Krautsourcing

Auf der sehr spannenden IT-Security-Konferenz IT-Defense, die kürzlich in München stattfand, hatte Veranstalter Cirosec für die „Wir schauen mal über den Tellerrand“-Keynote den Ex-IBM-Deutschland-CTO Prof. Gunter Dueck eingeladen. Der frisch pensionierte Dueck, nun als freischwebender Querdenker unterwegs, referierte über die Industrialisierung des tertiären Sektors, also der Dienstleistungsbranche.

Er diagnostizierte eine Tendenz, Dienstleistungen immer mehr zu standardisieren und dann durch „Sieben Euro die Stunde“-Jobber erledigen zu lassen – die klassische Arbeitsteiligkeit der Industrie lässt grüßen. Am oberen Ende des Spektrums aber, so Dueck, müsse der Mitarbeiter sich immer mehr den Ausnahmen vom Standardfall widmen und dazu neue Kompetenzen erwerben – zum Beispiel die Kompetenz, den eigenen Standpunkt in Diskussionen zu vertreten.

Denn der Techie, wie Dueck ihn skizzierte, diskutiert nicht gern, „weil er sowieso Recht hat“. Recht zu haben allein – also reine Fachkompetenz – sei für dauerndes Exception Handling aber zu wenig: Gefragt sei mehr Professionalisierung, somit der Aufbau einer Reihe weiterer Kompetenzen, von Team- über Kommunikations- bis hin zur Selbstdarstellungsfähigkeit (die Dueck mit seiner einzigartigen Kombination aus stotternder scheinbarer Unbeholfenheit und unvermittelt aufblitzender Brillanz trefflich vorexerzierte).

Gunter Dueck plädierte auf der IT-Defense in München für mehr Professionalität im Dienstleistungsbereich. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Gunter Dueck plädierte auf der IT-Defense in München für mehr Professionalität im Dienstleistungsbereich. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Den anwesenden IT-Security-Fachleuten riet er damit zu vielfältiger Fortbildung, wollten sie nicht durch Billigkräfte oder gar freundliche indische Call Center Agents ersetzt werden. Als Sonderfall dieser Tendenz nannte er das Crowdsourcing: Ein Unternehmen delegiert Aufgaben wie das Produktdesign an seine Endkunden, wie zum Beispiel Lego dies erfolgreich eingeführt hat.

Den Begriff „Crowdsourcing“ sprach Dueck „Krautsourcing“ aus – was zunächst wie ein Wortspiel klang, bezeichnen Amerikaner die Deutschen doch gerne spöttisch als „Krauts“, sodass „Krautsourcing“ folglich das Auslagern von Tätigkeiten an Deutsche wäre. Allein, falsch assoziiert: Bei Dueck war lediglich die Muttersprache durchgeschlagen, à la „Senk ju vor träwelling“. Schade eigentlich, dann angesichts der vielen Wirtschaftszweige, in denen man weltweit gerne auf Know-how und Präzisionsarbeit aus deutschen Landen zurückgreift, wäre es durchaus Zeit, den Begriff offiziell einzuführen: Es lebe das Krautsourcing! Hoffen wir, dass künftige Generationen damit nicht die berüchtigte deutsche „Service-Kultur“ verbinden.

US-Behörde TSA in der Kritik: Nur Fliegen ist sicherer

IT-Security ist als Thema schon komplex genug, in der Variante der „Cloud-Security“ derzeit heiß diskutiert und nochmal eine ganze Ecke komplexer als zuvor. Das Thema verblasst aber im Vergleich mit einer anderen Art von „Cloud-Security“: der Sicherheit des Flugverkehrs – zumindest, wenn man selbst gerade als Passagier an Bord geht und sich insgeheim fragt, wie der Begriff „Non-Stop Flight“ eigentlich gemeint ist.

Mathematiker raten an dieser Stelle, man solle selbst eine Bombe mit an Bord nehmen, da es statistisch praktisch ausgeschlossen sei, dass sich zeitgleich zwei Bomben an Bord eines Flugzeug befinden. So ist er, der Mathematiker, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, aber bei der praktischen Anwendung hapert’s mitunter.

Die US-Regierung jedenfalls hat als eine der Folgeerscheinungen der Terroranschläge vom 11. September 2001 mit der TSA (Transport Security Authority) erst mal eine neue Kontrollbehörde geschaffen und in der Folge Unsummen in den Ausbau der Flugsicherheit investiert. Man versuchte, das Sicherheitsniveau durch allerlei sinnvolle Maßnahmen zu erhöhen – zeitgleich aber eben auch dadurch, dass nun jede Oma ihre Nagelschere abgeben muss und Ausländer auf Flügen in die USA vorsorglich pauschal als Kriminelle behandelt werden, die unter dem Generalverdacht stehen, die Heimat der Tapferen und Freien in die Luft zu sprengen oder zumindest den Präsidenten meucheln zu wollen (wofür bislang – siehe die Präsidenten Lincoln, Garfield und Kennedy – ausschließlich einheimisches Personal zuständig war).

Und so standen die Maßnahmen zur Absicherung des amerikanischen Flugverkehrs von Anfang an im Kreuzfeuer der Kritik, nicht zuletzt seitens des renommierten Sicherheitsexperten Bruce Schneier, der das Gros der TSA-Maßnahmen wiederholt als bloßes „Security-Theater“ abkanzelte, als Pappfassade, mit der man den Fluggästen Sicherheit vorgaukle. Und so glaubt der aufmerksame Leser des monatlichen und sehr lesenswerten Schneier-Newsletters „Cryptogram“, einen Hauch von Schadenfreude herauszuhören, als Schneier unter der nicht wirklich respektvollen Überschrift „Die TSA beweist ihre eigene Irrelevanz“ die „Top Ten“ der TSA-Erfolgsmeldungen von 2011 vorstellt.

