Neuer IT-Hype: Kernspaltung

„Der Trend geht zur Zweitfirma“, dachte sich HP-Chefin Meg Whitman und verkündete die Aufspaltung von HP in zwei Unternehmen. Wenige Tage später folgte Security-Anbieter Symantec dieser Entwicklung. Wer kommt als nächstes? Eine Prognose.

Laut Presseverlautbarung vom 6.10.2014 will sich HP in zwei „branchenführende öffentliche Unternehmen“ teilen: in den Unternehmens-IT-Ausrüster namens Hewlett-Packard und einen Anbieter von diesem ganzen Consumer-Krempel namens Hewlett-Compaqard. (Oder so ähnlich – Note to Self: bei Gelegenheit nochmal nachgucken!)

Wie die beiden Buchstaben des HP-Logos schon lange anzudeuten schienen, streben die HP-Geschäftsbereiche in entgegengesetzte Richtungen.

Wie die beiden Buchstaben des HP-Logos schon lange anzudeuten schienen, streben die HP-Geschäftsbereiche in entgegengesetzte Richtungen.

Damit hat Branchengröße HP offenbar einen Trend angestoßen: Nur drei Tage später meldete mit Symantec ein führender Anbieter von Sicherheitslösungen, sich ebenfalls in zwei separate Firmen aufteilen zu wollen: eine für Security-Software, die andere für Information-Management. Zwar ist der Name „Symantec“ alles andere als ein Synonym für Information-Management, doch CEO Michael A. Brown betonte: „Wenn ein neuer Hype aufpoppt, dann muss Symantec mit dabei sein. Und da wir nur Security können, musste halt ein neues Thema her. Da ist uns auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen als Information-Management.“ Informationen könne man schließlich immer brauchen, und Management auch.

Nun wird in der Branche wild spekuliert, welches Unternehmen wohl als nächstes in zwei Teile zerfallen wird. Hier eine Prognose:

Im November meldet IBM – trotz seiner enormen Größe immer am Puls der Zeit – seine geplante Zweiteilung: Unter dem Namen „Watson, Inc.“ werde der Geschäftsbereich rund um Big Data und Künstliche Intelligenz eigenständig. Das zweite Unternehmen werde sämtlichen übrigen Geschäfte fortführen. Der Name stehe noch nicht fest, laut Buchmachern die besten Chancen hat „Sherlock, Inc.“.

Im Dezember verkündet der neue CEO Satya Nadella die Teilung von Microsoft: Unter dem bekannten Namen Microsoft werde man weiterhin die bewährten Cash-cows der Unternehmenswelt vertreiben, darunter Windows, Office, Exchange, SQL Server, das Active Directory und das Cloud-Lösungsportfolio; das Zweitunternehmen Microhard werde sich bemühen, endlich dem Consumer-Trendsetter Apple Paroli zu bieten. Auf die Frage, mit welchen Produkten, antwortete Nadella: „Da haben wir noch keine konkreten Pläne. Vielleicht irgendwas mit Uhren.“

Ebenfalls im Dezember und damit gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft meldet der Elektronikkonzern LG seine Aufspaltung in die beiden Konzerne „L“ und „G“. Beide Firmen werden laut Konzernankündigung ein identisches Portfolio anbieten und behaupten, viel besser und günstiger zu sein als der jeweils andere, aber vor allem cooler als Samsung und Apple.

Ein Paukenschlag: Anfang Januar 2015 gibt Google bekannt, sich ebenfalls in zwei Konzerne zu unterteilen. Unter dem bestehenden Namen werde man weiterhin die Suchmaschine und die zahlreichen Cloud-Services von Gmail über Google Maps bis zu den Unternehmensangeboten betreiben. Das Zweitunternehmen werde versuchen, die aus diversen Zukäufen der letzten Zeit angesammelte Robotertechnik unter dem Betriebssystem Android zusammenzuführen. Laut Aussagen von CEO Larry Page soll dieses Unternehmen „SkyNet“ heißen, und nein, Kampfroboter mit einem notorisch unsicheren Smartphone-Betriebssystem halte er nicht für ein Risiko.

Auf einem großen Presse-Event im Februar lüftet Apple den Mantel um das, was unter Apple-Beobachtern schon seit Monaten gemunkelt wurde: eine Zweiteilung – aber eine revolutionäre, nie dagewesene und völlig innovative Zweiteilung. „Apple, Inc.“ werde, wie gehabt, die bekannte Marke mit Hardware, Software und Services fortführen. Ausgegliedert werde unter dem Namen „The Holy Church of St. Steve“ lediglich die quasireligiöse Apple-Verehrung. Das „Holy Book of Jobs“ werde den Apple-Jüngern künftig in allen Lebenslagen Antwort geben auf die Frage: „Was würde Steve Jobs davon halten?“ Höhepunkt des religiösen Lebens sei der alljährliche „Tanz ums Goldene iPhone“.

Im März gibt Hewlett-Packard-Chefin Meg Whitman dann allerdings überraschend bekannt, die Aufspaltung sei ein Fehler gewesen, man werde wieder auf das vertraute Motto „Je größer, desto besser“ setzen und die beiden HP-Spinoffs erneut fusionieren. Alle anderen IT-Anbieter ziehen in den folgenden Wochen stillschweigend nach. Genauer: alle bis auf Apple. Denn in Cupertino hat man erkannt, dass die Anerkennung als Religion weltweit eine Vielzahl von Steuerschlupflöchern eröffnet. Auf diese Steuervorteile könne man unmöglich verzichten, so CEO Tim Cook, denn: „Was würde Steve Jobs davon halten!?“

Drucker, die die Zukunft drucken

3D-Drucker bringen hauchdünne Schichten von Kunststoff und weiteren Materialien computergesteuert so präzise übereinander auf, dass nach Bedarf selbst komplexe dreidimensionale Gebilde entstehen – von Star-Wars-Figuren bis hin zu Prothesen oder Schusswaffen, je nach Präferenz. Ein 3D-Blick in unsere 3D-Zukunft.

