Die Rolle des Journalisten in World of Warcraft

Kürzlich war ich vom Verband der deutschen Pressesprecher zu Microsoft und dort zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Zukunft des ITK-Journalismus“ eingeladen, um das Gamification-Konzept des neuen Social Networks auf  LANline.de vorzustellen. Hier wurde gar trefflich über integrierte Medienhäuser und Qualitätsjournalismus debattiert, und doch beschlich mich das leise Gefühl, über die Zukunft unserer Zunft nichts wirklich Zünftiges erfahren zu haben.

Betrachte ich zum Beispiel die Informationsbeschaffung eines Dreizehnjährigen (ich bin zwar keine 13 mehr, aber als Qualitätsjournalist hat man so seine Quellen…), dann fällt auf: Über das iPad 2 und konkurrierende Android-Tablets (sorry, Microsoft!) informiert man sich heute via Websites, Blogs, Produktrezensionen von Käufern auf Amazon und Social Networks. In Letzeren stellt man dann auch gerne selber gezielt Rückfragen. Hier lernt man als Teenager schnell, dass mancher Qualitätsjournalist nicht so neutral ist, wie man glauben möchte (manch einer scheint aus Cupertino ferngesteuert), dass auf Blogs oft hohe Fachkompetenz herrscht, gepaart mit teils hastigem Satzbau und schludriger Orthografie, und dass es verdächtig ist, wenn ein Produkt auf Amazon nur acht Bewertungen hat, diese aber einheitlich uneingeschränkt positiv sind. Doch damit lernt der Teenager umzugehen – während der Stuhl des Journalisten bereits mächtig wackelt.

Wie aber wird sich der heute Dreizehnjährige in fünf Jahren informieren, sagen wir: über das iPad 12, Android 8.1 (Codename „Chocolate-Frosted Sugar Bombs“) oder meinetwegen auch über Nokias Windows Phone 9? Werfen wir also einen Blick in die Qualitätsglaskugel.

Der dann Achtzehnjährige loggt sich bei „Amazon World of Warcraft“ ein und nimmt an einem Feldzug teil, in dem es darum geht, die Specs und Benutzbarkeit des neuen iPad 12 möglichst präzise herauszufinden. Er schleudert das Gadget (das übrigens – eine weitere Revolution! – nun DIN-A-2-Format hat) mit einem Katapult Hunderte Meter weit in den Wüstensand, um die Stabilität des Titan-Gehäuses zu testen, er hält es einem brennenden Phönix vor die Nase (Hält die Brandschutzbeschichtung, was sie verspricht?) und ersteigert auf E-Bay („an Amazon World of Warcraft Company“) ein Zauberschwert. Mit diesem versucht er – letztlich erfolgreich – die Bluetooth-Verbindung zu seinem Mobilfunk-Ohrring zu kappen. Drei Tage später gehört sein Team zu den 100, die den Tauglichkeitsgrad und die Specs am detailliertesten ermittelt haben, und er gewinnt ein virtuelles iPad 12. Dieses versteigert er auf E-Bay und erhält dafür soviel Geld, dass der Gewinn für ein reales X-Board reicht (das ist ein Tablet, das man auch als Snowboard verwenden kann).

Und wo ist der Journalist in diesem Szenario? Er sitzt auf Facebook (seit dem Platzen der Social-Media-Blase ebenfalls „an Amazon World of Warcraft Company“) in einem virtuellen Elfenbeinturm und debattiert immer noch über die Zukunft des Qualitätsjournalismus.

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