Social Media Hype: Geht’s bitte auch weniger dramatisch?

Wer heute etwas auf sich hält, hat mindestens so viele Mobiltelefone wie Ohren dabei und weitere zwei bis siebzehn Altgeräte in der “Vielleicht kann man’s ja nochmal brauchen”-Schublade. Wir haben uns – obschon häufig widerwillig – daran gewöhnt, dass allüberall mobiltelefoniert wird, gerne auch sehr laut – das Gegenüber ist schließlich weit weg, da muss man schreien. Fast überall: Natürlich nicht an Bord von Flugzeugen, die bekanntlich jeder mitreisende Terrorist einfach mittels Anruf bei Osama zum Absturz bringen könnte. (Wieso darf man die Dinger eigentlich mit an Bord nehmen? Nur mal so ‘ne Frage. Bin aber ganz froh, dass man in der Enge einer Flugzeugkabine weiterhin seine Ruhe hat.)

Ich kann mich noch erinnern an die Jugendjahre des Mobilfunks als Massenphänomen: In den frühen 1990er-Jahren galten Handy-Besitzer vielen Vertretern der kupferverkabelten und somit erdgebundenen Mehrheit als Angeber, die ja sooo schrecklich wichtig sind, dass sie mit dem Telefonieren nicht mal warten können, bis wieder ein ordentliches Telefon in Reichweite ist. Oder als Leute, die ihre Zeit mit unnötigem Geplapper verschwenden, statt was zu lesen oder sich mal in Ruhe (!) mit was zu beschäftigen.

Was fällt uns da auf? Das sind so ziemlich genau die Vorurteile, die man heute gerne über Benutzer von Social Media hegt: Facebook ist eine Plattform für narzisstische Selbstdarstellungs-Teenager, und Twitter ist sowieso nur was für Leute, die sich nach übermäßigem Konsum von “Deutschland sucht den Superstar” für einen selbigen halten und deshalb ihren “Followern” jedes Detail zwischen Frühstück und Frührente mitteilen wollen.

Am anderen Ende der Skala des Social-Media-Rummels liegen die notorischen Early Adopters ebenso wie die stark wachsende Menge der Unternehmen, die sich aus Goldgräberstimmung oder Herdentrieb aufmachen, auf Facebook ihre Handtücher auf den Strandliegen der digitalen Kundennähe ausbreiten, in der Hoffnung, es mögen viele, viele “Fans” einzusammeln sein. Darunter auch zahlreiche Unternehmen, bei denen man sich unwillkürlich fragt: “Ihr habt Fans? Echt?”

Der Social-Media-Alltag aber liegt zwischen totaler Twitter-Verweigerung einerseits und der von den zahllosen selbsternannten Social-Media-Gurus verordneten Facebook-Fan-Sammelwut andererseits: Letztlich sind die aktuellen Social-Media-Techniken schlicht und ergreifend nützliche Werkzeuge, um mit dem Gegenüber bequem, vergleichsweise informell und vor allem echtzeitnah kommunizieren zu können.

“Echtzeitnah” heißt: eben nicht “in Echtzeit” wie bei der Telefonie, ob mobilgefunkt oder festvernetzt. Zwar gehört in den Social Networks eine zügige Reaktion auf Fragen, Kommentare etc. durchaus zur Netiquette, aber es gibt eben keinen Anspruch auf unverzügliche Antwort. Das ist der eigentliche große Vorteil von Facebook, Twitter und Co.: Sie sind ein großer und nützlicher Schritt vom Konzept des “Real-Time Webs” in Richtung “Right-Time Web”. Die Kommunikation wird beschleunigt, in gewisser Weise aber auch entschleunigt.

Deshalb sei – während Social Media gerade im Landeanflug auf den Status eines Alltagsphänomens sind – den Hochjublern wie den Rumkrittlern gesagt: Die Fluggäste werden gebeten, die Sitzlehnen senkrecht zu stellen und aufzuhören, aus den Ohren zu rauchen. Einfach mal zurücklehnen, tief durchatmen, Emotionen rausnehmen. Dann landet sich’s gleich viel entspannter.

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