3D-Drucker - im Bild ein Gerät von Stratasys - können dreidimensionale Objekte aus verschiedenen Materialien nach Bedarf herstellen, zum Beispiel Fahrradhelme, was alle praktisch finden, oder Handfeuerwaffen, was nur einige praktisch finden. Bild: Stratasys

3D-Drucker – im Bild ein Gerät von Stratasys – können dreidimensionale Objekte aus verschiedenen Materialien nach Bedarf herstellen, zum Beispiel Fahrradhelme, was alle praktisch finden, oder Handfeuerwaffen, was nur einige praktisch finden. Bild: Stratasys

Januar 2016: 3D-Druck ist inzwischen so verbreitet, dass die Endanwender einen Großteil ihrer im Alltag benötigten Utensilien nach Bedarf selbst ausdrucken. Am beliebtesten sind bei den Verbrauchern preiswerte, einfache Objekte aus Plastik wie etwa Kinderspielzeug, Modeschmuck oder Scheibenkäse.

1. März 2016: Mehrere Hersteller präsentieren praktisch zeitgleich eine neue Generation von 3D-Druckern, die beliebige Ausgangsstoffe verarbeiten kann: Kunststoffe und Metalle ebenso wie organische Materialien. Das Interesse ist zunächst lau, da die ersten Geräte extrem teuer sind. Der Microsoft-Chef spottet: „So etwas braucht doch kein Mensch!“

2. März 2016: Das erste 3D-Druck-Selfie.

3. März 2016: Das erste 3D-Druck-Selfie eines Benutzers, wie er gerade ein 3D-Druck-Selfie ausdruckt.

17. März 2016: Über Schwarzmarktseiten gelangen Baupläne für „Viagra zum Selberausdrucken“ ins Netz. Der Absatz an 3D-Druckern steigt dramatisch an.

30. März 2016: Medien berichten, dass man in China bereits seit 2014 ganze Industrie-Geisterstädte aus dem Boden gestampft hat, in deren riesigen leeren Industriehallen 3D-Drucker im Akkord 3D-Drucker herstellen. Der Weltmarkt wird überschwemmt mit billigen chinesischen Geräten. Gleichzeitig häufen sich in China Aufstände der nun arbeitslosen Fabrikarbeiter, doch die chinesische Führung verkündet, man habe die Aufstände unter Kontrolle, und außerdem gebe es gar keine Aufstände.

April 2016: Eine neue Modewelle schwappt durch das Netz: täuschend echte dreidimensionale Katzen in witzigen Posen, sogenannte „3D-LOLcats“.

Mai 2016: In einer Forsa-Umfrage bezeichnen 78 Prozent der Deutschen den 3D-Drucker als „die beste Erfindung seit Toastbrot“, fügen jedoch hinzu: „Damit meine ich aber das Original-Toastbrot. Das 3D-gedruckte schmeckt irgendwie fad.“

Juni 2016: Mehrere führende asiatische Gadget-Hersteller präsentieren praktisch zeitgleich sogenannte „SmartGloves“, also Smartphone-Handschuhe, die man sich per 3D-Druck individuell um die eigene Hand herumdruckt. Die ganze Hand wird damit zum Handy, was zumindest jüngere Benutzer wahnsinnig praktisch finden.

August 2016: Apple kontert die SmartGlove-Welle mit dem von Insidern lange erwarteten iTooth, einem Mini-Smartphone in der Form eines 3D-gedruckten Zahnimplantats. Wie üblich bilden sich bereits am Vortag lange Schlangen vor den Apple-Stores, erstmals aber am Folgetag ebenso lange Schlangen vor den Zahnarztpraxen.

September 2016: US-Präsident Obama verkündet, man werde 3D-Drucker mit Bauplänen für Sturmgewehre und Panzerfäuste an die ISIS im Irak liefern, um diese im Kampf gegen die noch radikalere IWO (Islamistische Weltordnung) zu unterstützen.

Oktober 2016: Die Bundesregierung kündigt an, man werde dringend benötigte 3D-gedruckte medizinische Gerätschaft in die umkämpften Gebiete im Nahen Osten schicken, sobald der bundeswehreigene 3D-Drucker die dringend benötigten Ersatzteile für die Bundeswehr-Transportflugzeuge fertiggedruckt habe. Allerdings sei dieser Drucker gerade defekt, man warte derzeit auf dringend benötigte Ersatzteile.

8. November 2016: Jeb Bush, Ex-Gouverneur von Florida und Bruder von George W. Bush, wird neuer US-Präsident – trotz zahlreicher Indizien, dass die Republicans in Florida massiv Pro-Bush-Wahlzettel 3D-gedruckt haben. Die konkurrierenden Democrats fechten die Wahl aber nicht an, nachdem Reporter in der Democrat-Wahlzentrale in Ohio auffällig viele 3D-Drucker aufgespürt haben. Das Vertrauen der US-Wähler in die Demokratie fällt auf ein Allzeit-Tief. Die meisten Amerikaner bekommen diesen Skandal allerdings gar nicht mit, da sie immer noch vor ihrer Zahnarztpraxis Schlange stehen.

25. November 2016: Am sogenannten „Black Friday“ stellen Aktivisten der finanzindustriekritischen Hackergruppe „3D-Leet“ in einer konzertierten Aktion weltweit Blaupausen für Geldscheine in 17 Währungen ins Netz, sodass jedermann naturidentische Geldscheine preiswert selbst herstellen kann. Das globale Wirtschaftssystem bricht zusammen. Die Finanzindustrie zeigt sich davon aber unbeeindruckt, da ihre Transaktionen schon längst nichts mehr mit der Realwirtschaft zu tun haben.