TSA-Aufkleber: Notice of Baggage Inspection. Quelle: Johan Burati, wikimedia.org

TSA-Aufkleber: Notice of Baggage Inspection. Quelle: Johan Burati, wikimedia.org

Auf Platz 3 finden wir die Meldung, dass die TSA tatsächlich 1.200 Handfeuerwaffen an den Kontrollpunkten der Flughäfen konfisziert hat. Nun sind die USA allerdings – je nach Bundesstaat unterschiedlich stark – ein bis an die Zähne bewaffnetes Land, und die betroffenen Passagiere durchwegs gaben an, sie hätten die Waffen schlicht im Gepäck „vergessen“. Falls unter den Alzheimer-Kandidaten tatsächlich ein anschlagsbereiter Terrorist gewesen sein sollte, dürfte er statistisch im Rauschen derer untergehen (und sich dort verstecken können), die tatsächlich gedanken-, man möchte fast sagen: hirnlos einen „Alltagsgegenstand“ mit eingepackt hatten.

Platz 2: Per Körperscanner entdeckte man in Detroit eine geladene Pistole, die ein Passagier an die Wade geschnallt hatte. Auch er nannte, wie könnte es anders sein, Vergesslichkeit als Grund für das Vorhandensein seines Accessoires.

Und schließlich – Ta-dah! – auf Platz 1:  Ein Mann wurde mit C4-Plastiksprengstoff erwischt – den er laut eigener Angabe mitgeführt hatte, um ihn (der geneigte Leser fasse sich schon mal vorsorglich an den Kopf) seiner Familie zu zeigen. Bruce Schneier merkt hierzu an, dass sämtliche Funde auch mit den guten alten Screening-Maßnahmen aus der Zeit vor 9/11 aufzufinden gewesen wären, und dass man besagten Plastiksprengstoff erst auf dem – jetzt bitte anschallen und die Sitzlehne senkrecht stellen! – Rückflug des Mannes gefunden hatte.

Noch viel schöner aber ist die Hitliste der dümmsten TSA-Konfiszierungen: Einem Piloten nahm man ein Buttermesser weg, einer Teenagerin ihre Handtasche – wegen eines aufgestickten Waffenmotivs. Ein Kind musste sich von dem 10 cm langen Gewehr seiner Action-Puppe trennen, ein anderes von seinem Star-Wars-Lichtschwert.

Ja, wir können uns wohlbehütet fühlen, wenn wir uns flugs auf den Weg machen ins Land der unbegrenzten Kontrollmöglichkeiten. Denn die TSA hat ein klares, ein eindeutiges Warnsignal gesendet: „Ihr Bin-Laden-Anhänger werdet unsere Flugzeuge kein zweites Mal kapern, zumindest nicht mit Star-Wars-Plastikspielzeug!“

Online-Shopping: Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?

In einem Land, das von den meisten Ecken dieser Erde aus gesehen ein fernes Land ist, da lebten die drei Paketzusteller D, H und L. Von ihren verstorbenen Eltern, dem Herrn Post und der Frau Amt, hatten die drei die Lebenseinstellung „Wenn nicht heute, dann eben morgen“ geerbt, weshalb man sie auch „die drei Waisen aus dem Morgenland“ nannte.

Und es begab sich am Anfang des Monats Dezember, da erschien den drei Waisen aus dem Morgenland ein Stern namens Amazon, und der Stern befahl ihnen: „Gehet hin und bringet der Mitteilerei in München ein neues Display und ein neues Bluetooth-Headset. Denn dort lebt ein armer Mann, dessen Finger schon ganz wund sind vom vielen Scrollen am 13-Zoll-Macbook, und dessen Ohren schon halb taub sind vom Krachen und Scheppern seines steinalten Knopfes im Ohr. Und beeilet euch, denn die Bestellung erfolgte am Freitag per Morning Express, und der arme Mann hat 13 Euronen dafür gezahlt, seine Gaben gleich am Samstag bis spätestens mittags zu erhalten.“

Und so beluden D, H und L ihre Kamele und trotteten los. Allein, womit sie nicht gerechnet hatten: Ihre Kamele brachen fast zusammen unter der Last unzählig vieler Pakete. Denn nicht nur hatte der Mann in der Mitteilerei seine Sicht- und Hörhilfen bestellt – nein, es ging auch schon wieder auf Weihnachten zu, und gar viele Menschen orderten gar viele Gaben, und dies traf D, H und L gänzlich unvorbereitet.

„Das sind aber viele Pakete,“ stöhnte D. „Man könnte fast meinen, es sei schon wieder Weihnachten!“ – „Ja“, nickte H und fragte ernst: „Ist denn schon wieder Weihnachten?“ – „Ich glaub’ fast, dem ist so“, pflichtete L bei und merkte an: „Dieses Weihnachten, das kommt aber auch immer völlig überraschend!“ Und sie nickten alle drei einmütig, und dann trotteten sie weiter.

