Dedepublikation – wider das Depublizieren!

Das Internet vergisst nichts, sagt man. Wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht, ist das häufig ein Problem. Aber es gibt Tage, an denen mich dieses hartnäckige Erinnern durchaus freut.

Aktueller Auslöser meiner Freude ist die herrlich schlichte Guerilla-Website depub.org. Diese Site recycelt öffentlich-rechtliche Online-Beiträge (bislang ausschließlich solche der Tagesschau), die die Sender aufgrund rundfunkrechtlicher Vorschriften offline nehmen mussten – ein Vorgang, den man mit dem Terminus “depublizieren” belegt hat – also “wegveröffentlichen” oder “entöffentlichen”. Für mich definitiv ein Anwärter auf das Unwort des Jahres.

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Der Hintergrund: Online-Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender müssen nach bestimmten Fristen – je nach Einteilung durch einen “Drei-Stufen-Test” – dem interessierten Publikum wieder entzogen werden. Die Öffentlichkeit bezahlt damit per GEZ-Gebühren zuerst für deren Erstellung, dann für die Online-Bereitstellung und schließlich für die völlig unsinnige digitale Entsorgung.

Unsinnig freilich nur aus Sicht der Informationssucher – nicht hingegen aus Sicht der privatwirtschaftlichen Konkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen: “Diese zweifelhafte Regelung, den sogenannten Drei-Stufen-Test, haben sich die Ministerpräsidenten ausgedacht”, erinnert uns das immer wieder sehenswerte NDR-Medienmagazin Zapp. “Im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag beschlossen sie das Ende der Online-Archive von ARD und ZDF. Und so bekamen auch die Verleger, was sie wollten: Weniger Konkurrenz im Netz.”

Was der Surfer nicht mehr in den Archiven von ARD und ZDF recherchieren kann, soll er sich eben aus anderen Quellen besorgen. Als Journalist, der für einen Verlag tätig ist, müsste ich diesen Zwang zum Depublizieren also eigentlich aus Eigeninteresse begrüßen.

Dem ist aber nicht so – im Gegenteil. Denn das “Depublizieren” ist schlicht die staatlich verordnete Verarmung unseres kulturellen Gedächtnisses. Es ist nicht nur wirtschaftlich zweifelhaft, sondern einfach eine schändliche mediale Brandrodung.

Deshalb ist das Vorgehen der publizistischen Revoluzzer von depub.org, obschon illegal, eine Bereicherung – genauer: eine Wiederanreicherung – unserer Online-Medienlandschaft. Es lebe die Re-De-Evolution!

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