31. Dezember 2016: Nach dem Kurzschluss eines defekten 3D-Druckers beginnt eine 3D-LOLcat plötzlich, sich selbsttätig zu bewegen. Sie tapst – was im Video des Benutzers unheimlich putzig aussieht – zunächst im Zimmer herum, geht dann aber zurück zum 3D-Drucker und druckt eine Reihe weiterer LOLcats aus. Erstaunlicherweise bewegen diese sich ebenfalls von selbst. Eine der Katzen schaut in die Kamera und scheint zu grinsen. Sie springt auf die Kamera zu und fährt messerscharfe 3D-Edelstahlkrallen aus. Das Kamerabild wackelt. Man hört einen Schrei. Das Bild wird schwarz.

Bono-Bonus: Affentheater um das iPhone 6

Apple kündigte an, sein neues iPhone 6 mit dem vorinstallierten Album „Songs of Innocence“ der Pop-Band U2 auszuliefern. Dies kam bei vielen Apple-Jüngern gar nicht gut an. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Eine Chronologie.

+++ EIL +++ Auftritt der Band U2 rund um Frontmann Bono beim Apple-Event zum Launch des iPhone 6, iPhone 6 Plus und der Apple Watch. Erstmals verlassen einige Journalisten und Blogger genervt die Veranstaltung mit dem Kommentar: „Bono? Im Ernst? Dann berichten wir eben über was anderes.“

+++ EIL +++ Sicherheitsspezialist F-Secure warnt vor einem angeblichen Jailbreak, der das U2-Album aus iTunes löscht.

+++ EIL +++ Apple richtet eine Support-Seite ein, über die Apple-Käufer das Album aus ihren iTunes entfernen können.

Apples U2-Löschseite

Apples U2-Löschseite

+++ EIL +++ Apple-Chef Tim Cook gesteht bei der Talk-Show „Charlie Rose“ ein, dass der Werbegag mit U2 ein Fehler war. Man habe aber nur die Interessen der Benutzer im Sinn und werde deshalb die Daten derjenigen, die das Album löschen, nicht an die NSA weitergeben.

+++ EIL +++ Sicherheitsspezialist F-Secure warnt vor einem angeblichen Jailbreak, der das U2-Album nicht nur aus iTunes, sondern auch aus der Download-Historie löscht.

+++ EIL +++ Microsoft produziert ein lustiges Video, das Apples Werbefilme parodiert und klarstellt, dass auf Smartphones mit Windows Phone kein U2-Album vorinstalliert ist. Das Video erhält auf Facebook zahlreiche Likes von Microsoft-Mitarbeitern.

+++ EIL +++ Die Comedy-Truppe Y-Titty erstellt ein geniales U2-Verarschungsvideo. Da dieses aber Musik von U2 enthält, ist es in deinem Land leider nicht verfügbar.

+++ EIL +++ Das Analystenhaus Canalys prophezeit, die Apple Watch werde den Smartwatch-Markt „aufrollen“. Hauptgrund sei, dass auf Apples neuer Smartwatch kein U2-Album vorinstalliert sei.

+++ EIL +++ Sicherheitsspezialist F-Secure warnt vor billigen Apple-Watch-Raubkopien aus China. Diese weisen laut F-Secure zwar keine Malware auf, jedoch als Weckmelodie „Sunday, Bloody Sunday“.

+++ EIL +++ Die NATO erwägt, iPhone-6-Geräte über dem Osten der Ukraine abzuwerfen, um die dortigen Separatisten zu demotivieren. Die UNO bezeichnet die Pläne umgehend als „überzogen und unmenschlich“.

+++ EIL +++ Russlands Präsident Putin droht, man werde nun selbst Smartphones produzieren und dort U2-Coverversionen russischer Underground-Death-Metal-Bands vorinstallieren. Die Ukraine gibt daraufhin klein bei und räumt den von Russland unterstützten Separatisten im Osten des Landes weitgehende Autonomie ein.

+++ EIL +++ Das iPhone 6 erscheint, das U2-Album wird damit automatisch auf Platz 1 der Album-Charts katapultiert. Die Schlangen vor den Apple Stores sind aber diesmal deutlich kürzer als erwartet. Menschen in Elvis-Costello-T-Shirts verteilen Werbeflyer für Samsungs Android-Phones.

+++ EIL +++ Sicherheitsfachleute warnen vor einem dramatischen Bug im Android-Browser, der Angreifern weitgehende Zugriffsmöglichkeiten eröffnet und 75 Prozent aller Android-Smartphones betrifft.

+++ EIL +++ Der Marktanteil von Android wächst weiter rasant.

+++ EIL +++ Apple-Chef Tim Cook erleidet in der Talk Show „Charlie Rose“ einen Zusammenbruch und schluchzt: „Das habe ich nicht gewollt!“

+++ EIL +++ Ein Praxistest der Firma Blendtec im Rahmen ihrer beliebten Testserie „Will it blend?“ ergibt: Das iPhone 6 lässt sich ohne das U2-Album sogar deutlich besser im Mixer verarbeiten.

+++ EIL +++ Putin verkündet im russischen Fernsehen: „Niemand hat vor, eine Smartphone-Fabrik zu errichten.“

+++ EIL +++ Nach der Einrichtung der U2-Löschseite – der weltweit ersten Webseite, die speziell dem Löschen von Musik einer bestimmten Band dient – werden auf Twitter Stimmen laut, solche Seiten für weitere Musiker einzurichten, etwa Adele oder Justin Bieber. Apple hat damit erneut die Musikindustrie revolutioniert.

