Twitter zwischen Ökonomie und Ökosystem

Wie ich kürzlich schon gepostet habe, bin ich ein ausgesprochener Fan von Twitter. Denn dieser Social-Media-Service liegt so ziemlich genau auf halbem Weg zwischen einem News-Ticker und einem Social Network wie etwa Facebook. Für mich als IT-Journalisten ist das ebenso angenehm wie nützlich – besser wird’s nicht.

Im Umfeld seiner ersten Entwicklerkonferenz namens Chirp in San Francisco hat die Twitter-Führungsriege nun kürzlich eine ganze Reihe von News verkündet – darunter auch einige, die entweder die Benutzerschaft oder aber das Entwicklerumfeld, von dem das Social-Info-Netzwerk hochgradig lebt, verunsichert haben. Schauen wir uns das also näher an.

Erste große Neuigkeit: Twitter, Inc. hat sich nach langem Anlauf zu einem Geschäftsmodell durchgerungen – nachdem vor genau einem Jahr das von mir hoch geschätzte Magazin brand eins noch gespöttelt hatte, Twitters Verhältnis von investiertem Wagniskapital zum Ertrag (in Dollar) sei 35.000.000 zu 0.

Jetzt will Twitter “Promoted Tweets” einführen, also von Werbetreibenden bezahlte Einträge in Suchergebnissen. Das lukrative Prinzip hat man von Google abgeschaut, wo man das schon längst praktiziert.

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Zahlreiche Tweeter äußerten sich verärgert darüber, in ihrem Twitter-Feed Werbung vorfinden zu sollen, während  Marktkenner sich angetan zeigten, dass die beliebte Plattform nun einen Plan hat, wie künftig (jenseits von Partnerschaften mit Google und Microsoft) die Kohle reinkommen soll. Ich persönlich hätte nichts gegen solche “Sponsored Tweets” einzuwenden, solange sie klar als solche gekennzeichnet sind und nicht überhand nehmen. Beides hat Twitter auf der Chirp zugesichert.

Noch wesentlich höhere Wellen haben andere Schachzüge der Chefzwitscherer gesorgt: So  hat das Unternehmen kürzlich einen offiziellen Twitter-Client für Blackberry vorgestellt und Atebits, den Entwickler des laut Fachleuten besten iPhone-Clients Tweetie, aufgekauft. Ein Android-Client ist laut Twitter in Vorbereitung. Denn um seine Promoted Tweets an den Tweeter und die Tweeterin zu bringen, glauben die San-Franziskaner offenbar, den “Vertriebsweg” kontrollieren zu müssen. Das Problem: Mit jedem “offiziellen” Stück Twitter-Software fürchten Entwickler aus Twitters Ökosystem um ihre eigenen Geschäftsmodelle.

Twitter ist im Kern eine spartanische Microblogging-Plattform, aber eben – ein zentrales Element – mit einer API (Programmierschnittstelle), die Abertausenden von Entwicklern Zugriff auf die Twitter-Funktionalität bietet. Das heißt, der Twitter-Führung steht nun ein Balanceakt bevor: links des Drahtseils die ökonomischen Interessen eines gewinnorientierten Unternehmens, rechts davon das Ökosystem der Entwickler-Community, die das Fundament für den enormen Erfolg der Twittersphere gelegt hat und legt.

Auf “maximal 140 Zeichen” gepolt, hat es das Team um CEO Evan Williams offenbar nur mit Müh’ und Not geschafft, die Community wieder zu beruhigen. Inzwischen aber hat man eine eigene Enwickler-Site gelauncht sowie betont, dass nach wie vor großer Bedarf für Zusatzapplikationen besteht – und dass man die Sponsoring-Gewinne mit den Entwicklungspartnern teilen werde, die Promoted Tweets in ihren Applikationen nutzen (statt sie zu blocken, was sicher auch eine Produktgattung werden wird).

Man darf gespannt sein, wie Twitter in puncto “tragfähiges Geschäftsmodell” den Sprung von 0 auf 1 schaffen wird. Und das alles, wie ebenfalls endlich bekanntgegeben, vor dem Hintergrund dramatischen Wachstums bei den Benutzerzahlen: Denn laut Twitter gibt es schon über 105 Millionen registrierte Benutzer, die täglich 3 Mrd. Requests und 600 Mio. Suchanfragen absetzen – und jeden Tag kommen 300.000 weitere Anwender hinzu.

Wenn Twitter nicht nochmal patzt, dann sind das also durchaus rosige Aussichten. Please retweet.

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