Online-Shopping: Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

In einem Land, das von den meisten Ecken dieser Erde aus gesehen ein fernes Land ist, da lebten die drei Paketzusteller D, H und L. Von ihren verstorbenen Eltern, dem Herrn Post und der Frau Amt, hatten die drei die Lebenseinstellung „Wenn nicht heute, dann eben morgen“ geerbt, weshalb man sie auch „die drei Waisen aus dem Morgenland“ nannte.

Und es begab sich am Anfang des Monats Dezember, da erschien den drei Waisen aus dem Morgenland ein Stern namens Amazon, und der Stern befahl ihnen: „Gehet hin und bringet der Mitteilerei in München ein neues Display und ein neues Bluetooth-Headset. Denn dort lebt ein armer Mann, dessen Finger schon ganz wund sind vom vielen Scrollen am 13-Zoll-Macbook, und dessen Ohren schon halb taub sind vom Krachen und Scheppern seines steinalten Knopfes im Ohr. Und beeilet euch, denn die Bestellung erfolgte am Freitag per Morning Express, und der arme Mann hat 13 Euronen dafür gezahlt, seine Gaben gleich am Samstag bis spätestens mittags zu erhalten.“

Und so beluden D, H und L ihre Kamele und trotteten los. Allein, womit sie nicht gerechnet hatten: Ihre Kamele brachen fast zusammen unter der Last unzählig vieler Pakete. Denn nicht nur hatte der Mann in der Mitteilerei seine Sicht- und Hörhilfen bestellt – nein, es ging auch schon wieder auf Weihnachten zu, und gar viele Menschen orderten gar viele Gaben, und dies traf D, H und L gänzlich unvorbereitet.

„Das sind aber viele Pakete,“ stöhnte D. „Man könnte fast meinen, es sei schon wieder Weihnachten!“ – „Ja“, nickte H und fragte ernst: „Ist denn schon wieder Weihnachten?“ – „Ich glaub’ fast, dem ist so“, pflichtete L bei und merkte an: „Dieses Weihnachten, das kommt aber auch immer völlig überraschend!“ Und sie nickten alle drei einmütig, und dann trotteten sie weiter.

Und sie trotteten lange vor sich hin, doch siehe: Am Samstag kamen sie nicht bis München, sondern nur bis Krefeld. Und am Sonntag ruhten sie, denn am Sonntag sollst du ruh’n. Und am Montag spannten sie die Kamele wieder an, die schon ganz mürbe waren unter ihrer Last, und trotteten weiter. Doch siehe: Auch am Montag kamen sie nicht bis München, sondern nur bis Aschheim. „Wahrlich, das ist nicht schlimm. Wenn nicht heute, dann eben morgen“, rief H dann aus. Und D, H und L nickten einmütig.

Und auch der Dienstag Vormittag verstrich, und es wurde 12 Uhr, und dann wurde es fast 13 Uhr, da erreichte die Karawane endlich ihr Ziel, und für den Herrn von der Mitteilerei, der das Warten längst aufgegeben hatte, nahm zum Glück ein freundlicher Nachbar die Waren entgegen. „Na also, geht doch!“, rief L dann aus, und D, H und L lachten und waren zufrieden mit sich und trotteten wieder von dannen.

Und nächstes Mal erzählt euch der nette Onkel, warum das Jesukindlein am 24. Dezember Geburtstag hat, aber seine Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe, bestellt am 23. per Overnight Express – erst am 6. Januar ankamen.

Advertisements

Eine Antwort zu “Online-Shopping: Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

  1. Meine Erfahrungen waren diese Jahr erfreulicherweise anders, aber der Text ist sehr schön!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s