Obama zwischen Web 2.0 und Schlammschlacht 1.0

Barack Obama gilt als der erste US-Präsident, der es verstanden hat, das Web 2.0 für seinen Wahlkampf zu nutzen. Presse, Websites und Blogger äußerten sich damals gerne lobend zum Beispiel über seine Präsenz auf Facebook (wo El Presidente heute knapp eine halbe Million Fans hat, dazu weit über sieben Millionen Fans auf der Seite seiner Grassroots-Bewegung “Organizing for America“).

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Heute nutzt die offizielle Site des US-Präsidenten www.whitehouse.gov das auch für Web-2.0-Szenarien beliebte Open Source CMS (Content Management System) Drupal, was für große Freude in der Drupal-Community gesorgt hat (siehe dazu hier). Das Weiße Haus twittert natürlich auch, die Tweets erreichen knapp 1,7 Millionen Followers.

Jetzt fehlt bloß noch, dass Obama auch noch seine eigene iPhone-App … upps, sorry: fehlt nicht! Auf seinem Blog meldete das Weiße Haus kürzlich, dass man die Neuigkeiten und neuen Inhalte auf whitehouse.gov nun auch via iPhone-App mitverfolgen kann, die in Apples App Store kostenlos verfügbar ist.

Obama eroberte das coole Szene-Handy mit perfektem Timing: gerade rechtzeitig vor seiner großen Ansprache, der State of the Union Address, weshalb diese auf dem White-House-Blog auch umgehend als “State of the Union 2.0” angekündigt wurde.

Das Weiße Haus bloggt, twittert, facebookt, postet Multimedia-Material, hat eine iPhone-App, man kann die whitehouse.gov-Einträge taggen und sharen, man kann die Updates als RSS-Feed bestellen (und natürlich auch ganz konventionell als E-Mail-Newsletter). Also alles Obama 2.0?

Was man auf whitehouse.gov vermisst, sind die in Social Networks üblichen Feedback-Mechanismen, etwa Kommentare zu den Blog-Einträgen, Ratings oder Diskussionsforen. Auch die iPhone-App ist ein reiner Output-Mechanismus ohne Feedback-Kanal, wie die US-Site Fastcompany.com bemängelte, die das Appchen dann auch gleich als Propaganda abtat … als ob eine White-House-Software unparteiisch sein müsste. Und als ob es in der US-amerikanischen Politik irgend einen anderen Kommunikationsstil gäbe als den kontinuierlichen Propaganda-Schlagabtausch, gerne auch mal unter die Gürtellinie, da kennen insbesondere republikanische Hardliner keine Grenze nach unten. (Einfach mal danach googeln – oder besser nicht.)

Wäre whitehouse.gov tatsächlich eine vollwertige Web-2.0-Site, böte sie die Plattform für die wahrscheinlich übelste Propaganda-Schlammschlacht seit… tja, seit dem letzten US-Präsidenten-Wahlkampf: Diffamierung 24×7, Politparolen rund um’s Jahr. Fastcompany meint zwar: “Bevor man argumentiert, dass solche Feedback-Möglichkeiten schnell in kleinliche parteiische Beschimpfungen abdriften würden, sollte man sich in Erinnerung rufen: Wenn irgend jemand in der Lage ist, ein Team von Forum-Moderatoren anzuheuern, um die Diskussionen zu überwachen, dann ist es das Weiße Haus.” Tja, und wenn für den ganzen Zirkus irgend jemand aufkommen muss, dann ist es der Steuerzahler.

Nicht jeder Einsatzfall ist für das Web 2.0 gleich gut geeignet, und kein Mensch braucht Extreme Schlammschlachting 2.0. Vielleicht ist es ja manchmal einfacher und möglicherweise sogar eleganter, sich ganz “Web 2.0″ zu geben – um sich dann aber mit Web 1.5 zufriedenzugeben.

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