Social-Media-Experiment führt zu GEZänk

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, rät der Volksmund. Er sollte aber auch um sein Glashaus herum keine Wurfgegenstände bereitlegen. Oder gar Katapulte parken. Dies gilt auch im Bereich Social Media: Im Web 2.0 ist das interaktive Glashaus nur einen virtuellen Steinwurf weit entfernt.

Viele Unternehmen schrecken vor dem Thema Social Media zurück, weil sie verbalen oder gar multimedialen Vandalismus befürchten. In aller Regel sind diese Befürchtungen – das stellen Unternehmen dann oft zur eigenen Überraschung fest – allerdings völlig unbegründet. Eine Ausnahme bilden Unternehmen, Institutionen und Organisationen, die bei nennenswerten Teilen der Bevölkerung ausnehmend unbeliebt sind, aus welchen Gründen auch immer – also etwa Politessen, das Finanzamt, die Gebühreneinzugszentrale  (GEZ) der Radio- und TV-Sendeanstalten oder der “Kundenservice” der Deutschen Telekom.

Derartige Außenseiter dürften kaum hoffen, auf Facebook nennenswert über eine zweistellige Zahl von Fans hinauszukommen – außer sie arbeiten mit unlauteren Mitteln – wie laut Medienberichten der Deutsche Bauernverband oder die Süddeutsche Zeitung – und erklären sich damit praktisch bereit, sich “#socialmediafail” auf die Stirn tätowieren zu lassen.

Vor diesem Hintergrund ist es eher unwahrscheinlich, dass Politessen sich zusammentun, um ein Wiki namens politessen-beschimpfung.de aus der Taufe zu heben. Und das Finanzamt wird hoffentlich nie unsere Steuergelder dafür verschwenden, das Diskussionsforum sag-dem-finanzamt-deine-meinung.de aufzusetzen oder auf Facebook Fans einsammeln zu gehen.

Ganz anders hingegen die GEZ: Unter www.gez-meine-meinung.de haben die Gebühreneinzieher Anfang Februar – voll am Puls der Zeit, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen eben ist – ein Social-Software-Portal freigeschaltet. Allerdings nur von Montag bis Freitag und von von 8 bis 22 Uhr (außer an NRW-Feiertagen), denn es ist ein moderiertes Forum, und als GEZ-Moderator hat man eben geregelte Arbeitszeiten, da muss sich der Kunde schon danach richten.


Seither diskutiert die Web-2.0-Szene – mal amüsiert, mal verärgert, gerne auch mal sarkastisch, aber durchaus auch konstruktiv (siehe hier und hier) – über das Social-Media-Gebaren der Geldeintreiber für das (überwiegend) öffentlich-rechtliche Sendegeschehen – und darüber, wie eklatant die GEZ Ausmaß und Härte der zu erwartenden negativen Kommentare unterschätzt hat. Man wollte ein Forum für den Meinungsaustausch der Teilnehmer untereinander bieten – um dann selbst als Zielscheibe zahlreicher Verbalattacken dazustehen.

Die Forumsbetreiber haben einen Verhaltenskodex veröffentlicht – was sinnvoll und auch gar nicht zu beanstanden ist – und mussten feststellen: Einige Diskutanten verschafften – wer hätte das je gedacht? – ihrem angestauten Unmut über die als gesetzlich sanktioniertes Raubrittertum empfundene GEZ-Aktivität reichlich unverblümt Luft – oft schon in der Wahl ihres Alias für das Forum. Und so sahen sich die GEZ-Moderatoren genötigt, einige Beiträge sowie selbstverliehene beleidigende Teilnehmernamen zu löschen. Was den Moderatoren – auch dies war abzusehen – geradezu zwangsläufig den Vorwurf der Zensur einbrachte und die Debatte natürlich erst recht aufheizte. Ein klassischer Social-Media-Fehlstart – nur diesmal eben mit “Ladenöffnungszeiten” und auf Kosten der Gebührenzahler.