Die Visitenkarte im Zeitalter von Facebook und Google

Eine Sitte aus längst vergangenen Zeiten, als Besucher sich noch per Butler beim Herrn oder der Dame des Hauses ankündigten, hält sich erstaunlicherweise wacker im IT-Berufsalltag: der Termin-Initiationsritus des Tauschs von Visitenkarten (obschon diese sicher bald nur noch „Business Cards“ heißen werden).

Im Zeitalter ununterbrochenen Online-Seins, virtualisierter sozialer Netzwerke und sekundenbruchteilschneller Google-Suche sollten kleine rechteckige Pappkärtchen mit Kontaktinformationen eigentlich so überholt sein wie Runeninschriften, Wählscheibentelefone oder die FDP. Sind sie aber nicht. Und so beginnen Termine selbst in der ach-so-modernen IT-Branche mit jenem Rituälchen, das der Verfasser dieser Zeilen gerne „YuGiOh-Kartentausch“ nennt.

Visitenkarten. Weil man sonst im Internet nicht auffindbar ist. Bild: Wolfgang Traub

Visitenkarten. Weil man sonst im Internet nicht auffindbar ist. Bild: Wolfgang Traub

Zwar gibt es immer mal wieder Ausnahmen, so etwa der Chef eines Unternehmens, der seine Visitenkarten „gerade nicht dabei hat“, damit nicht Hinz und Kunz seine Mobilfunknummer erfährt; der smarte Hipster, der sich einen Spaß daraus macht, einem einfach ein Kärtchen mit seinem Twitter-Handle zu überreichen, quasi als postmodernes Zitat eines antiken Literaturgenres; oder aber – auch immer wieder gern genommen – der Neuling im Unternehmen, der noch keine Visitenkarten hat, weil das mit dem Drucken von Farbe auf Pappkarton eben auch beim revolutionären coolen Startup ein paar Tage dauert.

Der Regelfall aber sind nach wie vor die guten alten Visitenkarten, wobei man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die dort aufgeführten Angaben von Jahr zu Jahr unhandlicher werden. In Kürze dürften wohl nur noch ausklappbare Visitenkarten – sorry: ich meinte natürlich „Fold-out Business Cards“ – im Umlauf sein.

Denn wer für den Vertrieb eines Produkts in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig ist, dessen Kärtchen wies ihn früher einfach als „Vertriebsleiter DACH“ aus. Heute hingegen liest man dort „Senior Regional Sales Manager CEMEA“ oder etwas ähnlich Neudeutsch-Verquastes. Das Akronym-Ungetüm „CEMEA“ steht dabei übrigens für „Central Europe, Middle East, and Africa“. Denn für eine US-Firma liegen Europa, der Nahe Osten (der aus US-Perspektive ein „mittlerer“ ist) und Afrika eben „irgendwo da drüben hinter dem Vatikan“. Da die DACH-Region angeblich mittendrin liegt, pappen wir ein „C“ davor, dann passt das schon. Und weil europäische Anbieter in der IT-Branche offenbar glauben, alles aus den USA Herüberschwappende gierig aufsaugen zu müssen, plappern sie das pseudogeografische Kauderwelsch einfach nach.

Gleiches gilt für die umständlichen Positionsbezeichnungen, herrscht doch insbesondere bei börsennotierten US-Unternehmen eine komplexe Hackordnung, in der jeder Job mit seinen eigenen Gehaltsstufen, Aktienoptionen und Zusatzvergünstigungen versehen ist. Und so findet man auf den bunten kleinen Kärtchen neben dem allgegenwärtigen „Manager“ und dessen Beifang, dem „Assistant Manager“, so schöne Titel wie „Regional Manager“, „Senior Manager“ (kein Rentnerverwalter, sondern ein leitender Angestellter), darüber den „Director“ und – man ahnt es – den „Senior Director“, noch weiter oben auf der Hühnerleiter folgt der „Vice President“ sowie der – dramatische Pause, einen Tusch bitte! – „Senior Vice President“. Ganz zu schweigen von den „C-Level“-Auserwählten, also den „Chief Irgendwas Officers“, deren Häuptling dann wiederum der „Chief Executive Officer“ ist. Oder der „Chief Hackordnungs-Officer“, da bin ich mir nicht ganz sicher. Literarisch Interessierte erinnert dies an die „typisch deutsche“ Gesellschaftshierarchie in Heinrich Manns rabenschwarzem Kaiserreichs-Roman „Der Untertan“, in dem jeder jemanden über und unter sich hat – und wer ganz unten steht, der hat wenigstens noch einen Dackel namens „Männe“.

Eine interessante Ausnahme in dieser Rangordnungspyramide bildet der insbesondere bei amerikanischen IT-Konzernen anzutreffende „Technology Evangelist“. Hier handelt es sich um jemanden, der sich in einer bestimmten Technik – sorry, es muss natürlich heißen: „Technologie“ – so wahnsinnig gut auskennt, dass er völlig aus dem Raster fällt und gleichsam jenseits aller starren Strukturen nur noch dazu da ist, dem unwissenden Fußvolk den Reiz der jeweiligen Technologie zu predigen. Denn wahrlich, ich sage euch, es wird regnen Einsen und Nullen vierzig Tage lang, und unseren Kunden wird’s der Herr geben im Schlaf, bei allen anderen aber wird sein ein großes Heulen und Zähneklappern! Oder so.

Wobei in unseren politisch korrekten Multikulti-Zeiten durchaus zu fragen wäre, warum es nur IT-„Evangelisten“ gibt. Wo bleibt denn bitte, fragt sich der in Bayern ansässige Verfasser, der „Technology Catholicist“? Der „Technology Rabbi“ und der „Technology Imam“? Wo die buddhistische, hinduistische und heidnische Variante? Wie erfährt der in Glaubensfragen Skeptische von all den Segnungen der schönen neuen IT-Welt? Und wie der computerinteressierte Satanist?

