Ein smarter Planet braucht smartere Konferenzen

IT-Gigant IBM hat auf der Partner- und Kundenkonferenz “Pulse” seiner Management-Software-Division Tivoli die Notwendigkeit eines intelligenten, IT-gestützten Gebäude-Managements – und damit die hauseigene Management-Lösung Maximo – ins Rampenlicht gerückt. Denn nicht Autos, sondern Gebäude seien die größten Treibhausgasschleudern, betonte Tivoli-Chef Al Zollar in seiner Keynote.

Laut IBMs Angaben sind Gebäude in den USA für 70 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich – der deutsche Bauingenieur seufzt an dieser Stelle, runzelt die Stirn und nickt seinem Sitznachbarn wissend zu. Gebäude seien zudem die Quelle von 38 Prozent des CO2-Ausstoßes, im dicht besiedelten Stadtgebiet von New York City sogar von 80 Prozent. Der Grund dafür ist Ineffizienz bei der Versorgung mit Wärme, Strom und Wasser (wenn wir ineffizente Bauweisen einmal großzügig außen vor lassen).

IBM hat deshalb – mit festem Blick auf das IP-basierte Facility-Management, wie manche anderen Vertreter der IT-Branche auch – das Einziehen eines Intelligence-Layers, also einer IT-gestützten Steuerungsebene, in die Gebäude gefordert. Dazu hat IBM seine Partnerschaft mit Johnson Controls ausgebaut sowie eine neue Kooperation mit Druckerhersteller Ricoh für ein umweltfreundlicheres Drucker-Management vorgestellt.

Green IT kann in der Tat auch und gerade außerhalb des Rechenzentrums einen wichtigen Beitrag für Energieersparnis und Umweltschutz – oder, wie IBM es nennt: für einen “smarteren Planeten” – leisten. Das hat zum Beispiel der WWF-Experte (World Wildlife Fund) Dennis Pamlin bereits Anfang 2008 auf einem Berliner Green-IT-Gipfel deutlich hervorgehoben.

Eine beachtliche Ironie liegt aber in der Tatsache, dass Big Blue für smartere Gebäude ausgerechnet an einer Stätte exzessiver Energieverschwendung plädierte: Die Pulse fand in Las Vegas statt, einer künstlichen Hotel-, Konferenz- und Glücksspiel-Oase mitten in der Wüste von Nevada. Man darf spekulieren, was mehr Treibhausgase verursacht: die typisch amerikanische Klimatisierung (aber bitte höchstens 16 Grad!) tagsüber oder nachts die flächendeckende Christbaumbeleuchtung jener Stadt, die sich als das Glücksspiel-Mekka der Welt betrachtet.

IBM veröffentlichte als Beleg für die Effizienz der Maximo-Software einen Video-Clip über deren Einsatz im Venetian Resort Hotel in Las Vegas. Der Film zeigt aber in erster Linie die maßlose Energie- und Ressourcen-Verschwendung der gigantomanischen Wüstenhotels: Las Vegas, so heißt es im Video-Clip, sei der Standort von 17 der 20 größten Hotels in den USA, und man empfange jährlich 37 Millionen Gäste. Alles im Clip natürlich üppig illustriert mit jenen Bildern, wie man sie von Las Vegas zur Genüge kennt: ein Haufen Hotels, die wie lebensgroße Werbetafeln ihrer selbst quietschbunt illuminiert in den Nachthimmel leuchten.

 

Im Sinne des Umweltschutzes kann man der IT-Branche nur möglichst viel Erfolg wünschen bei ihrem Unterfangen, durch intelligenten IT-Einsatz effizientere Rechenzentren, Infrastrukturen, Verkehrsleitsysteme, Versorgungseinrichtungen, Gebäude, Hotels und meinetwegen sogar einen smarteren Planeten zu ermöglichen. Aber man darf sich nicht nur auf IT verlassen.Was die IBM Pulse auch zeigte, ist die Notwendigkeit smarterer Kundenveranstaltungen. Warum muss man Tausende von Kunden, Partnern und Mitarbeitern aus aller Welt nach Las Vegas einfliegen, um ihnen mitten in der Wüste mehr Energieeffizienz zu predigen? Ist IBM hier der sprichwörtliche Prediger in der Wüste oder nicht vielmehr dessen Parodie?Gerade ein IT-Konzern sollte Vorreiter sein bei dem Unterfangen, solche Konferenzen mittels IT-Einsatz (Videokonferenzen, Webcasts, Podcasts etc.) zu virtualisieren. Ja, ich weiß: Natürlich will man den lieben Kunden auch persönlich die Hände schütteln können – aber vielleicht täte es ja auch ein mittels Videokonferenzen und gestreamter Keynotes virtuell verknüpfter Verbund aus Regionalkonferenzen, zu denen zumindest die meisten Teilnehmer ohne Flugzeug anreisen können?

Nächste Woche treffe ich Leute von IBM, da kann ich das ja mal vorschlagen. Leider treffe ich sie ausgerechnet auf der CeBIT, der wohl umweltschädlichsten, weil ebenfalls gigantomanischen Monster-IT-Messe im “schönen” Hannover/Laatzen.

Aber vielleicht wird unser Planet ja eines Tages so smart, dass wir auf den Veranstaltungs-Dinosaurier CeBIT verzichten können.

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