Drama in Supermarkt: Computer killt Einkaufszettel

Auf Neuguinea haben Umweltschützer kürzlich 1.000 neue Tierarten entdeckt, darunter ein Baumkänguru, einen 2,5 Meter langen Flusshai und einen Frosch mit Vampirzähnen (im Ernst, hat der Guardian berichtet). Diese putzigen kleinen Nager können natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass laut Schätzungen des WWF jährlich mindestens 10.000 Tierarten ein für alle mal verschwinden, sprich: aussterben. (Wie viele es genau sind, weiß man nicht; es ist nicht einmal bekannt, wie viele Tierarten es weltweit überhaupt gibt. Schließlich tauchen immer mal wieder neue auf, siehe Neuguineanischer Vampirfrosch.)

Zu einem ähnlichen Artensterben führt die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags, und zwar unter dem Textarten. Einer vom Aussterben bedrohten Textart widmete sich kürzlich ein Vortrag des Komikers, Moderators und Populärwissenschaftlers Wigald Boning in der Frankfurter Event-Location „Salon Noir“: der Gattung „Einkaufszettel“. Diese beliebte Literaturgattung werde, so malte Boning ein düsteres Szenario an die eh schon schwarzen Wände des schwarzen Salons, wohl bald das Schicksal des Sonetts und des Briefromans teilen und aus unserem Alltag verschwinden.

Deshalb präsentierte er dem überschaubaren, aber aufmerksamen Publikum seine umfangreiche Sammlung von Einkaufszetteln, die er laut eigener Aussage in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit aus Funden in Einkaufswagen, auf Parkplätzen und – ja, auch das – aus Mülleimern zusammengetragen hatte. Ein ergreifendes Schauspiel: die vielleicht letzten Exemplare ihrer Art, liebevoll zusammengesteckt zu einem bunten Zettelmosaik, an die Wand gepinnt wie längst vergessene Schmetterlinge, mit durchaus ähnlichem Formen- und Farbenreichtum, nur eben beschriftet mit Erinnerungshilfen für den anstehenden Einkauf, was bei Schmetterlingen eher selten vorkommt (aber man weiß ja nicht, was sie in Neuguinea nicht noch alles finden).

Schuld an der Misere des Einkaufszettels sind laut Fachmann Boning vor allem Computer und Smartphones: Heute tippe man eben Einzukaufendes als Notiz in den Hosentaschen-Computer, wenn man das Ganze nicht gleich per Internet bestelle. Prompt landet der gute alte Einkaufszettel nicht nur im Mülleimer, sondern auch gleich im Papierkorb der Geschichte.

So müssen wir nun innehalten und uns fragen: Welche Textgattung wird als nächstes das traurige Schicksal des Einkaufszettels teilen? Die E-Mail? Der Blog-Eintrag? Der Tweet? Gar der (ein Raunen geht durch die Menge) heute unverzichtbar geglaubte Facebook-Post? Wird eines Tages ein Erbe Boning’schen Forscher-, Jäger- und Sammlergeistes Beispiele uns heute vertrauter, ja beliebter Textgattungen an die Wand pinnen (oder beamen oder holografieren oder was man in zehn Jahren halt so macht)?

Die Antwort lautet: ja. Auch E-Mails, Blogs, Tweets und (erneutes Raunen) Facebook-Posts werden eines Tages das Schicksal von Säbelzahntiger, Dodo und Myspace teilen und im Kleingedruckten der Geschichtsschreibung landen. Die gute Nachricht aber ist: Es wird Neues nachkommen, und wir werden Facebook und Co. ebenso wenig vermissen wie heute die Einkaufszettel.

Da fällt mir ein: Putzschwämme wollt’ ich ja noch kaufen. Muss ich gleich mal ins Smartphone tippen und nen Alarm setzen. Wieso gibt’s dafür eigentlich keinen Cloud-Service…?

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Eine Antwort zu “Drama in Supermarkt: Computer killt Einkaufszettel

  1. Cloud Service: Super Idee.

    Ich schreibe, wo auch immer, meinen Einkaufszettel und melde mich per RFID-Tag in meiner Geldbörse (wie wird Portmone jetzt geschrieben?) automatisch bei meinem Einkaufswagen an. Auf dem Display des E-Wagens wird dann mein Einkaufszettel dargestellt.

    Vertausche ich zwischendurch mal meinen E-Wagen (gerne denglisch auch E-Car genannt), dann wird mir auf dem neuen E-Car mein E-Chit dargestellt und ich kann ohne Probleme weiter einkaufen.

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