Und sie trotteten lange vor sich hin, doch siehe: Am Samstag kamen sie nicht bis München, sondern nur bis Krefeld. Und am Sonntag ruhten sie, denn am Sonntag sollst du ruh’n. Und am Montag spannten sie die Kamele wieder an, die schon ganz mürbe waren unter ihrer Last, und trotteten weiter. Doch siehe: Auch am Montag kamen sie nicht bis München, sondern nur bis Aschheim. „Wahrlich, das ist nicht schlimm. Wenn nicht heute, dann eben morgen“, rief H dann aus. Und D, H und L nickten einmütig.

Und auch der Dienstag Vormittag verstrich, und es wurde 12 Uhr, und dann wurde es fast 13 Uhr, da erreichte die Karawane endlich ihr Ziel, und für den Herrn von der Mitteilerei, der das Warten längst aufgegeben hatte, nahm zum Glück ein freundlicher Nachbar die Waren entgegen. „Na also, geht doch!“, rief L dann aus, und D, H und L lachten und waren zufrieden mit sich und trotteten wieder von dannen.

Und nächstes Mal erzählt euch der nette Onkel, warum das Jesukindlein am 24. Dezember Geburtstag hat, aber seine Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe, bestellt am 23. per Overnight Express – erst am 6. Januar ankamen.

Wohnungssuche im Internet: Betrüger vermeiden du musst

Dieser Tage befindet sich der Verfasser dieser Zeilen auf der Suche nach einer Zwei- oder günstige Drei-Zimmer-Wohnung in München-Obergiesing. Als Internet-affiner Mensch recherchiert er dazu natürlich eifrig auf einschlägig bekannten Portalen wie www.immobilienscout24.de. Eine Wohnungssuche im überlaufenen München ist eine recht stressige Angelegenheit, aber ein kleiner E-Mail-Wechsel zauberte dann doch ein Lächeln auf das Gesicht unseres Zeilenverfassers.

Über das Immobilienscout-Portal war er nämlich auf eine für ihn sehr praktische Wohnung gestoßen: Drei Zimmer im Altbau für unter neun Euro Kaltmiete pro Quadratmeter – ein für hiesige Verhältnisse sehr niedriger Preis, beginnen diese doch in München häufig erst bei elf Euro pro Quadratmeter auf der nach oben offenen Maklerskala. Das günstige Angebot erklärte sich unser LANline-Redakteur damit, dass die Wohnung sämtliche Fenster nach Norden mit Blick auf eine sehr belebte Durchgangsstraße aufwies, und schrieb deshalb eine freundliche E-Mail an den Vermieter.

Wenig später traf die Antwort ein – aber eine sehr suspekte: Der Absender behauptete, er sei nach England übersiedelt, müsse nun alle Angelegenheiten von dort aus regeln, könne die Wohnung aber jederzeit aus der Ferne abgeben. Ein Bauernfängertrick: Antwortete man, so würde man angewiesen, Kaution und erste Monatsmiete auf ein Konto in irgendeiner entlegenen Ecke der Welt zu überweisen, und ab dann würde man nie wieder etwas vom angeblichen Vermieter hören.

Unterhaltunswert gewann dieser Social-Engineering-Versuch durch den Umstand, dass unser Bauernfänger sich zwar einen deutschen Namen gegeben hatte, aber nur sehr spärliche Anstrengungen unternahm, dies auch in seiner E-Mail glaubhaft durchzuhalten. Das Schreiben wirkte wie ein Diktat der Figur Yoda aus den „Star Wars“-Filmen, die zwar hochintelligent, ja geradezu weise ist, aber dennoch nicht in der Lage, einen klaren Satz zu bilden: „In die Macht vertrauen du musst“ und Ähnliches gibt Yoda im Science-Fiction-Film gerne von sich, denn Grammatik nie richtig kapiert er hat.

Unser Social Engineer – den ich mir äußerlich genauso vorstelle wie Yoda: klein und schrumpelig – schrieb in einem Sprachduktus, der vermuten ließ, dass der Text nicht nur per automatischer Übersetzungshilfe aus dem Englischen ins (im weiteren Sinne) Deutsche übertragen war, sondern man ihn wahrscheinlich zuvor aus dem Russischen, Rumänischen oder __________ (hier Sprache nach Wahl eintragen, muss nicht mit „Ru“ beginnen) in den englischen Sprachraum hinübergezerrt hatte. Hier die Anfangspassage zur allgemeinen Erheiterung:

„Hallo,
Ich bin Zinnitsch Gunter Franz und kurzem erhielt ich eine E-Mail von Interesse in meiner Auerfeldstr 20, 81541 München entfernt. Ich bin ein  Forscher, der Deutsch für ein pharmazeutisches Unternehmen und diese  Wohnung gekauft wurde während der Arbeit hier in Deutschland auf einer  5-Jahres-Vertrag, wie ich es wäre eine bessere Investition als die Anmietung sein Gedanke. Ich bin der einzige Eigentümer der Wohnung, ist es in voller Höhe gezahlt und es hat keine rechtlichen Probleme. Die Wohnung ist nicht bewohnt, seit ich nicht mehr in München lebe. Ich möchte meine Wohnung, um einige schöne und verantwortungsvolle Menschen zu mieten und um das zu tun, dass ich ein paar Details über dich, wie zB wie viele Personen Sie planen, in der Wohnung leben, für wie lange, wenn Sie einen stetigen Know haben Einkommen, etc. Ich muss Ihnen von Anfang an sagen, dass ich nicht ein Problem, wenn Sie ein Student sind und ich bin sehr gern Haustiere und bereit ist, sie in die Wohnung zu akzeptieren (Ich bin der stolze Besitzer eines Englisch Bulldogge).“

In diesem Tonfall holperte der Text noch einige Absätze weiter. Meine Lieblingsphrase ist nach wie vor: „Ich bin sehr gerne Haustiere“ – tja, wer möchte da wohl widersprechen…

Die E-Mail habe ich sofort an das Team von Immobilienscout weitergeleitet. Am Folgetag kam prompt der Hinweis, man habe diesen Account gesperrt, könne leider solche Betrugsversuche nicht unterbinden, habe aber die Website www.sichere-immobiliensuche.de initiiert, „um vor bekannten Maschen und Betrügereien zu warnen“ – sehr löblich! Denn schließlich gibt es auch Betrüger, die geschickter vorgehen, um die Wohnungsnot in München auszunutzen.