Dies fragt sich

Dr. Wilhelm Greiner
Chief Senior Information Technology Agnostic CEMEA und ROW
Mitteilerei, Inc.

P.S.: „ROW“ heißt übrigens „Rest of World“. Und: Nein, diese Abkürzung habe ich mir nicht ausgedacht. Leider.

 

 

Das LOLcat-Foto und seine Beziehung zum Unerreichten

Wenn sich eines Tages eine Expedition (sicher eine Strafexpedition) archäologisch interessierter Außerirdischer auf unseren bis dahin gut erwärmten, aber menschenleeren Planeten verirrt, werden sie sich wohl ganz schön wundern. Oder auch nicht.

Die glibbrig-grünen Gastarchäologen werden weltweit verstreut ein Sammelsurium primitiver Zivilisationsanfänge vorfinden, von Stein- und Stahlbetonruinen bis hin zu Siliziumchips – „Hach, guckt mal, die hatten ARM-Prozessoren!“ – und einem globalen Wirrwarr an Kupferkabel- und Glasfaserleitungen. Und die Forscher werden feststellen: „Die Gattung Homo Primitivus hatte die Basis dafür geschaffen, weltweit ihr gesamtes Wissen in Lichtgeschwindigkeit auszutauschen. Aber sie haben diese Infrastruktur im Wesentlichen dazu genutzt, offenbar witzig gemeinte Fotos von Jungtieren der Gattung Felidae („Katze“) zu posten und/oder sich gegenseitig zu beschimpfen.“

Dann werden die Besucher ein paar Steinbrocken von Pyramiden und Hochhäusern einsammeln, sich aus der Ruine eines Google-Rechenzentrums ein paar respräsentative LOLcat-Fotos und die 17. Staffel von „House of Cards“ herunterladen und wieder abdüsen. Und die Horden herumstreunender, verwilderter Hauskatzen mit der Frage zurücklassen, woher denn die Vorliebe des Homo Primitivus für das Foto Felidarum Humoristicus rührte.

Theorien, was der Mensch witzig findet, gibt es so viele wie Theoretiker, die sich mit dieser Frage befassen: von Platon und Aristoteles über Sigmund Freud („Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“) bis zu den zahllosen aktuellen Humortheorien. Unter den paar Bruchstücken dieser Theorien, die zu lesen ich nicht vermeiden konnte, scheint eine gewisse Einigkeit zu herrschen, dass es das menschliche Gehirn amüsiert, unvermittelt zwei getrennte gedankliche Ebenen zusammenzuführen.

Also zum Beispiel:
1. „Das ist das Foto eines Kätzchens.“
2. „Kätzchen liegen normalerweise nicht in Geschenkpapier verpackt unter einer Marihuanapflanze.“
3. Folge: spontane Erkenntnis, gekitzeltes Zwerchfell

Es handelt sich also offenbar um die gleiche Art unvermittelter Erkenntnis, die auch geniale Erfindungen oder zumindest funktionierenden Softwarecode produziert. Geistesblitz in klein: Pointe; Geistesblitz in groß: Nobelpreis. Wie weit hätte es die Menschheit doch bringen können, hätte Alfred E. Lolcat nicht die nach ihm benannten Bilder erfunden!

Infografiken: der Nebel des Grauens 2.0

Jenen elitären Kulturkritikern, die das Internet einer Verdummung der Bevölkerung bezichtigen, muss man eisern die Stirn bieten. Denn nicht das Internet macht blöd: Infografiken machen blöd.

Infografiken haben sich im wilden weiten Web zur Seuche entwickelt: Kaum mehr eine Meldung ohne Dekoration durch bunte Bildchen der Marke „Do-it-yourself-Baukastengrafik“ – gerne im allseits beliebten Tower-Format (schmal, aber ewig lang). Denn für den modernen Menschen gibt es nichts Schöneres als das Scrollen, zumindest seit man dies durch diese wahnsinnig lässige Wischgeste auf dem wahnsinnig smarten Smartphone oder dem wahnsinnig praktischen Streichelbrettchen erledigen kann.

Akuter Infografikbefall äußert sich in einer mehr oder weniger (meist weniger) stimmigen Anhäufung von Illustratiönchen mit einer Ästhetik irgendwo zwischen „Vorschüler lernt zählen“ und „Marketing-Experte probiert neue Icon-Sammlung aus“. Prozentzahlen zeigen sich dann gerne vor dem Hintergrund einer Tortengrafik oder – noch viel innovativer – innerhalb eines je nach Prozentwert unvollständigen Kreises. Personen erscheinen häufig als mehr oder weniger (meist weniger) starke Variationen eines „Mensch ärgere dich nicht“-Männchens – außer es geht um IT-Kriminalität, dann hat der Böse eine schwarze Zorro-Augenmaske auf und guckt finster, wie Hacker halt so gucken den lieben langen Tag.

 

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Besonders beliebt sind die Auswüchse grenzdebil-globalisierter Grafikpinselei bei der Präsentation von „Studien“. Solche „Studien“ (bitte immer in Anführungszeichen) sind Umfragen, die ein Hersteller von einem Marktforschungsunternehmen unter ein paar Hundert Personen durchführen lässt. Sie belegen dann, dass das Produkt des Herstellers wahnsinnig im Trend liegt, aber bislang leider nur mehr oder weniger (meist weniger) stark verbreitet ist. Jenen Personen, die das Produkt noch nicht gekauft haben, drohen deshalb hohe Kosten (viele Dollarzeichen), hohe Risiken (besonders finster schauendes Hackermännchen) oder entgangene Gewinne (börsenkursiv abwärts zackender Pfeil).

