Remix: Plagiieren im Zeitalter des Crowdsourcings

Fachleute wissen: Das Internet wurde nur für einen einzigen Zweck erfunden – um Katzenliebhabern (und wer wäre das nicht) Zugang zu einem unermesslichen Vorrat an Bildern und Filmen mit so genannten LOLcats – süßen Kätzchen in putzigen, drolligen oder sonstwie amüsanten Situationen – zu verschaffen. “LOLcat” ist übrigens eine Zusammensetzung aus “LOL” (kurz für “Laughing out loud”, laut loslachen) und “cat” (kurz für “Es gibt nur zwei Arten von Menschen: Fans und Personal.”).

Inzwischen haben Forscher aber in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit noch weitere Einsatzmöglichkeiten für das Internet entdeckt: Es kann als Kommunikationsmedium für Revolutionen dienen oder auch als Plattform dafür, eine Aufgabe auf beliebig viele Schultern zu verteilen, “Crowdsourcing” genannt (ein Wortspiel aus “Crowd”, also “Menschenmenge”, und “Sourcing” wie in “Outsourcing”, “nach außen geben” im Sinne von “nicht selber machen müssen”). Crowdsourcing findet man heute vielerorts: So arbeiten Hunderttausende an der Vervollständigung des LOLcat-Archivs auf YouTube und Flickr, andere wiederum halten mit Wikipedia das führende Crowdsourcing-Lexikon im Zustand ständiger Verfeinerung.

Auf eben dieser Wikipedia hat ein Scherzbold kürzlich unter die vielen Vornamen unseres Verteidigungsministers von und zu Guttenberg den Zusatz-Vornamen “Xerox” gemischt, in Anspielung auf Plagiatsvorwürfe, die derzeit an Guttenbergs Überflieger-Image kratzen. Und auf einem anderen Wiki namens “Guttenplag” hat sich eine Gruppe Freiwilliger zusammengefunden, um Guttenbergs Dissertation Satz für Satz in Suchmaschinen einzugeben, um jeweils die Frage “Original oder Plagiat?” zu klären.

Guttenberg-Freunde wenden ein, hier seien Guttenberg-Feinde am Werk, die die Gelegenheit nutzten, Dreck auf die hochglanzpolierte Fassade des adligen Politpromis zu werfen. Das mag so sein. Dennoch sehen wir hier, dem Internet sei dank, einen kollektiven investigativen Journalismus, der ganz erstaunliche Ergebnisse liefert: Bislang meldet die Guttenplag-Site, man habe auf stolzen 72% aller Seiten der Dissertation nicht korrekt zitierte Quellen gefunden. Allein das “Best of” der Fundstellen hat durchaus hohen Unterhaltungswert. Denn die Crowdsourcing-Recherche lässt vermuten: Hier war ein dreister Dieb geistigen Eigentums am Werk, der sich – in jahrelanger, mühevollster Kleinarbeit, das wollen wir nun gerne glauben – fremde Beiträge angeeignet und seine Spuren verwischt hat.

Die konservative FAZ – Guttenberg-Feind, da dieser sich aus ihr ebenfalls bedient hat – will da nicht mehr an Fahrlässigkeit glauben und fällt ein vernichtendes Urteil: “Eine so aufwendige und liebevoll hergestellte Täuschung findet man in der jüngeren deutschen Universitätsgeschichte nicht so leicht. Wer hier am Werk war, wusste, was er tat, und dass es nicht gestattet ist.”

Was denn? Unser Supergutti, bislang als Meister des Umgangs mit den Massenmedien bekannt, soll von der Macht des Internets nichts gewusst haben? Soll so sehr in adelig-schnöseligem “Das ficht mich nicht an” gefangen gewesen sein, dass er sich als immun betrachtete trotz der allseits bekannten Effektivität von Google und Co.? Guttenberg hat seine Dissertation vor WikiLeaks geschrieben und vor der Facebook- und Twitter-gestützten Revolution in Ägypten – aber dennoch: An solch völlige Ignoranz sollen wir glauben?

Nein, wer im Zeitalter des Crowdsourcings so dreist plagiiert, der ist kein auf einen akademischen Titel versessener Streber, der ist ein Künstler! So wie in der Musik – wiederum, wer hätt’s gedacht, Internet-gestützt – durch den Remix vorhandenen Materials ständig neue Songs und sogar Stile entstehen, so war es Karl Theodor von und zu Guttenberg, der die Genialität besaß, dieses Prinzip des Remix in das akademische Arbeiten einzuführen.

Mögen seine Feinde also ruhig behaupten, Guttenberg werde die von ihm selbst so hoch gelegte Messlatte reißen und als Fußnote der Geschichte enden. Wir jedoch wissen: DJ Supergutti steht in einer Reihe mit Mozart, mit Elvis, mit Jimi Hendrix, mit AC/DC!

Wie genial dieser akademische Remix war, kann nur der ermessen, dem auffällt, dass Guttenberg die Verwendung von Sony-Material in seiner Dissertation akribisch vermieden hat, wohl wissend, dass es sonst schnell hieße: “Diese Dissertation ist in Ihrem Land nicht verfügbar.” Generationen künftiger Akademiker werden diese Remix-Technik aufgreifen, weil sie auch so sein wollen wie der legendäre DJ Supergutti. Denn seine Dissertation setzt neue Maßstäbe für wissenschaftliches Arbeiten.

Echte Helden und Genies erkennt die Menschheit aber meist erst im Nachhinein, oft erst nach deren Ableben. Wenden wir uns vorerst also getrost wieder den wirklich wichtigen Dingen zu. … Libyen? Wieso Libyen? Nein, guckt mal, was ich hier gefunden habe, hach, ist die süüüüüüß…: http://www.youtube.com/watch?v=TZ860P4iTaM.

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