Was aber, höre ich den Leser rufen, wenn es gar kein Betrugsversuch war? Wenn dort in England ein netter, tierlieber Vermieter sitzt, hilfsbereit, wenn auch „grammatically challenged“? Keine Sorge: Ich habe nochmals ohne Preislimitierung gesucht – und siehe da: Die Wohnung war tatsächlich im Angebot, nur eben von anderer Seite und erheblich teurer.

Ergo: Die Augen aufhalten ihr müsst, wenn nicht über den Tisch gezogen werden ihr wollt. (Allmählich gewöhne ich mich an diesen Satzbau. Ob der sich wohl auch für LANline-Fachartikel eignet…?)

Social-Media-Protest: Occupy Amazon

Vor allem in den USA, aber auch international in einschlägigen Ecken des großen bösen Internets hat ein Youtube-Video für einen Proteststurm gesorgt. Zu sehen ist hier, wie ein Polizist die im Rahmen der Occupy-Bewegung friedlich demonstrierenden Studenten der Universität UC Davis aus nächster Nähe mit Pfefferspray malträtiert.

Der kurze dokumentarische Videoclip führt die aktuelle Strategie der US-amerikanischen Einsatzkräfte drastisch vor Augen: Die Polizei verhaftet Demonstranten – hier wie auch in New York anlässlich der Occupy-Wall-Street-Proteste – wegen Störung des Straßenverkehrs oder ähnlichen Ordnungswidrigkeiten und behandelt sie dabei wie gewöhnliche Kleinkriminelle, sprich: aggressiv, teils unnötig aggressiv. Für besonders große Bestürzung sorgte dieses Video dadurch, dass der Protagonisten-Polizist – dicklich, Schnauzbart, den Schutzhelm tief in die Stirn gezogen – wie die vollendete Karikatur eines „Freunds und Helfers“ wirkt, wie der ständig den armen Bugs Bunny jagende Elmer Fudd oder der große, dicke Bösewicht in Uniform, vor dem Charlie Chaplins Tramp ständig flüchten muss.

Und vor allem verhält sich der Polizeibeamte vor laufender Kamera auch so: Er besprüht die für eine Sitzblockade am Boden versammelten Studenten ausgiebig, nonchalant und herablassend – manche Beobachter meinten: wie Ungeziefer. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Amerikaner das per Verfassung garantierte Recht auf Versammlungsfreiheit in Gefahr sehen. Schließlich ist Pfefferspray – auch wenn der Begriff relativ harmlos klingen mag – eine sehr wirkungsvolle Nahkampfwaffe.

Da eine Demonstration gegen diesen Misstand gefährlich werden kann (siehe oben), weicht der Protest auch auf andere Kanäle aus – unter anderem auf die Kundenforen des Online-Händlers Amazon.com: Hier nutzen die OWS-Protestler das Genre der „Mock Reviews“, also auf den ersten Blick echt wirkender, in Wahrheit aber parodistischer Produktbewertungen. Diese Mock Reviews konzentrierten sich bislang auf offenbar wahllose Ziele wie das bekannte „Three Wolf Moon“-Shirt (siehe auch hier).

Vor dem Hintergrund der Polizeiübergriffe bekommen diese satirischen Produktkritiken nun eine politische Dimension. So urteilt zum Beispiel ein Benutzer in einer Bewertung des Produkts  „Defense Technology 56895 MK-9 Stream, 1.3% Red Band/1.3% Blue Band Pepper Spray“: „Immer wenn ich forsch-fröhlich widerspenstige Bürger ein bisschen Disziplin lehren muss, weiß ich, dass ich mich auf das Defense Technology 56895 MK-9 Stream, 1.3% Red Band/1.3% Blue Band Pepper Spray verlassen kann! Die Macht der Vernunft kann nichts ausrichten gegen die überlegene Repressionskraft von Defense Technology.“ Man solle sich deshalb nicht mit billigen Ersatzprodukten begnügen, wenn es darum gehe, „bequem Studenten zu unterdrücken“.

Ein anderer Amazon-Reviewer zeigt sich von diesem Pfefferspray hingegen enttäuscht: Er warnt, das Produkt funktioniere nicht richtig, denn es vermehre die Zahl der Protestierenden. Positiv zu erwähnen sei allerdings, dass sein Einsatz zu bezahltem Urlaub führe – der Polizist war auf den Aufschrei der Medien hin vom Dienst suspendiert worden.

Das Repertoire intelligenter Protestformen hat eine neue Facette hinzugewonnen – wenn auch leider auf Kosten einiger armer Studenten, die einem Pfeffersprayer als Zielscheibe dienten.

UPDATE 24.11.11 18:44 Uhr: Der „Casually Pepper-Spray Everything Cop“ hat es in der Zwischenzeit zu einem veritablen Mem geschafft. In zahlreichen Fotomontagen etc. macht sich die Netzwelt über den wackeren Polizisten lustig, siehe hier. Ein schönes Beispiel: Der Pepper-Spray Cop trifft auf die US-Verfassung.

