Das iPhone der Elektromobilität – Autohersteller, damit müsst ihr leben!

Verkehr, Transport und Logistik – sowohl in ihrer Ausprägung als globale Lieferketten als auch in der Form ungezügelten Individualverkehrs – gehören zu den großen Energie- und Ressourcenfressern unserer Zeit. Ein Freund berichtete mir kürzlich erstaunt, er habe per Logistik-Tracking den Lieferweg seines damals neu bestellten Apple iPad 2 echtzeitnah mitverfolgt – und habe dadurch bemerkt, dass das Gadget tatsächlich auf dem Luftweg aus Asien angereist kam. Es lebe der Import/Export-Wahnsinn! Klimaerwärmung? Welche Klimaerwärmung?

In puncto Individualverkehr hingegen gibt sich die Industrie gerne umweltbewusst und ökologisch korrekt, man will ja im Trend liegen. Den großen globalen Umweltpreis am goldenen Band mit Schleifchen verleiht sich die Branche dieser Tage gerne selbst, hat man doch das Thema Elektromobilität für sich entdeckt: Kaum ein Automobilkonzern, der nicht irgendeine Elektroautostrategie hat und sich deshalb als Grünster aller Grünen geriert.

Hier erleben wir „Greenwashing“ in höchster Vollendung: den Import/Export-Wahnsinn im grünem Gewand. Die Werbung suggeriert, die E-Autos seien „grün“, nur weil sie keine Abgase ausstoßen – dass der Strom für die Elektro- oder Hybridmotoren derzeit überwiegend aus Atom- und Kohlekraftwerken kommt, kehrt man gerne unter den Teppich, genauer: unter die Fußmatten. Auch die Bonzenkarosse mit ach so ökologisch korrektem Elektro(hilfs)motor muss erst einmal aufwändig und unter Einsatz von reichlich Rohstoffen und so genannter „grauer“ (für die Herstellung notwendiger) Energie produziert werden. Auch die Energieverschwendung global verteilter Produktionsstätten wird offenbar kaum hinterfragt. Und auch keinen einzigen Stau gibt es weniger, wenn man sich hinter dem Lenkrad eines Tesla oder Prius in den großstädtischen Stoßverkehr stürzt.

Will der Großstädter (und das werden von Tag zu Tag mehr Menschen) nicht zu Fuß gehen oder gar – o Graus! – den öffentlichen Nahverkehr nutzen, dann blieb ihm bislang nur das Elektrofahrrad. Dieses nennt sich zwar heute in modischem Denglisch „E-Bike“, kämpft aber nach wie vor mit dem Image des Rentner-Drahtesels für alle, die aus eigener Kraft keine Steigung mehr schaffen.

Doch auf Franz Alts nützlichem Blog www.sonnenseite.com bin ich kürzlich auf sehr interessante Informationen zu einer neuen Variation über das Thema „E-Bike“ gestoßen: Das „YikeBike“ – das Produkt eines neuseeländischen Herstellers – sieht auf den ersten Blick ungewöhnlich und etwas albern aus – wie ein zu klein geratenes Hochrad aus den Anfangstagen der Fahrradfahrerei. Doch die beiden bei Franz Alt verlinkten Videos – ein nettes Werbefilmchen sowie ein Praxis- und Vielseitigkeitstest – zeigen schnell: Dieses Fahrzeug ist wirklich durchdacht, sehr praktisch, transportabel und letztlich genau das, was der moderne Großstädter braucht, um trotz flächendeckender Staus und allerlei Alltagshindernissen im Parkour der Asphaltschluchten flott von A nach B zu gelangen.

Wie sehr sich die Neuseeländer schlauerweise auf die Zielgruppe Gadget-affiner Yuppies konzentrieren, zeigt übrigens der Umstand, dass im Praxistestvideo die Tiefe von Schlaglöchern und die Höhe von Randsteinen durch den direkten Vergleich mit einem iPhone gemessen wird. Auch dies: unkonventionell, aber durchaus zielgruppengerecht.

Das YikeBike könnte es schaffen, den stromgetriebenen Drahtesel seines Rentner-Images zu berauben und für den pendelnden wie auch generell mobilitätsfreudigen Großstadt-Besserverdiener (ob mit oder ohne iPhone) eben das darzustellen, was der Tesla für das Elektroauto war: das Fahrzeug, mit dem der Umstieg auf den Stromantrieb über Nacht schick wurde. Im Vergleich zu einem YikeBike sieht die typische benzingetriebene Familienkutsche im großstädtischen Stoßverkehr plötzlich sehr nach „20. Jahrhundert“ aus.

Den Nokias dieser Welt stellte Apple eines Tages plötzlich das iPhone entgegen – und wirbelte den ganzen Markt durcheinander. Dieser iPhone-Effekt steht der Automobilbranche, die den Wandel zu ökologischer Mobilität nach wie vor nicht begriffen hat, noch bevor. Beim YikeBike habe ich erstmals den Eindruck: Dies könnte das „iPhone der Großstadt-Mobilität“ sein.

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