In die gewünschte Richtung verbiegen Marktforscher ihre Zahlenwerte gerne durch Fragestellungen wie „Erwarten Sie…“, „Befürchten Sie…“ oder ähnlich schwammige Formulierungen – was die plakativen Bildchen mit ihrer klaren Linienführung dann fröhlich vertuschen und als knallharte Fakten dastehen lassen. Infografiken im Web degenerieren so zu verkappter und dennoch aufdringlicher Werbung. Allzu oft dienen sie nicht der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Vernebelung von Zusammenhängen. You can’t spell „Infografik“ without „fog“, wie der Brite sagt.

Von derlei Vernebelungsgraffiti sollte man deshalb die Finger lassen. Es gelten folgende Ausnahmen:

1. Tortengrafiken sind OK, wenn es tatsächlich um Torten geht, wie in jenem klassischen Beispiel: „Anteil bereits verzehrter Torte“ vs. „Anteil noch nicht verzehrter Torte“.

2. Für Kuchen, Blätterteigteilchen und Schmalzkringel (neudeutsch „Donuts“) sind prinzipiell Balkengrafiken zu verwenden (veranschaulicht den Butter- bzw. Fettanteil besser).

3. „Mensch ärgere dich nicht“-Männchen sind zur Illustration von Prozentwerten verboten und nur noch für die tatsächlichen Zahlenwerte erlaubt. Wenn also 872 Menschen zu irgendetwas irgendeiner Meinung sind, dann wollen wir bitte auch 872 Brettspielmännchen sehen. Wenn schon Scrollen, dann aber Scrollen mit Schwung!

P.S.: Es gibt aber auch nützliche Infografiken, z.B. auf graphitti-blog.de.

P.P.S. (11.06.14): Habe gerade gemerkt, dass schon mal jemand den Scherz mit der japanischen Flagge gemacht hat: https://twitter.com/MrLloydSpandex/status/297029968020520960

Das Märchen vom Twitter-Erfolg der New Yorker Polizei

So, Kinners, dann lasst doch mal kurz die Finger von WhatsApp, der nette Onkel will euch eine Geschichte erzählen. Mit Happy End! Also, mit einer Art Happy End.

Es war einmal vor langer, langer Zeit – nämlich im April – in einem fernen, fernen Land, das heißt USA. Da gibt es eine Stadt, die der Rest des fernen Landes gar nicht so richtig zum fernen Land zählt, die heißt New York. Da gibt es viele reiche Leute, die sich teure Apple-Notebooks leisten können, und darum heißt die Stadt auch Big Apple.

Im Big Apple gibt es nicht nur viele Reiche, sondern auch viele Kriminelle. Und viele reiche Kriminelle, die heißen „Investment-Banker“. Und um die Menschen vor den Kriminellen mit Ausnahme der reichen Kriminellen zu schützen, gibt es da so schwarz gekleidete Aufpasser, die heißen New York Police Department. Und weil alles eine Abkürzung haben muss, heißen die auch NYPD.

Und weil die sich für eine besonders feine Polizeitruppe halten, nennen sie sich selber „New York’s Finest“. So richtig fein finden manche New Yorker das NYPD aber gar nicht. Weil die nämlich schon mal mit ihren Schlagstöcken draufhauen, wenn New Yorker gegen die reichen Kriminellen demonstrieren. Und außerdem gibt es in New York so ein Gesetz, das erlaubt es der Polizei, immer und überall Menschen anzuhalten und zu durchsuchen, wie ihr Kinners das vielleicht von den Kontrollen am Flughafen her kennt. Das heißt dann „Stop and Frisk“.

Am liebsten durchsuchen die Polizisten junge schwarze Männer, was die aber auf Dauer nicht so märchenhaft finden. Weil die fragen sich dann, warum „New York’s Finest“ immer nur sie anhalten und durchsuchen, aber nie „Wall Street’s Finest“, und finden die Polizei überhaupt unfein.

Darum waren die Polizisten ganz traurig und rauften sich die Haare und wollten dem Volk verkünden, wie fein sie wirklich sind. Da hatte ein großer Social-Media-Zauberer die Idee, das NYPD könnte auf Twitter einen Hashtag #myNYPD starten und sich von den Menschen wünschen, dass sie Fotos von sich und den feinen New Yorker Polizisten tweeten. Die Idee fand das NYPD ganz toll, und also taten sie wie vom Social-Media-Zauberer geheißen.

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Mit Twitter kann man sehr gut die eigene Beliebtheit ermitteln. Da kann auch gar nichts schiefgehen.

Daraufhin haben viele, viele Menschen Fotos von sich mit feinen Polizisten getweetet. Aber andere mit so komischen Namen wie @OccupyWallStNYC haben dann Fotos getweetet, die zeigten, wie New Yorker Polizisten andere New Yorker mit Tritten und Schlagstöcken verfeinern. Und wie sie gegen schwarze Jugendliche vorgehen, die nicht dauernd gestoppt und gefriskt werden wollen. Das waren dann keine so wahnsinnig feinen Fotos vom NYPD.

Und drum gab es dann ein großes Hallo im Internet, und alle lachten und spotteten, dass die Twitter-Kampagne des NYPD in die Hose gegangen sei. Das ärgerte die Polizisten, und so schickten sie ihren besten und weisesten Märchenonkel vor, und der verkündete dann dem Volk: „Das NYPD schafft neue Wege, um effektiv mit der Community zu kommunizieren. Twitter bietet ein offenes Forum für unzensierten Austausch, und dies ist ein offener Dialog, der gut ist für unsere Stadt.“

Da nickten alle und sagten: „Ja, das NYPD, das sind wirklich New York’s Finest.“ Und da freute sich das NYPD und feierte ein großes Fest und die Polizisten lachten und tanzten auf den Straßen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stoppen, frisken und tweeten sie noch heute.

Cyberabwehr killt knuffige Kätzchen

Kürzlich verkündete die Telekom per Presseverlautbarung Investitionen in ein neues „intelligentes Cyberabwehr-Zentrum“. Löblich – und doch bleibt ein Unbehagen.

