Schwerter zu Facebook-Posts

Man könnte glatt glauben, bei dem mysteriösen alltestamentarischen Graffito “Mene mene tekel u-parsin”, das dem Babylonierkönig Belsazar 543 v. Chr. erschienen sein soll, habe es sich um einen sehr frühen Tweet gehandelt. Denn solch kurzen Posts – damals auf der nächstbesten Wand, Facebook und Twitter gab’s ja noch nicht – wird letzthin geradezu magische Kraft zugesprochen.

So ist sich ein großer Teil der Internet-Öffentlichkeit einig, dass der Sturz des ägyptischen Despoten Hosni Mubarak die erste “Facebook-Revolution” gewesen sei. Diese Behauptung ist ebenso richtig und ebenso falsch wie ihre Antithese, nämlich dass Social Networks total überschätzt würden und in Wirklichkeit das ägyptische Volk allein die Revolte durchgezogen habe, Facebook und Twitter hin oder her. Die Debatte erinnert an die Diskussion, ob es das Fernsehen war, das den Vietnamkrieg erst in US-amerikanische Wohnzimmer und dann dadurch zu einem vorzeitigen Ende gebracht hat – was so falsch sicher nicht ist, man aber ebenso gut als autistisch-amerikanische Innensicht bezeichnen könnte, die den hartnäcken Guerillakampf der Vietnamesen vollständig ausblendet.

In der Geschichte unserer ebenso kommunikations- wie konfliktfreudigen Gattung war es immer wieder eine technische Errungenschaft, die den Sieg von Partei A über Partei B ermöglicht oder zumindest deutlich beschleunigt hat. Oft stand dabei die Waffentechnik im Vordergrund: Mal war es die Fähigkeit, Eisen zu Schwertern zu schmieden, mal die Erfindung des Steigbügels, mal die der Armbrust (die das Prinzip Ritterrüstung mit durchschlagendem Erfolg obsolet werden ließ), mal die der Eisenbahn, des U-Boots und so weiter – und immer zerstörerischer.

Ein weiterer traditioneller Bestandteil der Konflikte zwischen A und B war und ist die Kommunikationstechnik: Mal konnte sich Partei A dank gespiegelter Sonnenstrahlen schneller verständigen als Partei B, mal sorgte die Enigma-Maschine von Partei A dafür, dass die Korrespondenz von Partei B entzaubert und lesbar wurde wie ein offenes Buch. Das offene Buch, mit dem das Mubarak-Regime entzaubert wurde, ist Facebook, und statt das Sonnenlicht reflektierender Handspiegel haben die Ägypter Twitter genutzt.

Die Rolle dieser Kulturtechniken in der ägyptischen Revolution zu bewerten, das überlasse ich nur allzu gerne Nahost-Experten, die sich da zuständig fühlen und deshalb dicke Bücher darüber schreiben werden. Ich für meinen Teil erfreue mich einfach an der Erkenntnis, dass es in der aktuellen Konfliktsaison Fortschritte nicht bei der Rüstungs-, sondern vielmehr bei der Kommunikationstechnik sind, die dem “Volk A” einen Vorteil über “Despot angeblich A, aber in Wirklichkeit B” verschafft haben. Schwerter zu Facebook-Posts!

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