Das PR-Team von US-Präsident Obama – dessen Wahlkampf für effektive Social-Media-Nutzung hochgelobt worden war – kommuniziert auf www.whitehouse.gov mit dem US-Volk auf einer Web-2.0-fähigen Drupal-Plattform – nutzt diese aber als reines Push-Medium für Informationen (wie hier schon einmal erwähnt). Denn Obamas Kommunikationsprofis wissen: Ein Forum hätte enorme Anziehungskraft für die Steinewerfer aus dem republikanischen Lager. Also lassen sie die Finger davon.

Denn Social Software ist kein Allzweckwerkzeug für jeden Kommunikationsbedarf. Dass die GEZ sich auf eine Social-Software-Plattform eingelassen hat, war deshalb, nun ja: mutig. Nicht intelligent, aber mutig.

Denn abgesehen davon, dass die GEZ auf die erwartbaren Flames nicht angemessen vorbereitet war, fehlt der Plattform gez-meine-meinung.de die Antwort auf eine zentrale Frage: Warum gibt es das Forum überhaupt?

Die GEZ-Kritiker im Web 2.0 – “internetaffine Zielgruppen”, die die GEZ laut eigener Pressemitteilung mit dem Forum erreichen wollte – sind häufig verärgert darüber, dass der Gebühreneinzug auf TV-taugliche Computer ausgedehnt werden soll. Und diesem Ärger machen sie schon längst in diversen Foren Luft, etwa in der Facebook-Gruppe “Gegen GEZ” mit über 1.500 Mitgliedern.

Dabei hätte das Thema – das hat die GEZ immerhin erkannt – durchaus eine grundlegende und ernsthafte Debatte verdient. Denn einerseits bewahren uns staatlich subventionierte Medien eine gewisse informationelle Grundsicherung: Mir sind “tagesthemen”, “heute journal” oder “hart aber fair” allemal lieber als das, was viele US-Fernsehstationen ihrem Publikum als “Nachrichtensendung” oder “Polit-Talk” vorsetzen. Andererseits ist im Web-2.0-Zeitalter – in dem jeder Anwender Sender und Empfänger zugleich ist – nicht mehr vermittelbar, wieso zum Beispiel ein Blogger selbst Inhalte gratis produzieren, dann aber verkrustete Beamtenapparate für ein antiquiertes Subventionsfernsehen bezahlen soll. Aus Sicht der Fernsehmacher eine Zwickmühle, die aber jene oft gar nicht erst erkennen, die eine Wikinomics-Mentalität bereits verinnerlicht haben oder gar mit ihr aufgewachsen sind.

Social-Software-Plattformen sind sinnvoll und nützlich, wenn ein Unternehmen oder eine Organisation den Anwendern damit Werkzeuge liefern kann, um sich besser zu vernetzen und produktiv auszutauschen – wie das etwa in Microsofts Technet oder in IBMs zahlreichen Communities passiert. GEZ-Gegner können sich aber auch ohne Hilfe der GEZ ganz gut selber vernetzen. Aus ihrer Sicht kommt deshalb nun eine Kontrollinstanz daher, macht eine “Social”-Plattform auf und will damit die Debatte kontrollieren.

Das muss natürlich erst einmal zum Eklat – oder zumindest zum Sturm im Wasserglas – führen. Wenn die GEZ Glück hat, verfliegt irgendwann der Reiz, auf gez-meine-meinung.de Flames zu posten, und es kommt mit einigem Zeitverzug doch noch ein Debättchen in Gang, wenngleich in einem ramponierten Glashaus.

Sinnvoller wäre es jedenfalls gewesen, die GEZ hätte sich in den diversen bestehenden Foren auf die sowieso schon längst laufende Diskussion mit den Web-2.0-Anwendern eingelassen. Natürlich nur werktags von 8 bis 22 Uhr (außer an NRW-Feiertagen).

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