Infografiken: der Nebel des Grauens 2.0

Jenen elitären Kulturkritikern, die das Internet einer Verdummung der Bevölkerung bezichtigen, muss man eisern die Stirn bieten. Denn nicht das Internet macht blöd: Infografiken machen blöd.

Infografiken haben sich im wilden weiten Web zur Seuche entwickelt: Kaum mehr eine Meldung ohne Dekoration durch bunte Bildchen der Marke „Do-it-yourself-Baukastengrafik“ – gerne im allseits beliebten Tower-Format (schmal, aber ewig lang). Denn für den modernen Menschen gibt es nichts Schöneres als das Scrollen, zumindest seit man dies durch diese wahnsinnig lässige Wischgeste auf dem wahnsinnig smarten Smartphone oder dem wahnsinnig praktischen Streichelbrettchen erledigen kann.

Akuter Infografikbefall äußert sich in einer mehr oder weniger (meist weniger) stimmigen Anhäufung von Illustratiönchen mit einer Ästhetik irgendwo zwischen „Vorschüler lernt zählen“ und „Marketing-Experte probiert neue Icon-Sammlung aus“. Prozentzahlen zeigen sich dann gerne vor dem Hintergrund einer Tortengrafik oder – noch viel innovativer – innerhalb eines je nach Prozentwert unvollständigen Kreises. Personen erscheinen häufig als mehr oder weniger (meist weniger) starke Variationen eines „Mensch ärgere dich nicht“-Männchens – außer es geht um IT-Kriminalität, dann hat der Böse eine schwarze Zorro-Augenmaske auf und guckt finster, wie Hacker halt so gucken den lieben langen Tag.

 

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Aussagekräftige Infografiken sind selten. Diese hier zum Beispiel beantwortet mit beeindruckender Klarheit die Frage: „Wieviel Prozent japanischer Flaggen bestehen aus japanischen Flaggen?“ Bild: Wikipedia

Besonders beliebt sind die Auswüchse grenzdebil-globalisierter Grafikpinselei bei der Präsentation von „Studien“. Solche „Studien“ (bitte immer in Anführungszeichen) sind Umfragen, die ein Hersteller von einem Marktforschungsunternehmen unter ein paar Hundert Personen durchführen lässt. Sie belegen dann, dass das Produkt des Herstellers wahnsinnig im Trend liegt, aber bislang leider nur mehr oder weniger (meist weniger) stark verbreitet ist. Jenen Personen, die das Produkt noch nicht gekauft haben, drohen deshalb hohe Kosten (viele Dollarzeichen), hohe Risiken (besonders finster schauendes Hackermännchen) oder entgangene Gewinne (börsenkursiv abwärts zackender Pfeil).

In die gewünschte Richtung verbiegen Marktforscher ihre Zahlenwerte gerne durch Fragestellungen wie „Erwarten Sie…“, „Befürchten Sie…“ oder ähnlich schwammige Formulierungen – was die plakativen Bildchen mit ihrer klaren Linienführung dann fröhlich vertuschen und als knallharte Fakten dastehen lassen. Infografiken im Web degenerieren so zu verkappter und dennoch aufdringlicher Werbung. Allzu oft dienen sie nicht der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Vernebelung von Zusammenhängen. You can’t spell „Infografik“ without „fog“, wie der Brite sagt.

Von derlei Vernebelungsgraffiti sollte man deshalb die Finger lassen. Es gelten folgende Ausnahmen:

1. Tortengrafiken sind OK, wenn es tatsächlich um Torten geht, wie in jenem klassischen Beispiel: „Anteil bereits verzehrter Torte“ vs. „Anteil noch nicht verzehrter Torte“.

2. Für Kuchen, Blätterteigteilchen und Schmalzkringel (neudeutsch „Donuts“) sind prinzipiell Balkengrafiken zu verwenden (veranschaulicht den Butter- bzw. Fettanteil besser).

3. „Mensch ärgere dich nicht“-Männchen sind zur Illustration von Prozentwerten verboten und nur noch für die tatsächlichen Zahlenwerte erlaubt. Wenn also 872 Menschen zu irgendetwas irgendeiner Meinung sind, dann wollen wir bitte auch 872 Brettspielmännchen sehen. Wenn schon Scrollen, dann aber Scrollen mit Schwung!

P.S.: Es gibt aber auch nützliche Infografiken, z.B. auf graphitti-blog.de.

P.P.S. (11.06.14): Habe gerade gemerkt, dass schon mal jemand den Scherz mit der japanischen Flagge gemacht hat: https://twitter.com/MrLloydSpandex/status/297029968020520960

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