Das iPhone der Elektromobilität – Autohersteller, damit müsst ihr leben!

Verkehr, Transport und Logistik – sowohl in ihrer Ausprägung als globale Lieferketten als auch in der Form ungezügelten Individualverkehrs – gehören zu den großen Energie- und Ressourcenfressern unserer Zeit. Ein Freund berichtete mir kürzlich erstaunt, er habe per Logistik-Tracking den Lieferweg seines damals neu bestellten Apple iPad 2 echtzeitnah mitverfolgt – und habe dadurch bemerkt, dass das Gadget tatsächlich auf dem Luftweg aus Asien angereist kam. Es lebe der Import/Export-Wahnsinn! Klimaerwärmung? Welche Klimaerwärmung?

In puncto Individualverkehr hingegen gibt sich die Industrie gerne umweltbewusst und ökologisch korrekt, man will ja im Trend liegen. Den großen globalen Umweltpreis am goldenen Band mit Schleifchen verleiht sich die Branche dieser Tage gerne selbst, hat man doch das Thema Elektromobilität für sich entdeckt: Kaum ein Automobilkonzern, der nicht irgendeine Elektroautostrategie hat und sich deshalb als Grünster aller Grünen geriert.

Hier erleben wir „Greenwashing“ in höchster Vollendung: den Import/Export-Wahnsinn im grünem Gewand. Die Werbung suggeriert, die E-Autos seien „grün“, nur weil sie keine Abgase ausstoßen – dass der Strom für die Elektro- oder Hybridmotoren derzeit überwiegend aus Atom- und Kohlekraftwerken kommt, kehrt man gerne unter den Teppich, genauer: unter die Fußmatten. Auch die Bonzenkarosse mit ach so ökologisch korrektem Elektro(hilfs)motor muss erst einmal aufwändig und unter Einsatz von reichlich Rohstoffen und so genannter „grauer“ (für die Herstellung notwendiger) Energie produziert werden. Auch die Energieverschwendung global verteilter Produktionsstätten wird offenbar kaum hinterfragt. Und auch keinen einzigen Stau gibt es weniger, wenn man sich hinter dem Lenkrad eines Tesla oder Prius in den großstädtischen Stoßverkehr stürzt.

Will der Großstädter (und das werden von Tag zu Tag mehr Menschen) nicht zu Fuß gehen oder gar – o Graus! – den öffentlichen Nahverkehr nutzen, dann blieb ihm bislang nur das Elektrofahrrad. Dieses nennt sich zwar heute in modischem Denglisch „E-Bike“, kämpft aber nach wie vor mit dem Image des Rentner-Drahtesels für alle, die aus eigener Kraft keine Steigung mehr schaffen.

Doch auf Franz Alts nützlichem Blog www.sonnenseite.com bin ich kürzlich auf sehr interessante Informationen zu einer neuen Variation über das Thema „E-Bike“ gestoßen: Das „YikeBike“ – das Produkt eines neuseeländischen Herstellers – sieht auf den ersten Blick ungewöhnlich und etwas albern aus – wie ein zu klein geratenes Hochrad aus den Anfangstagen der Fahrradfahrerei. Doch die beiden bei Franz Alt verlinkten Videos – ein nettes Werbefilmchen sowie ein Praxis- und Vielseitigkeitstest – zeigen schnell: Dieses Fahrzeug ist wirklich durchdacht, sehr praktisch, transportabel und letztlich genau das, was der moderne Großstädter braucht, um trotz flächendeckender Staus und allerlei Alltagshindernissen im Parkour der Asphaltschluchten flott von A nach B zu gelangen.

Wie sehr sich die Neuseeländer schlauerweise auf die Zielgruppe Gadget-affiner Yuppies konzentrieren, zeigt übrigens der Umstand, dass im Praxistestvideo die Tiefe von Schlaglöchern und die Höhe von Randsteinen durch den direkten Vergleich mit einem iPhone gemessen wird. Auch dies: unkonventionell, aber durchaus zielgruppengerecht.

Das YikeBike könnte es schaffen, den stromgetriebenen Drahtesel seines Rentner-Images zu berauben und für den pendelnden wie auch generell mobilitätsfreudigen Großstadt-Besserverdiener (ob mit oder ohne iPhone) eben das darzustellen, was der Tesla für das Elektroauto war: das Fahrzeug, mit dem der Umstieg auf den Stromantrieb über Nacht schick wurde. Im Vergleich zu einem YikeBike sieht die typische benzingetriebene Familienkutsche im großstädtischen Stoßverkehr plötzlich sehr nach „20. Jahrhundert“ aus.

Den Nokias dieser Welt stellte Apple eines Tages plötzlich das iPhone entgegen – und wirbelte den ganzen Markt durcheinander. Dieser iPhone-Effekt steht der Automobilbranche, die den Wandel zu ökologischer Mobilität nach wie vor nicht begriffen hat, noch bevor. Beim YikeBike habe ich erstmals den Eindruck: Dies könnte das „iPhone der Großstadt-Mobilität“ sein.

