5 Datenschutz-Strategien für das Social-Media-Zeitalter

Das Social Network Facebook hat wieder mal durch offenbar gezielt laschen Umgang mit der Privatsphäre seiner Mitglieder von sich reden gemacht – und das auch noch begleitet von klassischen Datenschutzpannen. Sogar in den USA – wo viele Leute die Themen Datenschutz und Privatsphäre nicht allzu ernst nehmen – wächst deshalb die Kritik an Facebook, es gibt sogar unter den Facebook-Nutzern eine zumindest kleine Austrittswelle (La Ola Ex-Facebookiana).

Betrachten wir deshalb doch mal ganz distanziert, aus Marsmännchen-Perspektive sozusagen, welche Strategien eine Einzelperson heutzutage zum Schutz ihrer Privatsphäre verfolgen könnte:

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1. Lifecasting: Am einen Ende der Skala finden wir den Ansatz, Datenschutz sei “von gestern” oder “heute sowieso nicht mehr zu gewährleisten”. Wer es sich in dieser defaitistischen Ecke erst mal gemütlich gemacht hat, kann fröhlich dem Lifecasting (der kontinuierlichen Mitteilung über eigene Aktivitäten und Ansichten in Social Networks) frönen – mit all den Risiken und Nachteilen, derenthalben alle Datenschützer beim Thema Lifecasting die Hände kollektiv über den Köpfen zusammenschlagen (La Ola Privatsphäriana).  Kann aber, wenn konsequent und mit Hirn umgesetzt, durchaus ein Geschäftsmodell sein, etwa für Promis (inklusive B-Promis, wir nennen hier mal keine Namen) oder auch für Tech-Blogger wie Robert Scoble (der unter dem Nickname @scobleizer fleißig dauertwittert). Derzeit groß im Kommen: das Ganze mittels des Online-Spiels Foursquare auch noch mit Geolokationsdaten kombinieren und per Tweet verbreiten. Sollte man mit Bedacht nutzen, wenn man sich in der Arbeit gerade krankgemeldet hat.

2. Totalverweigerung: Das andere Extrem bildet die Position, Social Media und Social Networks aufgrund von Bendenken wegen des Datenschutzes überhaupt nicht zu nutzen. Das mag in der Tat für viele Leute ein gangbarer Weg sein, wäre für mich als selbstständigen Journalisten und digital vernetzten Information Worker allerdings von Tag zu Tag schwieriger umzusetzen. Klassisches Gegenargument: Dann dürfte man auch keine Kreditkarten benutzen. Oder sich in kameraüberwachten Flughäfen rumtreiben. Oder in Kaufhäusern. Oder oder oder. Wir leben in einer Überwachungs-, Vermarktungs- und Auswertungs-Gesellschaft, aus der ein totaler Rückzug kaum mehr möglich ist. Was viele in den Punkt 1 treibt.

3. Granulare Kontrolle: Der Versuch, die Oberhand zu behalten über all die Informationen, die über einen selbst im Netz stehen. Wieder zurück zum Eingangsbeispiel: Facebook bietet dem Benutzer eine ganze Fülle an Kontrollmöglichkeiten – so detailliert, dass es schon wieder unübersichtlich ist. Wer sich auf dieses Spiel einlässt, muss zweierlei im Hinterkopf behalten: Erstens posten auch andere Leute über mich, und das zu monitoren oder gar zu kontrollieren, ist – wie auch im Offline-Leben – nicht praktikabel. Und zweitens kann Facebook jederzeit – wie schon mehrmals vorexerziert – erneut an den Privacy -Einstellungen rumschrauben, und dann steht man blöd da und darf von vorn anfangen. Da hilft nur, ein Social Network nach klarer Trennung von privat und öffentlich auszusuchen. Beispiel Twitter: Hier gibt es Tweets, Nachrichten an einzelne Empfänger und Direct Messages (DMs). Tweets sind öffentlich, Punkt. Nachrichten an Einzelpersonen erreichen zwar nur den Empfänger, sind aber per Timeline des Senders ebenfalls öffentlich – somit also nicht privater, als mitten in einer Menschenmenge zu telefonieren. Das weiß man, und damit ist es gut. DMs schließlich sind schlicht privat. Sollte Twitter DMs eines Tages öffentlich zugänglich machen, dann können sie jedes Geschäftsmodell beerdigen, also kann man davon ausgehen, dass DMs auch privat bleiben. Die PIN fürs Bankkonto sollte man aber besser trotzdem nicht per DM schicken. Granularer sollte es jedenfalls nicht sein, das macht’s nur unnötig kompliziert.

