Kindinger Mitteilungen (2): Wie die Deutsche Bahn ihre Fahrgäste bekämpft

Kinding – wo die Mitteilerei ihr Zuhause, sprich: ihr Büro hat – liegt im schönen Altmühltal, der Bahnhof des Altmühltals liegt vor den Toren Kindings, die Verantwortung für den Zugbetrieb liegt bei der Deutschen Bahn, und da liegt das Problem. Dieses Problem veranschaulicht den Unterschied zwischen erfolgreich wirtschaftenden IT-Anbietern und dem Quasi-Monopolisten der Schienenlogistik mit grausamer Deutlichkeit.

Immer mehr Softwareanbieter nutzen das so genannte „Freemium“-Modell: Ein Basisangebot für die Breite Masse der Kunden ist gratis, denn sein Sinn und Zweck ist es, zahlungskräftigen Interessierten Lust auf Premiumangebote zu machen, mit denen das Softwarehaus dann sein Geld verdient. Bei der Bahn ist hingegen nur der Ärger gratis, der einem die Lust auf das Bahnfahren immer wieder verleidet.

Ein Vergleich zwischen Bahn und Softwarehaus hinkt natürlich (wie jeder Vergleich), und nur die Piratenpartei – der politische Arm der „Generation Freemium“ – fordert tatsächlich Gratis-Bahnfahrten im Nahverkehr. Verärgerung über die Bahn aber ist ebenso verbreitet wie der Volkssport Gratis-Schnäppchenjagd. Und das zurecht.

Dabei könnte eigentlich alles so einfach sein: Mit dem München-Nürnberg-Express kommt der Kindinger IT-Journalist in eineinviertel Stunden nach München und kann dortselbst an den vielen schönen Presseterminen teilnehmen, die in der Weltstadt mit Lebkuchenherz stattfinden. Auf der erst 2006 fertiggestellten ICE-Trasse schafft dieser Regionalexpress stolze 200km/h, was nicht nur Journalisten auf dem Weg zu vielen schönen Presseterminen zu schätzen wissen, sondern auch die vielen Pendler und die Touristen, die regelmäßig ab Pfingsten in Scharen ins Altmühltal reisen.

Blick über Kinding

Das Dorf Kinding im Altmühltal, von der Mitteilerei aus gesehen. Der Bahnhof ist hinter den Bäumen in der Bildmitte versteckt, wohl damit Bahnreisende ihn möglichst nicht finden. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Deshalb ist der München-Nürnberg-Express ein voller Erfolg. Dank Bayern-Ticket kommt man zu fünft für 29 Euro – ab Juni 2012 für 38 Euro – von München nach Nürnberg und retour und benötigt nur wenige Minuten mehr als der völlig überteuerte ICE. Solch ein Fünfergrüppchen ist heutzutage schnell gebildet – entweder online über Facebook oder aber ganz retro-offline per subversiver Zusammenrottung am Ticketautomaten. So erfolgreich ist die Verbindung, dass die Auslastung im Jahr 2008 in Spitzenzeiten laut Bahn-Angaben bei „über 200 Prozent“ lag; der Fachterminus hierfür lautet „hoffnungslos überfüllt“. Und das ist der München-Nürnberg-Express in der Tat recht häufig.

Das Beispiel zeigt die hemmungslose Begeisterung für Fehlplanungen im deutschen Bahnverkehr: Längere Züge kann die Bahn nicht einsetzen, da die Bahnhöfe in Kinding und Allersberg so kurz sind, dass der Lokführer eh schon gerne mal ein paar Meter darüber hinausschießt und man aus dem ersten Wagen dann nicht aussteigen kann. Vom Zweistunden- auf den Stundentakt hochgehen will die Bayerische Eisenbahngesellschaft nicht, da die Trassengebühren der Bahn auf der Expressstrecke knapp dreimal so hoch sind wie andernorts im Regionalverkehr. Und Doppeldecker-Waggons einsetzen kann oder will die Bahn nicht, mit der Begründung, dass nur die verwendeten umlackierten Intercity-Wagen den Luftdruck eines im Tunnel mit 300 km/h entgegenkommenden ICEs verkraften. Und so bleibt es bei hoffnungsloser Überfüllung im Zweistundenrhythmus.

Viele Betroffene haben da den Eindruck: Die Bahn will die Regionalexpress-Kunden gar nicht. Sie will nur die Kunden der Fluglinien, denen man auf einigen Hauptstrecken mit dem ICE Konkurrenz machen will. An diesem Bayern-Ticket-Pöbel ist ja nix verdient!

Mein persönlicher Verdacht reicht weiter: Die Bahn ist generell am Fahrgast desinteressiert, sie hätte am liebsten überhaupt keine Kunden – sondern ausschließlich Subventionen, Zuschüsse, Fördergelder und Gebühren für die Nutzung der (gerne mal maroden) Trassen und der (gerne mal vor sich hin gammelnden) Bahnhöfe.

Anders kann man es nicht erklären, dass die Bahn ihre im Zug nicht fluchtfähigen Opfer nach wie vor mit den berühmt-berüchtigten Durchsagen à la „Senk ju for träwelling wis Deutsche Bahn“ malträtiert, statt einfach einzugestehen, dass das Gros der Zugbegleiter auf dem Weg in den angelsächsischen Sprachraum höchstens den zweiten, nämlich den sächsischen Teil erreicht. Und auch die dauernden Hinweise, dass da oder dort ein Brezelverkäufer zugestiegen ist, der Brezeln verkauft und bei dem man jetzt bitte Brezeln kaufen soll, würden sich viele Bahngepeinigte lieber ersparen, von der lustlos heruntergeleierten Verlesung, ja Androhung kulinarischer Freuden im Speisewagen ganz zu schweigen.

Zu diesem Durchsageterror addiere man die nicht minder berüchtigte „Pünktlichkeit“ der Bahn, bürgerferne Protzbauten wie Stuttgart 21 sowie im vorliegenden Fall den Umstand, dass eine gern genutzte, weil schnelle und preiswerte Expresszugverbindung offenbar gar nicht ins Konzept passt (die Verlängerung des Betriebs nach Dezember 2013 steht noch in den Sternen). Dann wird klar: Die Deutsche Bahn ist und bleibt ein Staatskonzern, und als solcher kennt sie keine Kunden, sondern nur Untertanen. Und die sollen doch bitte lieber mit dem Auto im Stau stehen oder zu Hause bleiben oder da, wo der Pfeffer wächst. Eine ehrliche Durchsage müsste lauten: „Senk ju for not träwelling wis Deutsche Bahn.“

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