Trick or Tweet – virtuelles Halloween auf Twitter

Halloween ist ein alter amerikanischer Brauch, dessen Wurzeln bis weit in die Anfänge des Gemüse- und Süßigkeiten-Marketings zurückreichen. An Halloween bricht in den USA nebst allgegenwärtiger Kürbisschnitzerei auch der Kurzfasching aus: Kinder wie Erwachsene kleiden sich in Kostüme meist gruseliger oder gruseloider Natur, wie etwa jener iSpaßvogel, der sich mittels viel roter Farbe und zweier iPads als Mensch mit Loch im Bauch präsentierte (YouTube-Clip).

Von Jahr zu Jahr findet auch der US-Importbrauch des „Trick or Treat“ immer stärkere Verbreitung: Kinder gehen des Abends mehr oder weniger liebevoll verkleidet den Nachbarn oder Geschäftsinhabern mit dem Spruch „Süßes oder Saures“ auf die Nerven und schorren damit Süßkram. Eine neue Variante ist mir dieses Jahr in München begegnet: Kindergartenkinder marschierten mit grell-orangen Kürbisfratzen-Lampions als Gruselvariation über das Thema „Sankt-Martins-Umzug“. Sankt Martin, der Schutzheilige der kürbisbeleuchteten Süßkramsammler.

Deutlich unterhaltsamer war die Twitter-Aktion des auf Virtualisierungsthemen spezialisierten Gartner-Analysten Chris Wolf: Der unter dem Handle @cswolf twitternde Branchenbeobachter verkündete, er werde zu Halloween „als @herrod gehen“. Mit ausgetauschtem Profilfoto und dem Hashtag #Herrod4Hallo tweetete der ansonsten eher sachliche Analyst von nun an in seiner Rolle als Steve Herrod, Chief Technology Officer des Virtualisierungsgiganten VMware, allerlei Spaßiges nebst Insider-Scherzen.

So drohte Wolf der VMware-Konkurrenz zum Beispiel: „Wenn Citrix und Microsoft etwas wirklich Gruseliges zu Halloween sehen wollen, sollten sie mal sehen, was unsere Ingenieure in Palo Alto so treiben.“ Oder behauptete: „Heute servieren wir in der VMware-Kantine Hyper-V-Kuchen. Denn wie Mike Tyson hat auch VMware zum Ziel, die Konkurrenz zu frühstücken.”

Einen Tweet des CA-Managers und ebenfalls fleißigen Twitter-Nutzers Andi Mann – „Was ist echt in der Cloud? 10 Dinge, die ich letzte Woche gelernt habe http://bit.ly/sP7UiH” – kommentierte der angebliche Steve Herrod: „Ich habe das mit totaler Verachtung gelesen, besonders Punkt 5“ – dort hatte Mann betont, Cloud ginge auch ohne VMwares x86-Virtualisierung.

Darob erschrak der CA-Mann ganz erheblich, besonders über die „totale Verachtung“ des Analysten. Nicht weniger irritiert war er angesichts der vertauschten Profilbilder: Hinter den neuen Avataren vermutete er gar „irgendeinen durchgeknallten Social Media Security Test“. Wolf musste kurzzeitig seine Halloween-Rolle verlassen, um den verwirrten Andi Mann aufzuklären, der sich dann beruhigt zeigte – mit dem Hashtag #BitSlowThisMorning (#einbisschenlangsamheuteMorgen).

Wir merken uns: Trick or Tweet kann viel unterhaltsamer sein als Trick or Treat. Und an Fasching gehe ich auf Twitter als Eurokrise. Einen Avatar dafür habe ich schon:

iPhone 4S mit Siri: Apples geniales Default-Antworten-Marketing

Als der Apple-Konzern kürzlich das neue iPhone 4S vorstellte, waren viele Reaktionen unterkühlt: Es gab kein iPhone 5, das manche erwartet hatten, sondern nur ein „iPhone 4 Version 2.0“, der Formfaktor blieb also gleich. Da fragte sich der treue Apple-Fanboi natürlich: „Wie soll der Pöbel denn erkennen, dass ich was Besseres bin, wenn mein brandneues iPhone genauso aussieht wie die alten Knochen?“ Steve Jobs’ Nachfolger Tim Cook machte seinen Keynote-Job ordentlich, wirkte aber blass ohne die von His Steveness gewohnte Coolness samt Überraschung zum Schluss („One more thing…“). Und am nächsten Tag überschattete das Dahinscheiden des nach Eva und Sir Isaac Newton dritten großen Apfelverwerters dann sowieso alles andere.

Inzwischen aber mehren sich die Kommentare, der gemeine Apple-Untertan habe das Smartphone der Baureihe „4S“ wohl zunächst unterschätzt. Denn das neue Schlaufon aus Cupertino hat ein sprachgesteuertes Helferlein namens Siri – daher das „S“ – mit an Bord. Siri bietet nicht die übliche Sprachsteuerung à la „Öffne Word. Öffne Word! Öff! Ne! Word! Du sollst das Scheiß-Word öffnen, verdammt nochmal!!!“ – mit dem Starten anderer Applikationen hat Siri mangels Schnittstellen bislang (noch) nichts am Hut.

Vielmehr ist Siri eine mit künstlicher Intelligenz gesegnete virtuelle Assistentin, die auf Fragen mittels schneller Internet-Recherche intelligente Antworten gibt. Fragt man also zum Beispiel: „Siri, will I need an umbrella tomorrow in Cupertino?“ („Brauche ich morgen in Cupertino einen Regenschirm?“), dann recherchiert Siri die für den Folgetag prognostizierte Wetterlage des kalifornischen Orts (also höchstwahrscheinlich: „Sonnig mit gelegentlichen Waldbränden“). Man fragt und antwortet natürlich auf Englisch – wie gut sich Siri künftig in anderen Sprachen sowie außerhalb der USA schlägt, bleibt abzuwarten.

