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Das LOLcat-Foto und seine Beziehung zum Unerreichten

Wenn sich eines Tages eine Expedition (sicher eine Strafexpedition) archäologisch interessierter Außerirdischer auf unseren bis dahin gut erwärmten, aber menschenleeren Planeten verirrt, werden sie sich wohl ganz schön wundern. Oder auch nicht.

Die glibbrig-grünen Gastarchäologen werden weltweit verstreut ein Sammelsurium primitiver Zivilisationsanfänge vorfinden, von Stein- und Stahlbetonruinen bis hin zu Siliziumchips – „Hach, guckt mal, die hatten ARM-Prozessoren!“ – und einem globalen Wirrwarr an Kupferkabel- und Glasfaserleitungen. Und die Forscher werden feststellen: „Die Gattung Homo Primitivus hatte die Basis dafür geschaffen, weltweit ihr gesamtes Wissen in Lichtgeschwindigkeit auszutauschen. Aber sie haben diese Infrastruktur im Wesentlichen dazu genutzt, offenbar witzig gemeinte Fotos von Jungtieren der Gattung Felidae („Katze“) zu posten und/oder sich gegenseitig zu beschimpfen.“

Dann werden die Besucher ein paar Steinbrocken von Pyramiden und Hochhäusern einsammeln, sich aus der Ruine eines Google-Rechenzentrums ein paar respräsentative LOLcat-Fotos und die 17. Staffel von „House of Cards“ herunterladen und wieder abdüsen. Und die Horden herumstreunender, verwilderter Hauskatzen mit der Frage zurücklassen, woher denn die Vorliebe des Homo Primitivus für das Foto Felidarum Humoristicus rührte.

Theorien, was der Mensch witzig findet, gibt es so viele wie Theoretiker, die sich mit dieser Frage befassen: von Platon und Aristoteles über Sigmund Freud („Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“) bis zu den zahllosen aktuellen Humortheorien. Unter den paar Bruchstücken dieser Theorien, die zu lesen ich nicht vermeiden konnte, scheint eine gewisse Einigkeit zu herrschen, dass es das menschliche Gehirn amüsiert, unvermittelt zwei getrennte gedankliche Ebenen zusammenzuführen.

Also zum Beispiel:
1. „Das ist das Foto eines Kätzchens.“
2. „Kätzchen liegen normalerweise nicht in Geschenkpapier verpackt unter einer Marihuanapflanze.“
3. Folge: spontane Erkenntnis, gekitzeltes Zwerchfell

Es handelt sich also offenbar um die gleiche Art unvermittelter Erkenntnis, die auch geniale Erfindungen oder zumindest funktionierenden Softwarecode produziert. Geistesblitz in klein: Pointe; Geistesblitz in groß: Nobelpreis. Wie weit hätte es die Menschheit doch bringen können, hätte Alfred E. Lolcat nicht die nach ihm benannten Bilder erfunden!

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Das Märchen vom Twitter-Erfolg der New Yorker Polizei

So, Kinners, dann lasst doch mal kurz die Finger von WhatsApp, der nette Onkel will euch eine Geschichte erzählen. Mit Happy End! Also, mit einer Art Happy End.

Es war einmal vor langer, langer Zeit – nämlich im April – in einem fernen, fernen Land, das heißt USA. Da gibt es eine Stadt, die der Rest des fernen Landes gar nicht so richtig zum fernen Land zählt, die heißt New York. Da gibt es viele reiche Leute, die sich teure Apple-Notebooks leisten können, und darum heißt die Stadt auch Big Apple.

Im Big Apple gibt es nicht nur viele Reiche, sondern auch viele Kriminelle. Und viele reiche Kriminelle, die heißen „Investment-Banker“. Und um die Menschen vor den Kriminellen mit Ausnahme der reichen Kriminellen zu schützen, gibt es da so schwarz gekleidete Aufpasser, die heißen New York Police Department. Und weil alles eine Abkürzung haben muss, heißen die auch NYPD.

Und weil die sich für eine besonders feine Polizeitruppe halten, nennen sie sich selber „New York’s Finest“. So richtig fein finden manche New Yorker das NYPD aber gar nicht. Weil die nämlich schon mal mit ihren Schlagstöcken draufhauen, wenn New Yorker gegen die reichen Kriminellen demonstrieren. Und außerdem gibt es in New York so ein Gesetz, das erlaubt es der Polizei, immer und überall Menschen anzuhalten und zu durchsuchen, wie ihr Kinners das vielleicht von den Kontrollen am Flughafen her kennt. Das heißt dann „Stop and Frisk“.

Am liebsten durchsuchen die Polizisten junge schwarze Männer, was die aber auf Dauer nicht so märchenhaft finden. Weil die fragen sich dann, warum „New York’s Finest“ immer nur sie anhalten und durchsuchen, aber nie „Wall Street’s Finest“, und finden die Polizei überhaupt unfein.

