Das Splinternet: Entzieht Facebook Google den Boden?

“Sozial ist, was Arbeit schafft”, so das altbekannte Mantra mancher Politiker. Im Web gilt derzeit: Sozial (Verzeihung: “Social”) ist, was Arbeit behindert – nämlich die der Suchmaschinen.

Social-Network-Betreiber Facebook war lange – völlig berechtigt – im Kreuzfeuer der Kritik, weil er Anwender dazu verleitet hatte, allzu viel über sich und ihr Umfeld preiszugeben. Diesen Misstand hat Facebook inzwischen zum guten Teil behoben: Häufig wird man darauf hingewiesen, dass man diesen Status-Update oder jenes Foto nicht öffentlich machen muss, sondern auch nur seinen Freunden mitteilen kann. Wer dann außen vor bleibt, ist nicht nur die große weite unbefreundete Welt, sondern auch Herr Google und seine Kollegen. Dann sind die Inhalte nämlich nicht mehr für Googles Crawler abgreifbar.

Aus Datenschutzsicht ist dieser Ansatz richtig, wichtig und löblich. Aus der Sicht einer Suchmaschine wie Google (”Ich weiß mehr über euch als ihr selbst, und jetzt bringe ich auch noch Mobiltelefone mit Geolocation unters Volk!”) bedeutet das aber, dass die Masse der Informationen, die für jeden per bequemer Schlagwortsuche zugänglich sind, bald deutlich kleiner ausfallen könnte: “Gooogle” statt “Gooooooooogle” (Spaß mit Fußzeilen).

Im Extremfall könnte das heißen, dass das weltweite Web in viele kleine Community-weite Webs zerbröselt. Diesen Zustand nennen die Forrester-Analysten Josh Bernoff und Shar van Boskirk im gleichnamigen Report von Ende Januar das “Splinternet” (Spaß mit Wortspielen). Neben den Social Networks sehen die Forrester-Forscher als weitere Treiber dieser Entwicklung in Richtung “Splitternetz” Medienbarone, die Online-Inhalte nur noch zahlenden Abonnenten anbieten wollen, und Software-Monopolisten wie Apple, die über App Stores Zahl und Auswahl der verfügbaren Anwendungen kontrollieren.

In der Tat erwägen dieser Tage manche Verlagshäuser mal wieder das Prinzip “Paid Content” (Bezahlinhalte), wie dies zum Beispiel das Wall Street Journal handhabt. Und in der Tat finden “Apps”, wie es für das iPhone schon über 100.000 gibt, zunehmende Verbreitung. Ja, der Begriff “App”, im Grunde nur die Abkürzung für “Application”, bürgert sich immer mehr als Synonym für jene Art von Mobiltelefon-Anwendungen ein, mit denen der User von Welt heute durch sein persönliches Web-2.0-Universum surft – was aber eben nur mit dem Kleinstcomputer dieses einen Herstellers geht. Solche proprietären Benutzerumgebungen werden laut Bernoff und van Boskirk “überall im Web auftauchen”.

Recht melodramatisch schreiben die beiden Analysten (deren Report sich vorrangig damit befasst, wie die Online-Marketiers auf diese Entwicklung reagieren sollten), die “Unschuld des Internets” sei damit verloren: “Schwelgen Sie nur in Erinnerungen, aber das goldene Zeitalter des Internets ist vorbei.” Der König ist tot, lang lebe die Herde kleiner Community-, Content- und App-Store-Fürsten.

Ganz so (melo-)dramatisch wird’s aber wohl (hoffentlich!) nicht werden. Denn auch in den Social Networks gibt es zahlreiche Benutzer, die Informationen über sich öffentlich zugänglich machen wollen. Dieser Tage gibt es insbesondere in den USA geradezu einen Run von Firmen auf die Facebook-Plattform, und die werden ihre Social-Network-Präsenzen sicher nicht vor Google verstecken, will man doch viele, viele Friends, Fans und Followers einsammeln.

Und die Apps? Die Monopolmacht der App-Store-Betreiber ist in der Tat bedenklich, aber auch diesseits von iPhone und Co. sind Applikationen häufig proprietär; plattformübergreifende Open-Source-Software wie Firefox und Thunderbird sind da eher die Ausnahme. (Schon mal versucht, eine Keynote-Präsentation mit Powerpoint zu öffnen?) Auch in der PC-Welt herrscht oft ein rauer Wind beim Kampf um die Vorherrschaft auf Applikationsebene. Microsoft steht schließlich im Ruf, dem Monopolistentum nicht gänzlich abhold zu sein – und trotzdem konnte man zwar Netscape abservieren, nicht aber Firefox verhindern.

Die Verleger wiederum sollten sich heutzutage eher darüber Sorgen machen, dass immer mehr Informationsaustausch in Online-Communities stattfindet, statt den Umweg über die hauptamtlichen Journalisten zu nehmen. Da werden sie es sich genau überlegen müssen, ob sie mutwillig noch mehr potenzielle Leser aussperren – auch wenn manch einer das sicher versuchen wird im Streben nach Web-1.0-Geschäftsmodellen in einer Web-2.0-Welt.

In gewisser Weise haben die Forrester-Analysten sicher recht, wenn sie das “Ausfransen” des Internets proklamieren (”The standardized Internet is fraying.”) Das Internet ist ständig im Wandel, es franst ständig aus, und aus den Fransen wird dann weltweit wieder Neues gewoben (… oder sagt man “weltweit gewebt”? Spaß mit Konjugationen).

Die Web-Gemeinde wird Wege finden, über News zu diskutieren, auch außerhalb des Reichs von Murdoch und Co. Die App-Anwender werden APIs fordern, um ihre Informationen auch vom PC, Netbook oder eBook-Reader aus abzurufen, so wie auch Twitter dank Schnittstellen zu Linkedin oder Tweetdeck erst so richtig nützlich ist. Und der arme, ausgesperrte Search-König Google hat mit Google Buzz gerade ein eigenes Social Network vorgestellt.

Ein fröhliches Fransen allerorten. Das schafft Arbeit.

(Update 12.02.10) Laut Techcrunch übernimmt Google zudem die Social-Search-Plattform Aardvark. Google wird also praktisch täglich “sozial vernetzter”. ;-)

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