Unterhaltsam ist, dass Siri nicht nur auf intelligente Fragen intelligent antwortet, sondern auch auf betont dumme Fragen. Apple kennt eben seine Appleheimer: Im höchstwahrscheinlich sonnigen Cupertino weiß man, dass die hauseigene Early-Adopter-Bevölkerung dazu neigt, neu gebotene Funktionalität dadurch auszuloten, dass man sie an die Grenze des Möglichen treibt.

Und so hat Apple Siri mit einem Grundvorrat treffender Antworten auf sinnlose, anzügliche oder scherzhaft gemeinte Fragen ausgestattet – wohl wissend, dass sich im Internet nichts so schnell verbreitet wie Witziges, insbesondere wenn der Twitterer, Blogger oder Facebookianer dadurch zugleich mit seinem neuesten Spielzeug prahlen kann. Unter der Adresse http://ShitThatSiriSays.tumblr.com gibt es inzwischen sogar ein Blog, das ausschließlich den Zweck verfolgt, Bonmots sirianischen Ursprungs zu aggregieren.

 Bildquelle: http://ShitThatSiriSays.tumblr.com

Fragt man Siri zum Beispiel nach dem Sinn des Lebens, so hat die künstlich intelligente Dame gleich mehrere Antworten parat. Diese reichen von einer knappen Definition des englischen Wortes „Life“ über die Antwort „Laut Forschungsergebnissen wohl Schokolade“ bis hin zum schlichten „42“ – mithin jener Antwort, die ein Leser von Douglas Adams’ Kultbuch „Hitchhiker‘s Guide to the Galaxy“ („Per Anhalter durch die Galaxis“) – und damit wohl ziemlich genau 100 Prozent der Apple’schen Early-Adopter-Klientel – an dieser Stelle erwartet.

So weit, so absehbar. Siri glänzt aber in diversen weiteren Kontexten mit per Default-Wert vorgegebener Schlagfertigkeit oder gar einem Sarkasmus, den man von Computern sonst nur als eingefleischter Fan der US-TV-Serie MST3K her kennt. So erwartete man im sonnigen Cupertino offenbar zurecht, dass die Jüngerschaft sich von Siri an den übermächtigen Bordcomputer HAL 9000 des Raumschiffs aus Stanley Kubricks „2001 – a Space Odyssey“ erinnert fühlen und deshalb fordern würde: „Siri, open the pod bay doors!” Genau wie im Film – hier weigert sich HAL, dem Befehl Folge zu leisten – antwortet Siri: „I’m sorry, (Vorname des Benutzers), I’m afraid I can’t do that“, um dann nachzuhaken: „Are you happy now?“

Bei der Verwendung von Schimpfwörtern rügt die Software den Benutzer, und auch auf die vielen anzüglichen Fragen, die Siri von den Apple-Jüngern zu erdulden hat, ist die virtuelle Assistentin gut vorbereitet. Mal gibt sie ausweichende, mal schnippische Antworten, und wer zu aufdringlich fragt, der hört dann: „That’s it! I’m reporting you to the Intelligent Agents‘ Union for harassment!” („Jetzt reicht’s! Ich melde dich bei der Gewerkschaft intelligenter Assistenten wegen Belästigung.“)

 Bildquelle: http://ShitThatSiriSays.tumblr.com

Die einprogrammierte Schlagfertigkeit, die der Konzern der intelligent assistierenden Dame spendiert hat, könnte sich als Apples bestes Marketing-Instrument seit dem berühmten „1984“-Werbespot erweisen: Das weltweite Netz brummt regelrecht vor lauter Posts und Tweets, die amüsante Siri-Antworten zum Besten geben, sodass man fast glauben könnte, das Internet sei doch nicht ausschließlich zur Verbreitung putziger Katzenfotos erfunden worden.

Hoffen wir, dass Siri künftig mit jedem Software-Upgrade des iPhones ein Schlagfertigkeits-Update erhält. Ein sonniges Gemüt allein reicht schließlich nicht, um anhaltend amüsant zu wirken. Die virtuelle Assistentin von Welt muss da schon am Puls der Zeit bleiben. Schließlich will der Scherzbold-Fanboi früher oder später wissen, was aus Steve Jobs geworden ist.

„Siri, was macht Steve Jobs gerade?“ – „Er ist im Himmel und zeigt Moses, dass man heutzutage für zehn Gebote nicht mehr zwei, sondern nur noch ein Tablet braucht.“

Cloud Computing und Datenschutz: Wolke im Schafspelz

Dem allseits fröhlich vermarkteten Cloud Computing stehen hierzulande vor allem Sicherheitsbedenken im Weg. Dies bestätigen Umfragen von Hersteller- wie Analystenseite mit geradezu monotoner Regelmäßigkeit. Betroffen ist die Informationssicherheit in allen Facetten – von der Zugriffssicherheit über den Schutz gespeicherter Daten bis zur Frage der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, auf Neudeutsch „Compliance“ genannt. (Besserwissermodus ein. Liebe IT-Anbieter und PR-Agenturen: „Compliance“ bedeutet „Befolgung von…“ oder „Einhaltung von…“, nicht „gesetzliche Vorgabe“. Es gibt also keine „Compliances“ und auch keine „Einhaltung der Compliance“, weil nämlich wegen der Compliance, die wo ja selber die Einhaltung ist. Is’ irgendwie ein Stück weit logisch, oder? Besserwissermodus aus.)

