauert im Hintergrund. Über gerichtliche Verfügungen soll die NSA Datenübergaben von Anbietern wie Microsoft, Google, Apple, Facebook, Yahoo, Skype und dem Carrier Verizon (nicht jedoch Twitter) erwirkt haben, einige Service-Provider haben der NSA laut Medienberichten sogar Backdoors für den Datenabruf eingerichtet.

130612Bespitzelung

Was dank Edward Snowden und The Guardian in die Medien kam, war lange schon ein offenes Geheimnis: Wo der US-Geheimdienst abhören will, dort hört er ab, was soll man machen. Lediglich das Ausmaß könnte den einen oder anderen überrascht haben.

Facebook kann hier eigentlich entspannt bleiben: Dessen Nutzer dürfte die Bespitzelung kalt lassen, speichern sie doch freiwillig persönliche Daten und Quasi-Tagebücher bei einem Dienst, der eine „Stasi 2.0“-Überwachung ermöglicht und eigentlich direkt von der CIA stammen könnte. Unternehmen wie Amazon, Google oder Microsoft müssen über die Enthüllungen im Rahmen des „Prism“-Skandals deutlich besorgter sein: Gerade die großen amerikanischen Cloud-Service-Provider liefern sich ein Wettrennen um Unternehmenskunden, die sie mit Infrastructure-as-a-Service- und Hosted-Private-Cloud-Angeboten in ihre jeweilige Wolke locken wollen.

Insbesondere deutsche IT-Verantwortliche standen den Public-Cloud-Diensten US-amerikanischer Bauart stets sehr skeptisch gegenüber. Und spätestens jetzt zeigt sich: zu Recht. Die Public Cloud ist die Fortsetzung des Outsourcings mit modernsten Mitteln, und Outsourcing braucht Vertrauen. Dieses ist nun dahin. Die NSA ist der Public Cloud Enemy Number One, der Cloud-Feind Nr. 1.

NSA-Abhörskandal: Ich höre was, was du nicht siehst

Der US-Inlandsgeheimdienst NSA – die „National Security Agency“, wegen ihrer notorischen Geheimniskrämerei gerne „No Such Agency“ (die „Gibt’s nicht“-Behörde) genannt  – hört nach Berichten der renommierten britischen Zeitung The Guardian großflächig in- und ausländische Bürger ab. Zunächst kam heraus, dass die NSA zur Terrorismusbekämpfung die Telefonie-Metadaten der Kunden von Verizon, einem der größten Carrier der USA, auswertet – und zwar aller Verizon-Kunden.

Sind also alle Verizon-Kunden potenzielle Terroristen? „Bei der NSA sieht man das so“, erläutert unser Informant aus Geheimdienstkreisen, der sich „Bigger Brother“ nennt. Laut seinen Berichten wollte die NSA zunächst nur jene Verizon-Kunden abhören, die den „Terroristen-Special-Tarif“ gebucht hatten. Mit diesem Tarif konnte man kostenlos von den USA in beliebige Länder des Nahen Ostens telefonieren, wurde aber im Kleingedruckten darauf hingewiesen, dass die Gespräche mitgeschnitten werden. „Das Angebot kam aber ziemlich schlecht an“, so Brother, „in den drei Jahren, die es lief, gab es nur 16 Abonnenten, und die erwiesen sich letztlich alle als Mitarbeiter unseres eigenen Verfassungsschutzes. Die sind halt schlauer, als wir dachten, die Terroristen. Deshalb blieb uns zwangsläufig nichts anderes übrig, als die Daten sämtlicher Verizon-Benutzer auszuwerten.“

NSA-Logo

Der Schlüssel, den der Adler im NSA-Logo hält, verweist darauf, dass die NSA Backdoors zu allen kommerziellen IT-Sicherheitsprodukten besitzt. Bild: Wikimedia Commons

Laut unserer NSA-Quelle ergab die Überwachung zahlreiche interessante Ergebnisse: So waren 22 Prozent der Gespräche Verbindungen mit Mobiltelefonen, die binnen zwei Minuten wegen Verbindungsproblemen abbrachen, in elf Prozent der Fälle war die Leitung besetzt, und die verbleibenden 67 Prozent waren Werbeanrufe eines Call Centers, das Verizon-Kunden zu AT&T locken wollte. Bei der NSA betrachte man die Abhöraktion damit als Erfolg: „Solche Werbeanrufe sind schließlich auch eine Form des Terrorismus“, so der Informant.

Doch damit nicht genug: Auch die Briefpost der Verizon-Kunden wurde im NSA-Hauptsitz in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland ausgewertet. „Es wird Sie nicht überraschen“, so Brother, „67 Prozent der Post ist Werbung für AT&T.“ Auch mehrere Brieftauben eines Verizon-Kunden und Taubenzüchters wurde abgefangen. Eine Taube, deren Federkleid an fremdländische Schriftzeichen erinnerte, wurde nach Guantanamo verbracht, wo sie unter ungeklärten Umständen ertrank. „Offenbar“, so vermutet unsere Quelle, „wusste ein Kollege nicht, dass Tauben recht sensibel auf Waterboarding reagieren.“

Inzwischen hat sich dieser Skandal noch wesentlich stärker ausgeweitet, stellte sich doch heraus, dass der US-Geheimdienst sogar sämtliche Internet-Kommunikation im In- und Ausland überwacht und auswertet. „Egal, ob’s um Facebook geht, um Google, Microsoft, Apple oder Amazon – wenn die Übertragung auf Einsen und Nullen basiert, dann haben wir’s mitgehört“, so Bigger Brother. „Auch dass Sie gerade diese NSA-Satire lesen, wissen die Kollegen von der NSA längst. Also seien Sie besser vorsichtig, wenn das nächste Mal Auto fahren. Nicht nur wegen der schwarzen Limousine hinter ihnen, sondern auch, weil in Ihrem linken Vorderreifen etwas zu wenig Luftdruck ist.“