4. Social-Media-Stream als Lebenslauf: Bei einem Online-Brainstorming (”Innovation Jam”) von IBM hat jemand – ich weiß leider nicht mehr, wer – auf das generelle Risiko in der Social-Media-Welt hingewiesen, dass Posts “gegen einen verwendet werden”; Folgerung: deshalb solle man seine Social-Media-Aktivitäten am besten als einen digitalen, global verteilten Lebenslauf betrachten. Faustregel also: Poste nur, was du auch gegenüber potenziellen Arbeitgebern vertreten kannst – alles andere bleibt offline. Folgt man diesem Ansatz, spricht beispielsweise nichts dagegen, “Gehe heute Mountain-Bike fahren” zu posten, wenn man sich selbst als sportlichen Menschen sieht, der dies auch gerne kommuniziert.  Selektives Lifecasting sozusagen, mit dem Nebeneffekt, dass man die verbleibenden, wirklich privaten Dinge schützt. Social Media als Eigenwerbung, das Individuum als Marke. An sich eine zeitgemäße, vernünftige Idee, die allerdings voraussetzt, dass man mit (sagen wir mal) 15 Jahren schon weiß, was einem mit 30 oder 40 Jahren peinlich sein wird und was nicht. Schwierig. Außerdem rein zweckorientiert und damit ein bisschen spießig. Aber das Prinzip “öffentlicher Lebenslauf” bewahrt einen immerhin vor grobem Datenklau – wenn schon nicht vor Social-Engineering-Angriffen oder vor Werbung (”Sie lieben Mountain Bikes? Dann besuchen Sie uns auf www…”).

5. Peter-Pantertum: Wer in Social Networks auch über Dinge bloggen, posten und tweeten möchte, die dem normkonformen Social-Media-Dauerlebenslauf nicht entsprechen, der sollte auf ein Alias ausweichen – oder gar auf mehrere. (Literarischer Exkurs: Der Autor Kurt Tucholsky war in den 1920-er Jahren so eifrig für die Zeitschrift “Schaubühne” tätig, dass er sich diverse Pseudonyme ausdenken musste, damit nicht unter jedem Beitrag “Kurt Tucholsky” steht. Und so entstanden die Schaubühne-Autoren Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser. Diese Aliasse sind kürzlich im NRW-Wahlkampf als Blogger-Nicknames wieder aufgetaucht, ebenfalls mit dem Ziel der Verschleierung von Identitäten. Klammer zu.) Die Maskierung per Alias ist die mächtigste Waffe des Einzelnen im Kampf gegen Dauerüberwachung und Invasion der Privatsphäre. Problem: Wie bei jeder Maskerade muss auch die Social-Media-Maske gut sitzen, sprich: Man muss seine Identitäten sauber trennen, um Rückschlüsse vom einen Alias auf ein anderes zu unterbinden. Und diese Trennung muss man dauerhaft aufrechterhalten, sonst funktioniert’s nicht. Gut kombinierbar mit Punkt 3 und 4.

Im Social-Media-Zeitalter gilt: Nur wer mit Rollen und Identitäten geschickt sein Spiel zu treiben versteht, wird nicht selbst als Marionette auf der Bühne der globalen Auswertung von “Social-Intelligence”-Daten enden.

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