Darum waren die Polizisten ganz traurig und rauften sich die Haare und wollten dem Volk verkünden, wie fein sie wirklich sind. Da hatte ein großer Social-Media-Zauberer die Idee, das NYPD könnte auf Twitter einen Hashtag #myNYPD starten und sich von den Menschen wünschen, dass sie Fotos von sich und den feinen New Yorker Polizisten tweeten. Die Idee fand das NYPD ganz toll, und also taten sie wie vom Social-Media-Zauberer geheißen.

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Mit Twitter kann man sehr gut die eigene Beliebtheit ermitteln. Da kann auch gar nichts schiefgehen.

Daraufhin haben viele, viele Menschen Fotos von sich mit feinen Polizisten getweetet. Aber andere mit so komischen Namen wie @OccupyWallStNYC haben dann Fotos getweetet, die zeigten, wie New Yorker Polizisten andere New Yorker mit Tritten und Schlagstöcken verfeinern. Und wie sie gegen schwarze Jugendliche vorgehen, die nicht dauernd gestoppt und gefriskt werden wollen. Das waren dann keine so wahnsinnig feinen Fotos vom NYPD.

Und drum gab es dann ein großes Hallo im Internet, und alle lachten und spotteten, dass die Twitter-Kampagne des NYPD in die Hose gegangen sei. Das ärgerte die Polizisten, und so schickten sie ihren besten und weisesten Märchenonkel vor, und der verkündete dann dem Volk: „Das NYPD schafft neue Wege, um effektiv mit der Community zu kommunizieren. Twitter bietet ein offenes Forum für unzensierten Austausch, und dies ist ein offener Dialog, der gut ist für unsere Stadt.“

Da nickten alle und sagten: „Ja, das NYPD, das sind wirklich New York’s Finest.“ Und da freute sich das NYPD und feierte ein großes Fest und die Polizisten lachten und tanzten auf den Straßen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stoppen, frisken und tweeten sie noch heute.

Social-Media-Protest: Occupy Amazon

Vor allem in den USA, aber auch international in einschlägigen Ecken des großen bösen Internets hat ein Youtube-Video für einen Proteststurm gesorgt. Zu sehen ist hier, wie ein Polizist die im Rahmen der Occupy-Bewegung friedlich demonstrierenden Studenten der Universität UC Davis aus nächster Nähe mit Pfefferspray malträtiert.

Der kurze dokumentarische Videoclip führt die aktuelle Strategie der US-amerikanischen Einsatzkräfte drastisch vor Augen: Die Polizei verhaftet Demonstranten – hier wie auch in New York anlässlich der Occupy-Wall-Street-Proteste – wegen Störung des Straßenverkehrs oder ähnlichen Ordnungswidrigkeiten und behandelt sie dabei wie gewöhnliche Kleinkriminelle, sprich: aggressiv, teils unnötig aggressiv. Für besonders große Bestürzung sorgte dieses Video dadurch, dass der Protagonisten-Polizist – dicklich, Schnauzbart, den Schutzhelm tief in die Stirn gezogen – wie die vollendete Karikatur eines „Freunds und Helfers“ wirkt, wie der ständig den armen Bugs Bunny jagende Elmer Fudd oder der große, dicke Bösewicht in Uniform, vor dem Charlie Chaplins Tramp ständig flüchten muss.

Und vor allem verhält sich der Polizeibeamte vor laufender Kamera auch so: Er besprüht die für eine Sitzblockade am Boden versammelten Studenten ausgiebig, nonchalant und herablassend – manche Beobachter meinten: wie Ungeziefer. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Amerikaner das per Verfassung garantierte Recht auf Versammlungsfreiheit in Gefahr sehen. Schließlich ist Pfefferspray – auch wenn der Begriff relativ harmlos klingen mag – eine sehr wirkungsvolle Nahkampfwaffe.

Da eine Demonstration gegen diesen Misstand gefährlich werden kann (siehe oben), weicht der Protest auch auf andere Kanäle aus – unter anderem auf die Kundenforen des Online-Händlers Amazon.com: Hier nutzen die OWS-Protestler das Genre der „Mock Reviews“, also auf den ersten Blick echt wirkender, in Wahrheit aber parodistischer Produktbewertungen. Diese Mock Reviews konzentrierten sich bislang auf offenbar wahllose Ziele wie das bekannte „Three Wolf Moon“-Shirt (siehe auch hier).

Vor dem Hintergrund der Polizeiübergriffe bekommen diese satirischen Produktkritiken nun eine politische Dimension. So urteilt zum Beispiel ein Benutzer in einer Bewertung des Produkts  „Defense Technology 56895 MK-9 Stream, 1.3% Red Band/1.3% Blue Band Pepper Spray“: „Immer wenn ich forsch-fröhlich widerspenstige Bürger ein bisschen Disziplin lehren muss, weiß ich, dass ich mich auf das Defense Technology 56895 MK-9 Stream, 1.3% Red Band/1.3% Blue Band Pepper Spray verlassen kann! Die Macht der Vernunft kann nichts ausrichten gegen die überlegene Repressionskraft von Defense Technology.“ Man solle sich deshalb nicht mit billigen Ersatzprodukten begnügen, wenn es darum gehe, „bequem Studenten zu unterdrücken“.