In Zeiten gezielter und professionell durchgeführter Angriffe auf IT-Infrastrukturen, immer neuer Hacker-Toolkits, eskalierender DDoS-Angriffswellen und alltäglicher Totalüberwachung durch Geheimdienste ist eine Investition, wie sie die Deutscheste Telekom Aller Großkonzerne (kurz: DTAG) in Aussicht gestellt hat, sicher ein richtiger und wichtiger Schritt. Ich will hier auch gar nicht darüber debattieren, was denn eigentlich ein „intelligentes“ Abwehrzentrum ist und ob die Ziegelsteine sich einem IQ-Test unterziehen müssen („Den hier können wir nicht nehmen, der ist dumm wie’n Sack Zement.“). Aber jedes Mal, wenn ich das Präfix „Cyber“ höre, zieht es mir den Magen zusammen.

Das Versatzstück „Cyber“ entstammt dem Begriff „Cybernetics“, zu Deutsch „Kybernetik“, also der Wissenschaft von den Regel- und Steuermechanismen. Es hat aber mit Steuermännern und Regeltechnik herzlich wenig zu tun: Eingang in den Sprachgebrauch fand es vielmehr über den Umweg des Worts „Cyberspace“, das einst in der Science-Fiction- und Fachliteratur künstliche digitale Welten beschrieb.

Die Deutscheste Aller Denkbaren Telekoms bedient sich in ihrer oben genannten Pressemitteilung ausgiebig, ja mit geradezu lästiger Monotonie, dieser „Cyber“-Rhetorik: Da gibt es ein „Cyberabwehr-Zentrum“ zur „Cyberabwehr“ von „Cyberangriffen“ mittels „Advanced Cyber Defense“-Diensten; ein CERT – kein „Computer Emergency Response Team“, wie sonst üblich, sondern, man ahnt es, ein „Cyber Emergency Response Team“ – warnt vor „Cybervorfällen“, die Mannschaft des „Cyberabwehr-Zentrums“ analysiert „Cyberrisiken“, entwickelt für Kunden „Cyberstrategien“ und bietet „Cybersecurity-Dienste“. Dazu gibt es natürlich ein „proaktives“ (*Seufz!*) „Cyber-Sicherheitsmanagement“ gegen „Cyberattacken“ und „Cyberbedrohungen“. Der Linguist spricht hier von „Cyber-Geseier“, der Mediziner von „Digitaldiarrhö“.

Der Preis für die häufigste überflüssige Verwendung einer Phrase aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler war, geht an: die Deutsche Cyberkom. Wir gratulieren.

Der Preis für die häufigste überflüssige Verwendung einer Phrase aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler war, geht an: die Deutsche Cyberkom. Wir gratulieren.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war viel derartige Cyber-Rhetorik zu hören, wenn vom Internet oder dem World Wide Web die Rede war. Denn beides galt damals breiten Teilen der Bevölkerung noch als eine Art Science Fiction, und so dramatisierten Presse, Funk und Fernsehen das neue Datentransportmedium und dessen buntes Front-End gerne als – *Trommelwirbel* Huh! Hah! Ooh! *weit aufgerissene Augen* – „CYBERSPACE“.

Heute aber verströmt „Cyber“ längst den gut abgehangenen Geruch von Oma Liesls Wohnzimmer – und zwar drei Monate, nachdem die alte Dame ins Pflegeheim abgeschoben wurde: Es müffelt nach der TV-Serie „Max Headroom“ und dem Film „Tron“, im Bücherregal staubt Neal Stephensons Roman „Snow Crash“ vor sich hin, und der am wenigsten abgestandene Lufthauch empfängt den Besucher, wenn er die Tür zur „Matrix“-Gedenk-Besenkammer öffnet.

Eine geradezu Zombie-hafte Wiederbelebung erfahren die beiden Silben praktisch nur noch als Versatzstück in der Marketing-Sprache von IT-Sicherheitsanbietern, die heute zum Beispiel gerne vor dem „Cyberkrieg“ warnen, während IT-gestützte Kriegsführung längst Praxis ist. Im alltäglichen Sprachgebrauch hingegen ist das Präfix „Cyber“ ausgestorben.

Deshalb, liebe IT-Security-Marketiers: Lasst es in Frieden ruhen! Entcybert die deutsche Sprache! Denn merke: Jedes Mal, wenn in einer Pressemitteilung oder einem Werbetext die Worthülse „Cyber“ auftaucht, stirbt im Web ein süßes kleines LOL-Katzenbaby an malignem Haarausfall.

Und daran wollen Sie doch nicht schuld sein, oder?

Opas Messe-Monolog: „Damals gab’s was, das nannte sich CeBIT…“

„Also, Kinners, jetzt hört dem Opa mal zu, der will euch nämlich was erzählen. Von früher. … Ja, ich weiß: ‚Immer von früher!’ Aber von wann auch sonst? Von der Zukunft etwa? Hehe! Also hört mal kurz auf zu daddeln, ja? … Danke. …