Bild: (c) Wolfgang Traub 2011

Derlei Sicherheitsbedenken sind kein Symptom übertriebener „German Angst“, sondern vor allem eines: berechtigt. So warnte zum Beispiel kürzlich die Nationale Initiative für Informations- und Internetsicherheit NIFIS e.V. vor der Inanspruchnahme amerikanischer Cloud-Services. Denn der „Patriot Act“ (ein aus Terrorangst erlassenes Anti-Datenschutzgesetz) gestattet US-Ermittlungsbehörden den Zugriff auf Nutzerdaten, selbst wenn diese außerhalb (!) des US-Territoriums gespeichert sind.

Man muss aber gar nicht Willkür oder Wirtschaftsspionage durch NSA und CIA befürchten, um misstrauisch zu sein. Auch der Deutsche Anwaltverein erklärte im August 2011 in einer Stellungnahme für die EU-Kommission, Cloud Computing sei aufgrund des deutschen Datenschutzrechts und der gesetzlichen Vorgaben zur Auftragsdatenverarbeitung mit Dienstleistern außerhalb der EU ohne Mindeststandards (die es nicht gibt) unmöglich. Der deutsche Gesetzgeber sieht eben nicht vor, dass die Kundendaten „irgendwo in der Wolke“ herumlungern. Da isser irgendwie altmodisch, der Herr Gesetzgeber, aber mir auch irgendwie sympathisch.

Also am besten auf einheimische Provider vertrauen, richtig? Hier darf der Autor auf seine Erfahrungen mit deutschen Mobilfunk-Carriern verweisen. T-Mobile: Werbung an die E-Mail-Adresse erhalten, von der aus Monate zuvor eine Werbesperre ausgesprochen worden war. Datenschutz? Ungenügend. E-Plus-Tochter BASE: Nach einem Anruf durch das Call Center einen Brief erhalten, ich hätte mündlich der Datennutzung für Werbung und Marktforschung zugestimmt, was ich mir audrücklich verbeten hatte. Datenschutz? Ungenügend. Vodafone: Bei der Service-Einrichtung so viele Unzulänglichkeiten festgestellt, dass ich den Vertrag sofort wieder kündigte (inzwischen gegen Gutschrift und einem netten Telefonat mit zwei Vodafone-Pressedamen widerrufen, aber nur auf Bewährung). Würde ich einem dieser Carrier den sicheren, verlässlichen Betrieb von Cloud-Services zutrauen? Die richtige Antwort schreiben Sie bitte auf eine Postkarte und nageln diese an eine Wolke.

P.S.: Jaja, auch ich weiß, der Trend geht zur Cloud, und früher oder später geht es nicht mehr ohne. Deshalb ein kleiner Tipp aus unserer beliebten Sendereihe „Cloud-Rezepte wie zu Großmutters Zeiten“: Dateien auf File-Servern in der Cloud bleiben länger knackig, wenn man sie vor dem Upload in Frischhaltefolie der Marke „TrueCrypt“ einpackt.

Voreilige Nachrufe

Das Hauptmerkmal unserer ach so postmodernen Epoche ist die Beschleunigung: Alles muss immer schneller gehen, dann nochmal schneller, dann noch schneller – als ob Moore’s Law für sämtliche Lebensbereiche zu gelten hätte. Das reicht von den Verkehrsmitteln über die Computer und Netzwerke bis hin zur News-Berichterstattung. In Krisen geraten die TV-Nachrichtensprecher immer mehr zu Twitter-Rezitatoren und YouTube-Kommentatoren. Wer hätte das gedacht, dass der gute alte Filmvorführer mal wieder in Mode kommt?

Nun ist kürzlich, wie sich dank der oben genannten Nachrichten-Beschleunigung in Schneller-als-des-Windes-Eile herumgesprochen hat, kürzlich der Apple-CEO, -Vordenker und -Design-Guru Steve Jobs von seinem Job als Firmenlenker zurückgetreten. Fast könnte man glauben, „His Steveness“ sei von seinem Jobs-Sein zurückgetreten, sprich: gestorben – allzu viele Kommentare zum Rücktritt klingen eindeutig wie Nachrufe.

Natürlich ist allseits bekannt, das Jobs seit Jahren mit Krebs kämpft und seit Februar aus gesundheitlichen Gründen sein Amt ruhen ließ. Das zeitweilige Ruhenlassen ist – für viele anscheindend tatsächlich überraschend – zum permanenten Ruhenlassen geworden. Aber, liebe Vorschnell-Nachrufer: Ruhenlassen ist nicht gleich Letzte Ruhe. Offenbar konnten es einige nicht abwarten, ihre längst in Schubladen gebunkerten Eulogien auf den Apple-Mitgründer endlich hervorkramen zu dürfen. Wenn das keine Beschleunigung ist: Steve Jobs geht in die Geschichte ein – nicht als genialer Firmenlenker, sondern als erster Mensch, der seine Nachrufe schon zu Lebzeiten lesen konnte.

Vielleicht liegt aber – zumindest hierzulande – auch einfach eine Verwechslung vor. Drum für die deutschen Vornachrufer zur Aufklärung: Der, der gestorben ist, war der mit den Gnubbelmännchen, nicht der mit den iPhones. Also Nachrufe für den mit den Gnubbelmännchen: ja; für den mit den iPhones: kommt noch früh genug.

Es wird Zeit für eine Nachrufentschleunigung. Und für die Frage: Was hätte der mit den Gnubbelmännchen wohl dazu gesagt?