Ein anderer Amazon-Reviewer zeigt sich von diesem Pfefferspray hingegen enttäuscht: Er warnt, das Produkt funktioniere nicht richtig, denn es vermehre die Zahl der Protestierenden. Positiv zu erwähnen sei allerdings, dass sein Einsatz zu bezahltem Urlaub führe – der Polizist war auf den Aufschrei der Medien hin vom Dienst suspendiert worden.

Das Repertoire intelligenter Protestformen hat eine neue Facette hinzugewonnen – wenn auch leider auf Kosten einiger armer Studenten, die einem Pfeffersprayer als Zielscheibe dienten.

UPDATE 24.11.11 18:44 Uhr: Der „Casually Pepper-Spray Everything Cop“ hat es in der Zwischenzeit zu einem veritablen Mem geschafft. In zahlreichen Fotomontagen etc. macht sich die Netzwelt über den wackeren Polizisten lustig, siehe hier. Ein schönes Beispiel: Der Pepper-Spray Cop trifft auf die US-Verfassung.

Social Media Hype: Geht’s bitte auch weniger dramatisch?

Wer heute etwas auf sich hält, hat mindestens so viele Mobiltelefone wie Ohren dabei und weitere zwei bis siebzehn Altgeräte in der “Vielleicht kann man’s ja nochmal brauchen”-Schublade. Wir haben uns – obschon häufig widerwillig – daran gewöhnt, dass allüberall mobiltelefoniert wird, gerne auch sehr laut – das Gegenüber ist schließlich weit weg, da muss man schreien. Fast überall: Natürlich nicht an Bord von Flugzeugen, die bekanntlich jeder mitreisende Terrorist einfach mittels Anruf bei Osama zum Absturz bringen könnte. (Wieso darf man die Dinger eigentlich mit an Bord nehmen? Nur mal so ‘ne Frage. Bin aber ganz froh, dass man in der Enge einer Flugzeugkabine weiterhin seine Ruhe hat.)

Ich kann mich noch erinnern an die Jugendjahre des Mobilfunks als Massenphänomen: In den frühen 1990er-Jahren galten Handy-Besitzer vielen Vertretern der kupferverkabelten und somit erdgebundenen Mehrheit als Angeber, die ja sooo schrecklich wichtig sind, dass sie mit dem Telefonieren nicht mal warten können, bis wieder ein ordentliches Telefon in Reichweite ist. Oder als Leute, die ihre Zeit mit unnötigem Geplapper verschwenden, statt was zu lesen oder sich mal in Ruhe (!) mit was zu beschäftigen.

Was fällt uns da auf? Das sind so ziemlich genau die Vorurteile, die man heute gerne über Benutzer von Social Media hegt: Facebook ist eine Plattform für narzisstische Selbstdarstellungs-Teenager, und Twitter ist sowieso nur was für Leute, die sich nach übermäßigem Konsum von “Deutschland sucht den Superstar” für einen selbigen halten und deshalb ihren “Followern” jedes Detail zwischen Frühstück und Frührente mitteilen wollen.

Am anderen Ende der Skala des Social-Media-Rummels liegen die notorischen Early Adopters ebenso wie die stark wachsende Menge der Unternehmen, die sich aus Goldgräberstimmung oder Herdentrieb aufmachen, auf Facebook ihre Handtücher auf den Strandliegen der digitalen Kundennähe ausbreiten, in der Hoffnung, es mögen viele, viele “Fans” einzusammeln sein. Darunter auch zahlreiche Unternehmen, bei denen man sich unwillkürlich fragt: “Ihr habt Fans? Echt?”

Der Social-Media-Alltag aber liegt zwischen totaler Twitter-Verweigerung einerseits und der von den zahllosen selbsternannten Social-Media-Gurus verordneten Facebook-Fan-Sammelwut andererseits: Letztlich sind die aktuellen Social-Media-Techniken schlicht und ergreifend nützliche Werkzeuge, um mit dem Gegenüber bequem, vergleichsweise informell und vor allem echtzeitnah kommunizieren zu können.

“Echtzeitnah” heißt: eben nicht “in Echtzeit” wie bei der Telefonie, ob mobilgefunkt oder festvernetzt. Zwar gehört in den Social Networks eine zügige Reaktion auf Fragen, Kommentare etc. durchaus zur Netiquette, aber es gibt eben keinen Anspruch auf unverzügliche Antwort. Das ist der eigentliche große Vorteil von Facebook, Twitter und Co.: Sie sind ein großer und nützlicher Schritt vom Konzept des “Real-Time Webs” in Richtung “Right-Time Web”. Die Kommunikation wird beschleunigt, in gewisser Weise aber auch entschleunigt.

Deshalb sei – während Social Media gerade im Landeanflug auf den Status eines Alltagsphänomens sind – den Hochjublern wie den Rumkrittlern gesagt: Die Fluggäste werden gebeten, die Sitzlehnen senkrecht zu stellen und aufzuhören, aus den Ohren zu rauchen. Einfach mal zurücklehnen, tief durchatmen, Emotionen rausnehmen. Dann landet sich’s gleich viel entspannter.