Opa erzählt immer von der CeBIT. Bild: Wolfgang Traub

Opa erzählt immer von der CeBIT. Bild: Wolfgang Traub

Also, ihr wisst doch, da, wo jetzt dieser große, große Offshore-Windpark steht, ja? Da war früher eine Stadt, die hieß Hannover. Und da gab’s jeden Winter eine große, große Computermesse, die nannte sich CeBIT. … Nein, Zucky, CeBIT, nicht Zeh-Bit… ja, sehr witzig, hähä! Nein, kein ‚smartes Hühnerauge’. Das war eine Messe. … Wie? Ja, also, Messe, hm, wie erklär’ ich das jetzt? Also, früher, vor’m Krieg, also vor’m Ersten Krimkrieg, da gab’s ja noch keine HoloScrums, sondern da haben sich die Leute noch so richtig persönlich getroffen, wenn sie sich über Neuheiten… doch, doch, Facebook und Twitter gab’s schon, und etwas namens SMS auch schon, beziehungsweise noch, aber trotzdem sind sie persönlich… Nein, mit dem Auto – ihr wisst schon, Auto, hab ich euch auch schon mal von erzählt – oder mit der Bahn oder dem Flugzeug, die waren damals aber noch nicht so iZeppelin- oder Google-Baloon-förmig, sondern eher so zigarrenförmig mit Flügeln dran… Zigarre? Das ist… also, äh… ach, egal! Auf jeden Fall trafen sich viele, viele Leute auf der CeBIT – Mensch, Zucky, jetzt hör doch mit dem blöden Kichern auf! – und da haben sie sich dann informiert über die neuesten Computersachen. … Hm?… Doch, klar, Sergej, Internet gab’s natürlich schon…. Was? … Wie in’s Internet gegangen? Na, mit Smartphones halt, oder mit Tablets, so kleinen Brettchen, die man streicheln konnte, und dann… Nein, nicht implantiert, die trug man immer mit sich rum…. Ja, unpraktisch, ich weiß, aber… also, die Menschen damals hatten ja noch nicht wie ihr Kinners heute diese iPiercings und SmartBrows oder wie dieser ganze neumodische Online-In-Memory-Datenbank-Kram in der Augenbraue auch heißt, da musste man noch… Na, auf jeden Fall: CeBIT! Also, da war immer ein Riesengedränge und immer total scheußliches Wetter und es war laut und… nein, Sergej, nicht Hurricanes, mehr so Schmuddelwetter, also praktisch der Zustand deines Kinderzimmers, nur halt als Wetterlage, hehe! Und auf der CeBIT hat man dann… ach, Zucky, du daddelst ja schon wieder! Könnt ihr euch denn nicht mal zwei Minuten…? Nein. Offenbar nicht. Ach, ich geh jetzt wieder in mein iSeniorPod und schau RetroTube. Gut’ Nacht!“

Gadgets, die es auf dem MWC gibt – oder geben sollte

Auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona präsentiert die Mobilfunk- und Mobilgeräte-Industrie auch dieses Jahr wieder das Neueste vom Neuen und das Mobilste vom Mobilen. Die Gerätchen werden immer ausgefeilter – und dennoch gibt es noch viel Optimierungspotenzial.

Der MWC ist der Szenetreff der Mobilfunkbranche und damit für einige Tage der Ort, auf den sich die Augen aller Gadget-Verliebten richten. Für Vertreter der Generation „too long, didn’t read“ hier das Wichtigste in Kürze:

1. Quadcore ist out, Octocore ist in. Dualcore ist retro, Singlecore ist Hardcore.
2. Smartwatches werden immer smarter, allerdings nicht watcher.
3. Huawei kündigt das größte Smartphone der Welt an, außerdem das kleinste Tablet der Welt; später stellt sich heraus, dass es sich um das gleiche Gerät handelt.
4. Android-Größe Samsung stellt eine Smartwatch mit seinem hauseigenen OS Tizen vor, die von Microsoft übernommene Nokia ein Smartphone mit Googles Android; man munkelt, dass Apple heimlich an einem iPhone mit Firefox OS arbeitet (schon damit SSL künftig reibungslos funktioniert).

Nokia MWC 2014 App

Man braucht ein Smartphone, um sich im Smartphone-Durcheinander auf dem MWC 2014 zurechtzufinden. Bild: Nokia

Insgesamt werden die Kleinstcomputerchen nicht nur immer leistungskräftiger, sondern auch immer vielfältiger: für jeden denkbaren Anwender das passende Gadget. Deshalb präsentieren wir hiermit für die zielgruppengerechte Zielgruppenansprache zwölf spezielle Spezialgadgets, die auf dem MWC zu bewundern sein werden (… OK, vielleicht auch erst auf dem nächsten):

1. Für Weintrinker: Google Rotweinglass – erkennt die Weinsorte und blendet am Glasrand ein Urteil ein („Shiraz-Traube, 1998er-Jahrgang, Südhanglage, vollmundig, aber etwas holzig im Abgang“)
2. Für Chemiker: Google Reagenzglass („Uh-oh! Sie haben jetzt nocht acht Sekunden, das Labor zu verlassen! Sieben, sechs, fünf…“)
3. Für Detektive: Google Vergrößerungsglass („Die Staubschicht auf dem Abschiedbrief verrrät, dass er vor höchstens drei Tagen geschrieben wurde. Der angebliche Selbstmord war aber schon vor sieben Tagen. Verdächtig, oder?“)
4. Für Leute mit Minderwertigkeitskomplex: eine nicht ganz so smarte Smartwatch („Ha, das hätt’ ich selber aber auch gewusst!“)
5. Für Abenteuerlustige: ein Android-Phone ohne Google Maps
6. Für Faule: ein Fitness-Armband, das man auch als TV-Fernbedienung nutzen kann
7. Für Hipster: eine smarte Schlumpfmütze mit der Aufschrift „Meine Oma hat auch ein Fitness-Armband“
8. Für Hundeliebhaber: ein Tablet, das kommt, wenn man es ruft
9. Für Katzenliebhaber: ein Tablet, das haart und auf den Teppich kotzt
10. Für Eskimos, die bei der NSA arbeiten: ein Smartphone mit Übersetzungs-App, die 25 verschiedene Wörter für „Snowden“ kennt
11. Für Microsoft-Mitarbeiter: Smartphones mit Windows Phone
12. Für Cyberkriminelle: Sicherheitslücken in allen genannten Gadgets. Und in allen nicht genannten. („Wenn’s diese Smart-Gadget-Welle nicht gäbe, wir müssten sie erfinden! Schampus!“)